Italien Land der Komödianten
Der Mann ist erschöpft. Er schaut hinaus in das Dunkel hinter den Busfensterscheiben: "Italien ist ein wunderbares Land. Aber dieses politische System!" Draußen ziehen Lichter von Möbellagern vorbei, Fabriken, grellbeleuchtete Showrooms: "Es ist ein System, unfähig, irgendeine Entscheidung zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Mit in sich zersplitterten Parteien. Das Land ist müde und krank." Der Mann im Bus heißt Walter Veltroni. Er soll am kommenden Wochenende die italienische Parlamentswahl gewinnen.
Auf der Piazza von Mantua, in der Lombardei, hatten zwei-, dreitausend Leute gestanden. Veltroni hatte durch seine Brillengläser über die Menge hinaufgeblinzelt zu dieser atemberaubenden Pracht der alten Mauern. Immer wieder diese Harmonie der Plätze, diese bellezza. In Mantua, Cremona, Bergamo. Und immer wieder die Wartenden, wie sie die Pappschilder seiner Partei, der "Demokraten", schwenken und rufen: "Walter! Walter!" Als hofften sie auf ihn.
Aber die Prognosen sehen einen Vorsprung von fünf bis acht Prozent für Silvio Berlusconi und seine Sammlungsbewegung "Volk der Freiheit". Europa kann sich schon einmal auf die dritte Amtszeit eines Milliardärs einstellen, der zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl nie einen Unterschied zu sehen vermochte.
Außerhalb der Grenzen Italiens wird das wohl niemand verstehen. Wie so manches nicht, was in der Politik dieses wunderbaren Landes geschieht. Eines Landes, das eine ästhetische Weltmacht ist, aber in Neapel Müllhaufen brennen lässt. Eines Landes, dessen Manager im Ausland, bei BMW oder der HypoVereinsbank, Erfolge feiern und dessen umsatzstärkstes Unternehmen die Mafia ist.
Dieses Land hat seine bitteren Reformen noch vor sich, in Bildung, Verkehr, Renten, beim Umbau der Verfassung. Italien hängt seinen Nachbarländern hinterher. Es stagniert beinahe, was Wachstum und Forschung und damit Einfluss angeht. Ein Land wie Spanien dagegen ist am Überholen.
Italien kann sich Müdigkeit nicht leisten. Darum geht es bei der Wahl.
Die Regierung von Romano Prodi hat Ende Januar ihre Mehrheit im Senat verloren. Justizminister Clemente Mastella hatte das Lager gewechselt, weil gegen seine Gattin wegen Amtsmissbrauchs ermittelt wurde: Er fühle sich alleingelassen. Und so stürzte die Regierung der siebtgrößten Wirtschaftsmacht der Welt über die Probleme einer Provinzpolitikerin aus Ceppaloni.
War es das, was Veltroni mit der Krankheit seines Landes meinte? Winzige Parteien entscheiden über die Geschicke der Nation, getrieben vom Geltungsdrang ihrer Führer und von überall lauernden Lockungen.
Die Leute seien "misstrauisch", sagt Veltroni in seinem Wahlkampfbus. Das sei die Erfahrung seiner Tour durch alle 110 Provinzen des Landes. Misstrauisch gegen die Kaste der Politiker und misstrauisch auch gegen ihre eigenen Hoffnungen. Mehr Wähler als sonst würden sich diesmal enthalten, sagen die Experten.
Veltroni ist ein ruhiger Mensch. Als Bürgermeister von Rom lud er gern Intellektuelle und Filmstars in sein Rathaus. Er ist jetzt 52 Jahre alt. Vielleicht ist es noch zu früh für ihn.
Bei seinen Auftritten vermeidet er, den Namen seines Gegners auszusprechen. Er will nicht als Anti-Berlusconi antreten. Und auch nicht als Erbverwalter der ungeliebten Regierung Prodi. Letzteres ist am schwersten. Prodi ist sein Parteifreund. Bei vielen steht "Prodi" für Steuern, teures Leben und politische Ohnmacht. "Es ist schwer, ihnen Hoffnung zu geben. Aber wir können es schaffen", sagt Veltroni. "Obama hat es auch geschafft."
Veltronis Kampagnenmotto ist: "Si può fare". Das ist "Yes, we can" auf Italienisch. "Ich traf Obama in Washington", sagt Veltroni. "Er war anders. Modern und mitreißend. Ich habe das Vorwort für die italienische Ausgabe seines Buches geschrieben." Vielleicht als Beschwörung des eigenen Schicksals.
"Si può fare" - das steht auf den Pappschildern, die dem Kandidaten auf den Plätzen entgegengewunken werden. Und angesichts all der von ihm selbst dann beklagten Blockaden und Bürokratien und Unfähigkeiten, angesichts der italienischen Krankheit hat der Spruch etwas Unwirkliches.
Es gibt keinen Obama in Italien. In keinem anderen Land Europas mit Ausnahme des Vatikans ist die politische Klasse so von Alten geprägt wie in Italien. Ein Giulio Andreotti sitzt seit Ende des Weltkriegs pausenlos im Parlament und ist immer noch ein gewichtiger Faktor. Clemente Mastella ist seit 32 Jahren Deputierter - für vier verschiedene Parteien.
Italien leide, so der Kolumnist Curzio Maltese, an einem Dorian-Gray-Syndrom: "Wir sind ein altes Land, das sich gern als jung darstellt." Man hat Angst vor dem Neuen und dem Wandel, aber man blockiert den Jungen die Zugänge zur Macht.
Am Nachmittag, als Veltroni auf der Piazza von Mantua über die unsicheren Arbeitsverträge der Jungen redete, hatte Barbara, eine 23-jährige Aushilfe im Piadineria-Imbiss, gefragt, was denn da vorne los sei. "Prekariat? Ich bin prekär", hat sie gesagt, und dass sie ihre Stimme dem gebe, der ihr etwas gibt. Bisher war das Berlusconi gewesen. "Er hat tausend Euro für jedes neugeborene Kind versprochen. Also habe ich ihn gewählt." Und wen jetzt? "Keinen. Basta. Die lügen alle."
Früher einmal hatte Politik in Italien etwas mit Parteifesten, Überzeugungen, mit Glauben zu tun. Für Barbara ist sie jetzt auf Discount-Niveau angekommen. Wer zahlt, bekommt die Stimme. Mehr verlangt sie nicht.
Vor zwei Jahren wurde Romano Prodi ins Amt gewählt, weil die Leute genug hatten von Berlusconi. "Diese Regierung" - der Noch-Sozialminister Paolo Ferrero spricht von der eigenen - "hat das Leben der Leute nicht merklich verändert. Gut, sie hat die Steuerflucht bekämpft. Das gefällt denen, die einen Sinn für das Gemeinwohl haben. Die Betroffenen dagegen sind abgeschreckt, und den meisten ist es völlig egal. Es wurde kein Konsens geschaffen."
Paolo Ferrero ist der zweitjüngste Minister im Kabinett, ein Protestant, Arbeiterkind und Reformkommunist. Er rechnet nicht damit, noch lange an seinem Schreibtisch zu sitzen. Der historische Kompromiss Prodis, das reformerische Zweckbündnis von ehemaligen Christdemokraten und Kommunisten, ist gescheitert.
"Die Mehrheit im Senat war so dünn", sagt Ferrero, "dass im Grunde jeder Senator ein Vetorecht hatte. Das wurde ausgenutzt. Die Kirche stoppte jede Reform der Bürgerrechte, die Wirtschaftsliberalen bremsten jede wirksame Sozialpolitik."
Er gehöre zu einer Generation, die erstmals wisse, dass es ihren Kindern schlechter gehen wird als ihnen. Man lebt vom Kapital der Vergangenheit. Dem Haus der Eltern, der von den Großeltern geerbten Kunst des Zusammenlebens, der Leichtigkeit des Miteinanders: "Ihr Ausländer mögt das. Aber wir zehren vom Gestern. Wir sind ein Land mit großer Angst vor der Zukunft, in einer Situation, wo sich die Dinge weiter verschlechtern werden. Da hat der Populismus eines Berlusconi eine starke Attraktivität."
Italien, meint der Kommunist Ferrero, habe diesen Mann vielleicht sogar verdient: "Er gehört zur Autobiografie der Nation. Ein Land, wo ein Fünftel des Sozialprodukts schwarz erwirtschaftet wird. Es gab hier nie die Reformation. Deswegen ist der Respekt vor der Regel bescheidener als anderswo. Man will sich in dem Reichen, dem Selfmademan wiedererkennen. Berlusconi ist in Groß, was sich viele Italiener für sich, in Klein erträumen."
Es heißt, der Wahlkampf war ruhiger als vor zwei Jahren. Ruhiger bedeutet in Italien, dass ein Parteivorsitzender in den Durststreik tritt, um seiner Partei, den "Radikalen", bessere Listenplätze zu verschaffen. Ruhiger bedeutet, dass Silvio Berlusconi vor tobenden Anhängern das Wahlprogramm Veltronis in Fetzen reißt.
Siziliens gerade wegen Mafiaverstrickungen zu fünf Jahren verurteilter Regionalpräsident Salvatore Cuffaro wird von den Christdemokraten auf einen Spitzenplatz gesetzt, unter dem Motto: "Werte, die man nicht kaufen kann". Und wer es bisher für ausgeschlossen hielt, dass auch die private Masseurin eines Parteichefs Anspruch auf einen Listenplatz hat, den belehrte Silvio B. eines Besseren.
Auf Berlusconis Senatorenliste findet sich auch Giuseppe Ciarrapico, 74, ein vorbestrafter Geschäftemacher und Bankrotteur, der öffentlich erklärte, seinen Faschismus "niemals verleugnet" zu haben.
Das ist das alte Italien. Bewundert und bestaunt. Vor allem aber belächelt. Ein Land der Komödianten und Blender, der liebenswerten Gauner, Trickser und ewigen Kindsköpfe. Ein wenig Roberto Benigni, ein wenig Gianna Nannini, ein wenig Armani. Es wird dieses Image vermutlich nie ablegen. Und es leidet darunter.
Da gibt es eine Verfassung, in der beide Kammern exakt die gleichen Befugnisse haben. Sobald die Mikrofone abgeschaltet sind, beginnt jeder Politiker wortreich über diese Absurdität zu dozieren. Doch ist es in 60 Jahren Nachkriegsgeschichte unmöglich gewesen, daran etwas zu ändern.
Und niemand wird kommendes Wochenende sein Kreuz für einen Kandidaten machen können. Gewählt wird eine Liste. So entscheiden die Parteichefs, wer im Parlament sitzt. Meist immer dieselben. "Eine Sauerei!", meinte der ehemalige Lega-Minister Roberto Calderoli. Aber der hatte es sich mit ausgedacht.
In den Programmen beider Kandidaten werden Reformen verlangt, manchmal auch die gleichen: Bürokratieabbau, weniger Steuern, Verfassungsreform. Die Wahlprogramme unterscheiden sich in Nuancen. Es sind Klientelversprechen, keine Weltentwürfe. Berlusconi wird den Sizilianern ihre Brücke bei Messina bauen. Veltroni nicht, dafür sollen Pensionen angehoben und die Studiengebühren abgeschafft werden. Eine Große Koalition wäre ebenso naheliegend wie ausgeschlossen. Denn das Land ist zu tief gespalten, in rechts und links, in Arm und Reich.
In Nord und Süd.
Hoch im Norden
Flavio Tosi ist unrasiert und trägt sein Hemd offen. Das verleiht ihm, gewiss gewollt, den Ausdruck eines Ahmadinedschad der padanischen Revolution. Flavio Tosi ist einer der neuen Führer der Lega Nord und seit Mai 2007 Bürgermeister von Verona, der Romeo-und-Julia-Stadt in Sichtweite der Alpen.
"Wir haben unser Gesundheitssystem in Ordnung gebracht. Das war bitter. Weshalb sollen wir die zwei Milliarden Euro Defizit der Krankenhäuser in Kampanien zahlen?"
Tosi spricht prononciert Veneto-Akzent. Die Lega Nord des Umberto Bossi ist 17 Jahre nach ihrer Gründung verankert in den Regionen Emilia Romagna, Venetien, Lombardei. In manchen Gegenden so wie die CSU in Bayern. Sie hat ihre eigenen Zeitungen und einen TV-Sender. Die Ortsschilder vor Lega-Kommunen sind zweisprachig, mit kuriosen Akzenten und "padanischen" Umlauten. Als stünde an der Elbe plötzlich "Hàmbürg".
Sein Parteifreund Giancarlo Gentilini aus Treviso hatte vorgeschlagen, illegale Immigranten in Hasenkostüme zu stecken und dann "Bum, bum mit dem Jagdgewehr" zu machen. Auch Tosi hatte ein Verfahren wegen Volksverhetzung am Hals. Es ging um die Beseitigung eines Roma-Lagers. Es passt zu Italien, dass nach Angaben einer Caritas-Gruppe 2006 nirgendwo mehr für die Integration von Immigranten getan wird als in Hochburgen der Lega wie Treviso.
Veronas Bürgermeister verlangt keine sofortige Abspaltung vom Mezzogiorno. "Aber der Süden muss sich an die Regeln halten", sagt er: "Kampanien hat Milliarden Euro bekommen, um mit dem Müll fertig zu werden. Nichts ist passiert." Die Unternehmer im Norden hätten es satt, Steuern in Höhe von 43 Prozent zu zahlen, nur weil dieser Staat nicht haushalten könne.
Aber die Lega hat fünf Jahre mit Berlusconi in der Regierung gesessen, und es gab keine Reformen. Auch bei der Wahl am Wochenende treten beide Parteien zusammen an. "Berlusconi ist ein Raubtier", sagt Tosi: "Er spürt, dass die Leute jetzt Reformen wollen. Wir geben ihm noch diese letzte Chance. Sonst kracht das System zusammen."
Hinter Tosis Schreibtisch hängt ein Großfoto des Papstes. Das Porträt von Staatspräsident Giorgio Napolitano hat er abgehängt. Das war eine seiner ersten Amtshandlungen.
Das sagenhafte Padanien, das Lega-Land im Norden, ist eine der reichsten Regionen Europas. Die Autostrada A 4 ist zwischen Mailand und Verona gesäumt von flachen Fabrikhallen, durchgestylten Bürogebäuden und Maschinenparks. Es gibt Tausende kleiner und mittlerer Firmen, deren Namen noch nie jemand gehört hat und die erfolgreich in Slowenien und China tätig sind.
Kaum eine von ihnen bekommt staatliche Hilfen, nicht alle bezahlen alle denkbaren Steuern, aber viele sind kreativ und alle voll Verachtung gegenüber Rom und seiner Politik. Für den amerikanischen Autor Thomas Friedman ist dieses Italien bestens auf die Globalisierung vorbereitet: "In gewisser Hinsicht ist Italien die ultimative postindustrielle Gesellschaft - es hat keine Regierung!"
Ist der flexible Umgang mit dem Gesetz vielleicht jenes Geheimnis, das die italienische Gesellschaft am Funktionieren hält? "Nein. Schon aus dem Grund, weil Italien nicht funktioniert", sagt Marco Travaglio, bekannter Chronist italienischer Skandale.
"Öffentliche Aufträge kosten das Doppelte wie im Ausland, ihre Umsetzung dauert dreimal so lange", sagt Travaglio. "Wir sind hochverschuldet, eine Folge von Korruption und politischer Vetternwirtschaft. Posten bekommt nicht der Fähigste, sondern der mit den richtigen Verbindungen. Die Guten wandern ins Ausland ab. Nein, wir zahlen einen hohen Preis für die pittoresken italienischen Verhältnisse."
Die Wähler fühlen sich ärmer als zuvor. Die realen Löhne, so die jüngste OECD-Statistik, haben sich in Italien schlechter entwickelt als in Griechenland oder Spanien. Schuld sind die hohen Steuern und das teure Leben. Schuld sind die Schulden der Dolce-Vita-Ära und die versäumten Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Energie. Schuld ist die Vergangenheit.
In ihrem 2007 erschienenen Buch "Mani sporche" - Schmutzige Hände - listen Travaglio und seine Mitautoren minutiös die Affären der letzten sieben Jahre auf, vom Fußballskandal bis zur Abhöraffäre und der angeblichen Zuhälterei des Oberhaupts des Königshauses von Savoyen. Das Buch hat das Format eines Schuhkartons und wiegt knapp ein Kilogramm. Es ist ein Bestseller.
"Die Politik ist nicht die Lösung, sondern das Problem", sagt Travaglio. "Die Parteien, und zwar beide Lager, haben dafür gesorgt, dass Delikte schneller verjähren und die Prozesse länger dauern."
Einer Schätzung des Censis-Instituts zufolge gab es zum Jahreswechsel 2006 mehr als fünf Millionen schwebende Strafverfahren in Italien. Schlimmer noch: Die Verjährungszeit setzt nicht mit Beginn des Verfahrens aus. Wenn ein Prozess nur lang genug dauert, kann sich sein Gegenstand in Luft aufgelöst haben, und der Angeklagte ist frei. Auf diese Weise enden sehr viele Affären.
Aus der Luft wurden kürzlich zwei Millionen Häuser aufgenommen, die es laut Kataster gar nicht geben dürfte. Es war wie die Entdeckung eines Kontinents.
Als die deutschen Finanzermittler in Liechtenstein vor der Steuer versteckte Gelder aufspürten, da wurden in Deutschland innerhalb weniger Wochen 30 Millionen Euro nachgezahlt. In Italien entspricht diese Summe noch nicht einmal der Strafe eines einzigen Steuersünders, des Motorradchampions Valentino Rossi.
Derzeit sitzen 24 verurteilte Italiener als Abgeordnete im römischen oder Europäischen Parlament. Ihnen sind Steuerhinterziehung, Meineid, Korruption, Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz und Anstiftung zum Mord nachgewiesen worden.
Tief im Süden
An einem Montag im Juli 1977 hing an den Kiosken das SPIEGEL-Titelbild mit dem Teller Spaghetti und einem Revolver mittendrin. Darunter die Titelzeile: "Urlaubsland Italien". Noch heute wird man auf den Spaghetti-Titel angesprochen. Der Schmerz muss tief sitzen.
Nichts ist Italienern peinlicher als die Mafia. 40 Prozent halten sie für den größten Makel ihres Landes, 31 Prozent den Müllnotstand, 12 Prozent die Verwüstung der Landschaft. Dennoch tut es weh, wenn aus dem Mezzogiorno immer nur über Schutzgelder und Müll und über angeblich dioxinverseuchten Mozzarella berichtet wird. Es tut weh, weil es wahr ist und falsch zugleich, denn Wahrheit muss auch das andere zeigen.
Zum Beispiel Anna Finocchiaro. Die 53-jährige Sizilianerin mit der rauchigen Stimme und der blutroten Handtasche könnte einmal die Angela Merkel, die Hillary Clinton, die Ségolène Royal Italiens werden. Sie hat das Zeug dazu. Ehemals Staatsanwältin, Kommunistin, Ministerin. Jetzt Fraktionsvorsitzende der Veltroni-Partei im Senat. Für die Demokraten soll sie Sizilien erobern, oder jedenfalls nicht völlig an Berlusconi gehen lassen. Ein unmöglicher Auftrag.
"Die Wähler hier sind an die Notabeln gebunden wie im Feudalismus", sagt Finocchiaro. "Auf der anderen Seite mischt sich die Politik in Dinge, wo sie nichts zu suchen hat. In Sizilien werden Chefärzte nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten ernannt, sondern je nachdem, welche Beziehungen sie zu Politikern haben. Das Gleiche gilt übrigens für Krankenpfleger."
Im Süden ist Politik die Kunst, per Schulterklopfen, Umarmungen, Zigtausenden von Handy-Gesprächen ein "Macht" genanntes Netz zu spinnen, aus Gefällig- und Verbindlichkeiten, aus Pöstchen und Vertrauensleuten, die auf ihnen kleben. Mancher meint, dass diese Art Politik sich längst über ganz Italien ausgebreitet hat.
Finocchiaros Gegenspieler ist ein Psychiater aus Catania, Raffaele Lombardo, 57, auch er ein Meister des Schulterklopfens. Das Programm seiner "Bewegung für die Autonomie" Siziliens besteht im Wesentlichen darin, von Rom ungestört über die Finanzströme des Nordens bestimmen zu dürfen. Aber Berlusconi brauchte einen Statthalter, nachdem die Christdemokraten ihm untreu geworden waren. So wird Lombardo mit seiner Zehn-Prozent-Bewegung wohl Präsident Siziliens werden. Und bekommt seine Brücke nach Messina, zum Entzücken der Stahl- und Baubarone.
Auch wenn Anna Finocchiaro durch Palermo fährt, mit Eskorte hupend durch die Straßen aufgegebener Vorstädte, auch dann ist die Mafia nie ganz weit. Nicht allein, weil ihr Dienst-Mercedes noch vor kurzem einem Paten aus Catania gehörte. "Trotz aller Verhaftungen", sagt sie, "ist das Gewicht der Mafia sehr stark. Sie kontrolliert den Arbeitsmarkt und andere Märkte."
Nur die Legalität sei der Ausweg. Und ein Abbau des männerbündischen Klientelismus der Cuffaros und Lombardos, auch wenn das Stimmen kostet: "Eine versteinerte Verwaltung wie die unsere, mit 17 000 Stellen, ist eine Bremse für die Entwicklung", sagt Finocchiaro, zieht den Lippenstift nach und verschwindet zu einem Treffen für die Chancengleichheit von Mädchen.
Sonderbar. Das hatte auch der Lega-Bürgermeister Flavio Tosi gesagt. Alle scheinen im Wahlkampf die gleiche Botschaft zu haben. Weniger Staat, weniger Steuern, weniger Bürokratie. Wenn es ernst gemeint wäre, wäre das ein Massenselbstmord der politischen Klasse. Aber so weit wird es schon nicht kommen.
Tief in der Mitte
In der Sporthalle Palazetto von Viterbo, eine Autostunde nördlich von Rom, wartet an diesem Abend das bessere Italien. Sie sind im Durchschnitt jenseits der 50, arbeitsam, katholisch und überzeugt davon, dass ein Einkommensteuerbescheid der erste Schritt zum Kommunismus ist: Gleichmacherei. Sie warten auf "Il presidente". Auf Silvio.
Und wenn das Video mit der Wahlkampfhymne läuft, und das jetzt schon zum achten Mal, stehen sie auf, schwenken die Fahnen und singen, was die fröhlichen Eisverkäufer, die Betonarbeiter und Callcenter-Frauen auf dem Video auch singen: "Meno male che Silvio c'è!" - Zum Glück gibt es Silvio! In den süßen Harmonien des Festivals von San Remo.
Berlusconi kommt herein. Klein, gedrungen und mit einem Lächeln, das sein Gesicht ständig durchzuckt wie ein nervöser Tick. "Silvio! Silvio!" Es ist sein fünfter Parlamentswahlkampf. Jeden hat er als Homo novus bestritten. Er ist jetzt 71 Jahre alt. Aber oben an der Tribüne, in dieser Wolke aus den eigenen Worten, dem Licht, den Leuten, die reagieren wie der Körper einer Geliebten - da ist Berlusconi kein alter Mann und keine Puppe, sondern nur ganz der Alte: die perfekte Wahlmaschine.
"Passt auf!", ruft er: "Die Linken wollen wieder die Wahlen fälschen. Sie sind dafür professionell geschult." Als stünden die Bolschewiken vor den Toren Viterbos.
Berlusconis Antikommunismus ist so wenig überzeugend wie seine Haare, seine Zähne und seine ewig junge Potenz. Künstlich wie seine Slogans, die TV-Programme, seine Parteien. Aber ebenso perfekt durchgearbeitet und präsentiert.
Die Botschaft jedenfalls ist echt, jene Mischung aus Hass auf die Linke und der Weltsicht eines Discount-Filialleiters. Die Sporthalle in Viterbo ist begeistert. Mancher mag denken: Alle Politiker sind Lügner, aber er ist der beste. Und Berlusconi wird immer noch zugetraut, dass er die Verhältnisse ändern kann, und sei es nur die Fron des Fiskus.
Warum nur, um alles in der Welt, diesen Mann wählen? Silvio gibt die Antwort selbst: "In der ersten Kabinettssitzung wird die Vorauszahlung der Umsatzsteuer abgeschafft" (Applaus), "ebenso die Steuer aufs erste Haus" (Applaus), "die öffentliche Verwaltung wird digitalisiert. Wir führen die von der Linken gestoppten Großprojekte weiter, bauen neue Atomkraftwerke, die Brücke nach Sizilien."
Im Ausland mag Berlusconi ein Witz sein. Nicht in Viterbo. Hier interessiert keinen, welche Prozesse derzeit noch gegen den Paten laufen, wegen Zeugenbestechung und wegen Steuerhinterziehung in großem Stil. Bilanzfälschung, Korruption von Fernsehleuten und Senatoren in der Vergangenheit? Na und. Richter sind linke Paragrafen-Fetischisten, das kennt man selbst. Und der breitbeinige, sackkratzende Humor dieses Mannes? - "Meno male che Silvio c'è!" Ist doch egal, entscheidend ist allein, dass der Staat die Hände aus den Taschen der Bürger nimmt.
Ein etwas zerknitterter Sänger mit Pferdeschwanz steht jetzt auf der Bühne, dirigiert die Ränge der Pensionäre, Handwerker, Boutiquenbesitzerinnen, die ihre Fahnen schwenken, winken, versuchen, Berlusconi zu berühren, und jetzt singen wirklich viele: "Sag es mit der Kraft, die der klare Verstand verleiht! Wir sind die Leute! Meno male che Silvio c'è!"
Immer und immer wieder, eine Spirale von Grinsen und Harmonien und dem Gefühl, diesmal wird alles anders. Die Melodie klebt einem noch Tage später im Ohr. Endlos, erbarmungslos.
Ausweglos.