Unterhaltungselektronik: Photoshop für Klänge - DER SPIEGEL
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Unterhaltungselektronik Photoshop für Klänge

Die Fachwelt staunt: Ein bayerischer Erfinder hat ein Computerprogramm entwickelt, mit dem sich jede Musikaufnahme nachträglich umbauen lässt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaum jemand hätte gedacht, dass ein Computer dazu imstande ist. Peter Neubäcker, Musikforscher und Astro- loge aus München, probierte es einfach mal. Und siehe da, es ging.

Neubäckers Software nimmt eine fertige Musikaufnahme und zerlegt sie in einzelne Töne. Jeder Zupfer der Gitarre, jeder Anschlag vom Klavier erscheint als Dötzchen für sich auf dem Monitor. Die Posaune löst sich von der Singstimme, und das ganze Stück verwandelt sich zurück in eine Partitur separater Klangteilchen.

Was der Computer auswirft, lässt sich nun fast beliebig umbauen. Wer will, schiebt den einen Ton höher, den anderen tiefer, rückt andere zu neuen Harmonien übereinander oder zupft sich mit der Maus ein neues Solo zusammen. Die Software sorgt dafür, dass die heiklen Übergänge weiterhin natürlich klingen.

So was galt bislang als unmöglich. Die Aufnahme, einmal gemischt, war damit quasi versiegelt. Auf einzelne Noten gab es keinerlei Zugriff mehr; nur das ganze Stück konnte noch grobschlächtig manipuliert werden. Neubäcker fand das seltsam.

Früher verdiente der Mann sein Geld mit dem Bau von Lauten und Renaissancefiedeln. Zwischendurch lernte er auf Heilpraktiker, die Astrologie brachte er sich selbst bei, und schon lange wollte er mal die kosmische Zahlenmagie von Horoskopen vertonen.

Inzwischen leitet Neubäcker eine Software-Firma namens Celemony mit knapp zwanzig Angestellten. Der Erfolg ereilte den Vielbewanderten ausgerechnet in seinem profansten Metier: dem Programmieren. Auf der Frankfurter Musikmesse wurden seine Vorführungen vergangene Woche von der Fachwelt bestaunt wie Mirakel.

Ein ungläubiges Publikum verfolgte, wie Stück um Stück durchs Häckselwerk der Software lief. Neubäcker zupfte mit der Maus an den Einzeltönen herum, löste aus dem Gitarrenakkord den Mittelton heraus und hob die Sängerin mal eben eine ganze Oktave empor. Am Ende nahm er sich ein Streichquartett von Mozart vor, verwandelte es mit einem Mausklick von Dur nach Moll, und jeder Ton schien folgsam an seinen neuen Ort auf der Leiter zu hüpfen.

Neubäcker ist unter Tonmeistern kein Unbekannter. Vor sieben Jahren brachte er die erste Version seines Programms heraus, genannt Melodyne. Es zerlegte bereits die Musik in Folgen von Tönen, deren jeder sich separat korrigieren ließ. Nur war das beschränkt auf einstimmige Tonspuren.

Die Musikwelt lernte die Neuerung schnell zu schätzen. Die Produzenten und Toningenieure zahlreicher Pop-Größen - von Norah Jones bis zum Rapper Ice Cube - zeigten sich angetan. "Praktisch jedes größere Studio", sagt Neubäcker, "arbeitet heute mit Melodyne." Vor allem Sänger profitieren davon. Sie müssen nicht mehr zehn Aufnahmen hintereinander einspielen,

bis ihnen, schon ermattet, die letzte endlich fehlerfrei glückt. Der Tonmeister nimmt einfach von den ersten drei Versuchen den schönsten und zupft die falschen Töne mit Melodyne zurecht.

Für den Herbst ist nun Melodyne 2.0 angekündigt, die nächste Version, die auch mehrstimmig gemischte Aufnahmen meistert. Neubäcker hat nichts dagegen, sein Produkt schon jetzt mit unbekannten Musikstücken auf die Probe zu stellen. Melodyne zerlegt unentwegt jeglichen Input: das quirlige Jazztrio, den Gitarrenpop, das Andante für Streicher.

Nicht jede Tontrennung gelingt ohne Nacharbeit, und mit allzu verschachtelter Musik ist das Programm noch überfordert. "Aber je deutlicher eine Note herauszuhören ist", sagt Neubäcker, "desto leichter sollte auch Melodyne sie finden." Die Herausforderung ist freilich enorm: Die Musik erreicht das Ohr als wirre Folge von Luftdruckschwankungen. Wer den Signalverlauf aufzeichnet, bekommt eine einzige Linie, wild gezackt, in der alle Schwingungen enthalten sind. Jedes Instrument mit seinen jeweiligen Obertönen, die den Klang formen, mischt sich schier unentwirrbar ins Chaos der Frequenzen.

Das Ohr rechnet wie von selbst die beteiligten Stimmen wieder heraus. Für den Computer aber gab es wenig Hoffnung. Neubäcker ließ sich nicht abschrecken. Er liebt es, über den kosmischen Gesetzen der Harmonik zu grübeln; es gibt Aufsätze von ihm, die der Ähnlichkeit von Quintenzirkel und Tierkreiszeichen nachspüren. Und ausgerechnet diesem sphärensinnigen Mann der Sterne gelang, was seinen Technikerkollegen verwehrt blieb. Melodyne 2.0 sucht in der Musik nach harmonischen Zahlenbezügen, nach typischen Obertonreihen und plausiblen Tongrenzen. Der philosophische Musikverstand, der in der Software steckt, scheint sich auszuzahlen.

Die Kundschaft hat nun freies Spiel. Jeder kann sich jedes Musikstück vorknöpfen und die Mitwelt mit einem neuen Mix verblüffen. Das erinnert an den Umsturz, den das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop ausgelöst hat: die Entfesselung der Manipulation, den Abschied vom unabänderlichen Produkt.

"Warum das vor mir keiner gemacht hat, ist mir auch ein Rätsel", sagt Neubäcker. "Es war eigentlich gar nicht schwer."