Bildung: "Wir sind nicht alle gleich" - DER SPIEGEL
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Bildung "Wir sind nicht alle gleich"

Verlängerte Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, das Ende des dreigliedrigen Schulsystems - Hamburg ist derzeit Deutschlands größtes Versuchslabor in Sachen Bildung. Droht das totale Chaos?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Revoluzzer sehen anders aus: Ein vornehmes Grüppchen hat sich auf dem Hamburger Rathausmarkt versammelt. Manche Damen tragen edle Seidentücher, die Herren sind in Schlips und Kragen gekommen. Von einigen Sakkos blitzen - ganz hanseatisch - die Goldknöpfe.


Aber es sind wirklich Protestler, angetreten, um für Hamburgs bestehendes Schulsystem zu kämpfen: "Ich bin dafür, dass die Gymnasien und weiterführenden Schulen in der bisherigen Form erhalten bleiben" steht auf der Liste, auf die sie als Erste ihren Namen setzen. 100.000 Unterschriften wollen die Aktivisten um Walter Scheuerl als Druckmittel bis zu den Sommerferien sammeln und wenn nötig bis zum Volksentscheid gehen.

Scheuerl, 47, Rechtsanwalt und Elternratsvorsitzender am Gymnasium Hochrad im Nobelstadtteil Othmarschen, ist zuversichtlich: "Die Leitungen fast aller Hamburger Gymnasien unterstützen uns." Und die Gymnasialeltern seien eine mächtige Lobby, die sich nur ungern für "fragwürdige gesellschaftspolitische Experimente missbrauchen" lasse, glaubt Scheuerl: "Soziale Unterschiede sind durch die Schule nur begrenzt korrigierbar."

Hamburgs Gymnasien fürchten um ihre Existenz - vor allem weil die neue schwarz-grüne Regierung die Grundschulzeit um zwei Jahre verlängern will. In der Primarschule sollen alle Kinder in der Hansestadt gemeinsam sechs Jahre lang lernen (und sogar sieben, wenn man das ebenfalls beschlossene Vorschuljahr dazurechnet).

"Wir werden zum Rumpf-Gymnasium degradiert", fürchtet Hans-Norbert Hoppe, Schulleiter des Traditionsgymnasiums Christianeum. Denn da die Gymnasial- zeit ohnehin schon verkürzt wurde ("G8"-Abitur), bleiben den höheren Bildungsstätten nun gerade mal sechs Jahre Zeit, um den künftigen Akademikern die nötige Hochschulreife zu vermitteln. "Die CDU bricht in eklatanter Weise ihr Wahlversprechen, mit ihr werde es keine Zerschlagung der Gymnasien geben", schimpft auch Dagmar Wagener vom Verband Hamburger Gymnasialschulleiter.

Dafür verspricht die CDU nun Bildungsgerechtigkeit: "Wir wollen Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen für den Besuch von Bildungseinrichtungen ermöglichen", verkündete Bürgermeister Ole von Beust in seiner Regierungserklärung. Längeres gemeinsames Lernen, da sind sich Schulforscher einig, kommt vor allem schwächeren und sozial benachteiligten Schülern zugute.

Auch nach der sechsten Klasse wird für Hamburgs Kinder kaum etwas bleiben, wie es war: CDU und Grün-Alternative Liste verwandeln die Hansestadt in ein gigantisches Versuchslabor in Sachen Schulreform. In einem bundesweit einmaligen Mammutprojekt soll nicht nur die Grundschule, sondern gleich das gesamte System umgekrempelt werden - keine einzige Bildungsstätte bleibt vom Umbau ausgenommen.

So hatte schon die bisherige CDU-Alleinregierung den Abschied vom dreigliedrigen System beschlossen: In der Hansestadt soll es künftig neben den Gymnasien nur noch sogenannte Stadtteilschulen geben - eine Art Gesamtschule, die alle Abschlüsse inklusive des Abiturs anbietet. Haupt-, Real- und bisherige Gesamtschulen hingegen werden abgeschafft, neue Hauptschulklassen bereits nach den Sommerferien nicht mehr eingerichtet.

"Das allein ist schon eine Herkules- arbeit", urteilt Reiner Lehberger, Schulforscher an der Uni Hamburg und erklärter Befürworter der längeren gemeinsamen Schulzeit, "zusammen mit den anderen Vorhaben wird es umso schwieriger."

So muss zunächst eine ganz neue Schulform entstehen, denn die geplante Primarschule soll mehr sein als nur eine ausgedehnte Grundschule. Ab der vierten Klasse etwa sollen dort bereits Fachlehrer von weiterführenden Schulen unterrichten, starke und schwächere Schüler sollen individuell gefördert werden.

"So eine Riesenreform kann man den Bürgern nicht einfach aufdrücken", kritisiert Ties Rabe, bildungspolitischer Sprecher der Hamburger SPD-Bürgerschaftsfraktion und Lehrer am Luisen-Gymnasium Bergedorf: "Die Stimmung an den Schulen ist schon jetzt wahnsinnig gereizt."

Tatsächlich ist Beust und seiner grünen Schulsenatorin Christa Goetsch das Kunststück gelungen, zwei sehr gegensätzliche Lager gleichzeitig gegen sich aufzubringen: Nicht nur die konservativen Kreise um Gymnasialaktivist Scheuerl und sogar Teile der regierenden CDU stänkern gegen die Pläne aus dem Rathaus. Von links zetern die Fans der Einheitsschule, beheimatet zum Beispiel in der Lehrergewerkschaft GEW; sie würden die Gymnasien am liebsten ganz abschaffen.

"Unser Ziel ist das gemeinsame Lernen bis zum Ende der Pflichtschulzeit", sagt GEW-Chef Klaus Bullan. An Neu-Senatorin Goetsch, die bis vor kurzem noch Bullans Volksinitiative "Eine Schule für alle" unterstützte, appellieren ihre ehemaligen Mitstreiter: "Enttäusch uns nicht, Christa." Auch Bullans Truppe sammelt fleißig Unterschriften für einen Volksentscheid.

Für ihre Gegner von Jurist Scheuerls Bündnis "Wir wollen lernen" dagegen kann die Zeit des vereinten Lernens gar nicht kurz genug ausfallen. Leistungswillige Schüler langweilten sich schon in vier Jahren Grundschule, glaubt etwa Annette Garden, Mutter zweier Schulkinder in Hamburg-Volksdorf: "Es ist doch ein Wunschdenken, alle Menschen auf den gleichen Stand zu bringen - wir sind nicht alle gleich."

Auch Unternehmensberater Malte Otto aus Blankenese fürchtet, dass nun auch noch in den Klassen fünf und sechs "die schlechtesten Schüler das Niveau vorgeben". Manche seiner Nachbarn planten bereits, einen Wohnsitz jenseits der nahen Landesgrenze zu Schleswig-Holstein anzumelden, damit ihre Kinder nicht unter der Hamburger Schulpolitik leiden.

"Warten, warten, warten, bis die Langsamen endlich fertig sind mit Kapieren"


Aber nicht nur in den feinen Elbvororten bangen viele Eltern um die Zukunft ihrer Kinder. Mariusz Rejmanowski etwa, Vertriebsrepräsentant einer Fluglinie, lebt mit seiner Familie in Wilhelmsburg, das als sozialer Brennpunkt gilt. Gleichwohl ist Rejmanowski zufrieden mit dem Gymnasium Kirchdorf/Wilhelmsburg, das zwei seiner Kinder besuchen. "Der Migrantenanteil ist groß", sagt der gebürtige Pole, "doch die Eltern geben ihren Kindern den Willen zum Lernen mit."


Das würde anders, glaubt Vater Rejmanowski, wenn der Klassenverband aus der Grundschule auch in der fünften und sechsten Klasse zusammenbliebe. Eine Schule in Wilhelmsburg käme dann für ihn nicht mehr in Frage: "Wir müssten die Kinder durch die halbe Stadt karren."

Bei anderen Eltern setzt die Sorge um die passende Bildungsbiografie gar schon kurz nach der Geburt ein. Eine alleinerziehende Diplomkauffrau etwa sorgt sich, dass ihr Zweijähriger "sechs Jahre in einer Grundschulklasse festgehalten werden soll, in der viele lernschwache Kinder sind". Dort müsse der pfiffige Kleine dann sicher "warten, warten, warten, bis die Langsamen endlich fertig sind mit Kapieren".

Solche Ängste ehrgeiziger Bildungsbürger sind nicht einmal die größten Probleme, die sich Hamburgs Schulreformer mit dem Bekenntnis zur Primarschule eingebrockt haben. Sogar Befürworter des längeren gemeinsamen Lernens sehen in der Reform einen faulen Kompromiss - noch dazu mit kaum vorhersehbaren Fallstricken bei der Umsetzung.

So sind die wenigsten der rund 250 Hamburger Grundschulen darauf eingerichtet, demnächst zwei zusätzliche Jahrgangsstufen zu beherbergen. Neben der Primarschule in Reinform, die von Vorschülern bis Sechstklässlern gemeinsam besucht wird, will Senatorin Goetsch unter dem Reform-Etikett noch zwei weitere Modelle laufen lassen: Wo der Platz nicht reicht, sollen die Schulen mit Gymnasien oder Stadtteilschulen kooperieren und die Primarschüler bereits ab Klasse vier dorthin ausgelagert werden.

In sogenannten Langformschulen wiederum sollen gleich alle - von der Vorschule bis zum Abschluss - unter einem Dach lernen. Das Chaos scheint perfekt - zumal auch noch Hunderte Gymnasiallehrer zumindest stundenweise an die Grundschulen versetzt werden müssen.

"Die Primarschule funktioniert nur, wenn die Schüler sechs Jahre kontinuierlich zusammenarbeiten können", glaubt Ulrike Barthe-Rasch, Direktorin an der Grundschule Bei der Katharinenkirche. Im Rahmen eines Schulversuchs hat ihre Lehranstalt die sechsjährige Grundschule erprobt - mit guten Erfahrungen, wie die Pädagogin sagt: "Die schwächeren Kinder können optimal gefördert werden, aber die starken kommen nicht zu kurz." Viele Katharinen-Kinder, die nach Klasse sechs zum Gymnasium wechselten, gehören laut Barthe-Rasch auch dort zur Spitzengruppe.

Nicht wenige allerdings verließen die Katharinenschule auch schon nach Klasse vier Richtung Gymnasium. Barthe-Rasch und ihr Team erlebten dabei ein Grundproblem jeder Schulreform, die auf längeres gemeinsames Lernen zielt: Viele ehrgeizige Schüler fliehen aufs Gymnasium, sobald sich die Möglichkeit bietet.

In großem Ausmaß lassen sich solche Wanderbewegungen in Berlin besichtigen. In der Hauptstadt dauert die Grundschule traditionell sechs Jahre - und dennoch sind Gymnasien ab Klasse fünf ("grundständig") begehrter denn je. "Vor allem die Eltern der leistungsstärksten Schüler sehen zu, dass sie ihre Kinder schon nach der vierten Klasse ans Gymnasium schicken können", sagt der Berliner Bildungsforscher Rainer Lehmann. Knapp zehn Prozent der Berliner Fünftklässler gehen bereits zum Gymnasium.

Möglich machen es diverse Ausnahmeregelungen für Lehranstalten mit "besonderem Profil". Lange Zeit durften nur die humanistischen Gymnasien bereits ab Klasse fünf starten; doch Ende der neunziger Jahre ließ die Bildungsbehörde auch andere Spezialprofile zu, in Mathematik etwa oder Musik. Der Grund: Die wegen des Regierungsumzugs zugewanderten Bonner Beamten dachten gar nicht daran, ihre Fünftklässler noch einmal zur Grundschule zu schicken.

Schulforscher Lehmann hat die Leistungen der Berliner Kinder, die in Klasse fünf und sechs noch zur Grundschule gingen, mit denen jener verglichen, die mit vergleichbarer Ausgangsleistung ein Gymnasium ab Klasse fünf besuchten - mit traurigem Ergebnis für die Grundschulen: "Es ist völlig unstrittig, dass das anspruchsvolle Lernmilieu am Gymnasium die stärkeren Kinder besser fördert", sagt Lehmann. Das vermuten auch die Eltern: Schon jetzt müssen die begehrten grundständigen Berliner Gymnasien jeden zweiten Bewerber ablehnen.

Ähnliche Entwicklungen befürchtet der Wissenschaftler auch für Hamburg. "Bei diesem Modell werden ambitionierte Eltern alles daransetzen, ihre Kinder an einer Grundschule anzumelden, die mit einem Gymnasium kooperiert", glaubt Lehmann, "die soziale Auslese würde damit nicht nach hinten, sondern sogar vor die Einschulung verlegt."

Wenn es denn überhaupt so weit kommt. Womöglich fällt die Hamburger Primarschule auch den Wirren der Demokratie zum Opfer, noch ehe es richtig losgeht. Zwar soll das Projekt 2010 starten, Verzögerungen bis 2012 sind jedoch schon jetzt einkalkuliert - und genau dann wird wieder eine neue Bürgerschaft gewählt.