Ausland Der lächelnde Luftpirat
Solange Dalip Singh Khalsa denken kann, hat er sich kein einziges Mal die Haare schneiden lassen. Er bindet seinen grauen Bart unter dem Kinn zusammen, knotet sein langes Haar zu einem Dutt und wickelt jeden Morgen einen Turban darum. Sein Turban leuchtet orangerot. Wie seine Arbeitskleidung.
Dalip Singh Khalsa, 53 Jahre alt, stammt aus der Stadt Jammu im Norden Indiens. Er ist ein gläubiger Sikh, seine Haare sind ihm heilig, wie die tägliche Meditation und die Yoga-Übungen. Seit über 13 Jahren lebt Khalsa in Basel, er ist Straßenkehrer, der bekannteste der Stadt.
Khalsa fällt auf, weil er der einzige Angestellte im Öffentlichen Dienst ist, der einen Turban trägt. Und weil er fleißig ist, höflich und immer lächelt. Frühmorgens fegt er die Straßen der Altstadt, pult Kaugummireste vom Bürgersteig, kehrt Laub, leert Abfalleimer. Und nachts, da steht er manchmal auf dem Platz vor dem Theater, die Zuschauer strömen aus den Sälen, um frische Luft zu schnappen und in den Cafés Apéro zu trinken, und dann sehen sie diesen Inder, wie er demütig ihren Take-away-Müll, ihre Kippen und Bierflaschen aufsammelt, wie er anmutig den Reisigbesen schwingt und ihnen zuwinkt. Bemerkenswert, denken sie, unser Turban-Mann, ein Basler Original, die Stadt wäre trister ohne ihn.
Khalsa ist sehr beliebt in Basel, er macht einen Job, den Schweizer schon lange nicht mehr gern machen. Er putzt einer Wegwerfgesellschaft hinterher, wirkt stolz dabei und friedlich, ein Straßenkehrer, der mit sich selbst im Reinen ist. Jeder in Basel kennt seinen Namen, viele klopfen ihm auf die Schulter und stecken ihm ein paar Franken zu.
"Gott hat mir zwei Hände gegeben, damit ich hier auf Erden ein Paradies erschaffe", sagt Khalsa dann in gebrochenem Englisch und Schweizerdeutsch. "Ich putze euch gern hinterher, weil ich so ein wenig von der Gastfreundschaft zurückgeben kann, die ihr mir schenkt."
Doch Khalsa war nicht immer so friedlich, das wissen die Basler inzwischen.
Im Oktober 2007 wurde seine Arbeitserlaubnis nicht verlängert. Er wunderte sich, sammelte Unterschriften und bat ein paar stadtbekannte Basler, sich dafür einzusetzen, dass er bleiben dürfe.
Dann jedoch kam der endgültige Bescheid vom Bundesverwaltungsgericht in Bern. Khalsas Asylantrag wurde abgelehnt - nach 13 Jahren. Und schließlich, im Januar, ließ der Chef des Basler Sicherheitsdepartements die Bombe platzen: Früher war Khalsa Luftpirat, ein militanter Sikh. Im Juli 1984 hatte er mit anderen Sikhs eine Maschine der Indian Airlines nach Pakistan gekapert, 264 Passagiere waren an Bord, die Entführer wurden zum Tod durch den Strang verurteilt. Elf Jahre wartete Khalsa in Pakistan in einer Einzelzelle auf seine Hinrichtung. 1995 wurde er von Benazir Bhutto amnestiert, er ging in die Schweiz.
Nach dieser Offenbarung sah es nicht mehr so gut aus für Khalsa, er stellte einen Härtefallantrag, noch wird verhandelt. Über mangelnden Zuspruch kann sich der Luftpirat a. D. nicht beklagen. Wenn er vor dem Materiallager der Straßenputzer am Rheinufer steht, machen ihm seine Kollegen, sie kommen aus Polen, dem Elsass, Süditalien, Mut: "Du bist der Tüchtigste von uns, lass dich nicht unterkriegen!" Die Kollegen verstehen nicht, warum Khalsas Asylverfahren seit 13 Jahren läuft und warum man ihm jetzt die Flugzeugentführung anlastet, die Tat müsse den Behörden doch bekannt gewesen sein.
Khalsa fürchtet, zurück in seine Heimat zu müssen; das, sagt er, wäre wie ein zweites Todesurteil. Zwei der Entführer von damals seien nach Indien zurückgekehrt und wurden umgebracht. Das Bundesamt für Migration in Bern hingegen hält Khalsas Rückkehr für ungefährlich.
Nach seiner Schicht sitzt Khalsa im Restaurant Bombay Palace, es gehört einem Freund, auch er ist Sikh. Sie trinken Tee, Khalsa will erklären, wie das damals war. Dass er kein Terrorist war, sondern Freiheitskämpfer. Sein Freund übersetzt. Es war die Zeit der Sikh-Aufstände im Punjab, die indische Armee hatte den Goldenen Tempel von Amritsar gestürmt und viele Sikhs getötet. Kurz darauf wurde Indira Gandhi von ihren Leibwächtern ermordet, zwei Sikhs. Es gab mehrere Flugzeugentführungen damals, einige endeten blutig. "Wir hingegen", sagt Khalsa, "haben uns kampflos ergeben. Wir wollten gegen die Unterdrückung protestieren, wir wollten einen eigenen Sikh-Staat." Seine Schuld sei gesühnt durch die Jahre im Knast. Er habe sich in der Schweiz nie etwas zuschulden kommen lassen, er falle niemandem zur Last und verdiene seinen Lebensunterhalt. "Ich möchte bitte bleiben."
Er trinkt einen letzten Tee, dann muss er nach Hause, morgen um sechs beginnt seine Schicht. Er fährt mit der Tram durch Basel, die Leute winken ihm zu, er schaut in jeden Kinderwagen und freut sich. In seinem Einzimmer-Apartment wickelt er den meterlangen Turban vom Kopf, hockt im Schneidersitz, beugt sich vornüber, steht auf dem Kopf und lächelt.
Nach der Yoga-Übung zeigt er Fotos von seiner Familie und betet. Für Frieden und Freiheit und für seine älteste Tochter. Gurvinderveer konnte gerade laufen, als ihr Vater sie das letzte Mal sah, vor 23 Jahren, manchmal telefonieren sie, im Sommer wird sie heiraten. Wenn alles gutgeht und Khalsa in der Schweiz bleiben darf, wird er ihr eine Postkarte schreiben.