Geiselnehmer "Wir sind Taliban"
Die Männer tauchen lautlos aus dem Nichts auf, scharf zeichnen sich ihre Silhouetten vor dem strahlend blauen Himmel über Afghanistan ab. Sie stehen auf dem Gipfel des Bergmassivs von Wardak, Kabul ist von hier eine gefühlte Ewigkeit entfernt, obwohl es nur 150 Kilometer sind. Sie tragen Turban und Kalaschnikow, eine Panzerfaust ragt aus einem der Rucksäcke, einer der Paschtunen hat sie auf den Rücken geschnallt wie Pfeil und Köcher. Das Knattern ihrer Mofas wird vom Wind bis ins Tal getragen, sie nähern sich im Zangengriff, einer von links, der andere von rechts, dann sind sie da.
Highnoon am Hindukusch. Der Schurke hat die Szenerie betreten, er sagt "Salam aleikum" und rezitiert zur Begrüßung eine Sure aus dem Koran. Das hier ist sein Terrain, ein unwirtliches, einsames Gebirge in der Provinz südwestlich der Hauptstadt, 3100 Meter hoch, nur hier und da wächst ein Strauch. Nissam Udin, der Mann mit dem Mofa, lässt sich auf einem der Felsblöcke nieder. Er empfängt zwei afghanische Mitarbeiter des SPIEGEL, er will reden, über die Deutschen und das, was im vergangenen Herbst geschah.
Nissam hat hier vor knapp zehn Monaten zwei Deutsche entführen und einen von ihnen erschießen lassen. Rüdiger Diedrich, ein Ingenieur aus Wismar, ist seit dem 20. Juli 2007 tot. Sein Geschäftspartner Rudolf Blechschmidt, ein Bauingenieur aus Ottobrunn bei München, der mit Diedrich einen Staudamm reparieren wollte, litt drei Monate lang als Nissams Gefangener, ehe er im Oktober, nach 84 Tagen in Geiselhaft, von der Bundesregierung gegen ein Lösegeld freigekauft wurde. "Wir haben patrouilliert", sagt Nissam, wenn er über den Morgen im Juli spricht, "wir waren auf der Jagd, wir haben ihnen keine Chance gegeben."
Blechschmidt hat Afghanistan mittlerweile verlassen, aber der Paschtune, den sie hier Mullah Nissam nennen, ist noch immer gegenwärtig, am Hindukusch und im Berliner Regierungsviertel. Für die Bundesregierung ist der Mullah eine Mahnung, eine Erinnerung an einen Deal, der Rudolf Blechschmidt die Freiheit brachte, aber zu einem hohen politischen Preis.
Auf Bitten Berlins entließ die afghanische Regierung im Austausch für Blechschmidt und dessen afghanische Begleiter vier Komplizen aus dem Gefängnis. Hamid Karzai, der Präsident, war gegen das Geschäft, aber er ließ es passieren, aus Rücksichtnahme. In einem schwarzen Koffer übergaben die Deutschen dem Mörder außerdem 600.000 Dollar Lösegeld, vielleicht hat er davon sein Mofa bezahlt.
Wenn es um Geiselnahmen geht, wiederholt die Bundesregierung seit dem Deutschen Herbst 1977 einen Schlüsselsatz, den auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nach dem Mord an Rüdiger Diedrich ausgesprochen hat: "Dieses Verbrechen darf nicht ungesühnt bleiben."
Dieser Satz soll Nachahmer abschrecken und signalisieren, dass es kein Pardon gibt. Ohne diesen Satz kann die Strategie der geheimen Zahlungen von Lösegeld nicht funktionieren, weil sonst der Eindruck entstünde, man könne die Regierung gefahrlos erpressen. Deshalb leitet die Generalbundesanwältin in Karlsruhe jeweils Ermittlungsverfahren ein, auch nach der Entführung von Diedrich und Blechschmidt.
Dieser Satz gilt, aber nur für innerdeutsche Geiselnahmen. Im Ausland ist er nicht sehr viel wert, weil er sich in der Praxis nicht halten lässt. In Krisenregionen verzichtet die Bundesregierung weitgehend auf die Verfolgung der Kidnapper, weil die Mittel des deutschen Strafrechts dort an ihre Grenzen stoßen. Ein militärischer oder paramilitärischer Einsatz, etwa der Elitetruppen KSK oder GSG 9, gilt nach Abwägung von Chancen und Risiken als zu gefährlich.
Menschenräuber wie Mullah Nissam werden weniger hart verfolgt als zum Beispiel Taliban-Sympathisanten, die einen Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan verübt haben. Diese Politik der sanften Nachsorge hat dazu geführt, dass Nissam wahrscheinlich der erste Entführer ist, den die deutschen Ermittler nicht nur namentlich kennen, sondern den sie auch jederzeit anrufen können, ohne dass er etwas zu befürchten hätte: "Ich habe", prahlt der Paschtune, "meine Telefonnummer auch der Deutschen Botschaft gegeben."
Wer die Nummer wählt, erlebt einen höflichen Kriegsherrn, der den Anrufer als Gast nach Wardak einlädt, wo er über 30, vielleicht 50 Kämpfer und ein paar hundert Schafe gebietet. Am vereinbarten Treffpunkt müssen die Besucher ihre Mobiltelefone abgeben und auf Mofas umsteigen. Stundenlang werden sie herumgefahren, ehe zwei junge Männer sie zu einem mobilen Zeltlager führen, in dem Nissam Udin logiert. Ein rot-weißer Mast mit Mobilfunkantennen zeugt in der Ferne von einer Zivilisation, die nur durch tagelange Märsche erreichbar ist.
Die Reise zu Nissam ist eine Expedition in einen Teil Afghanistans, der im Chaos versinkt. Eine Gegend, in die staatliche Autorität keinen Einzug gehalten hat, in der lokale Milizenführer und Stammesälteste bestimmen und in der die Nato-Schutztruppe nur ein kleines Provinz-Wiederaufbauteam mit einigen hundert türkischen Soldaten unterhält, die sich aus ihrem Stützpunkt kaum heraustrauen. "Schwer zugänglich" nennt der deutsche Nato-General Hans-Lothar Domröse diesen Teil Afghanistans in der beschönigenden Sprache der Allianz. Nissam Udin ist hier eine feste Größe.
Der Mullah trägt einen kurzgestutzten schwarzen Bart, weiße Turnschuhe und einen Turban, er hat das Gesicht mit einem Stofftuch und einer Sonnenbrille verhüllt. Er selbst schätzt sein Alter auf etwa 30, genauer weiß er das nicht. Als die stämmigen Arme für einen Augenblick das Kopftuch heben, kommt ein von der Sonne gegerbtes Gesicht mit kantigen Zügen zum Vorschein. In Afghanistan gilt man mit 30 Jahren als Routinier des Kriegshandwerks, Nissam hat sich entschieden, auf welcher Seite er kämpft: "Wir sind Taliban."
Drei Worte, die für die Bundesregierung ein großes Problem bedeuten. Öffentlich spricht das Auswärtige Amt über Blechschmidts Entführer bis heute von "lokalen Kriminellen", das Wort Taliban meiden die Diplomaten. Steinmeier will den Eindruck verhindern, er zahle an Aufständische. Aber wer dem Mullah zuhört, kann wenig Zweifel daran haben, dass das, zumindest indirekt, geschehen ist.
"Wir möchten die Ungläubigen beseitigen
"Wir Taliban", sagt Nissam im Paschtu-Singsang, "wir haben alle die gleiche Aufgabe." Der Kriegsherr hat sich auf einen der Steine gesetzt, er untermalt die Worte, indem er die Aufständischen mit seinem Arm vergleicht. Es sei wie bei den Fingern einer Hand, ein Finger sei kürzer, der andere länger, aber sie gehörten zur selben Hand. Diese Hand habe sich nun erhoben, gegen die Regierung und ihre internationalen Unterstützer.
"Wir möchten die Ungläubigen beseitigen, erst die afghanischen Ungläubigen und danach die ausländischen Ungläubigen, bis sie unser Land verlassen haben." Sie würden den Koran verbrennen und mit Füßen treten, "sie schikanieren die Muslime, sie drucken Karikaturen von Mohammed". Um den Feind niederzuschlagen, seien "alle Methoden und Tricks" erlaubt, sagt Nissam und fügt drohend hinzu: "Wir arbeiten nicht für Geld, sondern für Gottes Willen. Wenn Gott will, werden wir eines Tages siegen."
Die Dollar aus Deutschland dürften dabei zumindest nicht geschadet haben. "Wir rüsten auf", sagt der Mullah, "wir verbessern unsere Technik." Das Geld habe er "an unsere Ältesten geschickt, so, wie wir es unter uns muslimischen Brüdern vereinbart haben". Er selbst will sich nicht bereichert haben, aber die deutschen Ermittler vom Bundeskriminalamt (BKA) und vom Bundesnachrichtendienst (BND) hörten live mit, wie Nissam die frischen Dollarnoten nach der Übergabe so genüsslich zählte, dass das Rascheln am Telefon hörbar war. Sie gehen davon aus, dass das Geld, das am 10. Oktober 2007 durch Mittelsmänner in die Berge gefahren wurde, in Teilen bei dem Mullah blieb, in Teilen aber an andere Kommandeure der Taliban ging.
Für Steinmeier, aber auch für die Bundeskanzlerin, wäre das ein Debakel. Was sollen sie den 3400 in Afghanistan stationierten Soldaten der Bundeswehr sagen, wenn sie von Taliban angegriffen werden, die ihre Waffen mit deutschem Geld gekauft haben? Wie sollen sie Karzai erklären, dass der BND nicht nur Teile der afghanischen Regierung überwacht hat, sondern die deutsche Regierung auch Lösegeld an Kabuls Feinde zahlt?
Gleich nach der Übergabe des Koffers, so die Erkenntnisse des afghanischen Geheimdienstes, reiste Nissam in die Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan, wo er wohl einen Teil seiner Beute abgeliefert hat, als eine Art Revolutionssteuer. Die Ermittlungen haben Indizien erbracht, dass zumindest einer von Nissams Männern namens Mohammed Bahir bis heute Kontakte zu den Taliban in den südafghanischen Provinzen Helmand und Zabul und sogar zur Quetta-Schura, der Taliban-Chefriege in Pakistan, unterhält.
Bahir, bei den Taliban als Mullah Younis bekannt, war der Emissär, der in den Verhandlungen mit der Deutschen Botschaft in Kabul den Preis für die deutsche Geisel weiter und weiter nach oben getrieben hatte, von anfangs gut 200.000 Dollar auf das Dreifache. "In Afghanistan wird die Beute immer aufgeteilt", sagt ein Ermittler, "jeder bekommt sein Stück vom Kuchen", auch die Taliban.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Bundesregierung mehr oder weniger direkt an Aufständische gezahlt hat. Im Sommer 2003, nachdem algerische Islamisten 16 deutsche Sahara-Touristen verschleppt hatten, ließ die Bundesregierung fünf Millionen Euro an die Kidnapper überbringen. Das Geld, rühmte sich später der Kopf der Gruppe, der sich Abderrassak al-Para nannte, habe er gut gebrauchen können, um den Nachschub der Guerillagruppe zu finanzieren. Toyota-Geländewagen und Gewehre habe man damit finanziert. Der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, flog den Geldkoffer persönlich nach Afrika.
Später, als Para festgenommen wurde, entschied eine Runde im Kanzleramt, nicht auf seine Auslieferung zu drängen, unter anderem, um "mit so jemandem nicht den deutschen Rechtsstaat zu belasten", wie sich einer der Beteiligten erinnert. Diese Linie gilt bis heute, auch für Nissam, der wie Para für den Tod eines Deutschen verantwortlich ist.
Fragt man den Mullah, warum er Rüdiger Diedrich töten ließ, antwortet Nissam mit jener lakonischen Art, die in Afghanistan weit verbreitet ist, wenn es um den Wert eines Menschenlebens geht. "Er hatte eine Herzkrankheit", erzählt er. "Wenn er zehn Minuten lief, fiel er immer wieder hin. Wir haben seine Situation nicht verstanden." Zwei "unerfahrene Freunde" seiner Gruppe hätten Diedrich missverstanden, als der von seinem Leiden berichtete und Worte rief, die womöglich falsch gedeutet wurden. "Unsere Freunde haben gedacht, dass er bittet: ,Erschießt mich, erschießt mich.'" Später wird sich Rudolf Blechschmidt erinnern, Diedrich habe sich völlig erschöpft an einen Hang gesetzt, "da hat einer von den Jungen ihn erschossen", mit zwei Garben aus dem Sturmgewehr. Die Ärzte, die die Leiche obduzierten, zählten acht Einschusslöcher.
Nissam ist überzeugt, den Deutschen zum Islam bekehrt zu haben
Wenn Taliban einen Anschlag auf Bundeswehrsoldaten begehen, schickt das BKA ein Ermittlungsteam nach Kabul, oft ein Dutzend Beamte. Sie verhören zusammen mit dem afghanischen Geheimdienst Verdächtige und gehen den Spuren nach.
Im Mordfall Diedrich und im Entführungsfall Blechschmidt ist die Lage schwieriger. Es gibt keinen Rechtshilfeverkehr, die Bundesanwaltschaft darf offiziell keine Beamten an den Hindukusch entsenden. Sie bekommt keine Informationen, was die Afghanen ermitteln, geschweige denn Vernehmungsprotokolle oder Spurenauswertungen. Bis heute gibt es deshalb keinen Haftbefehl gegen Nissam, er ist nicht einmal offiziell Beschuldigter. Wenn ein Team aus BKA-Spezialisten vor Ort arbeiten soll, muss die Bundesregierung gesondert darum bitten, es ist eine politische Abmachung. Bei den Anschlägen gegen Bundeswehrsoldaten passiert das, bei den Ermittlungen gegen Diedrichs Mörder nicht. "Sehr sensibel" sei das Thema, sagt ein Ermittler, und "sehr politisch", auch wegen der Afghanen.
Die Kabuler Regierung möchte die Hoheit über die Ermittlungen behalten, sie will ihr Gesicht nicht verlieren und verhindert, dass die Deutschen eigenständig handeln. Wochenlang hatte General Abdul Manan, der Leiter der Anti-Terror-Einheit der afghanischen Armee, der Deutschen Botschaft zuvor erklärt, seine Spezialkräfte hätten das Geisel-Camp bereits umstellt, man könne jederzeit zuschlagen. Als sich die Paschtunen kurz darauf per Handy meldeten, belegten die Ortungsgeräte, dass Nissam und seine Leute den abgeriegelten Ort längst verlassen hatten.
Manan sitzt in seinem mit Urkunden der US-Armee dekorierten Büro in Kabul, und bei einer Tasse grünem Tee verspricht er, die Täter würden "bis Ende 2008 festgenommen". Stolz zeigt der General eine in Hochglanzfolie gebundene Blattsammlung mit Bildern von vier Polizisten und zwei Randpersonen der Geiselnehmer-Gang, die kurz nach der Verschleppung als Komplizen festgenommen wurden. "Ebenso wird es bald Nissam und seinen Leuten ergehen", kündigt der General an.
Die Aufführung soll Aktivität dokumentieren, doch die deutschen Ermittler zweifeln, dass viel dahinter steckt. Der Großvater von Nissam und der Medizinstudent Abdul Wali, die die Kabuler Ermittler schon im November festgenommen hatten, sind wieder auf freiem Fuß. Wali hatte eine erste, gescheiterte Geldübergabe organisiert, bei seiner Festnahme fanden die Fahnder mehrere zehntausend Dollar. Da die Scheine nicht aus dem markierten Lösegeld stammten, durfte der 23-Jährige wieder gehen.
Am besten beschreibt vermutlich der lokale Polizeichef von Wardak, Mozafaroudin Yamin, die Lage. "Ich habe in der Region, in der Nissam ist, genau elf Polizisten", sagt er, "damit können Sie gar nichts ausrichten."
Die Deutschen haben das KSK für Afghanistan. Das KSK könnte in den Bergen von Wardak operieren. Schon während der Verschleppung hatte der Krisenstab mehrmals den Einsatz des KSK erwogen, man wusste ziemlich genau, wo Nissam sich aufhielt. Der Krisenstab hat den Plan verworfen, die Militärs hatten alle möglichen Bedenken. Der Mullah blieb unbehelligt.
Als das Gespräch in den Bergen sich dem Ende nähert, steht Nissam Udin auf, er umarmt seine Mudschahidin und verteilt Blumen. Er setzt sich neben den jüngsten seiner Krieger, die Sonne brennt, er führt vor, wie man eine Kalaschnikow auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Es ist die Inszenierung eines erfolgreichen Kriegsherrn, der sich um seine Kämpfer kümmert, der selbstbewusst sagt: "Jeder Berg, jeder Ort und jede Region ist hier unsere Verteidigungsstellung."
Eine Sache gibt es noch, die dem Mullah am Herzen liegt, die Reporter sollen sie Blechschmidt ausrichten. Nissam ist überzeugt davon, den Deutschen zum Islam bekehrt zu haben. Er habe sein Wort gegeben, dass er nun an Allah glaube, sagt Nissam, "Kalima" nennen die Paschtunen das. Sie hätten ihn seitdem nur noch "Omar" gerufen; von Blechschmidt gibt es dazu keine öffentliche Äußerung. "Wenn er Kalima nicht vergessen hat und er jetzt betet und fastet und Muslim geblieben ist", behauptet Nissam, "dann entschuldigen wir uns bei ihm."
Ein entfernt vorbeifliegender Kampfjet beendet das Gespräch abrupt. Seit die "Tornados" am Hindukusch patrouillieren, fürchten die Taliban die Deutschen, es muss jetzt schnell gehen, auf Paschtu werden laut Befehle gerufen.
Dann sind die Mudschahidin genauso plötzlich verschwunden, wie sie gekommen sind.