Autoren: "Der Liebesentzug kommt schnell" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Autoren "Der Liebesentzug kommt schnell"

Die französische Schriftstellerin und Dramatikerin Yasmina Reza über ihr Sarkozy-Buch, Tatmenschen im Kampf mit der zerrinnenden Zeit und Grausamkeit als menschliches Grundprinzip
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Reza, 50, ist die wohl am meisten gespielte zeitgenössische Theaterautorin ("Kunst", "Drei Mal Leben"). Ihr letztes Stück, "Der Gott des Gemetzels", läuft auf mehr als 40 Bühnen im deutschsprachigen Raum. Die in Paris geborene Tochter eines iranisch-ungarischen Ehepaars publizierte soeben im Hanser-Verlag ihr Sarkozy-Porträt "Frühmorgens, abends oder nachts".

-----------------------------------

SPIEGEL: Madame Reza, nahezu ein ganzes Jahr lang haben Sie Nicolas Sarkozy im Wahlkampf begleitet und mit scharfem Blick Ihre Beobachtungen notiert.

Hat er sich geändert, jetzt, da er Präsident ist?

Reza: Wissen Sie, die Leute meinen, ich sei eine Spezialistin der Person Nicolas Sarkozy geworden. Eine Kennerin, als hätte ich eine Autorität oder eine Legitimität, ihn zu beurteilen. Das geht mir aber völlig ab. Ich kann kein politisches oder psychologisches Gutachten erstellen.

SPIEGEL: Die Persönlichkeit des Präsidenten hat sich Ihnen gar nicht richtig entschlüsselt?

Reza: Ich habe ihn ziemlich gut kennengelernt, aber dann habe ich ihn nicht mehr wiedergesehen, das Experiment war zu Ende, Schluss. Also, meine Meinung über ihn, über den, der er ist, scheint mir ziemlich banal, ohne Interesse, aus der Ferne gebildet, ohne Berechtigung - ich kann darauf nicht antworten.

SPIEGEL: Haben Sie ihn seit seiner Wahl gar nicht mehr gesehen?

Reza: Seit dem Erscheinen des Buches nicht mehr.

SPIEGEL: Hat der Popularitätsschwund des Präsidenten, sein Absturz in den Umfragewerten, Sie überrascht?

Reza: Ich glaube, das ist die banale Bestimmung eines Politikers: Entzauberung, Enttäuschung. Bei der Wahl gibt es eine Art Idolatrie, eine Götzenanbetung, die keine Verankerung in der Wirklichkeit hat. Deshalb kommt der Liebesentzug sehr schnell. Das trifft ihn jetzt in ganz besonderem Maß. Er ist eine Person, die schon immer Leidenschaften bei den Menschen freigesetzt hat. Er reißt viel stärker mit als andere, deshalb ist wohl auch die Schnelligkeit, mit der man sich abwendet, fulminanter.

SPIEGEL: Haben Sie ihn gemocht, während der Zeit der Nähe zu ihm?

Reza: Das ist nicht das richtige Wort. Ich habe gewiss Bewunderung empfunden für das politische Tier, seine Intuition, seine Risikobereitschaft, eine Eigenschaft, die nicht so verbreitet ist, die Heftigkeit mancher seiner Ideen, die Freiheit, sich nicht in einen Rahmen einschließen zu lassen, sich nicht dem Diktat der Mitarbeiter zu unterwerfen. Also für alles, was den politischen Parforceritt betrifft, wenn Sie diesen Ausdruck gestatten.

SPIEGEL: Sarkozy hat doch auch eine boshafte Seite, er empfindet Groll gegen das Establishment. Oder finden Sie, dass seine Großzügigkeit überwiegt?

Reza: Hören Sie auf, nochmals, Sie bringen mich nicht auf dieses schlüpfrige Terrain. Ich bin nicht die Psychologin von Nicolas Sarkozy. Ich habe doch nicht ein Jahr damit zugebracht, ein sehr literarisches und, wie ich hoffe, subtiles Buch zu schreiben, in dem ich keine Werturteile fälle, um dann überall in der Welt zu sagen, er ist so oder so. Das wäre die Negation meines Buches.

SPIEGEL: Sie können doch nicht außer Acht lassen, was seit seiner Wahl passiert ist: die Scheidung, die Heirat mit Carla Bruni, sein gelegentlich etwas vulgäres Verhalten.

Reza: Das alles sagen Sie, ha!

SPIEGEL: Gut, aber es spielt sich vor aller Augen ab. Hat es Sie verblüfft?

Reza: Ich war nicht in der Lage, mich verblüffen oder nicht verblüffen zu lassen. Ich erwarte nichts von ihm.

SPIEGEL: Was haben Sie gedacht, als Sarkozy auf der Pariser Landwirtschaftsmesse einen Besucher, der ihm die Hand nicht schütteln wollte, anfuhr: Verpiss dich, du blödes Arschloch? Spiegelt sich darin die Person? Lässt Sie das kalt?

Reza: Wenn ich dabei gewesen wäre, mit meinem Notizblock, wenn ich den Kontext gesehen hätte, dann wäre das bestimmt Stoff für eine interessante Beschreibung gewesen. So aber habe ich keine Meinung über eine mit Getöse verbreitete und möglicherweise verfälschte Pressemeldung. Das interessiert mich nicht.

SPIEGEL: Wie hat er auf Ihr Buch reagiert?

Reza: Er hat mich einen Monat nach dem Erscheinen angerufen. Ich werde Ihnen den Inhalt dieser Unterredung nicht verraten. Nur so viel: Er sagte, du hast dein Buch geschrieben, du hast von dir gesprochen.

SPIEGEL: Nicht von ihm?

Reza: Ich glaube, er wollte von der Art des Buches sprechen. Impressionistisch, kurze Absätze, Farbtupfer, die Bedeutung meines persönlichen Blicks.

SPIEGEL: Sie werden wahrscheinlich auch darauf nicht antworten, aber: Haben Sie eigentlich für Sarkozy gestimmt?

Reza: Natürlich werde ich darauf nicht antworten, was denken Sie sich! Die Frage ist übrigens amüsant, weil die Antwort amüsant wäre, aber die kriegen Sie nicht.

SPIEGEL: Sie lehnen es ab, ein Urteil zu fällen, aber Ihr Blick ist oft genug gnadenlos. Fasziniert Sie die Grausamkeit des Menschen?

Reza: Grausamkeit ist eine anthropologische Grundtatsache. Das ist etwas anderes als Bösartigkeit. Der Mensch steht in einem ständigen Überlebenskampf.

SPIEGEL: Auch in unserer Zivilisation?

Reza: Es geht ja nicht nur um das physische Überleben, sondern auch um das soziale, emotionale. Man muss gefühlsmäßig überleben, und das ist nicht möglich, wie ich glaube, ohne Grausamkeit.

SPIEGEL: Warum eigentlich nicht?

Reza: Es wäre wunderbar, aber es würde voraussetzen, dass wir uns alle immer einigen. Sie glauben offenbar an die Kraft der Vernunft?

SPIEGEL: Sollten Journalisten, Philosophen und Schriftsteller nicht Aufklärer sein?

Reza: Der Mensch wird nicht durch die Vernunft geleitet.

SPIEGEL: Sondern durch die Instinkte?

Reza: Die Nerven. Glücklicherweise korrigiert die Vernunft die Nerven. Aber sie herrscht nicht. Die Vernunft kämpft, aber herrscht nicht. In meinen Theaterstücken sind die Personen zunächst sehr vernünftig, dann entgleisen sie. Von daher ist Sarkozy sehr interessant.

SPIEGEL: Na endlich: Ihrer Meinung nach entgleist er schnell?

Reza: Man entgleist immer nur in Bezug auf sich selbst. Die Abweichung der Person vom Bild, von der Vorstellung, die sie sich vorgenommen hat, von sich selbst zu geben.

SPIEGEL: Und was will Sarkozy sein?

Reza: Das weiß er selbst nicht.

SPIEGEL: Hat das etwas damit zu tun, dass er der Sohn von Einwanderern jüdischer Herkunft ist, keine Wurzeln im tiefen, ländli-

chen, traditionellen Frankreich hat? Woher kommt Sarkozy?

Reza: Von nirgendwo.

SPIEGEL: Was bedeutet das?

Reza: Politisch hat ihm das den Aufstieg erschwert, denn die Franzosen lieben Vertreter, die in einer Region, einer Landschaft verwurzelt sind, wie de Gaulle, Mitterrand oder Chirac. Ich bin ja ein bisschen in der gleichen Lage wie Sarkozy, deshalb kann ich das beurteilen, als Schriftstellerin empfinde ich, dass der Umstand, von nirgendwoher zu kommen, so wie auch ich, einem eine große Freiheit verleiht.

SPIEGEL: Die deutsch-französischen Beziehungen scheinen nicht in allerbestem Zustand zu sein. Sie haben auch Angela Merkel getroffen. Die Kanzlerin und der Präsident - ein ungleiches Paar? Völlig verschiedene Charaktere?

Reza: Über die politischen Meinungsverschiedenheiten, etwa zur Mittelmeer-Union, kann ich nichts sagen. Ich habe Angela Merkel zweimal getroffen, einmal während der Wahlkampfkampagne mit Sarkozy, danach in der Mailänder Scala. Ich habe sie gefragt, stimmt es, dass Sie Verständigungsschwierigkeiten mit Sarkozy haben? Sie sagte, nein, ich schätze ihn, wir diskutieren miteinander, wir kooperieren. Das heißt natürlich nicht viel. Die beiden sind sehr verschieden, das springt ins Auge.

SPIEGEL: In welchem Sinne?

Reza: Ich finde Frau Merkel sehr charmant. Sie saß da ganz einfach mit ihrem Mann und Freunden in einer Loge der Scala. Dann habe ich sie nachmittags auf der Straße gesehen, sie wollte wohl einkaufen, irgendwelche Schuhe vielleicht, und das Bemerkenswerteste war die außergewöhnliche Unsichtbarkeit der Sicherheitsbegleiter. Da spazierte die deutsche Kanzlerin, eine ganz normale Frau, mitten im städtischen Leben von Mailand, eine Frau, die mir sehr entschieden ihre persönliche Welt zu erhalten und zu schützen schien. Dagegen Sarkozy, ganz das Gegenteil. Sobald er irgendwo hinkommt, schmeißt es einen um. Seine Präsenz ist im Umkreis von hundert Metern spürbar. Er kann sich nicht unsichtbar machen. Er wandert durch eine Umgebung, wirkt auf sie, ohne sie wahrzunehmen.

SPIEGEL: Sie schildern seinen Besuch in einem korsischen Dorf, von dem er am Ende nicht das Geringste gesehen hat.

Reza: Ja, das ist fast surreal. Er sieht - aber erkennt nichts. Alles ist auf Bewegungsabläufe reduziert. Der Wettlauf des Politikers gegen die Zeit.

SPIEGEL: Haben Sie sich manchmal über ihn geärgert?

Reza: Nein, mein Blick auf ihn war von Anfang an die Optik eines Buches. Ich habe mich hoffentlich nicht in die Falle locken lassen, gemeinsam das Abenteuer eines Wahlkampfes zu erleben.

SPIEGEL: Ist er ein Verführer?

Reza: Alle Politiker sind Verführer, ohne Ausnahme.

SPIEGEL: Seine Person, die Person Ihres Buches, bleibt rätselhaft.

Reza: Ja, das ist auch gut so.

SPIEGEL: Jeder Mensch ist rätselhaft, das ist doch banal. Warum haben Sie nicht versucht, Sarkozy in seiner Komplexität zu deuten?

Reza: Banal ist, eine rätselhafte Persönlichkeit zu vereinfachen.

SPIEGEL: Sie haben doch keinen Roman verfasst, sondern eine Art Reportage über einen extremen Tatmenschen im Wahlkampf. Warum verweigern Sie die Schlussfolgerungen aus Ihren Beobachtungen?

Reza: Das wäre die falsche Lektüre des Buches. Lesen Sie es bitte noch einmal, richtiger.

SPIEGEL: Gut, versprochen. Und was ist die richtige Lektüre dieses Buches?

Reza: Wie in meinen früheren Büchern auch, habe ich versucht, die Art der Menschen im Verhältnis zur Zeit zu beschreiben. Ich kann es nicht anders sagen. Schon der Buchtitel bedeutet das: "Frühmorgens, abends oder nachts".

SPIEGEL: Es gibt keinen Mittag, keinen Punkt der Ruhe ...

Reza: ... Sie haben gelesen, dass mir an Sarkozy sofort die permanente Ungeduld

auffiel. Eine Unfähigkeit zur Gegenwart. Solche Menschen sind ständig im Werden, als hätten sie Angst vor der Zeit, die verrinnt. Sie kennen nur die Zukunft. In der Mitte klafft ein Loch. Ich erhebe überhaupt nicht den Anspruch, Nicolas Sarkozy, den Ehrgeiz, die Verlockung der Macht beschrieben zu haben. Es geht mir um das Sein in der Zeit, um die tragische Einzigartigkeit, dass die Gegenwart abwesend ist.

SPIEGEL: Die Präsidentschaftswahl ist eine Odyssee, sagt Sarkozys Berater Patrick Devedjian zu Ihnen. Die Macht liegt immer hinter dem Horizont. Der Politiker läuft aber nur weiter, weil er vom Ehrgeiz getrieben ist?

Reza: Natürlich interessiert mich das auch, der Ehrgeiz, der Wille zur Macht. Wohin laufen diese Menschen? Ich beziehe mich selbst in dieses Rennen ein, als Schriftstellerin und Dramatikerin, die die Welt in Theaterstücken erschafft: Auch ich renne.

SPIEGEL: Wohin, wonach?

Reza: Ich könnte sagen, hin auf das beste Stück, auf das beste Buch. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Die Politiker, die Tatmenschen, umgibt ein Mysterium der Getriebenheit. Warum opfern sie ständig die Gegenwart? Es gibt bei ihnen keinen Augenblick, der erlebt wird. Immer ist es morgen, morgen, morgen, wie bei Shakespeare, sie sind immer im Wandel, und warum?

SPIEGEL: Ihre Antwort?

Reza: Es sind Menschen, die etwas nicht sehen wollen, es ist eine sehr mächtige Kraft, und zugleich eine große Schwäche - die ich teile, die ich nicht rüge oder verurteile: der Wille, den Tod, das Ende nicht kommen zu sehen.

SPIEGEL: Führt einen nicht gerade das ins Verderben?

Reza: Ich habe die Antwort darauf nicht.

SPIEGEL: Erwartet man nicht Antworten auf existentielle Fragen von einem Schriftsteller?

Reza: Das ist der große Irrtum. Vor dem Schriftsteller, der Antworten geben will, muss man sich hüten wie vor der Pest. Wir öffnen das Tor zu den Fragen, das ist unser Beruf. Sobald wir Antworten geben, hören wir auf, Schriftsteller zu sein.

SPIEGEL: Steckt in jedem Schriftsteller nicht auch ein Philosoph?

Reza: Ja, aber ohne Wahrheiten zu verkünden. Man muss immer nur Widersprüche aufdecken, die Welt durch verschiedene Prismen betrachten, mit verschiedenen Augen, vom Standpunkt des Henkers und vom Standpunkt des Opfers.

SPIEGEL: Das tun Sie ja auch in Ihrem Erfolgsstück "Der Gott des Gemetzels".

Reza: Die vier Personen des Stücks sind wie eine persönliche Fragmentierung. Ihre Ansichten sind unterschiedlich, antagonistisch, aber ich könnte sie alle vertreten, je nach Augenblick oder Stimmung, von einem Tag zum anderen.

SPIEGEL: Madame Reza, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.