Kino Endlich glücklich, und jetzt?
Als "Sex and the City" berühmt wurde, war die eine der zwei wesentlichen Fragen, ob Frauen anders miteinander befreundet sind als Männer. Ehrlicher, humorvoller, direkter?
Geklärt wurde die Frage nie, doch vielleicht ist es ja so, dass Männer ähnliche Gespräche führen können, aber nur zu zweit, nicht vor Zeugen, nicht im großen Kreis. Möglich, dass Männer sich schneller schämen; möglich auch, dass sie diskret sind und die Liebe nicht verraten wollen.
Die zweite Frage war, ob Frauen tatsächlich so reden. So derb. So dreist. So dreckig. Einmal zum Beispiel ging es um Oralsex im Allgemeinen und die Frau als Empfängerin im Besonderen, und die vier Freundinnen Miranda, Carrie, Samantha und Charlotte diskutierten also darüber, ob die Frau nach ihrem Orgasmus eigentlich dazu verpflichtet sei, den Mann, der nun stolz nach oben gekrochen kommt, auf den Mund zu küssen.
Wenigstens kurz, zur Belohnung? Weil er so tüchtig war? Aber ist es nicht eklig?
Die drei anderen hörten Charlottes Bericht zu, und man war in solchen Momenten nicht so gern Mann vor dem Fernseher, denn das Resultat der Debatte war natürlich: je nachdem. Es hängt halt davon ab, was der Mann rund um den Mund so mitbringt von da unten.
So war "Sex and the City", die Serie. Vier New Yorkerinnen kauften ein, tranken Cosmopolitan, trafen sich in Cafés, Restaurants, Nachtclubs, sie hatten ganz schön viel Zeit. Und sie hatten einander, während die Männer kamen und gingen.
"Sex and the City" begann Ende der neunziger Jahre im amerikanischen Pay-TV-Kanal HBO und lief in Deutschland bei ProSieben, sechs Staffeln lang. Am Anfang war es Slapstick, wüstes Wortgefecht, dann wandelten sich die Drehbücher. Die vier Ladys bekamen ein Leben und damit Tiefe, sie wurden zu Prototypen: Samantha, der Vamp; Miranda, die Zynikerin; Charlotte, die Streberin; und Carrie, das ewige Mädchen. Und alle vier natürlich: Freundinnen, egal, wie gut oder schlecht die letzte Nacht gewesen war.
Es gab Fanclubs, "Sex and the City"-Partys, Modetrends, die in der Serie geboren worden waren. 2004 lief die Reihe aus, Verhandlungen über einen Spielfilm scheiterten an Gagenforderungen, es schien vorbei zu sein, aber durch DVD-Boxen wuchs die Gemeinde weiter.
Und so kommt es nun doch noch zum Kinofilm: Ab 28. Mai läuft "Sex and the City" weltweit an, und darum dürfen an diesem Dienstag Anfang Mai ein paar Journalisten in ein Hotel am Columbus Circle in Manhattan kommen, 43. Etage mit Blick auf den Central Park.
Es ist ein warmer Frühlingstag in New York, es ist eine dieser etwas wichtigen Veranstaltungen, die in dieser Welt "junket" heißen: Die Journalisten kriegen Kaffee und frischen Saft und Bagels und DVDs und CDs und dicke Mäppchen mit vielen Unterlagen, dann werden sie in Gruppen eingeteilt; Gruppe 3 begibt sich eine Etage tiefer an einen runden Tisch. Sieben Journalistinnen und zwei Journalisten aus neun Ländern sitzen jetzt da und schweigen sich an, die Tür öffnet sich, Kristin Davis setzt sich dazu.
Eine schlanke Frau in schwarzer Prada-Bluse, mit ganz schön tiefer Stimme. Frau Davis ist nicht Charlotte, das Mäuschen, sie sagt, manchmal hasse sie es, eine Frau zu spielen, der doch ständig der Kopf explodieren müsste. Dann kommt Cynthia Nixon und umarmt Kristin Davis von hinten, sie halten sich an den Händen und kichern und sagen, dass all die Gerüchte selbstverständlich stimmten, dass die vier sich im wahren Leben nicht verstünden. Frau Nixon hat blondierte Haare und blaue Augen, trägt ein beigefarbenes Kostüm, sie sieht aus und spricht wie Miranda.
Sie sagt, die Serie sei so was wie eine Revolution gewesen: "Dass Frauen Sex mit so vielen verschiedenen Personen haben und auch noch darüber reden ... Das gab's ja vorher nicht. Wir haben davon erzählt, dass du ein nettes Mädchen sein kannst, ohne Jungfrau sein zu müssen, und du kannst Sex haben, ohne eine Hure zu sein."
Miranda allerdings sei "bitter und pessimistisch", am Ende eine fiese Mami: "Nobody wants to fuck Mean Mummy", sagt Nixon, eine Übersetzung ins Deutsche ist schwierig.
Im Film gehe es um Vertrauen, sagt Cynthia Nixon. "Das Thema ist, wie du wieder vertrauen kannst, wenn das Vertrauen zerbrochen ist." Eine ernste Dame von der Produktionsfirma kommt ins Zimmer, 30 Minuten sind um, Cynthia Nixon rotiert ins Nachbarzimmer, hier ist Pause.
Michael Patrick King, der Autor, und Sarah Jessica Parker, die Co-Produzentin und Hauptfigur, die Erzählerin der Serie, haben eine richtige Entscheidung getroffen: Sie erzählen im Film nicht einfach eine "Best of Sex"-Geschichte, sie machen auch nicht da weiter, wo sie aufgehört haben, es ist viel Zeit vergangen. Es geht nun darum, was wir tun können, nachdem wir die Liebe gefunden haben, auch darum, wie wir sie wieder zerstören.
Charlotte, die klemmige Galeristin, hat alles, was sie immer wollte, sie will es festhalten, weil sie fürchtet, es zu verlieren, sie wird steif und ganz starr. "Ich bin so glücklich, dass ich Angst kriege", sagt sie.
Miranda, die sarkastische Anwältin, meint, dass sie zu viel aufgegeben hat für die Liebe. Sie hat einen Sohn und einen witzigen und treuen Mann, sie ist deswegen nach Brooklyn gezogen, wo es noch Gärten gibt, das alles ist anstrengend. Und als sie nun unter Steve liegt und der kurz vorm Orgasmus die Position wechseln will, damit's noch ein wenig weitergeht, da sagt Miranda: "Bringen wir es hinter uns."
Und Steve wälzt sich herunter. Und dann betrügt er Miranda, einmal nur. Und sie verlässt ihn. "I changed who I was for you", sagt sie, "Ich bin für dich zu einer anderen geworden."
Und Samantha, die in all den Jahren so viele so wilde Männer nahm und wegwarf, wie sie brauchte und bewältigen konnte, so lange, bis sie Brustkrebs bekam und sich verliebte, lebt jetzt mit dem Schauspieler Smith in Los Angeles und spürt, dass sie diese Sorte Liebe ja nun gar nicht gesucht hatte. Sie merkt das, als sie stundenlang Sushi zubereitet und sich nackt auf den Tisch legt, mit Sushi bedeckt, und auf Smith wartet. Sexy, sehr sexy ist das. Aber Smith kommt nicht, Samantha steht auf, und aus Sushi wird wieder toter Fisch; es klingt nicht sexy, wenn toter Fisch auf den Boden klatscht.
Und Carrie, die Erzählerin, war ja einst auf der Suche nach Manolo Blahniks, zugleich auf der Suche nach ihrer Freiheit, zugleich auf der Suche nach dem Einen, und sie hatte ihn endlich gefunden in der letzten Serienfolge.
New Yorker haben keine Zeit mehr
Nach Mr. Big, der sie zum Lachen brachte, aber stets auch zu Tränen, hatte es diesen und jenen gegeben, einen Politiker zum Beispiel, der angepinkelt werden wollte ("To pee or not to pee", schrieb Carrie), und ein paar waren da auch, die länger blieben. Es gab Aidan, den sanften Schönen, gut für Carrie, perfekt eigentlich, aber zu lieb. Zu seriös. Dann kam Berger, der angeblich so moderne Mann, ein Schriftsteller, der aber doch ihren Erfolg nicht aushielt. Anschließend Petrovsky, der Russe, ein Egozentriker, gespielt vom großen Tänzer Michail Baryschnikow. Und schließlich war Big, gespielt von Chris Noth, wieder da, unter den Vielen der Eine, und Big sagte endlich den Satz, den Carrie immer hatte hören wollen: "You're the one." Und ein Wort sagte er noch, das längst berühmt ist: "Absofuckinglutely." Auch das kann man nicht übersetzen.
Carrie war Kolumnistin mit dem Thema "Sex and the City", vier Jahre später im Film ist sie Autorin von vier Büchern und bei der "Vogue". Sie ist noch immer mit Big zusammen, die beiden sind glücklich, aber wie bleibt man glücklich, wenn man es endlich mal ist? Wie hält man das Glück, was passiert nach der Entdeckung der Liebe, es muss ja weitergehen, was also kommt jetzt? Carrie und Big ziehen in die mindestens schönste Wohnung der Welt, Central Park West, und Carrie bekommt den größten Schuhschrank der Welt. Die Hochzeit planen sie eher beiläufig, es geht ja nur um sie beide, aber dann lässt sich Carrie davontragen: Sie macht eine "Vogue"-Fotostrecke in Brautkleidern und lädt 200 Gäste zur Trauung in die State Library am Bryant Park, und jetzt weiß Big dann doch nicht mehr, um wen es da geht.
Er sitzt draußen in der Limousine und kann nicht aussteigen, und wahrscheinlich versteht das jeder Mann im Publikum, und alle Frauen hassen Big.
"Sex and the City", der Film, ist lustig, aber nicht so lustig wie die Serie, ernster, trauriger auch, erwachsen. Das Drehbuch ist ein wenig zu gerade geschrieben, alles endet, wie man's erhofft oder erwartet, aber schön ist es doch. Die Fortsetzung ist vielleicht konventioneller geraten als das Original: Die Männer machen die Fehler, die Frauen ringen damit, ob sie diese Fehler verzeihen können. Der Film zeigt aber auch, was möglich ist: Wann geht es im Kino schon um über 40-jährige Frauen, und wo dürfen die auch noch klug sein und stark? Klüger und stärker als Männer ja sowieso?
Das Zimmer am Columbus Circle betritt jetzt Kim Cattrall, Darstellerin der Samantha, blond, im grünen Kleid, mit großen Ohrringen und weicher Stimme. Und Kim Cattrall sagt, dass Samantha sich nicht in eine Beziehung flüchten dürfe, nur weil sie altert: "Sie sollte immer frei sein."
New Yorker haben keine Zeit mehr, für Sex 20 Minuten, doch für die Liebe? Wann denn?
Dann wieder Pause, denn Sarah Jessica Parker ist spät dran. Sie will sofort Pausen, sie muss die Pausen dann verlängern. Sie gibt sich nett und kokett und ist aber doch nicht so eine gute Schauspielerin, dass sie verbergen könnte, dass sie Pressetermine hasst.
Sarah Jessica Parker trägt ein grünes Kleid und lange Locken, sie ist sehr dünn. Sie erzählt dann, dass sie als Kind nur ein Paar Schuhe im Frühling und eins im Herbst bekommen habe, sie sagt, es gebe nichts Besseres auf der Welt als Männer mit Witz, sie sagt, Vergeben und Verzeihen seien die Themen des Films; "Verzeihen und die Liebe gehören ja zusammen." Und dann redet sie über New York.
Es ging in "Sex and the City" ja niemals nur um Sex, es ging immer auch um die City: New York leuchtete, New York lockte, und vor allem tröstete New York. Und dieses New York, das die Damen meinten, war Manhattan, die anderen vier Bezirke der Stadt waren Ausland.
Es war ein romantisches New York, hart, das schon auch, aber verspielt. Es war ein New York der Feuerleitern und der Schlafzimmer mit Rohputz, eine Stadt, in der man ein Taxi stoppt und Minuten später eine Welt weiter ist. Das New York der Serie war deshalb tröstlich, weil die vier Frauen wussten, dass sie die Stadt mit acht Millionen anderen Menschen teilten; es konnte natürlich passieren, dass auch der nächste Tag nichts als mürrische Gesichter brachte, aber denkbar war auch, dass sich an der nächsten Ecke das Leben änderte.
Gibt es dieses New York noch?
Sarah Jessica Parker wohnt noch im West Village, mit Matthew Broderick und dem Kind, und manchmal sieht sie Busse vorbeifahren, die "Sex and the City"-Tour. "Ich wollte als Kind nach New York, ich wollte in der 45. Straße wohnen, es war mein Traum. Das ist meine Stadt, und sie bleibt es. Alles, was ihr wirtschaftlich hilft, tut ihr gut", sagt sie. Cynthia Nixon lebt auf der Upper West Side, sie sagt, New York sei immer noch die "Bastion liberaler Politik", jener Ort, an dem "komplett verschiedene Menschen ständig aufeinanderprallen". Kristin Davis sagt, der Central Park sei der schönste Ort der Welt, und Kim Cattrall meint, sie sei nach New York gekommen, um zu bleiben, und es stimmt ja tatsächlich: Welches dieser Londons und Dubais, wo ständig die Ablösung New Yorks ausgerufen wird, wäre vorstellbar als Kulisse von "Sex and the City"?
Es muss nur verdammt aufreibend sein, heute hier jung zu sein. 70-Quadratmeter-Wohnungen kosten in Manhattan mindestens 4000 Dollar, eher viel mehr; die Bars sind voll mit Kellnern und Kellnerinnen, die es schaffen wollen als Schauspieler, als Autorin, als Carrie/Miranda/ Charlotte/Samantha.
Richard Price hat dieses New York gerade wunderbar beschrieben in seinem Lower-East-Side-Roman "Lush Life": Alle spüren nichts anderes mehr als Druck, alle glauben, dass sie rutschen und fallen. Speed-Dating ist sehr populär geworden in New York: acht Männer in 40 Minuten, Entscheidung über eine gemeinsame Zukunft bitte sofort.
New Yorker rennen. Sie machen alles gleichzeitig: essen, Aktien verkaufen, laufen. New Yorker haben keine Zeit mehr, für Sex 20 Minuten, klar, doch für die Liebe? Ja, wann denn?
Am Ende des Films gehen die vier Damen durch ihre Stadt. Sie sehen den Mädchen nach, die um Einlass in die Clubs des Meatpacking District kämpfen, um Plätze im Restaurant, um Männer. 25-Jährige sind das, Gruppen von vier Freundinnen, Mädchen wie Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda, früher, lange her.
Es muss nicht weh tun, älter zu werden. Es kann in Ordnung sein.