Landwirtschaft Im Zickzack durch den Mais
Ein kleiner roter Traktor geistert durch die Plantage auf dem Versuchsbauernhof der Universität von Kopenhagen. Er knattert um die Birnbäume und mäht den Rasen. Wenn er bremst und wendet, bewegt sich das Gaspedal auf und ab. Doch dort, wo sonst der Bauer thront, ist niemand zu sehen.
Der Geistertraktor ist klein, gerade mal hüfthoch, mit nur 27 Pferdestärken. Er wirkt wie ein überdimensionales Spielzeug. Und genau diese Winzigkeit soll seine Stärke sein: "Bislang kannte die Landmaschinenindustrie nur ein Prinzip: größer, schwerer, weiter", sagt Hans-Werner Griepentrog, während er hinter seinem Roboter herschlendert. "Aber die Zukunft gehört kleinen Apparaten. Die verbrauchen nicht nur weniger Sprit, Dünger und Herbizide, sie sparen auch Lohnkosten."
Der kräftige Mann von Anfang fünfzig ist ein Hybrid aus Öko- und Technologe. Ideologische Grabenkämpfe zwischen Hightech- und Graswurzel-Landwirten sind ihm fremd. Auch Biobauern sollten auf Roboter setzen, findet Griepentrog: "Wer keine Pestizide einsetzt, hat schwer gegen Unkraut und Ungeziefer zu kämpfen. Deshalb brauchen gerade Ökolandwirte Roboter. Denn die können das Jäten und die Pflanzenpflege übernehmen."
Griepentrog ist Teil einer kleinen Vorhut von Bastlern, die die Automatisierung der Landwirtschaft vorantreibt. Allerlei Fortschritte sind bereits zu vermelden: Tausende automatische Rasenmäher kurven weltweit über Sportplätze. Bei den meisten Milchbauern sind Melkroboter eine Selbstverständlichkeit. Sogar Spargel stechen die Elektroknechte, weil es an billigen und willigen Arbeitskräften mangelt.
Doch vom Vormarsch der Automaten auf dem Acker nimmt die Öffentlichkeit bisher kaum Notiz. Wer weiß schon, dass sich nicht nur Fußball-, sondern auch Ackerbau-Roboter auf Turnieren miteinander messen? Auf dem Field Robot Event in Osnabrück zum Beispiel müssen die Maschinen fehlerfrei im Zickzack durch Maisfelder navigieren und punktgenau Unkrautnester aufspüren.
Im Alltag vollzieht sich der Siegeszug der Roboter unspektakulär: Herkömmliche Landmaschinen werden schleichend hochgezüchtet. Da sitzt dann zwar noch immer ein Bauer im Cockpit, aber er lenkt nicht. Das tut der satellitengestützte Autopilot. Er zieht selbst an Hanglagen schnurgerade Furchen und plottet zentimetergenau die Saat - ein rollender Tintenstrahldrucker, der mit Körnern statt mit Pixeln schreibt.
Die Endverbraucher in den Städten bekommen davon wenig mit. Vielleicht sollen sie das auch gar nicht, denn nach außen gibt sich die Landwirtschaft gern den Anschein des liebevoll Handgemachten.
Naturverbundenheit ist auch Griepentrog nicht fremd. In seinem Büro stehen Bücher über alternativen Landbau neben Software-Handbüchern und Lexika über die Raumfahrt. Dazwischen eine kleine Sammlung von Spielzeugtreckern.
Griepentrog wuchs auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein auf, studierte in den siebziger Jahren an der TU Berlin Maschinenbau und Musik. Nach ein paar Jahren in der Industrie folgte er schließlich einem Ruf der Uni Kopenhagen. Damals, in der Blütezeit der New Economy, war auch die Agrartechnik vom Innovationsfieber erfasst, vor allem in Hochlohnländern wie den USA, Australien, Dänemark und den Niederlanden. Nichts schien unmöglich: Die Ingenieure träumten von autonomen Drohnen, die fliegend Unkraut kartieren, und vom "Slugbot", der Schnecken von den Blättern schlürft, um sie in seinem Chemiemagen zu Strom zu machen.
Doch zeitgleich mit dem Börsencrash brach auch die Hightech-Euphorie auf den Äckern zusammen. Erst langsam erholt sich die Branche, diesmal unter leicht verändertem Vorzeichen. Zur Lohndrückerei sind nun ökologische Argumente hinzugekommen. Besonders weit verbreitet sind elektronische Stickstoffsensoren am Traktor, die quadratmetergenau den Nährstoffgehalt des Bodens messen, um den Dünger zu dosieren. So lassen sich bis zu 20 Prozent der Düngemittel einsparen.
Auch die Aussaat wird zunehmend von satellitengestützten Automaten gesteuert, denn je präziser die Pflanzen in Reih und Glied stehen, desto weniger machen sie sich die Nährstoffe streitig und desto einfacher geht das Jäten. Mit Digitalkameras erkennt ein Roboteranhänger das Unkraut, hackt es weg und spart so Herbizide.
Rasenmähfunktion als Köder
"Gerade erleben wir eine neue Welle der Technisierung", schwärmt Griepentrog. "Zum einen ziehen die Preise an, vor allem bei Ökoprodukten. Zum anderen stehen die Bauern unter Preisdruck durch den Import aus Niedriglohnländern." All das steigert die Nachfrage nach effizienteren Methoden - besonders spürbar in den neuen Bundesländern. Denn dort, wo einst die Produktionsgenossenschaften der DDR dominierten, sind die Felder rund zehnmal so groß wie im Westen.
Griepentrogs kleiner roter Trecker hat unterdessen den Testlauf beendet. Der Agrartechniker führt ihn per Joystick über die Landstraße zurück zur Garage, wie ein störrisches Lasttier. Er könnte zwar per Autopilot fahren, aber das erlaubt die Straßenverkehrsordnung nicht, weder in Dänemark noch in Deutschland.
"Die Rasenmähfunktion ist nur eine Art Köder, um zu zeigen, was der Traktor noch alles kann", erklärt Griepentrog. "Der Roboter kann auch Zuckerrüben säen und Unkraut nah an den Pflanzen jäten."
Gerade das, so Griepentrog, könnte für Ökobauern ein großer Vorteil sein. Bisher konnten sie weder Zuckerrüben noch Mais im großen Stil anbauen, weil sich bei diesen Pflanzen das Unkraut nur per Hand bekämpfen ließ. "Aber meine robotische Querhacke kann das automatisieren."
Wichtiger noch scheint Griepentrog, dass sein Trecker ein solches Leichtgewicht ist. Bisher ging der Trend hin zu immer größeren Erntemaschinen: Größer als ein "Leopard"-Panzer, schwer wie zehn Tyrannosaurus rex, donnern sie über die Äcker, wenn die Zuckerrübenernte beginnt. Bis zu 65 Tonnen wiegen die "Köpfrodebunker" - mehr als doppelt so viel wie in den sechziger Jahren.
"Je schwerer die Zugmaschinen werden, desto größer müssen auch die Pflüge sein, die den Boden wieder auflockern", warnt der britische Agrarforscher Simon Blackmore. "Über 80 Prozent der Energie im Feldbau wird aufgewendet, um mit Maschinen die Schäden zu reparieren, die man mit anderen Maschinen anrichtet."
Wie rollende Schrottpressen zerquetschen die Riesen die Ackerkrume, die normalerweise zur Hälfte aus luftigen Hohlräumen besteht. Tief im Boden, für keinen Pflug erreichbar, bildet sich so ein verdichteter Horizont, eine Art Isolierschicht, die Tiefenwurzeln, Durchlüftung und Versickerung behindert (siehe Grafik).
Vor allem aber störe die Verdichtung das Biotop im Boden, sagt der Braunschweiger Bodenzoologe Stefan Schrader: Die Anzahl kleiner Würmer, rund 6000 pro Quadratmeter, werde durch zu schwere Maschinen halbiert. Schon Charles Darwin schwärmte von der "Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer", die nicht nur permanent umpflügen, sondern auch noch düngen, mit mehreren Tonnen Wurmlosung pro Hektar und Jahr.
"Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Regenwurm, und so eine Monstermaschine kommt auf Sie zu", scherzt Jeff Tullberg, der in Australien Landwirtschaftsroboter entwickelt, die auf einem pfiffigen Prinzip beruhen, dem sogenannten Controlled Traffic: Seine Roboter fahren auf festen "Fahrspuren" über das Feld und lassen die Bereiche, wo Pflanzen wachsen, unberührt.
Ein Umdenken sei schon aus ökonomischen Gründen überfällig, sagt auch der Bodenkundler Rainer Horn aus Kiel. "Es ist absurd", ereifert sich Horn. "Auf Autobahnen gilt für Sattelschlepper ein Maximalgewicht von 44 Tonnen, aber die viel empfindlicheren Äcker dürfen beliebig belastet werden." Zwar formulierte die rot-grüne Regierung 1998 ein Bodenschutzgesetz. "Beeinträchtigungen seiner natürlichen Funktionen", so heißt es darin vage, sollen "so weit wie möglich vermieden werden". Horn will weiter für ein striktes Maximalgewicht kämpfen.
Griepentrog dagegen hofft, die Bodenschonung werde sich durchsetzen auch ohne Gesetz. Seine Vision: Grüppchen kleiner Roboter pflügen, säen, jäten und ernten. Da die Geräte leicht sind, schonen sie den Boden; da sie keine Lohnforderungen stellen, können sie auch nachts auf dem Acker rackern; und da sie mit intelligenter Sensorik ausgestattet sind, müssten sie die Ernte nicht auf einen Schlag einfahren: Die automatischen Knechte könnten immer wieder ausschwärmen, um nur die reifesten Maiskolben zu ernten.
Die größte Tugend seines kleinen roten Robotertreckers aber ist vielleicht das, was er nicht tut: Dank seines geringen Gewichts presst er den Boden kaum zusammen und bewahrt so den unterirdischen Lebensraum. "Denn die sparsamsten und effizientesten Landwirtschaftsroboter", sagt Griepentrog, "sind eigentlich die Regenwürmer."