Ausland "Das ist ein regionaler Krieg"
SPIEGEL: Herr Rashid, momentan sterben in Afghanistan mehr ausländische Soldaten als im Irak. Können die Taliban siegen?
Rashid: Die afghanischen und die pakistanischen Taliban haben eine große Offensive gestartet. Bisher hielt immer einer dieser beiden Verbände ruhig, während der andere angriff. Aber in diesem Sommer greifen beide gleichzeitig an. Das ist eine strategische Entscheidung der Taliban. Sie wissen, dass der amerikanische Präsident am Ende seiner Amtszeit nicht mehr viel tun kann, und sie wissen, dass eine neue US-Regierung erst im kommenden Frühjahr handlungsfähig sein wird. Sie nutzen es aus, dass die pakistanische Regierung schwach und uneins ist und die afghanische Regierung schwach und kraftlos.
SPIEGEL: Was ist das strategische Ziel der Taliban in Afghanistan?
Rashid: Sie wollen eine Katastrophe auslösen - indem sie entweder eine Stadt einnehmen und eine Gegenregierung ausrufen oder indem sie einen oder zwei der weniger entschlossenen Nato-Staaten dazu bringen, ihre Truppen aus dem Land abzuziehen. In der Zwischenzeit sind die pakistanischen Taliban dabei, sich im nordwestlichen Grenzgebiet so viel Territorium wie möglich unter den Nagel zu reißen. So wollen sie ihren Einfluss in der pakistanischen Bevölkerung vergrößern, aber auch den Anführern der Taliban und von al-Qaida größeren Schutz in der Region bieten.
SPIEGEL: Wie konnten die Taliban im Nordwesten Pakistans überhaupt so einflussreich werden?
Rashid: Die pakistanischen Stammesangehörigen, die Paschtunen, die al-Qaida 2001 halfen, aus Afghanistan zu entkommen, haben enorm profitiert von ihrer Verbindung mit den Taliban und mit al-Qaida. Sie waren die Gastgeber und die Beschützer der Qaida und haben von ihr viel Geld bekommen. Sie fühlten sich auch ermutigt, selbst Milizen auszubilden. Schuld an dieser Entwicklung ist das mangelnde Interesse der Amerikaner an den Taliban nach 2001. Sie sagten immer wieder, der einzige Feind sei al-Qaida. Dadurch konnte Pakistan den Rückzug der Taliban auf sein Territorium hinnehmen und ihnen Schutz bieten.
SPIEGEL: Wie kritisch ist die Situation - steht Pakistan auf der Kippe?
Rashid: Bei den Wahlen im Februar sind säkulare Parteien an die Macht gekommen - sowohl in der Zentralregierung als auch in der Provinz an der Grenze. Sie haben die Fundamentalisten und die Partei von Präsident Musharraf besiegt. Das war eigentlich ein gutes Zeichen und ein Beleg dafür, dass die Pakistaner gegen den Fundamentalismus und auch gegen die Fortsetzung der Militärregierung sind. Doch die Probleme sind gewaltig: Erstens ist da der Trümmerhaufen, den Musharraf 2007 in seinem verheerenden letzten Jahr hinterlassen hat - da rief er das Kriegsrecht aus, da setzte er die Verfassung außer Kraft und ging gegen die Richter vor. So hat er der neuen Regierung ein riesiges verfassungsmäßiges Problem hinterlassen. Zweitens hat die zivile Regierung immer noch keine Kontrolle über die Außenpolitik mit Indien und Afghanistan, die ist weiterhin in der Hand des Militärs. Und drittens gibt es eine riesige Wirtschaftskrise wegen der Preise für Öl und Nahrungsmittel, und das befeuert die internen Unruhen.
All diese Probleme haben Machtkämpfe innerhalb der Koalitionsregierung verursacht. Weder sie noch die Armee konzentrieren sich darauf, den Extremismus zu bekämpfen.
SPIEGEL: Die Armee hat seit Jahren religiöse Krieger in den Stammesgebieten bekämpft - und ist damit gescheitert. Die Regierung hat versucht, mit ihnen zu verhandeln - und ist damit gescheitert. Was kann noch getan werden?
Rashid: Es ist strategisch notwendig, dass die pakistanische Armee die Unterstützung für die afghanischen Taliban einstellt. Und sie muss aufhören, den afghanischen Taliban in Pakistan Zuflucht zu gewähren. Wenn das nicht geschieht, gehen die Kämpfe in beiden Ländern weiter.
SPIEGEL: Welche Fehler haben die westlichen Regierungen in Afghanistan und Pakistan Ihrer Meinung nach begangen?
Rashid: Die Ursünde war, dass die Amerikaner sich im Frühjahr 2002 von Afghanistan abwandten, um den Krieg im Irak vorzubereiten. Es gab bis 2004 keinerlei größeren Wiederaufbau im Land, und so wurde der Zeitpunkt verpasst, das afghanische Volk zu gewinnen und den Einfluss der Taliban wirklich zu untergraben.
SPIEGEL: Ist Afghanistan noch zu retten?
Rashid: Ja, immer noch, aber es ist kein einzelner Konflikt mehr, das ist ein regionaler Krieg, der sich ausweitet auf Pakistan, Zentralasien und Iran. Es braucht nun einen diplomatischen Vorstoß des Westens für die ganze Region. Es ist ein viel größeres Problem geworden, als es 2001 war.
SPIEGEL: Pakistan ist ein Atomstaat - ist nicht zu befürchten, dass sich die Taliban oder al-Qaida eines Tages Zugang zum nuklearen Arsenal verschaffen?
Rashid: Nein, das glaube ich nicht. Die pakistanischen Nuklearwaffen werden von der Armee kontrolliert, einer sehr disziplinierten und hierarchischen Streitmacht. Es ist unwahrscheinlich, dass es in der Befehlskette Brüche gibt.
INTERVIEW: SUSANNE KOELBL