Nahaufnahme: Der Blick ins Riesenweib - DER SPIEGEL
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Nahaufnahme Der Blick ins Riesenweib

Wie die Schwedin Nathalie Djurberg, bekannt für ihre unverklemmten Filme, von Mailand aus durchstartet
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Mauern an diesem Ort mitten in Mailand sind hoch, die Türen aus Stahl. Es handelt sich um den gutbewachten Hintereingang zum Firmensitz des Mode-Imperiums Prada, hier muss auch an einem lässig gekleideten, leicht versnobt wirkenden Pförtner vorbei, wer in die konzerneigene Kunsthalle will.

Dort drinnen entsteht in einem großen Saal gerade ein nicht ganz jugendfreies Kunstwerk. Für das ist die Schwedin Nathalie Djurberg verantwortlich. Noch sitzt sie in ihrer verdreckten Jeans auf dem Boden, und zwar unter den ausladenden Rundungen eines gewaltigen Frauentorsos, an den sie hautfarbenen Stoff näht - die letzten Handgriffe vor der Vollendung.

Im Inneren des massigen Körpers läuft einer von Djurbergs drastischen Filmen, den die Besucher aber nur erspähen können, wenn sie durch das Loch im Hintern der Figur lugen. Das ist Djurbergs Art von Humor - sie fordert den Voyeurismus ihrer Zuschauer, die intime Nahsicht, heraus. So bringt man Besucher zum Erröten. Zum Glück ist das Licht im Raum heruntergedimmt.

Es besteht die Gefahr, dass Djurberg als Pippi Langstrumpf der Kunst gesehen wird; sie trägt öfter mal Zöpfe und macht grundsätzlich, was sie will. Aber ein Etikett wie "frech" würde das, was sie anstellt, verharmlosen.

Die Künstlerin, 30 Jahre alt, ist keine Unbekannte mehr, nach einer Präsentation ihrer Filme in einer New Yorker Galerie wurde sie sogar zur "Wonder Woman" gekürt. Regelmäßig werden Zuschauer vor ihren filmischen Werken auch gewarnt - zumindest die unter 16 Jahren.

Doch jetzt nimmt das alles andere Dimensionen an; diese Schau in Mailand ist Djurbergs bisher größter Auftritt, und das an einem Ort, an dem schon viele Karrieren angeschoben wurden.

Denn Miuccia Prada, Firmenlenkerin und Mäzenin und bald auch Besitzerin eines Großmuseums, hat enormen Einfluss. In Italien ist das Verständnis für die Kunst der Gegenwart allgemein zwar eher gering, doch Signora Prada lässt gern ihre internationalen Kontakte spielen. Vergangene Woche erst hatte sie die Stars der Szene nach Mailand eingeladen.

Von ihrem Büro führt eine Rutsche direkt hinunter auf den harten Boden des Hinterhofs. Der deutsche Künstler Carsten Höller hat sie gebaut, und die Prada-Leute verbreiten mit Vorliebe das Gerücht, die Chefin würde über diesen Weg ins Freie unliebsame Gäste entsorgen. Die Designerin, eine eher scheue Person, fördert am liebsten Leute mit Talent zur überraschenden Inszenierung. Doch selbst in ihrem Ausstellungsprogramm fällt jemand wie Djurberg auf.

Die Schwedin macht sozusagen Animationsfilme für Erwachsene. Sie lässt darin Gestalten aus Plastilin auftreten, die meist Dinge tun, über die man nicht spricht. Ganz gewöhnliche, obszöne Phantasien. "Ich bin nichts Besonderes, und wenn ich schon darüber nachdenke, werden es andere auch tun", meint Djurberg.

Ein Sigmund Freud wäre begeistert gewesen - oder auch ein wenig neidisch, denn die Djurbergschen Filme spielen mit der Verklemmtheit der Betrachter, sind aber selbst verblüffend unverklemmt. Leben, Tod, Sex und Gewalt, der Kampf der Geschlechter sind so ihre Themen.

In einem ihrer neuen Filme tanzen drei nackte, hexenhafte Frauen um einen Typen herum, den sie halbnackt an einen Baum gefesselt haben: Purer erotischer Sadismus, und am Ende verbrennt der Gefangene namens Johnny dann auch noch. Einer ihrer anderen männlichen Hauptdarsteller ist ein Mischwesen aus einem kleinen Jungen und einem bösen Wolf; ein bemitleidenswertes Fabeltier.

Und dann gibt es noch so etwas: Kinder, die in den Bauch ihrer Mutter zurückkriechen. Maden, die eine weibliche Leiche im Wald zerfressen. Eine Jägerin, die ein Walross erlegt und in den Körper schlüpft.

Oder es geht um den Sex, den eine Frau mit einem Tiger hat - vor einer Blümchentapete.

Vieles ist makaber, anderes anstößig bis pornografisch, alles wirkt bestechend bunt und im besten Sinne grotesk: Wer diese Filme sieht, dem bleibt das Lachen im Hals stecken. Jedes einzelne Filmbild erscheint wie ein absurdes Gemälde. Dabei habe sie zum Malen kein Talent, behauptet sie strahlend.

Ihr Lebensgefährte Hans Berg, ein Musiker, unterlegt die Szenen mit Cello- und Balalaikaklängen. Seit ein paar Jahren leben die beiden in Berlin. Sie sagt, sie gehe ungern aus, arbeite lieber, verpasse Ausstellungen und seine Konzerte. "Stimmt", sagt er.

Aufgewachsen ist Djurberg mit fünf Brüdern und einer Mutter, die sich wundert, weshalb die Tochter keine schönen Filme dreht. Doch Djurberg genießt es, heftige Reaktionen auszulösen. Auch weil Tabubrüche, zumal der damit oft verbundene Erfolg, vor allem Männersache sind, immer noch.

Über die Rolle der Frauen werde überall debattiert, sagt sie, für ihren Geschmack ein wenig zu viel. "Männer sind einfach da und beanspruchen ihren Platz." Ihr bereite es Spaß, in ihrer Kunst ihre draufgängerische, auch maskuline Seite zu zeigen. "Da gehe ich gern aus mir heraus."

Jetzt ist sie auf dem Sprung, in jeder Beziehung. Ein paar Männer rücken an, Prada-Angestellte im Kittel, die den Torso durch die Halle hieven sollen. Djurberg übernimmt das Kommando. Ruck, zuck liegt das Riesenweib an der richtigen Stelle - in angemessener Entfernung zu einem weiteren Werk, einer haushohen Kartoffel. Das war ihr jetzt wichtig.

Szene aus Djurberg-Film "Tiger Licking Girl's Butt": Obszönes zur Balalaika ROBERTO PONTI / GRAZIA NERI (O.); COURTESY NATHALIE DJURBERG (U.) -->