Astrobiologie: Aspirin für Aliens - DER SPIEGEL
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Astrobiologie Aspirin für Aliens

Offiziell sucht der Nasa-Roboter "Phoenix" auf dem Mars nach Wassereis. Doch in einer Geheimmission soll er auch nach außerirdischem Leben fahnden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Selbst für Extremurlauber ist das Reiseziel nur bedingt zu empfehlen. Ungefilterte UV-Strahlung verursacht sekundenschnell einen Sonnenbrand. Staubstürme fegen über das tiefgefrorene Land. Die dünne Luft ähnelt Autoabgasen.

Der Besucher indes, der Ende Mai auf dem Mars landete, ist hart im Nehmen. Bis auf die bei Weltraumflügen üblichen Pannen arbeitet der Nasa-Roboter "Phoenix" weitgehend nach Plan. Mit seinem Greifarm hat er erste Proben aus dem Boden geschaufelt. In seinem Labor werden die Krümel erhitzt. Messgeräte analysieren die chemische Zusammensetzung.

Offiziell sucht "Phoenix" auf dem Wüstenplaneten nach Wassereis. Daneben gibt es aber eine Art Geheimmission: Bei seinen Bodenuntersuchungen soll der Landeroboter auch nach Spuren von außerirdischem Leben Ausschau halten.

Den aufregenden Fahndungsplan hat Dirk Schulze-Makuch, 44, von der Washington State University in Pullman ausgeheckt. "Der erste Nachweis extraterrestrischen Lebens wäre die größte wissenschaftliche Entdeckung unserer Zeit", sagt der aus Deutschland stammende Astrobiologe. "Aber um keine übertriebenen Erwartungen zu wecken, hängt die Nasa das nicht an die große Glocke."

Glaubt man Schulze-Makuch, haben die Aliens höchst bizarre Eigenschaften: Sie sind winzig klein - und sie haben Desinfektions- und Schmerzmittel im Blut. "Wir haben klare Indizien", so der Forscher, "dass auf dem Mars seit Jahrmilliarden äußerst zähe Bakterien leben."

Im Fachmagazin "Astrobiology" hat Schulze-Makuch verblüffend genau vorhergesagt, worin sich Marsmikroben von irdischen Organismen unterscheiden würden. So nimmt er an, dass ihre Zellen Wasserstoffperoxid enthalten - Erdlinge bleichen sich mit diesem Reinigungszeug die Haare.

Klingt reichlich ungesund; doch für Marsbewohner hätte Wasserstoffperoxid große Vorteile. Da es in Zellen wie ein Frostschutzmittel wirken würde, könnten Bakterien Temperaturen bis minus 60 Grad Celsius überstehen. Zudem verschaffte es ihnen die Fähigkeit, Feuchtigkeit aus der Luft zu gewinnen - auf der ausgetrockneten Marsoberfläche überlebenswichtig.

Immerhin gibt es auf der Erde sogar Tiere, die Wasserstoffperoxid in hoher Konzentration herstellen können: Der Bombardierkäfer verwendet es als Treibsatz für eine Art Biokanone, mit der er kochend heiße Wasserdampfwolken auf Fressfeinde abfeuert. Doch als Zellflüssigkeit kommt die aggressive Substanz bei irdischen Lebewesen nicht vor. "Das ginge auch nur mit Hilfe biologischer Stabilisatoren", sagt Schulze-Makuch. Ideal geeignet wäre etwa Phenacetin, das ähnlich wirkt wie Aspirin.

Ihre exotische Biochemie könnte die Marsmikroben verraten. In Experimenten hat Schulze-Makuch simuliert, welche chemischen Fingerabdrücke sie im "Phoenix"-Analyselabor hinterlassen würden. Mit dem Nasa-Team steht er in engem Kontakt. "Nun bin ich sehr gespannt", sagt der Forscher, "ob der Landeroboter auch wirklich was entdecken wird."

Bis zum Abschluss der Bodenuntersuchungen kann es indes noch Wochen dauern. Und die Nasa-Forscher werden ihre Messdaten gründlich durchchecken, ehe sie eine Weltsensation bekanntgeben.

Auf die Spur der bizarren Marsianer kamen Schulze-Makuch und sein Kollege Joop Houtkooper von der Uni Gießen, als sie die Ergebnisse der historischen "Viking"-Missionen noch einmal unter die Lupe nahmen. Vor 30 Jahren waren erstmals Nasa-Roboter auf dem Mars gelandet. Damals lautete das Fazit der Wissenschaftler: kein Hinweis auf fremde Lebensformen.

Dennoch gelten die ernüchternden Befunde bis heute als mysteriös: Als die Roboter Bodenproben untersuchten, kam es zu einer wundersamen Freisetzung von Sauerstoff und Kohlendioxid. Waren dies Stoffwechselprodukte lebender Organismen? Oder handelte es sich nur um eine unbekannte Form der chemischen Zersetzung? Den Ausschlag gaben dann weitere "Viking"-Messungen, bei denen sich keinerlei organische Substanzen nachweisen ließen: Der Marsboden schien vollkommen steril zu sein.

"Heute wissen wir, dass einige Instrumente nicht richtig funktionierten", sagt Schulze-Makuch. "In Wahrheit würden Wasserstoffperoxid-Bakterien am besten erklären, was in den Analysegeräten von 'Viking' geschah."

Der Astrobiologe hält es folglich für sehr wahrscheinlich, dass der Wüstenplanet auch heute noch belebt ist. Kurz nach seiner Geburt, vor 3,8 Milliarden Jahren, war der Mars wohl tatsächlich ein zweiter Garten Eden mit riesigen Flüssen und Seen. Entstanden - wie auf der Erde - damals primitive Lebensformen? Und konnten sich die Mikroorganismen anpassen, als der Mars austrocknete? Schulze-Makuch: "Wenn sie erst einmal auf einem Planeten vorkommen, sind Bakterien dort nur noch schwer auszurotten."

Dennoch brauchen sich die Erdenmenschen keine Sorgen zu machen, dass eingeschleppte Marsmikroben zu einer tödlichen Gefahr werden könnten. Zumindest die von Schulze-Makuch postulierten Bakterien wären außerhalb ihres Heimatplaneten kaum überlebensfähig. Kommen sie mit Wasser in Berührung, gehen sie rasch zugrunde - zur Abwehr einer Alieninvasion reichen Kinder mit Spritzpistolen.

Nasa-Sonde "Phoenix" bei Probenentnahme auf dem Mars: Mikroben im eisigen Boden? REUTERS -->

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