Motorräder: Närrischer Nährboden - DER SPIEGEL
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Motorräder Närrischer Nährboden

Am Anfang stand eine Jux-Idee aus der Comic-Szene. Nun, acht Entwicklungsjahre später, ist die Neander fertig: das erste schwere Dieselmotorrad der Welt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit dem Vortrieb dürften die Kunden zufrieden sein. Dieses Rad hat Kraft. Es heißt Neander, verfügt als erstes seiner Art über einen Turbodieselmotor und produziert das mit Abstand höchste Drehmoment aller Serienmotorräder: 214 Newtonmeter.

Abschrecken könnte der Preis: 95 000 Euro wird die Neander Motors AG für das Zweirad in Rechnung stellen und es damit auch zum teuersten Exemplar seiner Gattung machen. Die Produktion in Einzelanfertigung soll in Kürze beginnen - an mythenträchtigem Ort: Kiel, Werftbahnstraße 8.

In den dortigen Backsteinbaracken entstand vor über 20 Jahren ein Kult-Comic, der unter dem Leitmotiv "Werner - beinhart" zeitweise Millionenauflagen erreichte und ein stark polarisierendes Bild der ostholsteinischen Lebensumstände prägte.

Die Lektüre inspirierte bald zu streng alkoholischen Großveranstaltungen mit sportbehördlich schwer klassifizierbaren Wettfahrten. Der Rummel warf, gleichsam als mobile Partydrogen, unvergessene Krafträder ab, angetrieben etwa von einer Phalanx in Reihe geschalteter Kettensägenmotoren. Unversehens entwickelte sich eine Art Woodstock norddeutscher Plemplem-Kultur.

Inzwischen hat sich der Werner-Kult ausgeöttelt. Als Reklamemaskottchen der Tankstellenkette Jet tuckern die Comic-Helden ihrem medialen Vorruhestand entgegen. Die Vermarktungsgesellschaft namens Achterbahn ging pleite. Ihre fahrzeugtechnische Nachlassverwaltung übernahm die Neander AG.

"So ist das alles entstanden, relativ verrückt, sag ich jetzt mal", erklärt Philipp Hitzbleck, einst Chefvermarkter des Werner-Wirbels und heute Vorsitzender des Neander-Aufsichtsrats. Hitzbleck nennt sich selbst einen "klassischen Marketing-Mann". Beinhart sieht er nicht aus, trägt kunstvoll zwei Lesebrillen, eine auf der Nase, eine rastet auf gepflegtem Haupthaar. Er könnte gut in einen Kosmetikkonzern passen. Ganz früher war er mal bei Reemtsma.

Die Idee, aus der kränkelnden Klamauktruppe einen veritablen Fahrzeughersteller zu machen, führte ihn vor acht Jahren zu dem Motorradrennfahrer Martin Wimmer nach München. Der sagte auch gleich etwas sehr Vernünftiges: "Was glaubt ihr denn, wer ihr seid?"

Wenig später machte Wimmer auf einem handgezimmerten Prototyp mit japanischem Leihmotor und höhenverstellbarem Traktorsitz erste Versuchsfahrten. Die Grundabmessungen der Maschine wurden festgelegt.

Wenn Hitzbleck ein großes Talent hat, dann besteht es wohl darin, hochkarätige Fachleute und am Ende ganze Firmen für schräge Ideen zu entzünden. Nur so konnte dieses Motorrad entstehen.

Denn die technischen Probleme erwiesen sich als riesig. Ein Turbodiesel sollte es sein, und zwar ein Hammer von einem Turbodiesel: mit zwei Zylindern nur, die aber so groß wie bei einem Lkw.

"Dass mit dem Werner-Know-how kein Motor zu entwickeln ist, war ja immer klar", sagt Hitzbleck. Ein Dieselaggregat mit den gewünschten Eckdaten brachte allerdings auch Fachleute an die Grenze. Mit konventioneller Kurbelwelle vibriert so ein Motor wie ein Presslufthammer. "Das würde dann keinen Spaß mehr machen", erklärt der Münchner Fahrzeugbauprofessor Werner Bauer, den Hitzbleck und die Ex-Wernerianer ebenfalls gewannen für ihr Projekt.

Seit nunmehr zwei Jahren wird der Motor auf Bauers Hochschul-Prüfstand fortentwickelt. Er lieferte schon Stoff für ein halbes Dutzend Diplomarbeiten und läuft "nahezu vibrationsfrei", sagt Bauer. Eine doppelte Kurbelwelle, aus der Werkstatt des süddeutschen Ausnahmekonstrukteurs Rupert Baindl, eliminiert weitgehend die Massenkräfte.

Längst sind erste Adressen der Motorenentwicklung für Neander tätig: Die Einspritzanlage stammt von dem Stuttgarter Technik-Imperium Bosch. Ein leitender Entwickler desselben, berichtet Neander-Vertriebsvorstand Lutz Lester, sei nach der ersten Probefahrt auf die Knie gefallen, nur noch das Wort "Hölle" hechelnd.

Die Herstellung des gesamten Motors übernimmt Mahle, eine Hubkolben-Institution von Weltformat. Durchzugskraft aus niedrigsten Drehzahlen wird die große Stärke des 112-PS-Aggregats sein. Sein maximales Drehmoment liegt weit über dem der stärksten Harley-Davidson.

Die Höchstgeschwindigkeit - genannt werden mehr als 220 Stundenkilometer - ist kein für die Praxis relevanter Wert. Auf Chopper-Motorrädern sitzt der Fahrer wie ein Windfang und strebt solches Tempo gewöhnlich nicht an.

Kein Zweifel: Das klobige 300-Kilo-Gefährt setzt nun technische Standards, die dem närrischen Nährboden seiner Entstehung spotten. Ob auch ein Kult daraus erwächst, lässt sich jedoch schlechter berechnen als eine Doppelkurbelwelle. Das Klangbild des Motors beschreibt Hitzbleck als "sonores Nageln", das nur dazu tauge, "geliebt oder gehasst" zu werden.

Einige Ideen blieben auf der Strecke. So sollte das Dieselkrad für ein Rennspektakel im bewährten Werner-Stil herhalten, das höchstwahrscheinlich mit der Zerstörung des Fahrgeräts geendet hätte.

Doch so etwas geht überhaupt nicht mehr, meint Hitzbleck: "Dafür ist das alles viel zu teuer geworden."