Globalisierung Das Welt-Hospital
Ralf Krewer sitzt in einem Ledersessel, blond, hager, das Handy, den Kaffee in Reichweite. Er beobachtet die Drehtür am Eingang des Foyers. Sie ist wichtig für ihn. Die Drehtür ist ein Maß für seinen Erfolg, sie zeigt Krewer, ob er im Plan liegt oder nicht. Durch die Tür kommt die Welt zu ihm.
Krewer sieht Krebspatienten aus Äthiopien, auf dem Weg zur Therapie. Er sieht Frauen aus den USA, mit neuen Brüsten, die der Schwerkraft trotzen. Ein 80-jähriger Niederländer lobt seine Bypässe, ein junger Ire humpelt zur Tür, er flucht halblaut vor sich hin. Krewer erzählt, der Ire sei vor gut zwei Wochen aus einem brennenden Flugzeugwrack gezogen worden.
Araber schlendern vorbei, ihre Frauen folgen, tiefverschleiert. Krewer schaut ihnen nach, sagt: "Araber sind lukrativ, krankheitsmäßig gesehen." Das liege am Lebenswandel. Viel essen, vor allem abends, wenig Bewegung. Araber und Europäer hätten mehr gemein, als man denke.
Die USA, sagt Krewer - er redet sich jetzt warm, er ist bei seinem Lieblingsthema "Nationen und der Stand ihrer medizinischen Versorgung" -, die USA seien stark im Kommen. Rund 500.000 Amerikaner hätten sich allein im letzten Jahr auf den Weg ins Ausland gemacht, und das sei erst der Anfang. 50 Millionen seien dort ohne Krankenversicherung.
Auch Entwicklungsländer seien sehr interessant: "Der Sudan, zum Beispiel, wird unterschätzt." Viel Öl, also viel Geld, zumindest in den Händen der herrschenden Clique, dazu eine sehr mäßige medizinische Infrastruktur. Krewer ist sicher, "da sind Geschäfte zu machen".
Ende des Monats wollte Krewer in den Sudan reisen, um den Markt zu sondieren, um zu sehen, ob das Militär des Landes gewillt ist, Schwerkranke zu liefern, regelmäßig, eine Art transkontinentaler Shuttle-Service, von Afrika nach Asien und zurück. Ein Mengenrabatt für die sudanesische Regierung wäre durchaus drin. Aber Krewers Chef hat die Reise gestrichen. Er sagte, Krewer sei zu ungeduldig, wieder mal.
Krewer hält Ungeduld für eine Tugend, jetzt, wo der Markt in Bewegung kommt, wo Malaysia wirbt mit der Behandlung von Fertilitätsproblemen, Indien auf Messen und im Internet mit Operationen am offenen Herzen und Singapur mit Billig-Bypässen. Krewer ist überzeugt, Eile ist geboten, wenn sein Krankenhaus weiter vorn mit dabei sein will, beim großen Geschäft, bei der großen Metamorphose, die Schwerkranke in ein Gut der Globalisierung verwandeln soll.
Es ist gut zehn Jahre her, da entdeckten Amerikaner und Europäer, dass es auch jenseits der Grenzen ihrer Heimatländer fähige Ärzte gibt, die ihre Dienste deutlich billiger anbieten als ihre Kollegen in den Industrieländern. US-Amerikaner zog es nach Mexiko und nach Costa Rica. Europäer nach Mallorca, in die Türkei, nach Osteuropa.
Getauft wurde dieses Phänomen Medizintourismus, es begann als eine obskure Angelegenheit und wuchs im Laufe der Jahre heran zu einer lukrativen Industrie. Im vergangenen Jahr zog es nach Angaben nationaler Tourismusagenturen über zwei Millionen Patienten allein nach Asien. Das Internet und billige Flugtickets machten es möglich.
Während dieser ersten Phase des Medizintourismus ging es um oberflächliche Korrekturen am Körper, ums Herumdoktern am Ego. Es ging in der Regel darum, besser auszusehen, nicht darum, gesund zu werden.
Die Behandlung ernsthaft Kranker wurde nicht globalisiert, sie blieb bis vor kurzem eine nationale Angelegenheit. Kranke wurden weiterhin dort operiert, wo sie zufälligerweise lebten, nicht dort, wo ihnen das beste Preis-Leistungs-Verhältnis geboten wurde. Das Schicksal bestimmte die Qualität der medizinischen Versorgung, nicht der Markt. Die einzige Ausnahme fand sich in den Ländern Arabiens. Von dort brachen schon früh Kranke auf, um sich in den USA oder in Europa behandeln zu lassen.
Krewer hält diesen Zustand für anachronistisch, für eine üble Form des Protektionismus, der den Freihandel mit Patienten und die freie Entscheidung von Kranken unmöglich macht. Er arbeitet hart daran, diesen Zustand zu verändern.
Krewer, aufgewachsen in der Nähe von Trier, früher einmal Student der Sinologie, dann jahrelang Globetrotter im Fernen Osten, ist heute Chef des Internationalen Marketings des Bangkok-Hospital in Thailand, einem noblen 600-Betten-Krankenhaus im Zentrum der Hauptstadt. Immer wieder liegen hier auch Mitglieder der thailändischen Königsfamilie. Die Leibärzte des US-Präsidenten loben das Hospital für seine technische Ausstattung, für seine medizinische Kompetenz. Es ist ein guter Ort, um die medizinische Revolution voranzutreiben.
Krewer will die Kranken, die Siechen, die Versehrten der Welt mobil machen. Er will ein Luxusprodukt, die moderne Medizin, in einen Massenartikel verwandeln. Nicht mehr nur die globale Oberschicht, nicht mehr nur reiche Araber, Europäer, Amerikaner, sollen von den Möglichkeiten der modernen Medizin profitieren, sondern auch die Mitglieder des globalen Mittelstands. Ihnen bietet Krewer moderne Therapien, umfassenden Service, Luxus sogar, zum Discount-Preis. Ein neues Kniegelenk kostet im Bangkok-Hospital 10 000 Dollar, in den USA wird es mit etwa 30 000 Dollar in Rechnung gestellt. Eine neue Herzklappe ist im Bangkok-Hospital für 7100 Euro zu haben, in Deutschland kostet sie rund 20 000 Euro.
Es sind erstaunliche Angebote, sie sind möglich durch niedrige Lohnkosten - und sie finden sich nicht nur im Bangkok-Hospital. Zehn Autominuten entfernt schraubt sich ein mächtiger Turm in den Himmel, erbaut aus Glas, Stahl und Marmor. Das Bumrungrad-Hospital, 800 Betten groß. Es gibt ein drittes Fünf-Sterne-Krankenhaus in Bangkok, es gibt weitere in Singapur, in Indien, sie alle expandieren.
In Indien, in Singapur, in Thailand stieg die Zahl der ausländischen Patienten im vergangenen Jahr um rund 30 Prozent. So war es auch im vorvergangenen Jahr. Allein in Thailand ließen sich 2006 1,6 Millionen Ausländer medizinisch versorgen, Krewer nennt das, was in den Schwellenländern Asiens stattfindet, "ein neues Kapitel der Globalisierung".
Nach dem Kapital, nach der Arbeit, nach anderen Dienstleistungen wird nun das Heilen von Kranken internationalisiert, vergeben an medizinische Subunternehmer, die versprechen, die gleiche oder eine bessere Leistung zu einem Bruchteil des üblichen Preises zu liefern. Aus der ärztlichen Kunst soll eine ganz normale Dienstleistung werden, die prinzipiell an jedem Ort der Welt angeboten und geordert werden kann. Wie Massagen. Oder Haareschneiden.
Frehiwot Tesfu ist über diese Entwicklung sehr glücklich. Tesfu ist Mitte dreißig, eine stämmige, lebenslustige Frau. Sie stammt aus Addis Abeba, aus Äthiopien, einem Land, in dem alles Lebenswichtige knapp ist. Essen, sauberes Wasser, Bildung, Frieden, vernünftige medizinische Versorgung. Äthiopien ist ein ungünstiger Ort, um eines Morgens einen Knoten in der Brust zu entdecken.
Tesfus Familie ist nicht mittellos, ihr Bruder arbeitet für die Lufthansa, sie konnte die Ärzte in der Hauptstadt bezahlen, aber deren Röntgengeräte waren alt, ihre Bilder nicht aussagekräftig. Die Ärzte konnten sich nicht einigen, ob die Brust amputiert werden müsse oder nicht. Tesfu wusste nicht, was sie tun sollte. Sie verdammte die Armut ihres Landes, sie wünschte, sie könnte sich irgendwo anders behandeln lassen. Aber wo? Sie wusste, es gibt gute Kliniken, hervorragende Ärzte in Europa, den USA, aber die Behandlung dort war unerschwinglich für sie und ihre Familie.
Freunde erzählten ihr, dass sie vor kurzem von einem Krankenhaus gehört hätten, in Bangkok, das angeblich gute Medizin zu erträglichen Preisen anbieten soll. Tesfu ging in ein Internet-Café und suchte nach Informationen über dieses Krankenhaus. Zwei Wochen später stieg sie in Bangkok aus dem Flugzeug, begleitet von ihrem Bruder.
In der Ankunftshalle wurde sie von einer Angestellten des Bangkok-Hospitals erwartet. Vor dem Flughafen wartete eine schwarze Limousine. Mit Chauffeur.
Die Fahrt führte ins Zentrum der Stadt, in den Huay-Kwang-Distrikt, wo sich zwischen flachen Wohnhäusern ein makelloser weißer Klotz erhebt, umgeben von zwei weiteren makellosen weißen Klötzen.
Der Wagen hielt am Haupteingang, unter einer Kuppel aus Glas. Ein Livrierter öffnete die Wagentür mit weißem Handschuh, deutete eine Verbeugung an. Gepäckträger kamen herbei, dann ging es ins Foyer, die Decke war hoch, der Boden marmorn, drei Brunnen plätscherten.
Musik war zu hören. Sie rieselte nicht dünn aus der Decke, sie klang satt und voll. Hinter einem Pfeiler, auf einer Bühne saß eine Pianistin und spielte auf einem Flügel.
Tesfu fand das verwirrend, irritierend, verrückt. Was sollte das? Ein Flügel, eine Pianistin in einem Krankenhaus? In Äthiopien gibt es in manchen Krankenhäusern nicht einmal Ärzte.
Nach Erledigung der Formalitäten ging es weiter, vorbei an ledernen Sitzgruppen, einem japanischen Restaurant, einer Pizzeria, einer Starbucks-Filiale, dann, hinter einer Biegung, der Aufzug, dann ein Flur mit weichem Licht, weichem Teppich und endlich, das Zimmer. Kein Massenlager, sondern ihr Zimmer, nur ihres, 25 Quadratmeter groß, ausgestattet mit Flachbildschirmfernseher, Mikrowelle und einem Bett für ihren Bruder. Tesfu musste sich erst einmal hinlegen.
Die Untersuchungen begannen am nächsten Tag. Es ging durch verschiedene Untersuchungsräume, überall war es sauber, überall standen Computer, die Schwestern waren freundlich, die Ärzte konzentriert, der erste Griff ging immer zu Tesfus Handgelenk. Dort trug sie ein Armband mit einem Strichcode, er identifizierte sie, er verschaffte den Ärzten, den Schwestern Zugang zu ihrer digitalen Akte im Netzwerk des Krankenhauses, die mit jedem Test wuchs. Tesfu wurde abgetastet, geröntgt, Ergebnisse wurden protokolliert, Werte verglichen, Bilder begutachtet, Tesfu glitt durch eine feinjustierte Gesundheitsfabrik. Man sagte ihr, am Ende werde sie alle Daten erhalten, alle Bilder, alle Werte, sie könne sie mit nach Hause nehmen, zur weiteren Verwendung. Tesfu erwartete einen Stapel Papier, den man ihr in die Hand drücken würde. Stattdessen erhielt sie eine CD-Rom.
Mittlerweile ist Tesfu gut zwei Wochen hier. Die Tests ergaben, dass sie ihre Brust behalten kann, sie wurde operiert, zahlte 3845 Dollar und wird in wenigen Tagen nach Hause fliegen. Tesfu sagt, sie sei zufrieden. Alle seien nett zu ihr gewesen. Die Ärzte hätten Zeit gehabt, nicht einer hätte auf die Uhr geschaut, während sie ihre Fragen stellte. Sollte es irgendwann nötig sein, sie würde wiederkommen. Tesfu gehört jetzt zu Krewers Kronzeugen.
Krewer braucht Menschen wie Tesfu, um sein Geschäft voranzubringen. Menschen, die es gewohnt sind, ihr Leben selbst zu organisieren, die es gewohnt sind, für erbrachte Dienstleistungen direkt und bar zu bezahlen. Patienten aus den Armutszonen der Welt sind ein wichtiger Teil seiner Strategie, denn zwischen ihnen und ihm steht nichts. Kein Staat mit seinen Gesetzen, keine Versicherung mit ihrem Kleingedruckten. Es gibt nur die krebskranke Äthiopierin auf der einen Seite und auf der anderen Seite ihn, den Verkäufer von Gesundheit.
Krewer erzählt gern, wie er Tesfu nach Bangkok brachte, wie er den äthiopischen Markt für sich gewann. Es ist ein gutes Jahr her, da stand Krewer vor den Vorstandsmitgliedern des Hospitals, vor seinen Chefs, und er schlug ihnen vor, neue Kunden zu werben. In Äthiopien. Seine Chefs waren nicht begeistert. Äthiopien, eines der ärmsten Länder der Welt. Korrupt, kein Öl. Die Hälfte der Bevölkerung ist unterernährt.
Krewer versuchte, die Mitglieder des Vorstands zu überzeugen. Äthiopien sei für Ostafrika, was Frankfurt am Main für Europa ist - ein internationaler Verkehrsknotenpunkt. Der Flughafen von Addis Abeba sei einer der größten Afrikas. In Addis Abeba habe die Afrikanische Union ihren Sitz und auch die Uno-Wirtschaftskommission für Afrika.
Seine Chefs waren nicht überzeugt. Sie bezweifelten, dass sich der Aufwand lohnen würde. Deshalb hielten sie den Aufwand so klein wie möglich. Sie boten Krewer 1000 Dollar, für eine landesweite Kampagne.
Krewer akzeptierte.
Er warb für das Bangkok-Hospital nicht viel anders, als es eine neueröffnete Pizzeria in Deutschland tut. Er schaltete ein paar Anzeigen in den Tageszeitungen. Außerdem gab er eine Pressekonferenz. Das geschah im November 2006. In den folgenden zwölf Monaten kamen über 1300 Äthiopier nach Bangkok, und das Hospital verdiente 1,6 Millionen Dollar an ihnen. "Nicht schlecht für 1000 Dollar Einsatz, oder?", fragt Krewer.
Verzweifelte findet Krewer aber nicht nur in den Armutszonen der Welt. In Kalifornien, in San Diego, wohnt Richard Werlin, ein Amerikaner mit marodem Herzen. Er lebt nur noch, weil ihm die Ärzte seines Heimatlandes 4 Bypässe und 13 Gefäßstützen in den Körper schoben. Das verhinderte seinen Tod, verbesserte aber nicht die Pumpleistung seines Herzens, die bei etwa 30 Prozent lag und weiter abnahm. Helfen konnte Werlin nur noch eine Stammzelltherapie, aber die ist in den USA als Standardbehandlung noch nicht freigegeben, sie wird erprobt, erforscht, in Studien. Werlin versuchte in diese Studien aufgenommen zu werden. Er scheiterte und sah sich im Internet nach Alternativen um, nach Ländern, Hospitälern, denen die ethischen Bedenken, das Zögern der amerikanischen Zulassungsbehörde fremd waren. Im November des vergangenen Jahres betrat er das Bangkok-Hospital.
Werlin fragte seinen Arzt, der wievielte Stammzellpatient er sei.
Patient Nummer 130.
Wie sind die Erfolgsaussichten?
Der Arzt redete lange. Seine Antwort lässt sich zusammenfassen: Sie sind ungewiss. Es kann helfen. Es kann nicht helfen.
Als Werlin das Krankenhaus nach einer guten Woche wieder verließ, war er um 50 000 Dollar ärmer und um eine schwache Hoffnung reicher.
Gäbe es im Bangkok-Hospital nur Patienten wie Tesfu, wie Werlin, könnte man Krewer vorwerfen, dass er die Verzweifelten ausnutze. Doch der Großteil der Patienten ist nicht lebensbedrohlich krank. Viele könnten sich auch an einem anderen Ort ähnlich gut behandeln lassen. Und viele haben genau dies getan.
Hamad Saleh zum Beispiel, 36 Jahre alt, aus Katar. Er ist mit seinem persönlichen Übersetzer angereist. Saleh hat Probleme mit den Knien. Er ließ sich in Katar operieren, flog zur Rehabilitation nach Bonn, kehrte dann nach Katar zurück. Er konnte die Beine wieder strecken, das war ein Erfolg, aber Schmerzen waren geblieben.
Er sollte sich erneut operieren lassen, in Katar. Er sollte erneut zur Reha, nach Bonn. Er lehnte ab, flog nach Bangkok. Zu Dr. Pornthep Mamanee, einem Kniespezialisten. Saleh sagt, er sei jetzt schmerzfrei.
Saleh ist ein neuer Typ Patient. Er sieht keinen großen Unterschied zwischen einem Krankenhaus in seinem Heimatland und einem gleich guten im Ausland. In beiden Fällen sind es weitgehend anonymisierte Gesundheitsfabriken, die auf hohe Auslastung bei möglichst gleichbleibender Qualität ausgelegt sind. Der Knie- oder der Herzspezialist in seinem Heimatland ist Patienten wie Saleh genauso fremd wie der in Thailand. Er sieht ihn kurz vor der Operation, kurz nach der Operation. Es gibt keine Nähe, keine wirkliche Beziehung zwischen Arzt und Patient. Es gibt nur die Dienstleistung. Und wie in seinem Heimatland hofft der Patient auch im Ausland, dass sie zu seiner Zufriedenheit erbracht wird.
Aber das geschieht nicht immer.
Joshua Goldberg war 23 Jahre alt, als er nach Thailand reiste, im Februar des Jahres 2006. Es war nicht sein erster Besuch, er lebte in den USA, war überzeugter Buddhist und schon viele Male in Thailand gewesen. Trotzdem war diese Reise eine besondere für ihn. Diesmal würde er nicht nur Freunde treffen, im Kloster meditieren, diesmal würde er die Ordination empfangen, er würde selbst Mönch werden. So hatte Goldberg es geplant.
Doch während eines Spaziergangs biss ihn eine Schlange, er wurde ins Bumrungrad-Hospital eingeliefert, in das Nachbarkrankenhaus des Bangkok-Hospitals, das ähnliche Zielgruppen hat. Dort starb Goldberg. Seine Eltern glauben, das Hospital sei verantwortlich für den Tod ihres Sohns. Ein Medikamentencocktail, verabreicht durch das Personal des Bumrungrad, soll ihn das Leben gekostet haben. Das Hospital schweigt zu den Vorwürfen.
Goldbergs Eltern müssen nun klagen. Vor einem thailändischen Gericht. Goldbergs Eltern wollten nicht warten auf das Ende eines Prozesses, dessen Ausgang ungewiss ist. Sie wollten sofort Gerechtigkeit, oder das, was sie dafür halten, und deshalb schufen sie einen Pranger, im Internet. Die Seite heißt: bumrungraddeath.com. Gibt man den Namen des Krankenhauses bei der Suchmaschine Google ein, steht die Seite in der Trefferliste weit oben.
Das Bangkok-Hospital hatte bislang keinen tödlichen Fehler zu verantworten. "Aber es kann passieren", sagt Chatree Duangnet, der Geschäftsführer des Krankenhauses, ein runder Mann mit rundem Gesicht. Er leitet das Hospital seit gut zwei Jahren, und in dieser Zeit habe er eine Patientin wieder einfliegen lassen, weil sie unzufrieden mit der Behandlung war und ein Arzt in ihrem Heimatland Behandlungsfehler attestiert hatte.
"Das ist unser Angebot", sagt Duangnet. Bescheinigt ein kompetenter Arzt einen Fehler, wird der Patient auf Kosten des Krankenhauses eingeflogen und erneut behandelt. Ein Schmerzensgeld ist nicht vorgesehen.
Die Patienten des Bangkok-Hospitals erkundigen sich nur selten nach dem Procedere im Falle eine Kunstfehlers. In der E-Mail-Korrespondenz zwischen ihnen und den Ärzten geht es um Diagnosen, um Behandlungsoptionen und, natürlich, ums Geld. Auch in den Verträgen, die das Bangkok-Hospital mit institutionellen Kunden abschließt, spielt die Frage der Kompensation nach ärztlichen Kunstfehlern keine Rolle. Das Krankenhaus sichert zu, eine angemessene medizinische Behandlung zu bieten. Das ist alles.
Die Verträge sind erstaunlich kurz. Drei Seiten, manchmal vier. Irgendwo in der Mitte geht es um den Rabatt bei regelmäßiger Lieferung von Kranken. In der Regel werden 15 Prozent vereinbart.
Unter einem Vertrag gibt es nicht einmal Unterschriften. Er wurde mit einem Handschlag besiegelt, zwischen Krewer und dem Vertreter der Vereinigten Arabischen Emirate. Er sichert den Regierungsangestellten und ihren Familien die Dienste des Bangkok-Hospitals. 33 000 Patienten wurden im vergangenen Jahr aus den Vereinigten Arabischen Emiraten eingeflogen und behandelt. Auch die Polizei und der Medizinische Dienst von Dubai schicken ihre Kranken nach Bangkok, ebenso die Regierung von Katar.
So sieht die Zukunft aus, hofft Krewer. Kranke werden um die Welt transportiert, Krankenhäuser konkurrieren weltweit. Es wird Sonderangebote geben, irgendwann könnte ein Hospital auch Ratenzahlung anbieten. Eine neue Hüfte für nur 10 000 Euro, zahlbar in 100 bequemen Raten zu je 99,95.
In den USA bieten Firmen wie United Group Programs oder Blue Shield of California die ersten Versicherungen an, die vorsehen, Kranke ins Ausland zu fliegen statt sie in den USA behandeln zu lassen. Um die Einwilligung der Versicherten zu bekommen, wird in der Regel vorgeschlagen, dass sie die Hälfte des gesparten Geldes erhalten.
So soll es auch einmal in Europa sein. Doch Krewer weiß, dass dies noch eine Weile dauern wird. Noch funktionieren die Gesundheitssysteme in diesem Teil der Welt halbwegs zufriedenstellend. Aus Europa, aus Deutschland kommen fast ausschließlich klassische Medizintouristen nach Thailand. Sie ordern Schönheitsoperationen, lassen sich die Augen lasern. Dies sind Behandlungen, die von den Krankenkassen, den Versicherungen sowieso nicht bezahlt werden. Mehr wird von Patienten nur selten gewünscht, weil der Anspruch auf Kostenerstattung erlischt, wenn im außereuropäischen Ausland behandelt wird. Hin und wieder liegen aber doch ernsthaft kranke Europäer im Bangkok-Hospital.
Jan Wilshaus, Landmaschinenmechaniker aus Maurik, einem kleinen Ort in den Niederlanden, kam, weil er zu Hause sechs Monate auf eine Hirnoperation hätte warten müssen. Ein Tumor wurde entfernt.
Die Österreicherin Sylvia Gruber kam nach einer Odyssee durch die Krankenhäuser ihres Heimatlandes. Sie litt an Kopfschmerzen, Fieber, hinter einem ihrer Augen hatte sich ein Ödem gebildet.
Ferdinand Lörsch, ein Deutscher, wollte sich eigentlich in Mainz behandeln lassen. Wie Wilshaus, der Niederländer, war er ein Krebspatient. Doch Lörsch vertraute seiner Ärztin in Mainz nicht. Während des Vorgesprächs schien sie abgelenkt, unkonzentriert. Lörsch wollte die Frau nicht an sein Hirn lassen. Er flog nach Bangkok und ließ sich operieren. Lörsch kennt das Land, die Stadt. Er lebt zeitweise hier.
Wie Frehiwot Tesfu, die Äthiopiern, wie Richard Werlin, der Amerikaner, gehören die drei Europäer nun zu Krewers diplomatischem Korps. Sie sind seine Botschafter, sie sollen ihm neue Patienten bringen, und sie werden wohl erfolgreich sein, denn sie haben eine mächtige Verbündete: die Zukunft.
Die Zukunft findet sich in einer schmale Mappe auf Krewers Schreibtisch. Die Mappe enthält Informationen für potentielle Investoren. Es sind Diagramme, Tabellen. Sie zeigen, dass die Menschen länger leben. Dies gilt für die gesamte Welt, vor allem aber für Europa.
Die Diagramme zeigen, dass mit den Alten die Zahl der altersbedingten Krankheiten wächst, der Zivilisationskrankheiten. Diese Behandlungen sind kompliziert - und teuer. Die wenigen Jungen werden die Behandlungskosten der vielen Alten tragen müssen. Die Jungen werden darüber nicht glücklich sein. Sie werden Druck ausüben. Es wird Veränderungen im System geben, Kompromisse. Krewers Chef lässt schon an einem passenden Einstiegsangebot basteln. Neue Hüftgelenke für Europäer. Das ist relativ unkompliziert.
Zum Abschied reicht Krewer die Hand. Er lächelt, er sagt: "Auf Wiedersehen."