Ausland: Volle Tüte - DER SPIEGEL
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Ausland Volle Tüte

Global Village: In einem Amsterdamer Coffee-Shop versucht ein Cannabisfunktionär, mit dem Rauchverbot klarzukommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael Veling hat das Gesetz schon so oft übertreten, jetzt kommt's auch nicht mehr darauf an. Veling geht am Tresen seines Coffee-Shops entlang, ihm gehört das Café 420 im Herzen von Amsterdam. Er passiert die Auslage mit dem Drogenangebot: Joints aus feinem, biologisch angebautem Marihuana, mild im Geschmack und belebend in der Wirkung, zu sieben Euro das Stück. Mit Tabak gestreckt kostet das Ganze nur vier Euro, die Qualität ist aber nicht so hoch, die Tüte macht im Wesentlichen nur müde. Für Kunden, die noch selbst drehen, gibt es loses Marihuana. Die beste Sorte, "Super Silver Haze", für 12 Euro pro Gramm.

Cannabis wird in den Coffee-Shops der Niederlande geduldet, legal ist der Konsum genau genommen nicht. Wer bis zu fünf Gramm kauft, den lässt die Justiz einfach nur gewähren. Den Verkäufer im Coffee-Shop ebenso. Veling, der Besitzer des 420, verstößt also dauernd gegen das Gesetz, es kümmert halt nur keinen. Jetzt setzt er sich an den Tisch hinter der Theke. Veling will nun ein neues Gesetz brechen, ein strengeres.

Veling ist Sprecher des Verbands der Cannabishändler, in anderen Staaten würde man Dealer-Lobby dazu sagen. Außerdem ist Veling Mitglied der niederländischen Christdemokraten, bis 2006 saß er für die CDA in den Ausschüssen des Stadtteilparlaments. Zurzeit bekleidet er kein Mandat, weil in den Großstädten kaum noch jemand CDA wählt. Mittlerweile hat Veling keine sehr hohe Meinung mehr von der Politik. Er zieht ein Päckchen Tabak aus der Hemdtasche, zupft Zigarettenpapier aus der Schachtel und beginnt zu drehen, reinen Tabak, "Drum halfzware". Das Drehen ist erlaubt, das Anzünden neuerdings aber nicht mehr. Natürlich zündet Veling an. Er raucht Kette, da kann er schlecht für jede Zigarette vor die Tür.

Seit dem vergangenen Dienstag gibt es nun auch in den Niederlanden ein Rauchverbot. Keine Zigaretten mehr in öffentlichen Gebäuden, rauchfreie Kneipen - das ganze Programm, wie in Deutschland, Italien, Irland und anderswo. Die Angestellten in der Gastronomie sollen nicht mehr passiv mitrauchen müssen, es gibt Strafgelder für Wirte, die das Rauchverbot nicht durchsetzen, es gab die gleichen Diskussionen um bedrohte Einraumkneipen wie in Deutschland.

Der Staat schützt die Gesundheit seiner Bürger, notfalls auch gegen deren Willen und an Orten, an denen sie das nicht wünschen. Das ist das Prinzip des Rauchverbots.

Anders als hierzulande bezieht sich das niederländische Nichtrauchergesetz aber ausdrücklich auf Tabakkonsum. "Alles andere darf ich rauchen", sagt Veling: "Bananenschalen, Tee, alte Socken. Oder auch Cannabis." Das heißt: In den rund 700 niederländischen Coffee-Shops müssen Zigarettenraucher vor die Tür, wer aber pures Cannabis kifft, kann gemütlich drinnen sitzen bleiben.

"Das ist völliger Schwachsinn", sagt Veling: "Ich habe Cannabis, ein illegales Produkt, das ich aber rauchen darf. Und ich habe legalen Tabak, auf den mein Staat sogar Steuern erhebt - und Tabak darf ich nicht rauchen."

In Velings Coffee-Shop trifft das Prinzip der fürsorglichen Niederlande auf das Prinzip der niederländischen Toleranz. Es sind zwei verschiedene Konzepte von Obrigkeit, die da einander widersprechen.

Andererseits ist es kurz nach Mittag, schon jetzt hängen dichte Nebel unter der Decke, und wenn man nur lang genug im Dampf sitzt und passiv mitraucht, dann scheint die Welt auf einmal immer harmonischer, und Widersprüche lösen sich auf: Klar, klar, Kiffen ist erlaubt, solange man das Dope pur raucht. Und Zigaretten eben draußen. Calvinismus mit Rastalocken, so ist Holland, das passt schon.

Michael Veling ist 53 Jahre alt, er führt das Café seit 1987, hier berauscht sich die Jugend der Welt, die Coffee-Shops sind eine Touristenattraktion. Im Zentrum der Stadt liegen rund 70 Shops dicht an dicht. Deutsche Gäste erscheinen nicht mehr so häufig, hat Veling beobachtet, wahrscheinlich ist die Versorgungslage in der Bundesrepublik besser geworden. Italiener kamen früher immer in Gruppen, heute kifft eher der Individualreisende. Araber kaufen hier "roten Marokkaner", verwöhnte Amerikaner loben das Gras aus den - illegalen - holländischen Gewächshäusern, Veling verkauft zwischen 100 und 500 Gramm pro Tag.

Gelegentlich veranstaltet er Führungen für Kollegen aus der Politik, für Richter oder Staatsanwälte. Vor vier Jahren kam eine Delegation der EU ins 420, um das Dope zu beschnuppern, vor zehn Jahren war der deutsche Botschafter da.

Veling geht zum Tresen, dort steht seine Waffe gegen das Nichtrauchergesetz: ein sogenannter Vaporisator, das Ding sieht ein bisschen so aus wie ein Wasserkessel. "Storz & Bickel", sagt Veling, "deutsche Erfindung."

In einem Joint verbrennt Cannabis zusammen mit Takak, aber Tabak ist ja jetzt verboten. Im Vaporisator hingegen wird pures Marihuana bei 187 Grad verdampft, die Dämpfe in einen Plastikballon geleitet. Den setzt man sich dann an den Hals und atmet tief ein. Das sieht deutlich alberner aus als ein Joint, Plastik knistert auch weniger romantisch als Gras, aber der Vaporisator ist gesetzeskonform und tabakfrei. Außerdem dröhnt so ein Plastikbeutel besser, weil in einem gewöhnlichen Joint zu viel vom Wirkstoff einfach verfeuert wird.

Cannabis pur zu rauchen wird ihm wohl niemand untersagen können. "Wie denn auch?", fragt Veling: "Eigentlich ist es ja schon verboten." ANSBERT KNEIP