Titel Gehör für stumme Stimmen
Was geschieht im Kopf von Georg Rohrwild? Er sieht nichts. Er kann nicht sprechen. Er kann nichts an seinem Körper bewegen, nicht einmal ein Augenlid.
Stück für Stück hat sein Gehirn die Kontrolle über den Leib verloren. Rohrwild denkt noch, er fühlt, schläft, träumt und wacht. Er hört, und er spürt. Nur reagieren kann er nicht mehr.
Rohrwild, 40, stammt aus der Oberpfalz, er war Ausbilder bei der Bundeswehr, athletisch und durchtrainiert. Jetzt liegt er lang und verbogen in einer Klinik nahe Tübingen, so einsam, wie man nur sein kann. Er hat keinen Kontakt zu engen Angehörigen und ist seit über sechs Monaten eingesperrt in sich selbst.
Manchmal stellen ihm die Pfleger den Fernseher an; an der Wand hängt ein Foto des Papstes, Rohrwild war am Ende stark religiös geworden, er hatte Benedikt XVI. sogar persönlich angeschrieben.
Was mag vorgehen in ihm?
Nur einer will das noch wirklich wissen: Niels Birbaumer, Neurowissenschaftler der Universität Tübingen. Seit Jahrzehnten arbeitet er an seiner Idee: Er will Gehirne unter Umgehung des Körpers direkt an Computer anschließen, damit Schwerstbehinderte auf diese Weise kommunizieren können.
Mit seinem "Gehirn-Computer-Interface", von Birbaumer großspurig "Gedankenlesemaschine" genannt, haben bereits Dutzende seiner Patienten eindrucksvolle und weltweit beachtete Erfolge errungen. "Doch Rohrwild", sagt er, "ist ein besonderer Fall."
Birbaumer, 62, gibt nicht auf. Er hofft, dass Rohrwild sich mitteilen kann und will - und dass er bisher nur nicht verstanden wird. Er hat rund ein Dutzend junge Forscher vom nahe gelegenen Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik für Rohrwilds Sache gewinnen können. Gemeinsam kämpfen sie darum, einer stummen Stimme Gehör zu verschaffen.
Seit Wochen sprechen die Forscher zu ihrem Patienten, berühren und bewegen seinen Körper, während die Wissenschaftler gleichzeitig in seinen Hirnströmen nach einer Antwort suchen. Im Elektroenzephalogramm (EEG) messen sie deutliche Ausschläge. Zweifellos ist das Gehirn aktiv, wenn auch gedämpft. Die Forscher stochern in ihren Daten, bisweilen ereilt sie ein Anflug von Euphorie. Sagt er was? Sagt er nichts? Sie wissen es nicht.
Diesem Schicksal will Liane Krauss, 52, entgehen. Wie Rohrwild leidet die Germanistin aus Tübingen an der Nervenkrankheit "Amyotrophe Lateralsklerose" (ALS). 2003 bekam sie die Diagnose; Mitte 2005 sprach sie ihr letztes Wort. Die Krankheit lässt die Nerven zu den Muskeln verkümmern, und deswegen versagen diese nach und nach den Dienst.
Liane Krauss wird künstlich beatmet und ernährt. Sie kann lächeln, die Augen bewegen und ein wenig auch den Kopf. Mit Restbewegungen ihrer rechten Hand steuert sie den Cursor ihres Computers. Mit ihm bildet sie ganze, peinlich korrekte Sätze, die ihr Rechner flüssig mit weiblicher Stimme artikuliert. Ihre Return-Taste trägt die Aufschrift "Sprechen".
Wie die Zukunft aussieht, weiß sie genau. In wenigen Monaten wird ihr die Hand nicht mehr gehorchen. Sie wird nicht mehr lächeln. Monate später wird ihr wohl auch die Fähigkeit zum Augenzwinkern abhandenkommen, ebenso das Augenlicht. Dann ist auch sie im "Lockedin-Zustand", eingeschlossen in sich selbst.
Für die Zeit, in der sie reduziert sein wird auf eine reine Gehirnexistenz, trainiert die Frau schon jetzt. Rohrwild habe das nicht in ausreichendem Maße getan, glaubt Birbaumer, und das sei der Hauptgrund dafür, dass er sich über die Gedankenlesemaschine bisher nicht meldet.
Dies ist das Ziel von Liane Krauss: Wenn ihr der Rechner ein Alphabet vorliest, will sie in der Lage sein, beliebige Buchstaben mit ihrer Gedankenkraft auszuwählen, um so nach und nach Worte zu bauen. Einmal wöchentlich kommen Birbaumers Mitarbeiter vorbei. Sie setzen ihr Elektroden auf den Kopf und schließen einen EEG-Verstärker an einen Computer an. Dann muss sie sich konzentrieren.
Tatsächlich kann sie den Cursor mittels ihrer Gedanken bewegen. "Wenn alle Faktoren stimmen", sagt sie, "erreiche ich über 70 Prozent. Manchmal war ich sogar fehlerfrei."
Doch selbst wenn alles perfekt läuft: Das System wird immer langsam, anstrengend und fehleranfällig sein. Deshalb hat sich Liane Krauss für einen Eingriff entschieden. "Eine Option, damit es gut funktioniert, ist, sich die Elektroden direkt ins Gehirn pflanzen zu lassen." Die OP steht für den Sommer an, sie fürchtet sie nicht: "Nicht kommunizieren zu können ist schrecklicher", sagt sie.
Mit der Elektrode gleich unter der Schädeldecke, sagt Birbaumer, kommen zehnmal mehr Informationen im Computer an, darunter auch "Gamma-Wellen", die im Gehirn auftauchen, wann immer Erkenntnisprozesse ablaufen. Sie gelten als besonders geeignet, Informationen in die Außenwelt zu übertragen. Birbaumer kennt schon mindestens ein Dutzend ableitbarer Hirnsignale, die zur Kommunikation taugen könnten.
Der Forscher zeichnet für Liane Krauss' Zukunft ein rosigeres Bild, als sich Außenstehende dies vorzustellen vermögen: "Sie wird relativ problemlos kommunizieren können", sagt er. Schnell wird es nicht gehen, "ein Wort pro Minute wäre schon viel", aber da sie Zeit habe, werde sie sich daran gewöhnen.
Dutzende Male schon hat Birbaumer den Gemütszustand von ALS-Patienten im Endstadium untersucht. Ergebnis: "Ihre Lebensqualität ist viel besser als die von Depressiven. Sie sind weniger vergnügt als die meisten Gesunden, aber ihre Werte liegen immer noch im Normbereich."
Bei dem gelähmten Soldaten Georg Rohrwild ging Birbaumer in zunehmen- der Not jetzt dazu über, ihm ein Dopaminpräparat verabreichen zu lassen, 30 Milligramm. Damit wollte er sicherstellen, dass Rohrwild zumindest hellwach ist, während die Forscher sich mit ihm beschäftigen.
Das Ergebnis war verblüffend. Rohrwilds EEG "zeigte erhöhte Aktivität", so Birbaumer. Und plötzlich war er sogar wieder in der Lage, die linke Pupille zu bewegen - extrem langsam zwar, aber immerhin.
Für ein "Ja" sollte er den Augapfel nach links oben führen. Die Forscher stellten Fragen - und Rohrwild antwortete. Ein stundenlanger Dialog entwickelte sich, festgehalten auf Video. "Er schätzt seine Situation optimistisch ein", berichtet Birbaumer über das bizarre Gespräch. Er habe auch mitgeteilt, dass er nach Bayern zurückwolle - und dass der Gedankenleseapparat für ihn von zentraler Bedeutung sei.
Doch schon am nächsten Tag brach der Kontakt zu Rohrwilds Kopf wieder zusammen. Seither ist er allenfalls für Momente da. Für Birbaumer gibt es keine Alternative, als Rohrwilds Sprache in dessen Gehirnströmen zu orten. Dazu hat er noch zwei Monate Zeit, ehe der Gelähmte endgültig nach Regensburg verlegt wird. Dann werden die Tübinger Neuroforscher ihre Bemühungen einstellen.
"Wenn wir es bis dahin nicht schaffen", sagt Birbaumer, "dann schaffen wir es nie." Er fürchtet, dass Rohrwilds Gehirn in der langen, finsteren Nacht der Totalisolation Schaden genommen hat: "Die Fähigkeit zu zielgerichtetem Denken und planvoller Kommunikation könnte ihm verlorengegangen sein."
Trotzdem: Noch, sagt Birbaumer, "sind wir guten Mutes".