Terrorismus: "Osama plant etwas zur US-Wahl" - DER SPIEGEL
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Terrorismus "Osama plant etwas zur US-Wahl"

Der amerikanische Autor und Geheimdienstexperte Steve Coll über neue Erkenntnisse zur Herkunft Osama Bin Ladens und zu dessen Stellung in der saudi-arabischen Gesellschaft, über die weiterhin engen Kontakte zum Familienclan und die Suche der CIA nach seinem heutigen Versteck.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Mr Coll, in den vergangenen Tagen gab es gleich zwei neue Botschaften von Osama Bin Laden. Er drohte Europa und rief zur "Befreiung" des Gaza-Streifens auf. Wie ernst müssen wir das nehmen? Sagen diese Botschaften irgendwas über seinen Gemütszustand aus? Verraten sie uns womöglich, wo er steckt?

Coll: Bin Laden formuliert seine Botschaften schon lange so, dass sie sich an Tagesaktualitäten ausrichten. Wir dürfen ihn uns ruhig vorstellen, wie er in seiner von Mauern umgebenen Fluchtburg an der Grenze zu Afghanistan sitzt, al-Dschasira oder
CNN guckt und sich Notizen für seine nächste Mitteilung macht. Ich halte seine Bemerkungen über Europa zunächst einmal für eine Jagd nach Schlagzeilen - verfasst, nachdem er von der Neuauflage der dänischen Mohammed-Karikaturen gehört hat. Möglicherweise ist das aber auch ein Hinweis auf irgendeine Verschwörung, die gerade in Europa ausgebrütet wird und von der er Wind bekommen hat. In den vergangenen zwei Jahren haben wir schließlich gesehen, dass es solche Komplotte mit Verbindungen zum Qaida-Hauptquartier gegeben hat. Sein Verweis auf Gaza ist typisch für seine Versuche, in aktuellen Ereignissen eine Rolle für sich zu reklamieren. Er will ganz einfach demonstrieren, dass er noch lebt und noch Schritt hält mit den Entwicklungen in der islamischen Welt.

SPIEGEL: Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama beschuldigt die Regierung von Präsident George W. Bush, die Jagd auf den meistgesuchten Terroristen der Welt gefährlich vernachlässigt zu haben. Hat er recht?

Coll: Es wäre möglich gewesen, Osama Bin Laden auszuschalten, und zwar zwischen 1998 und 2001, in der Zeit vor dem 11. September. Damals hatten wir Agenten vor Ort, und sie gaben Präsident Bill Clinton dreimal die Gelegenheit zuzuschlagen. Einmal entschied er gegen einen Raketenangriff, weil er den Tod von Kindern nicht in Kauf nehmen wollte - in Bin Ladens Lager bei Kandahar war auf einem Satellitenbild eine Schaukel auszumachen. Man hätte wahrscheinlich sogar mit einem Spezialtrupp das Lager umzingeln und ihn herausholen können. Nur, damals waren die politischen Prioritäten nicht so. Aber sogar nach 9/11 ...

SPIEGEL: ... nach den Terrorangriffen auf New York und Washington am 11. September 2001, also zur Amtszeit von George W. Bush ...

Coll: ... gab es noch eine Chance. Bin Laden hat später selbst beschrieben, wie verzweifelt seine Lage während des heftigen Bombardements auf sein Höhlenversteck von Tora Bora nahe der pakistanischen Grenze im Dezember 2001 war. Er konnte dann im letzten Moment entkommen. Ob einige der mit den USA in die Berge vorrückenden afghanischen Truppen nur halbherzig bei der Sache waren oder ihn aktiv bei der Flucht unterstützten - schwer zu sagen. Wir haben jedenfalls versäumt, die auf solche Kämpfe spezialisierte amerikanische Tenth Mountain Division heranzuziehen. Eine Fehlentscheidung.

SPIEGEL: Wo ist Bin Laden jetzt?

Coll: Ich bin fest davon überzeugt, dass er sich auf pakistanischem Boden aufhält, und ich würde mich sogar festlegen, wo: in der Bergregion von Nord-Waziristan nahe der Stadt Miram Shah. Diese Gegend kennt Bin Laden wie seine Westentasche, sie wird vom Haqqani-Clan beherrscht, in dem er festverwurzelt ist. Pakistans Armee traut sich da nicht hin.

SPIEGEL: Unterhält er ein richtiges Qaida-Lager, von dem aus er Terrorbefehle gibt?

Coll: Bin Laden bewegt sich wohl von Ort zu Ort, geschützt von Freunden - was nicht heißt, dass ihn nicht doch eines Tages einer verrät. Und er hat offensichtlich Zugang zu modernen Kommunikationsmitteln wie Satellitenfernsehen. Die Miram-Shah-Region ist in dieser Beziehung weiter entwickelt, als wir im Westen annehmen. Ich gehe davon aus, dass sich Aiman al-Sawahiri, sein Stellvertreter, an einem anderen Ort aufhält als Bin Laden.

SPIEGEL: Vorsicht oder Taktik?

Coll: Wohl beides. Aber in den letzten zwei, drei Jahren sind die beiden wieder so selbstbewusst geworden, dass sie sich nach meinen Informationen sogar zu Schuras treffen, gemeinschaftlichen Beratungen der Qaida-Führung. Sie haben die Organisationsstrukturen wieder aufgebaut, die Informationskanäle verbessert. Ob Bin Laden selbst Befehle für Terrorangriffe gibt, wissen wir nicht. Aber es kann als fast sicher gelten, dass er über die meisten Qaida-Operationen informiert ist.

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch widmen Sie sich vor allem Bin Ladens Familie und deren Ursprüngen. Warum?

Coll: Man kann Osama Bin Laden sowie das gesamte Spannungsfeld von Religion, Tradition und Moderne im Nahen Osten, von Feindschaft gegenüber dem Westen einerseits, Anziehungskraft unserer Ideen und Lebensweisen andererseits, am bes-ten durch das Prisma dieser Sippe verstehen.

SPIEGEL: Was sind die Bin Ladens: ein Terrorclan? Oder - mit der Ausnahme des bekannten schwarzen Schafs - alles in allem eine schrecklich nette Familie?

Coll: Eine Großfamilie jedenfalls, Osama hat allein 24 Brüder und 29 Schwestern, und die Bin Ladens waren immer schon ein Clan mit einer erstaunlichen ideologischen Bandbreite - von ganz weltlich Ausgerichteten wie dem leichtlebigen Salem Bin Laden, bis zum fanatischsten Religiösen. Das zeigte sich sogar an Amerikas Schicksalstag: Als die Terroristen im Auftrag von Osama Bin Laden ihre entführte American-Airlines-Maschine ins Pentagon rammten, saß gerade mal einige Kilometer entfernt im vornehmen Washingtoner Ritz-Carlton-Hotel Shafiq Bin Laden, sein Halbbruder, bei einer Investorenkonferenz. Organisiert von der Carlyle Group, an der die Bin Ladens wie auch die Familie Bush Anteile hielten.

Balance zwischen Mekka und Disneyland

SPIEGEL: Wie bei vielen erfolgreichen Sippen auf der Welt stand am Anfang auch bei den Bin Ladens ein ganz besonderer Mann - ein Patriarch.

Coll: In der Tat. Osamas Vater Mohammed war ein Selfmademan, der es vom einfachen Bauernsohn und Analphabeten zum Multimillionär brachte. Er stammt aus dem unwirtlichen Hadramaut, einer bitterarmen Region Südarabiens, deren Name treffender kaum sein könnte: Hadramaut heißt "Der Tod ist unter uns". Mohammed nahm als 14-Jähriger sein Schicksal selbst in die Hand. Auf einer überfüllten hölzernen Dhau fuhr er 1925 das Rote Meer nach Norden hoch, wanderte halbverhungert durch die Wüste und schaffte es schließlich nach Dschidda, damals eine mickrige und stickige Kleinstadt. Osamas Vater sah aber nicht das Elend. Er sah die Chance.

SPIEGEL: Was konnte er, das andere nicht gekonnt hätten?

Coll: Er hatte die erstaunlichen Lehmziegel-Hochhäuser gesehen, die im Hadramaut von seinen Landsleuten errichtet wurden. Er wollte Baumeister werden, Häuser niederreißen, Türme errichten. Türme - und später Flugzeuge - wurden in erstaunlichen Variationen zum bestimmenden Schicksal dieser Familie.

SPIEGEL: Woher nahm Bin Laden senior das Kapital für seine Unternehmungen?

Coll: Er schlief in einer Sandkuhle, arbeitete als Aushilfe in einem Pilgergeschäft, er kochte, schuftete im Steinbruch und legte jeden Cent zurück. 1931 gründete er eine Firma und mischte schon bald im Wohnungsbau mit. In Zeiten des ersten Erdöl-Booms stieg er mit Ehrgeiz, harter Arbeit und gutgeknüpften Beziehungen zum Unternehmer Nummer eins des saudischen Königshauses auf. Bald waren es nicht nur Hochhäuser, sondern auch Staudämme und Straßen, die er baute. Er wurde reich.

SPIEGEL: Das waren viele. Woher kam sein Einfluss?

Coll: Geld konnte seine soziale Identität in Saudi-Arabien nicht ändern, obwohl er 1955 sogar ein Ministeramt bekam. Die Königsfamilie Saud mochte die Ehrlichkeit und die Zuverlässigkeit eines Mannes wie Bin Laden senior schätzen, doch sie würde ihm oder seinen Söhnen niemals eine ihrer Töchter zur Frau geben. Wollte Mohammed seinen Sprösslingen besondere Chancen bieten - und das wollte er mehr als alles andere -, dann ging das nur über eine erstklassige Bildung.

SPIEGEL: Bei 54 Kindern von 22 Frauen hatte er doch sicher seine Lieblinge. Gehörte Osama zu diesen Favoriten?

Coll: Von Osamas Mutter, einer Syrerin aus der Hafenstadt Latakia, hat sich Mohammed Bin Laden schnell scheiden lassen. Aber alles spricht dafür, dass der Vater für Osama eine wichtige Bezugsperson, ein Vorbild war. Als kleiner Junge hat er ihn begleitet, nach Mekka und Medina, wo Mohammed umfangreiche Renovierungsarbeiten durchführte - genau wie an der für Muslime so wichtigen Aksa-Moschee in Jerusalem. Bin Laden senior war ein gläubiger Mensch, diese Arbeiten an den heiligsten Stätten des Islam waren ihm eine Herzensangelegenheit. Aber er war keineswegs ein Fanatiker und für einen Mann seiner Herkunft erstaunlich weltoffen. Ein Modernisierer.

SPIEGEL: Der alte Bin Laden war also westlichen Dingen durchaus zugewandt? Woran lässt sich das festmachen?

Coll: Er beschäftigte auf der Baustelle in Jerusalem auch Christen und andere "Ungläubige", kaufte sich mehr als ein halbes Dutzend moderner Packard-Coupés aus den USA und besaß als erster Privatmann in Saudi-Arabien ein eigenes Flugzeug. Er ließ es von der TWA warten. Ein amerikanischer Pilot wurde ihm schließlich zum Verhängnis, er steuerte den Bin-Laden-Familienflieger an einem Septembertag 1967 ins Verderben.

SPIEGEL: Hatte der Patriarch die Nachfolge geregelt? Spielte Osama dabei eine Rolle?

Coll: Osama, Kind Nummer 17, war etwa zehn Jahre alt, als der Vater starb. Er erhielt, wie die anderen männlichen Nachfolger, einen Anteil von 2,3 Prozent an der Firma; die Töchter mussten sich mit jeweils einem Prozent begnügen. Dieses Geld und die Zinsen aus dem jährlichen Firmengewinn - unislamisch angelegt bei westlichen Banken - machten ihn zu einem reichen Mann. Zum Millionär, aber nicht zum 300fachen, wie immer wieder kolportiert wird. Nach einer Übergangszeit, in der König Faisal eine Art Treuhänderrolle übernahm, wurde Salem Bin Laden die Führung des riesigen Familienunternehmens übertragen. Er war ein gutes Jahrzehnt älter als sein Bruder Osama, besuchte ein britisches Internat.

SPIEGEL: Manche Geschwister machten ihre Ausbildung im Westen oder in der damals sehr lockeren libanesischen Hauptstadt Beirut, andere blieben in Saudi-Arabien. Wollte Osama nicht hinaus in die Welt?

Coll: Er war mal in Beirut zu Besuch, aber das Leben dort scheint ihn eher abgeschreckt als fasziniert zu haben. Er schaute sich schon mal amerikanische Fernsehserien wie "Bonanza" oder "Fury" an und spielte gelegentlich Fußball, immer in keuschen langen Hosen. Aber der eher schüchterne Junge suchte sich sein neues Vorbild, seine neue Vaterfigur woanders. Er wurde stark von einem Lehrer beeinflusst, der für die Ideen der fundamentalistischen Muslimbruderschaft warb. Osamas Radikalisierung richtete sich nicht gegen die Familie; er akzeptierte Salems Autorität ohne Widerrede, obwohl ihm dessen Trinkgewohnheiten, die Playboy-Allüren und der Hang zur westlichen Popmusik missfallen haben dürften. Osamas religiös-revolutionärer Eifer stand zunächst auch keinesfalls im Widerspruch zur Politik des saudischen Königshauses, etwa beim Kampf gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan, in den er sich mit Begeisterung stürzte.

SPIEGEL: Bewunderten die anderen Bin Ladens Osama, oder hielten sie ihn für einen Sonderling?

Coll: Die Intensität und Rigorosität, mit der er seinen Glauben lebte - so verbot er seiner jungen Frau das Trinken mit dem Strohhalm als unislamisch, seinen Kindern die Nuckelflasche -, fanden sie ungewöhnlich. Aber als sektiererischen Außenseiter sahen sie ihn keineswegs. Sie hielten es für durchaus normal, dass einer der ihren seinem Ruf als Prediger folgte.

SPIEGEL: Die entscheidende Veränderung im Leben Osama Bin Ladens fand dann in Afghanistan statt. Aus dem Prediger wurde ein Kämpfer?

Coll: Ja. Das Jahr 1979 - mit der iranischen Revolution, dem Angriff radikaler Islamisten auf die große Moschee in Mekka und dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan - hat Osama Bin Laden radikalisiert. Sein Ego und sein Ehrgeiz wuchsen, als er im pakistanischen Peschawar die vor allem von seiner Familie gespendeten Gelder an die aufständischen Afghanen verteilte und dann mit den Mudschahidin in den Heiligen Krieg zog.

SPIEGEL: Wie schaffte es der Bin-Laden-Clan, weiterhin die Balance zwischen Mekka und Disneyland zu halten?

Coll: Salem war als Familienoberhaupt und Geschäftsmann durchaus erfolgreich. Er wusste um die Wichtigkeit der Geldspenden für den afghanischen Widerstand. Vor allem aber lebte Salem Bin Laden seinen amerikanischen Traum, mit Villen, Autos und Privatflugzeugen; er reiste gern und liebte es, vor Publikum zu singen - einmal gab er auf dem Münchner Oktoberfest sogar bayerische Volkslieder zum Besten. Besonders exzentrisch war sein Liebesleben.

SPIEGEL: Was hat man sich darunter vorzustellen?

Coll: Er hatte fünf bevorzugte Freundinnen, eine Amerikanerin, eine Britin, eine Französin, eine Dänin und eine Deutsche. Eines Tages ließ er sie nach London einfliegen und verkündete ihnen, er wolle jede von ihnen heiraten und ihnen eine Villa schenken. Bedingung: Sie müssten ständig für ihn da sein - und an ihrem Anwesen stets die entsprechende Landesflagge aufgezogen haben, vor der Tür ein in ihrem jeweiligen Heimatland gefertigtes Auto. Er träumte von seinen privaten Vereinten Nationen. Die Deutsche, Kosename "Mein Panzer", reiste sofort ab, die meisten anderen zierten sich ebenfalls. Salem ehelichte schließlich die Britin ...

SPIEGEL: ... konnte sein Glück aber nicht lange genießen.

Coll: Richtig. Denn kurz darauf, im Mai 1988, stieg der erfahrene Pilot mit seinem Ultraleichtflugzeug vom Kitty Hawk Field of Dreams in San Antonio auf, streifte die Überlandleitungen und stürzte ab. Wieder ein Flugzeugtod, wieder mit Amerika verbunden. Mit Bakr Bin Laden übernahm ein gemäßigt gläubiger, international erfahrener und vorurteilsfrei denkender Bruder die Leitung des Unternehmens.

Der Familien-Clan Bin Laden zerbricht

SPIEGEL: Wie kam es zum Bruch zwischen Osama und der Familie?

Coll: Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan und seiner Rückkehr in die Heimat suchte Osama in Saudi-Arabien neue Aufgaben. Als die Iraker 1990 Kuweit überfielen, bot er dem Königshaus seine arabischen Kampftruppen zur Strafexpedition gegen Saddam Hussein an, ein loyaler islamischer Guerillaführer im Dienste der Monarchie. Zu seiner großen Enttäuschung setzten die Herrscher von Riad aber auf amerikanische Truppen und ließen deren massive Stationierung in Saudi-Arabien zu.

SPIEGEL: Hat die Bin-Laden-Familie nicht auch noch daran verdient?

Coll: Das Unternehmen unter Bakrs Führung baute im Auftrag der U. S. Army einen Hubschrauberlandeplatz. Osama wurde das alles zu viel: die Demütigung, dass man seine Unterstützung abgelehnt hatte, die Dankesurkunden, die US-General Norman Schwarzkopf einzelnen Managern der Bin-Laden-Firmengruppe für ihre "unschätzbare Unterstützung" überreicht hatte. Er verschärfte seine politischen Reden, ging mit seinen vier Frauen und zahlreichen Kindern in den Sudan ins Exil. Nach dem ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993, bei dem der Verdacht auch auf Osama Bin Laden fiel, sagte sich die Familie in einer offiziellen Erklärung von ihm los.

SPIEGEL: War das Taktik, oder brachen die Kontakte wirklich ab?

Coll: Nein. Osamas erstgeborener Sohn Abdullah hatte zwar den Vater schon verlassen, bevor der dann nach Afghanistan weiterzog. Aber wir wissen, dass zur Hochzeit des zweitältesten Sohnes Mohammed in Kandahar im Januar 2001 die Mutter und mehrere andere Familienmitglieder anreisten.

SPIEGEL: Carmen Bin Laden, eine Schwägerin Osamas, die lange in Saudi-Arabien lebte, hat dem SPIEGEL gesagt, sie glaube "nie und nimmer daran, dass die Bin Ladens Osama verstoßen haben, in dieser Familie bleibt ein Bruder ein Bruder, egal, was er getan hat". Haben Sie Belege für diese Behauptung?

Coll: Keine direkten. Mit Saad Bin Laden, einem der Söhne Osamas, sitzt wohl eines der Familienmitglieder in Teheran als Terrorverdächtiger unter Hausarrest. Und es gibt schwer nachvollziehbare und deshalb verdächtige finanzielle Transaktionen einzelner Familienmitglieder, aber keinen schlagenden Beweis. Bakr Bin Laden und die globalisierte Familienfirma sind viel zu sehr auf internationale Akzeptanz angewiesen, als dass sie - wie immer sie über Osama denken mögen - Kontakt zu ihm halten. Bis auf einen haben alle Bin Ladens, die in den USA lebten, nach dem Attentat das Land verlassen.

SPIEGEL: Und heute ist diese globalisierte Familie überall verstreut. Was macht Osamas Verwandtschaft jetzt?

Coll: Yeslam Bin Laden hat sich die Rechte an dem Familiennamen für seine Bin-Laden-Mode gesichert, auf deren Herstellung er nach Protesten verzichtete. Abdullah hat in Dschidda eine Agentur für "Event Managing". Hassan gilt als Hauptanteilseigner des Hard Rock Café Middle East. Andere Familienmitglieder finanzieren Hollywood-Filme, besitzen oder besaßen in den USA privatisierte Gefängnisse und einen Flughafen. Bakr bewirbt sich mit der Bin-Laden-Gruppe unter anderem um die Errichtung der Wolkenkratzertürme von Dubai. Er hat übrigens inzwischen auch Flugstunden genommen und fliegt seinen Privatjet selbst.

SPIEGEL: Und Osama ...

Coll: ... ist keineswegs der Hinterwäldler, der in einem rückwärts gewandten Glauben gefangene Fanatiker, als der er im Westen manchmal dargestellt wird. Er sieht sich als Meister der globalen Veränderungen und ihrer Technologien. Nicht ganz zu Unrecht glaubt er, dass er die modernen Medien besser genutzt hat als seine amerikanischen Gegenspieler. Seiner saudi-arabischen Identität beraubt, im internationalen Dschihad zu Hause, fühlt sich Osama, wie seine jüngsten Verlautbarungen zeigen, als wahrer Weltbürger.

SPIEGEL: Bei der US-Präsidentschaftswahl vor vier Jahren hat er sich kurz vorher mit einer Botschaft gemeldet ...

Coll: ... und die Demokraten um John Kerry sahen darin einen der Hauptgründe für ihre Niederlage. Ich glaube, er will Amerika auch dieses Mal beeinflussen. Es droht der von al-Qaida schon lange angekündigte Terroranschlag auf amerikanischem Boden. Osama Bin Laden plant etwas zur US-Wahl.

SPIEGEL: Er könnte den Demokraten schaden, die lange in den Meinungsumfragen führten, aber als weniger kompetent in Sachen Terrorbekämpfung gelten. Osama - die letzte Hoffnung der Republikaner?

Coll: Dies ist das Jahr der Demokraten, solange es keine ganz große Katastrophe gibt.

SPIEGEL: Mr Coll, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Redakteur Erich Follath