Drogenhandel Der Prinz aus Salamanca
Solche Komplimente hatte Sabine K. noch nie gehört. "Du hast so tolle Augen", schwärmte der neue Freund, "ich könnte dich stundenlang nur anschauen." Und, nach dreitägiger Bekanntschaft: "Du bist die schönste Frau, mit der ich je zusammen war."
Sabine K., die es bis zu diesem Zeitpunkt gewohnt war, von Männern ignoriert, beschimpft oder verprügelt zu werden, glaubte den schönen Worten nur zu gern. "Ich habe mich erstmals begehrt und geliebt gefühlt", erinnert sie sich, "ich wurde behandelt, als wenn ich wer bin."
Blass, die blondgefärbten Haare straff nach hinten gekämmt, das karierte Herrenhemd über der Jeans, sitzt die 30-Jährige in einer Zelle des Hamburger Untersuchungsgefängnisses und rechnet gnadenlos mit sich selbst ab. "Was war ich bloß dumm", stößt sie hervor, "was war ich leichtgläubig und naiv."
Sabine K. hasst sich dafür, dass sie viel zu spät merkte, wie raffiniert ihre Gefühle ausgenutzt wurden: Aus Liebe zu ihrem nigerianischen Freund schmuggelte sie Kokain von Südamerika nach Europa.
Sie war nicht die Einzige, die auf charmante Verführer aus Nigeria, sogenannte Romeos, hereinfiel. In Hamburg, im Ruhrgebiet und selbst in der Lüneburger Heide ließen sich Frauen erst den Kopf verdrehen und dann zum Rauschgifttransport verleiten.
Als Kleinkuriere - Szenejargon: "Mulis" - haben sie mit dazu beigetragen, dass der Nachschub der harten Modedroge Nummer eins in Europa nicht abriss. Die Kokainpäckchen zwischen zwei und acht Kilogramm, in Folie eingeschweißt und in präparierten Koffern versteckt, bekamen sie dabei nicht einmal zu sehen.
Der Clan der Nigerianer - lose Gruppierungen afrikanischer Zwischenhändler in Südamerika und Europa, die unabhängig voneinander dealen - hat sich ganz gezielt auf die weiblichen Kuriere spezialisiert: Die alleinstehenden Frauen sind meist weniger auf Geld aus, sie suchen vor allem ein bisschen Gefühl - und sind deshalb leichter bereit, große Gefahren einzugehen.
Das Kalkül der Hintermänner ist einfach: Von zehn weiblichen Kofferkulis kommen nach polizeilichen Schätzungen acht unbehelligt durch den Zoll, bei einem Ankaufspreis von 5000 und einem Verkaufspreis von 30.000 Euro pro Kilogramm Kokain in Europa ein lohnendes Geschäft. Die beschlagnahmte Schmuggelware wird als Verlust verbucht, was aus den verhafteten Botinnen wird, ist den Auftraggebern egal.
Das hohe Risiko war den meisten Frauen nicht klar. Selbst wenn mehrere Touren glücken, irgendwann läuft jede in die Fallen der Kontrolleure. Allein aus Norddeutschland sitzt derzeit mehr als ein halbes Dutzend Kurierinnen aus Liebe im Knast: zwei in Paris, zwei in Madrid, zwei auf Teneriffa, eine in Lissabon, eine im Hamburg.
In der Hansestadt führt die Spur in den Stadtteil St. Georg, zu jenem heruntergekommenen Hansaplatz nahe dem Hauptbahnhof. Im Schatten imposanter Gründerzeitfassaden existiert dort vornehmlich Gewerbe für Verlierer: Kaschemmen, in denen rund um die Uhr Fusel ausgeschenkt wird; Ramschläden, die Hehlerware verkloppen, dazwischen Spielhöllen und Sexshops.
Alkoholiker mit Bierdosen scharen sich schon früh um den steinernen Hansabrunnen, ab Mittag bevölkern Prostituierte zwischen 15 und 70 die Bürgersteige, manche der Frauen gehen am Stock. In den Billigpensionen und Steigen ringsum suchen neben den Dirnen auch Bedrängte und Verfolgte Unterschlupf: Menschen ohne gültige Aufenthaltserlaubnis, Ausreißerinnen, Drogensüchtige.
Als sich Sabine K. im Frühjahr 2006 in der Pension Hager einquartiert, blickt sie, obwohl erst 30 Jahre alt, bereits auf ein bewegtes Leben. Ein Leben, von Kränkungen und Gewalt geprägt, aber auch von dem verzweifelten Wunsch, anerkannt und gemocht zu werden. "Ein total beschissenes Leben", urteilt sie selbst.
Aufgewachsen in Greifswald, trägt sie als Kind noch das blaue Halstuch der Jungen Pioniere, alles scheint vorbestimmt nach DDR-Fahrplan: Schule, ein Ausbildungsplatz, eine Arbeitsstelle. Als die Wende kommt, Sabine ist gerade elf, geht es mit der Familie bergab. Der Vater, ein Bauarbeiter, wird arbeitslos, beginnt zu trinken, reagiert seine Wut und seine Enttäuschung an der Familie ab, prügelt so oft auf seine Ehefrau und die beiden Kinder ein, bis das Jugendamt eingreift.
Mit 14 Jahren läuft Sabine K. von zu Hause weg, zur Hauptschule geht sie nicht mehr. Sie bricht auch eine Lehre als Verkäuferin in einem Supermarkt ab, schließt sich einem Wanderzirkus an. Dort legt sie abends, wenn die Artisten ihre Kunststücke vollführen, die jeweils passenden Schallplatten auf, gegen freie Kost und einen Schlafplatz im Wohnwagen.
Sabine K. lernt einen Asylbewerber aus dem ehemaligen Jugoslawien kennen, rettet ihn vor der Abschiebung, indem sie ihn 1998 heiratet. Drei Kinder werden geboren, der Mann holt seine gesamte Verwandtschaft nach. Sabine K. muss für alle kochen, den Haushalt führen und, um die Finanzen aufzubessern, noch Büros putzen. Sie fühlt sich missachtet, und als sie auch noch beschimpft und geschlagen wird, packt sie ihren Nachwuchs und flüchtet in ein Hamburger Frauenhaus.
Doch allein in einem Zimmer mit drei Kindern gibt sie nach mehreren Monaten überfordert auf. Den Vorschlag des Jugendamts, nach einer Kur neu anzufangen, lehnt sie ab. Die Kinder kommen zurück zum Vater, Sabine K. landet ganz unten: Wenn die Stütze nicht reicht, geht sie anschaffen.
Auf dem Hansaplatz findet die Frau aus Greifswald schnell Freundinnen, die wie sie aus dem deutschen Osten stammen, wie sie im Elend von Prostitution, Drogen und Kleinkriminalität gestrandet sind: die Anja aus Rathenow, die Nicole aus Halle, die Yvonne aus der Lutherstadt Wittenberg, die Jana aus Erfurt. Auch ein paar Hamburgerinnen schließen sich an, ebenfalls mit klangvollen Namen, ebenso am Boden: die Denise, die Jasmin, die Melanie. "Alles arme Mädchen", sagt ein Drogenfahnder des Hamburger Landeskriminalamts, der im Bahnhofsviertel regelmäßig observiert.
Um den Alltag für Stunden zu vergessen, flüchten die Frauen mehrmals täglich in Samirs Internet-Café, wo die Stunde im Netz einen Euro kostet. An Bildschirmen mit Web-Kameras mailen sie Freunden oder suchen in Kontaktforen nach Bekanntschaften in aller Welt, die sie aus ihrem Dasein erlösen.
Den attraktiven jungen Nigerianer, der in Spanien lebt, wunderschöne Mails auf Englisch schreibt, lernt Sabine K. im August 2006 über so eine Kontaktbörse kennen. Sie ist derart fasziniert von seiner Stimme am Telefon, seinem Aussehen und seinem Charme, dass sie ihr letztes Geld zusammenkratzt und mit dem Bus 33 Stunden zu ihm ins spanische Salamanca fährt, eine alte Universitätsstadt westlich von Madrid.
"Er hat mich auf Händen getragen"
Der Mann nennt sich Prince - und er verhält sich wie ein Prinz. Nimmt die Frau aus Ostdeutschland bei sich auf. Kauft ihr schicke Kleider. Lädt sie zum Essen in teure Restaurants ein. Schenkt ihr zum Geburtstag eine silberne Uhr. "Er hat mich auf Händen getragen", gibt sie später bei der Polizei zu Protokoll.
Nur seinen seltsamen Wunsch, sie ganz schnell, nach nur ein paar Tagen, zu heiraten, kann sie nicht erfüllen: Ihre erste Ehe ist noch nicht geschieden.
Sabine K. lässt Anja nachkommen, eine Freundin aus Hamburg. Die verliebt sich prompt in einen Kumpel von Prince, zieht bei ihm ein. Auch sie ist hingerissen von den Männern aus Nigeria, die so ganz anders sind als die grobschlächtigen Kerle vom Hansaplatz: fröhlicher, freundlicher, optimistischer, leidenschaftlicher. Don't worry, be happy.
Leicht und locker wird den beiden Frauen auch ein kleiner Freundschaftsdienst angetragen: mal eben zwei Koffer mit Koks aus Brasilien einschmuggeln. "Kann nichts passieren", schwört Prince, "ist noch immer gutgegangen."
Das Kalkül ist klar: Blonde Frauen mit deutschem Pass, die aussehen wie Touristinnen, wecken die Auf-merksamkeit der Zollbeamten weit weniger als Afrikaner. "Eigentlich hatte ich große Angst", sagt Sabine K. heute. "Aber ich war so verliebt, wollte Prince keinesfalls verlieren."
Ursprünglich soll der Trip im Dezember 2006 nur eine Woche dauern. Doch dann verbringen die beiden Frauen zwei Monate in São Paulo, mal in düsteren Absteigen, mal in schicken Hotels. Zwei Nigerianer namens Emeka und John, einer groß und schlank, der andere klein und dick, vertrösten sie von Tag zu Tag. Mal heißt es, der Stoff sei gestohlen worden, dann wieder, es gebe Ärger mit der Polizei.
Als es endlich losgeht - Sabine K. und ihre Komplizin fliegen kurz hintereinander über Lissabon nach Barcelona -, haben beide ihr großes Erfolgserlebnis: Die Zöllner schöpfen keinen Verdacht, die Freundinnen werden nebst ihren Koffern mit doppeltem Boden anstandslos durchgewinkt. Es ist der Anfang vom Ende.
Für ihre erfolgreichen Botendienste bekommt Sabine K. von der Nigeria-Connection 6800 Euro, mehr Geld, als sie je besessen hat. Zwar reicht sie einen Teil sofort an Prince weiter, der dringende finanzielle Verpflichtungen in Afrika vorgibt - und ihr verschweigt, dass er pro angebaggerte Drogenfrau, also auch für sie, ein sogenanntes Kopfgeld von 5000 Euro kassiert. Doch mit dem Rest, immerhin noch ein paar tausend Euro, kehrt Sabine K. zurück nach Hamburg, wird auf dem Hansaplatz zur bestaunten Attraktion.
Im Asia-Grill, dem Treffpunkt der Szenemädchen, zahlt sie eine Frikadelle mit Kartoffelsalat mit einem Fünfhunderter, wedelt demonstrativ mit dem Wechselgeld. Und weckt prompt Begehrlichkeiten bei den anderen Frauen, die ebenfalls von der großen Liebe und vom großen Geld träumen - durchaus beabsichtigt: Ihr geliebter Prinz hat Sabine K. aufgetragen, weitere Mädchen zum Schmuggeln anzuwerben, nach neuen, beim Zoll unbekannten Gesichtern Ausschau zu halten. Ein Auftrag, der ihr schmeichelt: "Er hat mir das Gefühl gegeben, dass ich was Wichtiges bin."
Das Interesse ist groß, Träume scheinen greifbar nah. Rio. Teneriffa. Barcelona. Caracas. Sonne. Geld. Von überfüllten Gefängnissen spricht niemand. Und auch nicht davon, dass jeder, der etwa in Spanien mit 750 Gramm Kokain erwischt wird, mit einer Strafe von bis zu neun Jahren rechnen muss.
Nicole N. beißt als Erste an, andere drängen nach. Sie fahren mit dem Bus nach Salamanca oder Madrid, jetten von dort nach Teneriffa oder Südamerika und zurück. Der Hamburger Drogenfahnder Ralf Dornekott hat von den Kurierinnen ein Bewegungsbild erstellt, das sich liest wie ein internationaler Flugplan: Barcelona-Gran Canaria-Teneriffa. Madrid-Rio. São Paulo-Lissabon. Dakar-Paris-London. Lima-Madrid.
Fast alle Frauen aus Deutschland, die einen Drogentrip riskieren, haben sich zuvor in ihre nigerianischen Kontaktmänner verknallt, ließen sich von ihren Liebhabern letzte Bedenken oder Skrupel ausreden. Und merkten nicht, dass sie nur ausgenutzt wurden.
"Ich fühlte mich bei ihm wie eine Königin", erzählt Anna F., die auf einen Dealer hereinfiel, der sich "George Bush" nannte. "Er verwöhnte mich nach Strich und Faden", berichtet Ursel B., die einem "Sunny" auf den Leim ging. Die richtigen Namen ihrer Verführer erfahren die Frauen nie.
Schon ein paar Wochen nach dem ersten geglückten Coup ist für mehrere Kurierinnen vom Hansaplatz die Illusion vorbei. Sabine K.s Freundin Anja trifft es als Erste, sie wird mit 8,155 Kilo Koks in zwei Koffern in Lissabon geschnappt. Danach geht es Schlag auf Schlag. Innerhalb weniger Tage werden fast alle erwischt: die Melanie mit 2,28 Kilo, die Jasmin mit 5,5 Kilo, die Nicole N. mit 6,2 Kilo, die Martine mit 2,14 Kilo.
Sabine K. dagegen, die mehrmals anstandslos durch den Zoll schlüpft, wird eine Telefonüberwachung zum Verhängnis. Rauschgiftfahnder hören mit, als sie im November 2007 im Auftrag von Prince eine Nina S. als Koks-Kurierin anzuheuern versucht. Sie wird in ihrem Hotelzimmer am Hansaplatz festgenommen.
Vor dem Hamburger Landgericht gibt sie auf Anraten ihres Verteidigers Georg Debler ihre Verstrickungen nach und nach zu; stockend, mit leiser Stimme, immer wieder von langen Pausen unterbrochen. Als erstmals der Name Prince fällt, kann sie nicht weiterreden, verbirgt ihr Gesicht minutenlang hinter Papiertaschentüchern.
Denn obwohl sie ihn inzwischen "dieses Arschloch" nennt, Riesenwut auf ihn hat, sein Foto sogar der Polizei aushändigte, bleibt er für sie der einzige Mann, der sie jemals gut behandelte.
Prince und seine Freunde von der Nigeria-Connection sind spurlos verschwunden. Immerhin wissen die Ermittler, dass Prince eine Einheimische aus Salamanca geheiratet hat - um nicht aus Spanien ausgewiesen zu werden.
Sabine K., die bisher nicht vorbestraft war, wurde von einer Großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen, wie es in korrektem Juristendeutsch heißt, "Beihilfe zum unerlaubten und gewerbsmäßigen Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge". Die Angeklagte sei nicht nur Täterin gewesen, erläuterte die Gerichtsvorsitzende in der Urteilsbegründung, sondern sei auch "ausgenutzt worden als Person".