Sport: Alle spielen alles - DER SPIEGEL
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Sport Alle spielen alles

Bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren setzten die Trainer noch auf eher defensiven Fußball. Nun glauben Experten, dass die Nationalteams während der Euro 2008 ähnlich schnell und offensiv spielen wie die großen internationalen Clubs in der Champions League.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die nächste Generation von Fußball-Spionen sitzt im Hörsaal 3 der Deutschen Sporthochschule in Köln und rätselt. Ist die Spielszene wichtig, die die Studenten sich gerade ansehen? Hat der Mittelfeldspieler den Ball so angenommen, dass sie es positiv bewerten müssten? Und ist sein Dribbling wirklich "ballhaltend"? Etliche Male läuft die nur wenige Sekunden lange Sequenz über die Leinwand, dann ist sie endlich so kategorisiert, wie es auch Urs Siegenthaler gefallen würde.


Initiiert hat der Schweizer Chefscout der deutschen Nationalmannschaft dieses Projekt zur Spielanalyse schon für die Weltmeisterschaft 2006. Damals hatten die Studenten übrigens auch die Vorlieben der argentinischen Schützen beim Elfmeterschießen recherchiert. Nun haben 36 Studenten des Fußball-Dozenten Jürgen Buschmann die 15 anderen Teams der Europameisterschaft analysiert. Sie haben nicht nur gezählt, welcher Spieler wie oft am Ball ist, sondern die Situationen nach Siegenthalers Maßgaben bewertet. Über jedes Team haben sie ein gut 80 Seiten dickes Handbuch erstellt, das Bundestrainer Joachim Löw über deren Schwächen und Stärken informiert, DVDs mit Spielszenen liegen bei. In den Dossiers steht auch, welche Verletzungen Polens Mittelstürmer hatte, ob sich ein österreichischer Verteidiger bei der EM profilieren muss, weil er auf der Suche nach einem neuen Club ist, und wie die Erwartungen an die kroatische Mannschaft im eigenen Land sind.

Es geht darum zu erfahren, was bei dieser Europameisterschaft auf die deutsche Mannschaft zukommt. Mit welchen Spielern ist zu rechnen? Welche Spielsysteme werden bevorzugt? Und wer spielt offensiv, wer defensiv? Die Analysen aus Köln taugen aber auch zu einer Voraussage, was das Publikum bei diesem Turnier erwarten kann. "Die meisten Mannschaften sind so stark, dass sie die eigenen Fähigkeiten in den Mittelpunkt stellen", sagt Buschmann. Sie werden also nicht versuchen, das Spiel ihrer Gegner zu zerstören, sondern ihr eigenes durchzubringen.

Bei den großen Turnieren wird alle zwei Jahre der Stand der Dinge verhandelt. Moderner Fußball ist heute Tempo-Fußball, wie er in der Champions League oder in der englischen Premier League gespielt wird. Dort laufen die Spieler im Schnitt mehr als zehn Kilometer pro Spiel, bis zu zwei Kilometer davon im Sprinttempo. Der Ball ist immer schneller unterwegs, weil die Zeit von der Annahme bis zur Weitergabe ständig kürzer wird. Bei Manchester United, dem Gewinner der Champions League, sind vor allem jene Spieler, die gegnerische Angriffe unterbinden sollen, pro Kontakt im Schnitt nicht mal mehr eine Sekunde lang im Ballbesitz. Je schneller der Ball zirkuliert, umso besser. Auch Bundestrainer Löw versucht seit zwei Jahren, das Spieltempo seiner Mannschaft zu erhöhen. Zwar entstehen solche Neuerungen und Trends immer erst in den Vereinen, mehrheitsfähig gemacht werden sie aber, wenn sich die Nationalteams bei Welt- und Europameisterschaften messen.

Auf Offensiv-Fußball kann man schon deswegen hoffen, weil es oft von Turnier zu Turnier einen Wechsel von offensiver und defensiver Ausrichtung gibt. Nach Europameisterschaften mit vielen Toren folgten zuletzt Weltmeisterschaften, bei denen sich die Teams in die Abwehr zurückzogen. So war es 2006, und so könnten in diesem Sommer wieder viele Tore fallen.

Die Turniere setzen auch spieltaktisch Maßstäbe. Bei der Europameisterschaft 1972 betrat der Libero, der freie Mann hinter der Abwehr, mit Franz Beckenbauer für alle sichtbar die Bühne, und bei der Weltmeisterschaft 1998 verließ der Libero sie wieder, weil sich fortan das Defensivspiel flexibel auf den Ball hin orientierte. Bei der WM 2006 bekam der defensive Mittelfeldspieler vor der Abwehr, traditionell der Spieler mit der Nummer sechs, einen Partner, "Doppelsechs" heißt das nun.

Fachleute wie Volker Finke, lange Trainer des SC Freiburg und inzwischen Experte für das Schweizer Fernsehen, sind davon überzeugt, dass eine Ordnung mit einer Doppelsechs im Mittelfeld und zwei offensiven Spielern an den Seiten hinter den beiden Stürmern ideal ist. "Man kann damit sowohl offensiv wie defensiv sehr gut spielen." Wichtig sei allerdings, dass die beiden Spieler vor der Abwehr nicht auf gleicher Höhe agierten, sondern gestaffelt. Genauso spielen übrigens Michael Ballack und Torsten Frings in der Mittelfeldzentrale der deutschen Mannschaft.

Eine bemerkenswerte Veränderung hat hingegen die holländische Mannschaft durchlaufen. Jahrzehntelang verstand sie sich als Wahrer des Spiels mit drei Angreifern, zwei davon sollten klassische Außenstürmer sein, doch inzwischen hat Trainer Marco van Basten mit Erfolg auf ein 4-2-3-1-System umgestellt. Vor der Doppelsechs im Mittelfeld spielt ein Trio, das den einsamen Mittelstürmer Ruud van Nistelrooy unterstützt. "Das ist mannschaftstaktisch anspruchsloser, weil für die Spieler einfacher", sagt Finke. Interessant auch, dass ausgerechnet Italien inzwischen die alte holländische Variante spielt: Stürmer Luca Toni wird in einem 4-3-3-System von zwei echten Flügelstürmern mit Flanken beliefert.

Egal, ob Deutschland nun 4-2-2-2 spielt oder Holland 4-2-3-1, wichtiger als diese Zahlenreihen ist die Spielidee, und sie erinnert an das, was seit den siebziger Jahren "total football" genannt wird.

Der Begriff geht zurück auf Rinus Michels, der als Trainer von Ajax Amsterdam und später der holländischen Nationalmannschaft das Spiel revolutionierte. Damals ging die fordistische Phase des Fußballs zu Ende, in der es eine Arbeitsteilung unter Mittelstürmern, Rechtsverteidigern oder Linksaußen gegeben hatte. Vorher war es Abwehrspielern wie Werner Liebrich, 1954 in Sepp Herbergers Wundermannschaft, unter Androhung von Strafe verboten, die Mittellinie zu überqueren. Die neue Spielweise beschrieb Hennes Weisweiler, der Anfang der siebziger Jahre mit Borussia Mönchengladbach den deutschen Fußball dominierte, so: "Wenn wir am Ball sind, sind wir alle Stürmer. Ist der Gegner am Ball, sind wir alle Verteidiger."

Damals war das noch eher ein Wunsch, heute gilt: Alle Spieler sollen am besten alles können. Deutschlands Chefscout Siegenthaler schwärmt von vielfältig ausgebildeten Profis, die je nach Spielsituation in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Die Spanier Andrés Iniesta, Cesc Fabregas oder Xabi Alonso sind in der Lage, im Mittelfeld jeden Part zu übernehmen, ohne dass Unordnung entsteht. Auch die taktisch gut geschulten italienischen Spieler verwandeln sich nach Bedarf: aus einem rechten Verteidiger wird ein defensiver Mittelfeldspieler oder ein Außenstürmer.

Ein moderner Fußballer muss längst mehrere Jobs erledigen. Der Franzose Franck Ribéry vom FC Bayern München gilt als Mittelfeldspieler, ist aber ein gelernter Stürmer, der auf der Außenposition zum Spielmacher geworden ist. Cristiano Ronaldo, der designierte Superstar der Euro 2008 (siehe Seite 137), spielt in der portugiesischen Nationalmannschaft und bei Manchester United nominell die gleiche Position wie Ribéry, erfüllt seinen Auftrag aber mit der Mentalität eines Torjägers.

Der DFB hat eine schriftlich fixierte Spielphilosophie - erdacht wurde sie unter Jürgen Klinsmann

Angesichts dieser Vielschichtigkeit kommt dem Scouting eine besondere Bedeutung zu. Immer wieder ist Siegenthaler in Köln gewesen, um die Analytiker zu schulen, damit sie einheitliche Kategorisierungen vornahmen. Bewertet wurden die Gegner auf der Basis der Spielphilosophie des DFB, die für alle deutschen Nationalteams gilt. Spielphilosophie ist in diesem Fall kein vager Begriff, sondern eine konkrete Anleitung, was auf dem Platz passieren soll. Sie wurde noch unter Klinsmann schriftlich festgelegt und ist so etwas wie der Quellcode des deutschen Fußballs.

Polnische, kroatische oder österreichische Fußball-Spione würden sich vor den Gruppenspielen gegen Deutschland darüber freuen, wären sie in Besitz des geheimen Papiers. Dass Löws Mannschaft nach innen verteidigt, den Gegner also nicht auf die Flügel abdrängt, sondern in eine Art Trichter vor dem Tor locken will, haben sie wohl trotzdem schon erkannt. Und wahrscheinlich haben sie auch schon mitbekommen, dass die Verteidiger in der Viererkette stets einen Abstand von acht Metern halten sollen. So weit voneinander entfernt, dass nicht anderswo Lücken entstehen, aber nah genug, um dem Kollegen nebenan rasch helfen zu können.

Die Kölner Analytiker haben allerdings auch ermittelt, dass nicht alle Trainer mit solch präzisen Anweisungen arbeiten. Das ist vor allem eine Generationsfrage. Luis Aragonés, Coach des spanischen Teams, ist 69 Jahre alt und verfügt über die stärksten Einzelspieler aller Nationen. Doch schon vor zwei Jahren bei der WM enttäuschten sie, weil sie in der Nationalelf weniger strukturiert auftraten als in ihren Clubs. Das Gleiche gilt für die Tschechen unter Karel Brückner, der 68 Jahre alt ist.

Auch Otto Rehhagel, inzwischen 69, gehört zu der Generation, die sich wenig um fließende taktische Systeme und flexibilisierte Aufgaben für die Spieler schert. Bei der letzten Europameisterschaft gewann er mit Griechenland den Titel, indem er seinen Spielern viel Teamgeist und eine Underdog-Strategie verpasste. Rehhagel setzte auf totale Defensive, mit niedrig dosierten Konterangriffen sowie guten Eckbällen und Freistößen. Und auch diesmal wird es beim Titelverteidiger wieder eine Position geben, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte: den Libero.

Der Kölner Fußball-Dozent Buschmann und seine 36 Studenten wissen inzwischen viel darüber, wie der moderne Fußball funktioniert. Was sie allerdings nicht herausgefunden haben, ist, wer diesmal die Europameisterschaft gewinnt. "Fußball bleibt letztlich doch ein Rätsel", sagt Buschmann.

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