Leichtathletik "Bis es einen Toten gibt"
SPIEGEL: Vergangenen Juli traf Sie beim Golden League Meeting in Rom der Speer eines finnischen Athleten in den Rücken und verletzte Sie schwer an Niere und Leber. Können Sie sich vorstellen, wieder anzutreten, wenn gleichzeitig Speerwurf stattfindet?
Sdiri: Bei meinem Freiluft-Comeback vorige Woche beim Leichtathletikfest in Montgeron habe ich den Rasen erst betreten, als kein Speer mehr durch die Luft flog. Ich bin für das Meeting in Oslo am 6. Juni gemeldet, aber ich weiß noch nicht, ob ich dort antreten werde, weil die Organisatoren den Weitsprung und den Speerwurf zeitgleich angesetzt haben.
SPIEGEL: Dann starten Sie nicht?
Sdiri: Ich kann dann nicht springen.
SPIEGEL: Träumen Sie noch vom Speer-Regen, der vom Himmel auf Sie niedergeht?
Sdiri: Nicht mehr so oft. Ich bin dabei zu vergessen, aber es ist schwer. Der Unfall gehört zu meiner Geschichte, je weniger ich über den Unfall rede, desto weniger denke ich an ihn. Ich blicke lieber nach vorn, in die Zukunft. Ich will mich für die Olympischen Spiele in Peking qualifizieren. Und ich bin nah dran. Die Wunden sind erst seit Dezember richtig verheilt, aber der Unfall und das anschließende Aufbautraining haben mich stärker gemacht - im Kopf und auch physisch.
SPIEGEL: Bestand nie die Gefahr, dass Sie Ihre Karriere beenden müssen?
Sdiri: Bis Ende vergangenen Jahres war ich überzeugt davon, dass ich aufhören muss. Leichtathletik auf Weltniveau ist harte Arbeit, und trotz der Anstrengung verdient man nur wenig Anerkennung. Da habe ich mich gefragt: Hat es überhaupt Sinn, weiterzumachen?
SPIEGEL: Bei den französischen Hallenmeisterschaften im Februar sind Sie 7,98 Meter weit gesprungen, Platz zwei. Haben Sie mit einem Psychologen gearbeitet?
Sdiri: Nein, ich bin tunesischer Abstammung, mein Halt ist die Familie. Nach dem Unfall habe ich in meiner Heimat Urlaub gemacht, das hat mehr geholfen als jede Therapie. Bei einem Athletentreff in Marrakesch habe ich mich dann entschieden, es noch mal zu probieren. Dort hatten meine Kollegen die Spiele in Peking vor Augen, sie sprachen über nichts anderes. Da habe ich wieder Lust bekommen.
SPIEGEL: Unfälle in Stadien passieren immer wieder: Vor kurzem erst wurde eine russische Siebenkämpferin von einem Diskus getroffen und fiel tagelang ins Koma.
Sdiri: Warum stellen sich die Leute des Weltverbands nicht selbst während des Diskus- oder Speerwerfens in die Arena? Dann würden sie erleben, wie gefährlich das ist. Die Herren trauen sich nicht, aber von uns Athleten verlangen sie, sich auf einen Wettkampf zu konzentrieren, während uns Wurfgeschosse um die Ohren fliegen. Die Organisatoren sitzen bequem hinterm Schreibtisch, am liebsten würden sie sich die Wettbewerbe nur im Fernsehen ansehen. Es geht ihnen darum, in kurzer Zeit möglichst viele Wettkämpfe unterzubringen. Für sie zählt nur das Spektakel.
SPIEGEL: Immerhin hat der Weltverband nun reagiert und Empfehlungen formuliert für die Sicherheit der Sportler: Speer- und Hammerwurf sollen nicht mehr parallel mit dem Weitsprung ausgetragen werden.
Sdiri: Das ist kein Fortschritt, das ist idiotisch! Empfehlungen sind keine Regeln. An Empfehlungen hält sich niemand, wie man am Beispiel des Meetings in Oslo sieht.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?
Sdiri: Speer, Diskus, Hammer - wenn diese Dinger durch die Luft geworfen werden, dürfen keine anderen Wettbewerbe stattfinden. Ich hoffe nach wie vor, dass der Verband sich besinnt. Vielleicht muss es erst einen Toten geben. Ich möchte jedenfalls nicht in einem Stadion sterben.
SPIEGEL: Übertreiben Sie jetzt nicht?
Sdiri: Keineswegs. Es darf sich nicht wiederholen, was mir passiert ist. Ich könnte tot sein. Es war Gott, der mich gerettet hat.
Das Interview führte Petra Truckendanner