Nahaufnahme Das Spukschloss am Silsersee
Die Berggipfel ringsum tragen lustige Namen wie Piz Corvatsch oder Piz Nair, auf felsigen Hängen glitzert auch im Juni noch der Schnee, drunten im Tal plätschern anmutig Silsersee und Silvaplanersee. Mittendrin in der Idylle aber steht das märchenschlossdüster aufragende Luxushotel Waldhaus, dessen Gäste durchs Panoramafenster der Halle einen schauderhaften Mordbuben erblicken: Ein Männlein sitzt auf einem Jägerhochsitz im Walde, ganz bös und stumm, und ballert mit einem großen Schießgewehr fensterwärts.
Im Hotel Waldhaus ist Gruselstunde. Der Regisseur Christoph Marthaler präsentiert eine Theaterhommage an das wohl berühmteste Künstlerhotel der Schweiz, in dem im Lauf der vergangenen 100 Jahre Annemarie Schwarzenbach und Marc Chagall, Albert Einstein und Hermann Hesse, Theodor Adorno und Richard Strauss, Thomas Mann und Gerhard Richter ihre famosen Köpfe betteten.
Ein Dutzend Marthaler-Schauspielerinnen und Marthaler-Schauspieler, wie stets in altmodische und viel zu enge Kleider gezwängt, singen und philosophieren in den Lesesesseln der Lobby, bis plötzlich der Jägersmann draußen losfeuert: Hotels sind nun mal ideale Schauplätze für Tragödien und Verbrechen.
"Das ist unser Geburtstagsgeschenk an das Hotel", sagt Marthaler, 56, über seine Inszenierung, die außer der Teehalle des Hotels auch dessen ziemlich riesigen Tennis- und Sportsaal zur Bühne macht. "Es gibt keinen Ort, an dem ich mich so zu Hause fühle wie im Waldhaus." Er guckt ein bisschen nachdenklich und zupft seinen schwarzen Fusselbart. "Vielleicht sogar mehr als in meinem Zuhause in Paris."
Die Angestellten behandelten die Gäste "tatsächlich wie Freunde", die Landschaft ringsum biete ein Licht und einen Reichtum an Farben, die ihn jedes Mal durchatmen und frisch zu Kräften kommen ließen nach Monaten "in diesen entsetzlich dunklen Theaterräumen, in denen wir gewöhnlich unsere Zeit verbringen". Das Haus war auch Schauplatz seiner Hochzeit im Jahr 1995.
Mehr als zehn Jahre zuvor war Marthaler zum ersten Mal im Waldhaus zu Gast, hergelotst von seinem Musikerfreund Jürg Kienberger, der zur Familie der Besitzer gehört. Kienbergers Urgroßeltern, die Wirtsleute Josef und Amalie Giger, eröffneten im Juni 1908 ihr eigenes, auf einem Felsen über dem Silsersee erbautes Haus.
Es ist bis heute ein altmodisches Juwel, an dem ständig geschliffen wird, gerade erst hat man wieder ein mächtiges Baugerüst entfernt. "Andere Hotels werden renoviert, das Waldhaus wird restauriert", sagt Matthias Hartmann, derzeit in Zürich Intendant und bald Burgtheater-Direktor in Wien, der ebenfalls zu den häufigen Gästen zählt.
Sils Maria war schon Anfang des 20. Jahrhunderts für viele Geistesmenschen ein legendärer Ort. Marcel Proust hatte von dem "verlorenen Örtchen" und den "seltsam grünen Seen zwischen tiefen Tannenwäldern" geschwärmt. Und Friedrich Nietzsche hatte sich hier in einem Haus einquartiert, das heute seinen Namen trägt und zu einem kleinen Museum umfunktioniert ist. "Man muss Jahrtausende zurückgehen, um eine ähnliche Inspiration zu entdecken", schwülstelte der Philosoph.
Anfang August 1881 ereilte den damals 36-jährigen Nietzsche am Silvaplanersee eine Erleuchtung, derentwegen er sogleich "Tränen des Jauchzens" vergoss: Der Geistesblitz, den das Buch "Also sprach Zarathustra" verkündet und auswalzt, ist der Gedanke der ewigen Wiederkunft des Gleichen, "diese höchste Formel der Bejahung".
Marthaler ist kein Denker, sondern ein genialer Gemütsmensch, deshalb interessiert er sich weniger für Nietzsche als für das Grauen. Schließlich lauert in der heiteren, scheinbar so weltenthobenen Landschaft des Oberengadin auch eine menschenfeindliche Monumentalität. Wenn Marthaler hier "Isoldes Liebestod" des zeitweiligen Nietzsche-Freundes Richard Wagner singen lässt, wenn seine Akteure klug montierte Texte von Annemarie Schwarzenbach und Robert Walser, von Walter Serner, Fernando Pessoa und anderen vortragen, dann sind immer die Wehmut und die Einsamkeit spürbar, die jedem empfindsamen Reisenden an den schönsten Orten der Welt das Herz schwer machen.
Zum Lachen und zum Fürchten schön trägt der kugelrunde Schauspieler Josef Ostendorf Sätze vor über "russische Großfürsten, die sich trunken auf dem Teppich wälzen", und lästert über die nur zehn Kilometer entfernte "Hölle" von Sankt Moritz, in der sommers wie winters profane Verschwendungssucht regiert.
Natürlich wohnt man auch im Waldhaus nicht umsonst. Die Preise legt das jetzige Chefduo des Hauses, Urs Kienberger (der Bruder des Musikers) und Felix Dietrich (beider Schwager), öfter spontan fest. Die meisten Künstler wohnen also zum Spezialtarif.
Egal - den Geist der Herberge mache aus, so Marthaler, dass sich im Hotel Waldhaus "lauter Menschen treffen, die es im Leben draußen gewohnt sind, sich pausenlos darzustellen. Hierher kommen sie aber, um sich zurückzuziehen."
Marthaler zeigt nun seine oft düster funkelnde Jubiläumsgala für Hotelgäste und zahlende Besucher von außerhalb, was ihn selbst auch etwas zu bekümmern scheint: "Wir haben zwei Monate lang an einem Ort gearbeitet, an dem ich es bisher immer genossen habe, nichts zu tun und mich an den Blumen und den Bergen zu freuen", sagt der Regisseur und sieht aufrichtig traurig drein. "Wohin soll ich jetzt reisen, um mich zu erholen?"