Computer Jedermann ein Hexenmeister
Wer in dieser finsteren Kneipe würde wohl erraten, was der wilde Mann an der Gitarre im wahren Leben treibt? Hier rackert er, dass die Akkorde krachen; der Arm kreist wie ein Dreschflegel, der Gitarrenhals stochert wirr in die Luft. Das ist Mark Uhlemann, heute Abend ganz der Hexenmeister des Rock, der sein Publikum mit sich in den Wahnsinn reißt.
Rocker Uhlemann ist Opernsänger von Beruf. Sein Werktag besteht aus Disziplin: Tonleitern rauf und runter, Koloraturen vor dem Spiegel, Training der Zwerchfellflankenatmung. Aber hin und wieder hängt er sich die Elektrowumme um und geht ins Angels & Kings.
Die Kneipe im New Yorker East Village ist des Sängers Zuflucht vorm strengen Regiment der Kunst. Hier stöpselt er ein und fegt los. "Der absolute, pure Spaß", sagt er.
Uhlemann sang schon auf der Bühne der ruhmreichen Metropolitan Opera, von Gitarre hingegen hat er keine Ahnung. Muss er auch nicht. Die Plastikschrammel, mit der er sich vergnügt, hat nicht einmal Saiten. Nur ein paar bunte Tasten, die es in der richtigen Abfolge zu treffen gilt, sind übers Griffbrett verteilt.
Das ist das Videospiel "Rock Band". Uhlemanns Gitarrenkabel mündet in einer Spielkonsole, ebenso der Bass seines Freundes nebenan, das Gesangsmikrofon und das kleine Schlagzeug, auf das ein Sängerkollege eindengelt. Bunte Lämpchen auf dem Monitor zeigen an, was ein jeder zu spielen hat.
Das Publikum hört herzhaft dröhnende Musik von Metallica, den Rolling Stones oder den Pixies. Eine erstaunlich kompetente Kneipenband, so scheint es, ist da am Werk. Das kommt, weil der Computer gröbere Entgleisungen und Misstöne trickreich unterbindet. Die Musikantendarsteller können sich aufs Wesentliche konzentrieren: auf Verausgabung, Schweißausstoß und Breitbeinigkeit, auf das große Theater des Rock.
Uhlemann macht es gut, er bringt die Leute zum Johlen. Das ist sein Rampenerlebnis, dafür ist er gekommen. Fehlt nur, dass er am Ende seine Gitarre in Trümmer schlägt.
Diese ist allerdings nicht ganz so billig, wie sie aussieht. Für die Ausstattung einer vierköpfigen Band mitsamt Spielsoftware fallen über 300 Euro an. Inbegriffen sind immerhin gut 60 Songs aus fünf Jahrzehnten Rockgeschichte, eigens fürs Nachspielen präpariert. Die Musiker können wählen, welche Instrumente sie übernehmen wollen. Die übrigen Spuren steuert jeweils der Computer bei.
Die Firma Harmonix aus Cambridge bei Boston hat sich "Rock Band" ausgedacht; sie gehört inzwischen zum Imperium des Medienkonzerns Viacom. Der will seinen welkenden Musiksender MTV mit solchen Attraktionen auffrischen. Es lockt, davon abgesehen, eine neue Art von Geschäften.
Im Spiel ist ein Online-Musikladen eingebaut, der zusätzliche Songs zum Herunterladen bietet. Die Fans zahlen klaglos rund zwei Euro pro Stück, doppelt so viel wie bei iTunes. Mehr als 15 Millionen Verkäufe konnte MTV bereits verbuchen. Kein Wunder, dass die Musikindustrie, zermürbt von jammervollen Absatzzahlen, sich Hoffnungen macht: Könnte in solchen Spielen ihre Zukunft liegen?
Uhlemann glaubt, ja. Im Angels & Kings ist zu sehen, wie die Gäste der Reihe nach in den Sog des schnellen Vergnügens geraten. Die Kneipe, von roten Glimmpünktchen kaum merklich erleuchtet, zieht Künstler, Studenten und Medienmenschen aus der Nachbarschaft des quirligen East Village an - nicht unbedingt die typischen Zottel, die zum Gehämmer von Black Sabbath ihre Mähne schütteln. Wer hier lebt, hat zu den protzenden Gesten des Rock von gestern ein eher ironisches Verhältnis.
Aber man kann sich ja mal in Positur werfen: Der Schlagzeuger schlägt einpeitscherhaft die Stöcke überm Kopf zusammen, der Gitarrist windet sich wie in Krämpfen. Immer neue Gäste versuchen sich an einem Instrument, es geht ziemlich ausgelassen zu. Am Ende war nahezu jeder mal auf der Bühne.
"So ist es immer", sagt Uhlemann. "Anfangs wollen die Leute nur mal zugucken, aber am Ende widersteht doch kaum einer dem Reiz." Er nimmt das Spiel manchmal auf Partys mit, "damit kommt man sich leicht näher". Für alle ist was dabei: Ein bisschen Bassgitarre auf Stufe "easy" geht auf Anhieb, für Selbstdarsteller ist die Skala der Exaltiertheit nach oben offen, und die anderen können immer noch anfeuern und mitsingen. Die Musik kennen ja fast alle.
Die Zubehörindustrie hat schon Ideen, das Konzerterlebnis noch zu vertiefen: Ab August soll es eine Lichtorgel für "Rock Band" zu kaufen geben, die mit bunten Lämpchen blinkert, und ein Kästchen, das Bühnennebel ins Wohnzimmer pufft.
In Deutschland kam das Spiel gerade heraus. Hier ist es vorerst nur für die Xbox, die Konsole von Microsoft, zu haben; Versionen für Sonys Playstation und Nintendos Wii folgen später. In den USA, wo "Rock Band" bereits ein gutes halbes Jahr auf dem Markt ist, wurden bislang mehr als drei Millionen Instrumentenpakete verkauft. Dutzende Bars halten inzwischen regelmäßig "Rock Band"-Abende ab, bevorzugt an schwach besuchten Tagen. Im Angels & Kings, sagt Barkeeper Jesse, kämen jetzt mittwochs fast doppelt so viele Gäste wie früher.
Vereinzelt gibt es auch schon Wettbewerbe, bei denen Konsolenbands gegeneinander antreten. Es entscheidet die Anzahl der getroffenen Töne in Prozent, wie sie die Spielstatistik automatisch auswirft; meist sitzen aber auch Jurys dabei, die bewerten, worauf es wirklich ankommt: den Wagemut der Bühnenshow.
Mit der Selbstentblößung des Karaoke hat "Rock Band" freilich wenig zu tun. Spieler wie Publikum sind vor Peinlichkeiten weitgehend behütet. Die Musiker an ihren Instrumenten, das ist der Trick, erzeugen in Wahrheit gar keine Töne. Sie rufen nur die fertig eingespielten Klangschnipsel der Originalaufnahme ab. Verfehlt ein Rocker den Einsatz, ist eben in diesem Moment sein Instrument nicht zu hören. Das klingt schlimmstenfalls wackelig und dünn, nicht aber grausam.
In der leichtesten Spielstufe genügen wenige schlichte Griffe für die Illusion, selbst zu musizieren. Im Expertenmodus dagegen muss der Spieler selbst furiose Passagen nahezu eins zu eins auf den bunten Tasten nachklappern. Zudem gibt es Effektschalter, mit denen sich etwa Echo und Wah-Wah hinzuschalten lassen. "Das ist schon sehr nah am echten Bühnengefühl", sagt Opernsänger Uhlemann.
"Es geht um Geselligkeit und gute Musik"
Auf dem Bildschirm ist während des Spiels eine Band zu sehen, die gerade ein Konzert vor virtuellen Zuschauermassen gibt; jeder Spieler hat sein Alter Ego auf der Bühne. Wer sich gar zu hölzern anstellt, wird ausgebuht. Macht der Rocker seine Sache aber gut, so grölen die Massen bald begeistert mit. Uhlemann nahm es als Ansporn, immer heiklere Stücke zu probieren. "Ein bisschen schlecht fühle ich mich ja schon", sagt er. "In der Zeit hätte ich auch richtig Gitarre lernen können. Allerdings mit weitaus weniger Vergnügen."
"Rock Band" ist der jüngste Vertreter einer neuen Gattung niedrigschwelliger Musikspiele, deren Potential erst im Ansatz deutlich wird. Dem Urahn, 1998 erschienen, war das noch keineswegs anzusehen. Damals brachte die japanische Firma Konami ein Spiel namens "Dance Dance Revolution" auf den Markt, das geschaffen schien für ein paar wunderliche Käuze. Es wurde mit Matten aus elektrisch verschalteten Feldern ausgeliefert; die Spieler sollten darauf im Rhythmus aufleuchtender Lämpchen herumhopsen. Dem Spiel wohnte jedoch, wider Erwarten, ein mächtiger Entfesselungszauber inne: Bald sah man verhockte Spielefreaks vorm Bildschirm tanzen wie Derwische.
Das war neu: ein Computerspiel, das außerhalb des Computers stattfindet und nicht nur die Faust am Joystick, sondern den ganzen Körper fordert. Den nächsten Schritt tat die kleine Firma Harmonix, gegründet von jungen Musikforschern des MIT bei Boston. Ende 2005 brachte sie das Spiel "Guitar Hero" heraus, erstmals mit einer Gitarre als Steuergerät. Es wurde ein großer Erfolg - und beileibe nicht nur bei Gewohnheitsspielern.
Zwar gibt es auch hier die Eiferer der Punktejagd, die nicht eher ruhen, als bis sie die furiosesten Stücke perfekt beherrschen. Der US-Teenager Chris Chike etwa daddelte sich kürzlich erst - auf YouTube im Video dokumentiert - fehlerfrei durch das am meisten gefürchtete Stück des Spiels: "Through the Fire and Flames" der Gruppe Dragonforce. Es besteht im Expertenmodus aus 3722 Noten schier unaufhörlicher Raserei.
Akrobaten wie Chike gelten in der Szene jedoch als Außenseiter, deren mechanischer Drill sich bei solchen Spielen besonders befremdlich ausnimmt. "Es geht nicht um Punkte", sagt Feierabendgitarrist Uhlemann. "Es geht um Geselligkeit und gute Musik."
Was aber hat es mit Musik zu tun, wenn die Spieler nur auf Kommando farbige Tasten drücken? Weder können sie hinterher Noten lesen noch lernen sie - mit Ausnahme des Schlagzeugs - das mindeste über ihr Instrument. Doch wer sonst Musik immer nur konsumiert hat, erfährt immerhin einiges über die Vertracktheiten der Stücke, kann sich in melodische Muster und rhythmische Finessen hineinarbeiten.
Es fügt sich, dass eben das offenbar auch den Umsatz belebt. Bei Uhlemann jedenfalls weckt der vertiefte Umgang den Wunsch nach immer neuen Stücken. Jeden Dienstag, wenn MTV neue Songs veröffentlicht, lädt er seine nächste Wochenration herunter.
Wie verheißungsvoll der Markt ist, zeigte ein Experiment der US-Band Mötley Crüe: Im April bot sie ihre neue Single "Saints of Los Angeles" vorab für "Rock Band" an. In der ersten Woche wurden allein für die Xbox-Version mehr als 47 000 Exemplare abgerufen. Das gleiche Stück nur zum Anhören gab es in Internet-Läden wie iTunes, es kam auf knapp über 10 000 Verkäufe.
Die Spielehersteller beeilen sich nun, die überraschende Nachfrage mit immer neuen Musikspielen zu stillen. Von "Guitar Hero", das in den Besitz der Firma Activision übergegangen ist, gibt es bereits mehrere Abkömmlinge. Seit dem erfolgreichen Antritt von "Rock Band" aber setzt die Industrie vor allem auf die Freuden des gemeinsamen Rockens.
Die Firma Konami kündigte für den Herbst ein Spiel namens "Rock Revolution" an, das ein fast wirklichkeitsgetreues Schlagzeug verspricht. Activision wiederum kommt mit "Guitar Hero World Tour" auf den Markt, einer Version, bei der die Spieler mit einem eingebauten Editor eigene Songs produzieren und mit anderen Konsolenmusikern austauschen können. Dies vor allem bringt die Szene bereits jetzt in Wallung, denn es ist absehbar, dass die Fans mit unzähligen Nachschöpfungen ihrer Lieblingsstücke aufwarten werden.
Der ulkigste Vertreter der neuen Welle kommt ohne Instrumente aus. "Frets on Fire", ein Klon von "Guitar Hero", wird einfach über die Tastatur gespielt, die man sich wie eine Gitarre umhängt. Die Software gibt es kostenlos im Internet. Freiwillige haben bereits Hunderte Musikstücke, hart am Rand des Urheberrechts, für das Spiel aufbereitet.
So wächst das Angebot an nachspielbarer Musik in alle Richtungen. Neueste Geschäftsidee: Spiele, die ganz einer berühmten Band gewidmet sind. Gerade erschien "Guitar Hero: Aerosmith", eine Spezialversion für Fans der altgedienten US-Rocker. Hier können sie deren musikalische Laufbahn nachspielen. Eine Ausgabe, die sich dem Lebenswerk der harten Burschen von Metallica widmet, ist schon in Arbeit.
Und das Angebot wird keineswegs auf Rock und Heavy Metal beschränkt bleiben. Sowohl Activision als auch MTV verhandeln bereits um den Zugriff auf das Werk der Beatles. Auch sonst sei nichts ausgeschlossen, sagt ein Sprecher von MTV: "Wir sprechen praktisch mit allen größeren Bands über Wege, ihre Musik ins Spiel einzubauen."
Sicher ist, dass die populäre Musik in ihrer gewohnten Darbietungsform an Bedeutung verliert. Als Rohstoff und Spielmaterial hingegen steht ihr womöglich neues Leben bevor: aufbereitet für Spaßmusikanten, in Einzelspuren zerlegt, zu vielerlei Gebrauch freigegeben. Der Kaufreiz steigt schon enorm, wenn der Kunde die Musik nachspielen kann - um wie viel mehr, wenn er sie auch abwandeln, neu mischen oder einfach nur zu einem Klingelton verwursten dürfte.
Opernsänger Uhlemann glaubt, dass die Zeiten, in denen man sich Musik einzig zum Anhören kauft, bald vorbei sein werden. "Künftig erwirbt man mit einem Musikstück die Möglichkeit, damit zu machen, was man will", sagt er. "Dass Musik einmal nur in Gestalt von CDs und MP3-Dateien zu bekommen war, wird uns in zehn Jahren sehr altertümlich vorkommen."