Prominente: Der Verona-Faktor - DER SPIEGEL
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Prominente Der Verona-Faktor

Bis zuletzt hat Franjo Pooth darauf gehofft, dass ihn die Bekanntheit seiner Ehefrau doch noch vor der Pleite bewahrt. Aber das war eine Illusion. Stattdessen gerät durch Tricksereien in seiner Firma auch Partnerin Verona in ein schiefes Licht. Ein Promi-Paar auf dem Abstieg?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Braut, so schrieb die Boulevardpresse später, habe ihr "Jaaaa, ich willll" geschmettert, dass man es bis in die letzte Reihe des Wiener Stephansdoms hören konnte. "Es floss", so rapportierte kitschig die "Bunte", "eine schöne blaue Donau voller Glückstränen."

Ansonsten überlieferte die Yellow Press von der Hochzeit der Fernsehmoderatorin und Werbefigur Verona Pooth mit dem Unternehmer Franjo Pooth vor allem Zahlen.

100 000 Euro sei das Brautkleid von Lagerfeld wert gewesen, 150 000 Euro der Schmuck von Cartier, 24 000 Euro die Uhr, die sie ihm schenkte, und 120 000 Euro der BMW-Sportwagen, mit dem er sich revanchierte.

So ist es immer gewesen im Leben des selbsterschaffenen Stars Verona Pooth, geborene Feldbusch, und so war es auch an diesem Tag im September 2005: An jedem Ding klebt eine Zahl, und dahinter blinkt das Euro-Zeichen.

Werbeverträge, Auftritte in Talkshows, eigene Fernsehmoderationen, Galas, Shows, Vorträge, Autogrammstunden: Verona Pooth wusste stets, was sie wert war, pro Abend, pro Auftritt, pro TV-Minute.

Kann sein, dass sich Ehemann Franjo in diesem Labyrinth von Preisschildern irgendwann verirrt hat. Dass er diese Scheinwelt für bare Münze genommen hat, in der allein der Name Pooth auf wundersame Weise dafür sorgt, dass es an Geld niemals fehlt.

Jedenfalls hat er auf diese Poothsche Zauberwirkung offenbar auch noch gehofft, als seine Firma Maxfield schon fast vor der Pleite stand. Da wurde der Markenwert seiner Firma neu berechnet und das Zahlenwerk aufgehübscht, und Franjo brachte sein letztes Aufgebot in Stellung: Ehefrau Verona habe zugesagt, die Marke Maxfield zu "stützen und zu fördern", heißt es in einem Gutachten, das dem SPIEGEL vorliegt.

Das zahlte sich richtig aus. Mit einem Mal war die Marke Maxfield - zumindest auf dem Papier - stolze 18,5 Millionen Euro wert.

Doch alle Tricks und Verona-Boni brachten nur eine kurze Verschnaufpause - und am Ende gar nichts mehr. Im Gegenteil: Veronas Name konnte die Firma ihres Mannes nicht vor der Pleite retten - und jetzt droht sein unternehmerisches Scheitern ihre Karriere zu beschädigen.

Sie schiebt die Dinge weit von sich: "Franjos Insolvenz hat mit meinem Berufsleben überhaupt nichts zu tun. Das sind zwei völlig getrennte Bereiche."

Es geht nicht nur um die 19 Millionen Euro Schulden, die Franjo mit seiner Elektronikfirma angehäuft hat. Von Insolvenzverschleppung ist die Rede, von Bestechung, von Bilanztricksereien.

Tatsächlich, so vermuten die Staatsanwälte, war Maxfield schon viele Monate früher pleite, als Franjo Pooth eingestanden hat. Dem SPIEGEL liegen Geschäftsunterlagen vor, aus denen hervorgeht, dass seine Firma schon ein Jahr früher zumindest am Rande der Zahlungsunfähigkeit stand. Franjo soll zudem hochrangigen Angestellten der Düsseldorfer Stadtsparkasse teure Geschenke gemacht haben, in der Hoffnung, eigentlich unvertretbare Kredite zu bekommen und die Pleite hinauszuzögern.

Und es geht immer weiter: Zurzeit prüfen die Steuerbehörden, ob Franjo Pooth über eine zweite Firma nicht auch noch Millionen Euro am Fiskus vorbeigeleitet haben könnte. Entsprechende Hinweise hatte der Unternehmer vor wenigen Wochen selbst gegeben, um einer möglichen Strafverfolgung zuvorzukommen.

Im Fernsehen tauchen jetzt geprellte Gläubiger auf, die anklagen, und ehemalige Angestellte, die Verwerfliches berichten. Das TV und die Boulevardblätter, mit denen Verona Pooth früher spielen konnte, weil sie nichts zu verbergen hatte, sind ihrer Kontrolle entglitten.

Es ist beinahe tragisch, wie die Kunstfigur Verona jetzt in den Abwärtsstrudel gerät. Sie selbst hatte sich immer gegen alles abgesichert, war penibel bei Verträgen, hatte Bodyguard und Chauffeur, baute ihr Image von der "Peep"-Show-Moderatorin mit falscher Grammatik allmählich um zu dem einer Geschäftsfrau. Nichts überließ sie dem Zufall. Alles kontrollierte sie. Selbst auf die Inhalte der Werbespots, die sie drehte, hatte sie Einfluss. Ihr Leben war gut gesichert gegen Feuergefahr aller Art, jedenfalls nach außen.

Und dann lässt ihr Mann in der Küche die Milch anbrennen.

Der Fall Pooth ist nicht einfach eine Insolvenz wie Tausende andere jedes Jahr in Deutschland. Er beschreibt auch ein Milieu mitten in Promi-Deutschland.

In diesem ganz besonderen Klüngel verließen sich alle - von Ehemann Franjo bis hin zum Chef der Stadtsparkasse - ein bisschen zu sehr auf den Verona-Faktor. Alle machten mit in einem Spiel, in dem jeder jeden beschenkte, weil er sich selbst etwas davon erhoffte. Und sei es nur der Glanz der Fernsehprominenz.

Selbst die eigene Hochzeit wird da nicht nur zu einem pompös-neureichen Event, sondern zu einer guten Gelegenheit, manches Ding von anderen bezahlen zu lassen. Das teure Kleid war ein Geschenk von Lagerfeld, die Kutsche zahlte ein Sponsor.

Wie andere Promis ihres Bekanntheitsrangs war es Frau Pooth zum Zeitpunkt der Hochzeit schlicht gewohnt, dass andere einen Teil ihres Lebens finanzieren. First-Class-Hotels, Flüge, Fahrer, Friseure und Visagisten wurden von TV-Sendern oder Werbeproduktionen bezahlt. Immerzu gab es Gagen, wenn sie irgendwo auftrat. Ihre pure Existenz war Geld wert.

"Alles", erinnern sich Mitarbeiter, "war perfekt organisiert." Und wenn wirklich einmal niemand zu finden war, der die anfallenden Kosten übernahm, dann gab es ja immer noch Maxfield.

Die Firma hatte Franjo Pooth nach abgebrochenem Architekturstudium und einigen Semestern Betriebswirtschaftslehre im Jahr 2001 gegründet. Anfangs war das Unternehmen sogar recht erfolgreich.

Das simple Geschäftsmodell: Pooth orderte in Asien billige MP3-Player, verpasste ihnen ein neues Design und verkaufte die Teile mit hohen Aufschlägen in Deutschland an große Händler wie Amazon, Saturn oder andere Discounter.

Da die Geräte damals äußerst gefragt waren, schnellte der Umsatz von Maxfield sehr rasch in die Höhe. 2005 lag er bei rund 35 Millionen Euro. Im Jahr 2006 kam Franjo Pooth gar in die Endausscheidung zum "Entrepreneur des Jahres" und durfte sich bei "Sabine Christiansen" in den Talkshow-Sessel setzen. Er war nun plötzlich wer im Irrgarten der Preisschilder.

Und die Pooths, das waren jetzt nicht mehr nur Verona plus x, sondern das war mit einem Mal ein Erfolgspaar, bei dem jeder im Glanz des anderen baden konnte. Mein Mann, der Unternehmer, sagte Verona jetzt, und sie wurden hofiert in Düsseldorf und Umgebung wie Hollywood-Stars.

Mit dem Angeberfahrzeug Hummer ganz in Weiß fuhr das Paar auf der Königsallee vor. Es protzte mit Prominenz, und es sonnte sich im Erfolg - und mit ihnen sonnte sich die Führungsetage der Düsseldorfer Stadtsparkasse. Die hatte rund neun Millionen Euro an Krediten in das Unternehmen gepumpt. Sparkassen-Chef Heinz-Martin Humme und zwei seiner Mitarbeiter konnten sich zudem einer ganz besonderen Nähe zu dem Superpaar rühmen.

Bei der klotzigen Hochzeit in Wien waren die Sparkassen-Angestellten auch dabei. Schließlich traf man sich ja auch in Düsseldorf zum Essen und zu ausgedehnten Feiern bei Nobel-Italienern. Es war la dolce vita auf Düsseldorfer Art.

Auch in Hummes Golfclub zeigte sich Verona Pooth. Und Franjo im Glück soll den Bankern teure Flachbildschirmfernseher, ein Davidoff-Feuerzeug oder anderes elektronisches Spielzeug spendiert haben. So wie er das eben kannte, aus der Welt der vielen Gefälligkeiten, Gagen und Geschenke, in die er da hineingeraten war.

Ob er bewusst versucht hat, seine Kreditlinien durch die üppigen Geschenke zu sichern, prüft derzeit die Staatsanwaltschaft. Der von der Stadtsparkasse suspendierte Humme streitet die Annahme ab.

Völlig uneigennützig waren die Präsente aber offenbar nicht. Nur kurze Zeit später bahnte sich bei Maxfield eine schwerwiegende Krise an. Wegen Lieferschwierigkeiten konnte das Unternehmen ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft des Jahres 2006 seine Kontrakte nicht erfüllen. Zudem waren zahlreiche MP3-Player qualitativ so schlecht, dass sie von den Kunden zurückgegeben wurden. Die Situation, erinnern sich Mitarbeiter, wurde für Maxfield zunehmend "dramatisch".

Wie dramatisch, ist in einem Bericht der Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RölfsPartner nachzulesen. Bei einem Umsatz von rund 26 Millionen Euro, schreiben die Wirtschaftsprüfer im Juni 2007, habe Maxfield im Jahr 2006 einen "nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag in Höhe von 4,294 Millionen Euro" ausweisen müssen. Konkret bedeutet das: Maxfield ist zu diesem Zeitpunkt schwer angeschlagen und zumindest bilanziell überschuldet.

Zumal, wie die Wirtschaftsprüfer feststellen, auch in den ersten fünf Monaten des Jahres 2007 keine wesentliche Besserung eingetreten war. Allein in diesem Zeitraum fährt Franjo Pooth noch einmal 1,3 Millionen Euro Miese ein.

Eigentlich, glauben Ermittler, hätte damals wohl schon Schluss sein müssen mit der großen Party. Doch die Notbremse zu ziehen, kommt der von den Wirtschaftsprüfern unterrichteten Stadtsparkasse und Geschäftsführer Pooth offenbar nicht in den Sinn. Stattdessen beginnt bei Maxfield im Mai 2007 eine wundersame Wertvermehrung. Geschäftsführung und Banken wird klar, dass ja die Marke des Unternehmens einen Wert haben könnte, mit dem sich die miese Maxfield-Bilanz möglicherweise aufhübschen ließe.

Und so unterbrechen die Prüfer in Absprache mit der Stadtsparkasse ihre Arbeit, um erst einmal ein Markengutachten abzuwarten, das Maxfield parallel bei einer auf solche Fälle spezialisierten Kanzlei in Auftrag gibt. Und dort trumpft Franjo Pooth groß auf. Der Umsatz des fast maroden Unternehmens, gibt er zu Protokoll, werde in den nächsten sieben Jahren rasant wachsen - auf "147 Millionen Euro". Außerdem wolle seine Frau Verona der Marke Maxfield helfen. Ein Aufstieg des Unternehmens schien nahezu sicher.

Dermaßen beeindruckt, taxieren die Prüfer den Wert der Marke Maxfield, rechnerisch und methodisch wohl korrekt, auf die dennoch völlig überzogene Summe von 18,5 Millionen Euro. Dass ihre Berechnung hauptsächlich auf unrealistischen Planzahlen von Franjo Pooth und einem eingesetzten Verona-Multiplikator in Höhe von 1,75 beruhen, kümmert in jenem Moment kaum jemanden. Obwohl Maxfield zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als sieben Millionen Euro Schulden hat, kaum Eigenkapital besitzt und weiter massiv rote Zahlen schreibt, geht das Treiben von Sparkasse und Pooth munter weiter.

Selbst die Tatsache, dass die Wirtschaftsprüfer den Bericht wegen Ungereimtheiten schließlich nicht testieren und damit offenbar nicht einmal ein gültiger Jahresabschluss für das Jahr 2006 vorliegt, schreckt Sparkasse und andere Banken offenbar nicht.

Ein Verkauf der Marke Maxfield an einen potenten Investor, so die Hoffnung, könnte die angefallenen Schulden decken. Und an dieser Strategie hält das Kreditinstitut selbst Wochen später noch fest, als längst klar ist, dass der Markenwert nur einen Teil der Summe wert ist.

Zufall? Fatale Fehleinschätzung? Wollte die Sparkasse ihre Verstrickung und offensichtliche Fehlinvestition in das Unternehmen kaschieren? Hatte das Kreditinstitut nicht sogar längst schon die Regie bei Maxfield übernommen und war damit der eigentlich Schuldige an der Misere?

Hatte Pooth nicht sogar noch versucht, Investoren wie Nokia oder Medion für ein Engagement an seiner Firma zu begeistern? Oder war die lasche Haltung der Prüfer und Banken doch Ergebnis einer gezielt aufgebauten freundschaftlichen Beziehung zu den Bankern?

Alle Beteiligten streiten illegale Machenschaften, Täuschung und Insolvenzverschleppung strikt ab. "Einer bilanziellen Überschuldung des Jahres 2007", so Pooth-Verteidiger Benedikt Pauka, "konnte der Wert der im Eigentum der Gesellschaft befindlichen Marken als stille Reserve gegenübergestellt werden." Und der habe selbst bei einer konservativen Betrachtungsweise zu dem Zeitpunkt noch bei 9,25 Millionen Euro gelegen. Außerdem seien möglicherweise fehlende Unterschriften unter dem Geschäftsbericht kein Hinweis auf Unregelmäßigkeiten.

Fakt ist jedoch, dass sich die Geschäftsentwicklung bis zur endgültigen Pleite im Januar 2008 weiter dramatisch verschlechterte. Eine Krisensitzung jagte die nächste, Investoren wurden gesucht, Sanierungspläne geschmiedet. Und genau in diesem hektischen Jahr stießen auch die Buchhalter bei Maxfield auf weitere erhebliche Ungereimtheiten.

Hatte die Firma nach vorliegenden Belegen in der Vergangenheit eher für kleinere Privatentnahmen hergehalten, entdeckte der Firmen-Controller im Laufe des Jahres 2007 möglicherweise deutlich größere Tricksereien.

So zahlte Maxfield im April 2007 per Akkreditiv rund 1,5 Millionen Euro an seinen Handelspartner in Macau für MP3-Player. Allerdings lieferte das Unternehmen, wie Zeugenaussagen und Frachtpapiere nahelegen, nur Ware im Wert von rund 516 000 Dollar. Und obwohl der Maxfield-Controller bei Pooth interveniert haben will, wurde die Differenz von 970 000 Dollar nicht geklärt.

Auch dabei, glauben die Ermittler, könnte es sich um Buchungstricks handeln. Möglicherweise, vermuten Verfahrensbeteiligte, hat es sogar verdeckte Rückzahlungen gegeben.

Pooths Verteidiger Pauka will sich dazu nicht äußern. Und auch zur Existenz eines Bargeldkontos beim Bankhaus Lampe in Düsseldorf schweigt der Strafverteidiger mit Hinweis darauf, dass er noch keine Gelegenheit gehabt habe, bei den Strafverfolgungsbehörden Stellung zu beziehen.

Beim Bankhaus Lampe soll Pooth laut Zeugenaussagen vor Reisen nach London hohe Barbeträge abgeholt haben, die offenbar ohne entsprechende Nachweise ausgebucht wurden. Wofür er das Geld brauchte, weiß niemand.

Und Verona Pooth? Das mediale Selfmade-Wunder, das sich weder durch eine Kurzehe mit Dieter Bohlen aus der Bahn noch von Alice Schwarzer rhetorisch auf die Matte werfen ließ?

So oft wie früher ist sie ohnehin nicht mehr im Fernsehen zu sehen. Im "Unglaublichen Quiz der Tiere" ritt sie auf einem Elefanten ein. Bei "Johannes B. Kerner" gab sie die Rolle der liebenden, verzweifelten, kämpfenden Ehefrau.

Eine eigene TV-Show hat sie nicht mehr. Für ihre Reihe "Engel im Einsatz" auf RTL II sind Fortsetzungen nicht geplant.

MARKUS BRAUCK, FRANK DOHMEN