Titel: "Ein paar Jahre länger" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Titel "Ein paar Jahre länger"

SPD-Vordenker Erhard Eppler, 82, über die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke und einen neuen Energiekonsens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Eppler, die Industrie und CDU/CSU setzen auf eine Renaissance der Atomkraft. Die SPD steht eisern dagegen. Hält der Widerstand?

Eppler: In einem Jahrhundert, in dem staatliche Gewaltmonopole und mit ihnen Staaten zerfallen, die Gewalt sich privatisiert und kommerzialisiert und der Terror sich globalisiert, ist Atomenergie lebensgefährlicher Leichtsinn. Was geschieht, wenn ein entführter Jumbo auf ein Kernkraftwerk stürzt? Oder wenn es Terroristen gelingt, Zugang zu bombenfähigem Material zu bekommen? Die Geheimdienste sind schon weiter als die Politik. Eine atomare Explosion in Chicago oder Hamburg, und unsere Zivilisation würde in Hysterie versinken.

SPIEGEL: Die Befürworter der Atomkraft können darauf verweisen, dass diese Energiequelle klimafreundlich ist. Das ist auch ein starkes Argument.

Eppler: Ja, ein neues Argument dafür. Der atomare Terror ist ein neues Argument dagegen. Atomkraftwerke in Libyen, dann auch südlich der Sahara: In eine solche Welt möchte ich meine Enkel nicht hineinwachsen lassen. Dass der Kalte Krieg nicht in die atomare Vernichtung mündete, verdanken wir den strategischen Schachspielern hüben und drüben. Terroristen spielen kein Schach. Wer selbst sterben will, möchte möglichst viele mitnehmen.

SPIEGEL: Die Stromkonzerne sagen, Strom könne wieder günstiger werden, wenn die Atomkraftwerke in Deutschland länger liefen. Überzeugt das den Sozialdemokraten?

Eppler: Natürlich wird Strom billiger, wenn man ihn in abgeschriebenen Kraftwerken gewinnt. Wer den Vorteil einstreicht, ist eine andere Frage. Die Atomenergie muss eine Übergangsenergie bleiben.

SPIEGEL: Also keine Konzessionen?

Eppler: Wenn es der Union nur darum geht, den Übergang zu erneuerbaren Energien abzusichern, dann könnte sie der SPD ja ein Angebot machen: Wenn die SPD bereit ist, einige Meiler ein paar Jahre länger laufen zu las- sen, dann schreiben wir gemeinsam in die Verfassung: Atomkraftwerke werden nicht mehr gebaut. Darüber wäre ich bereit zu reden, weil es darauf ankommt, die Atomenergie weltweit auslaufen zu lassen.

SPIEGEL: Halten Sie das für realistisch?

Eppler: Bisher sieht es nicht so aus, als wäre die Union zu einem solchen Deal bereit. Auch in der SPD gäbe es Widerstand. Aber so etwas hätte zwei Vorteile. Erstens hätten wir dann endlich so etwas wie einen Energiekonsens, wie ein modernes Industrieland ihn braucht. Und, zweitens, könnte Deutschland anderen das richtige Signal geben. INTERVIEW: