Kriminalistik Die Leichen von Knoxville
Die Welt der Toten liegt hinter dem Parkplatz des Universitätskrankenhauses von Knoxville, Tennessee. Ein hügeliges Waldstück, etwa so groß wie ein Fußballfeld, bewachsen mit Eichen und duftendem Geißblatt. Aber selbst im Frühling können die Blüten den süßlichbeißenden Gestank der 172 Leichen nicht übertünchen, die hier im Dienst der Wissenschaft und des FBI verrotten.
Neben einem Holzstöckchen mit einer fünfstelligen Zahlenkombination vermodert der Körper eines schwarzen Mannes. Das Gesicht des Toten mit dem weißen Bart ist eingefallen und vertrocknet, die Nase ist von Fliegen übersät.
Jeden Tag inspizieren Forscher den Kopf, vermessen ihn mit einem 3-D-Laserscanner. Sie wollen Erkenntnisse gewinnen für den umgekehrten Prozess: wie man ein zersetztes Gesicht rekonstruieren kann - etwa um Mordopfer zu identifizieren.
"Body-Farm" nennen die Bewohner von Knoxville das Gelände, weil sich hier Leiche an Leiche reiht, gekennzeichnet wie Gemüse im Beet eines Hobbygärtners. Hier am Forensisch-Anthropologischen Forschungszentrum der Universität Tennessee können Kriminalisten so systematisch wie im Labor mit Toten experimentieren - und sogar Kriminalfälle simulieren.
Sie haben Leichen auf dem Waldboden abgelegt, sie haben sie verscharrt, sie in Teppiche eingewickelt, sie in den Kofferraum eines Autos gesteckt, sie in einer Holzhütte bei laufender Heizung deponiert. Sie haben in enger Kooperation mit dem FBI all das getan, was ein Mörder tun könnte, der schnell eine Leiche verschwinden lassen muss.
Kürzlich war ein Ermittler aus Australien auf der Farm zu Gast. Er stellte einen Fall nach, der ihn daheim in Sydney schon lange umtrieb: Dabei war das Opfer eines Mordes in einer Mülltonne versteckt worden.
Deshalb stehen im Schatten zweier Eichen nun zwei große Plastikmülltonnen. Die eine ist fabrikneu, die andere erkennbar benutzt, und in beiden verwest eine Leiche. Der australische Forensiker will erfahren, wie lange das Skelett, das er seinerzeit gefunden hatte, wohl schon in dem Behälter gelegen hatte.
In Knoxville hat er es empirisch belegt: In einer sauberen Mülltonne dauert der Zersetzungsprozess bei warmem Wetter 50 Tage, in der angegammelten 20 Tage. So kann der Ermittler den Todeszeitpunkt eingrenzen, "für die Suche nach dem Mörder eine entscheidende Information".
Hinweise von den Spezialisten in Tennessee könnten schon bald auch bei der Aufklärung eines seit 20 Jahren ungelösten Kriminalfalls in Nordrhein-Westfalen behilflich sein: Erstmals hat die deutsche Polizei das Forschungszentrum offiziell um Unterstützung gebeten.
Es geht um ein mysteriöses Verbrechen im niederrheinischen Kempen. Am 28. März 1988 verschwand dort nach einem Kneipenabend die Pädagogikstudentin Dagmar Knops spurlos. Nun, 20 Jahre später, führte ein anonymer Brief die Fahnder in den Keller einer herrschaftlichen Villa: Knops sei ermordet und ihre Leiche im Untergrund des Gründerzeitgebäudes einbetoniert worden. Seit Monaten suchen deshalb Spürhunde, Georadar-Techniker und Beamte des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts im Keller des Gebäudes nach sterblichen Überresten der jungen Frau - bislang ohne Ergebnis.
Denn niemand in Deutschland, klagt Ingo Thiel, Leiter der zuständigen Mordkommission in Mönchengladbach, habe wissenschaftliche Erkenntnisse, wie ein menschlicher Körper sich nach so vielen Jahren unter Beton verändert habe; ob etwa die beiden Spürhunde tatsächlich Leichengeruch wahrgenommen haben könnten, als sie im Keller der Villa anschlugen. Und ob die Georadar-Experten unter der Betonsohle tatsächlich einen Hohlraum ausgemacht haben, in dem eine Tote verwest - oder ob es nur ein Fass ist oder ein Zementsack.
In den USA, auf der Body-Farm von Knoxville, haben sie solche Erkenntnisse durchaus. Ein einbetonierter Mensch? Alles schon mal ausgetestet. Mehrere Leichen haben die Amerikaner unter Betonplatten vergraben, in unterschiedlichen Tiefen, mit und ohne Kleidung - ein Langzeitexperiment, das die deutschen Kripo-Beamten womöglich aus ihrer Sackgasse führen könnte.
Deren Ermittlungen gerieten ins Stocken, nachdem sie fast 50 Zentimeter Bodenbelag - eine Betonplatte samt Unterfütterung mit Bauschutt - im Bereich einer früheren Zisterne des Hauses weggebohrt hatten. Darunter kam eine zweite Betonschicht zum Vorschein. Die abzutragen könnte jedoch die Statik des Hauses gefährden, dessen Wert auf mehrere Millionen Euro taxiert wird. Nun ist erst einmal ein Baugutachten in Auftrag gegeben worden.
Zweimal hat die US-Forensikerin Rebecca Wilson schon selbst Fälle von Leichen in Beton bearbeitet. "Einmal", erinnert sie sich, "war ein Mann bei Nashville unter einem Pferdestall einbetoniert worden." Und wenn der Körper erst mal gefunden sei, dann werde man auch mehr über die Tat erfahren.
Leiter der Body-Farm ist der Forensikprofessor Richard Jantz. In blauer OP-Kleidung sitzt er in seinem Büro, zwischen Stapeln angegilbter Papiere. Er hat eine langjährige Erfahrung darin, die sterblichen Überreste ihre Geschichte erzählen zu lassen.
Seine Leute können selbst aus verwesendem Fleisch noch Erbmaterial-Proben gewinnen. Oder sie lesen aus Knochenresten charakteristische Merkmale der Toten heraus: Die Knöchel von Übergewichtigen etwa sind nach außen verbogen; die Gesichtsform erlaubt Rückschlüsse auf den ethnischen Hintergrund; und wenn sich Eichhörnchen an einem trockenen Skelett ihre Zähne schärfen, kann man sicher sein, dass der Mensch mindestens vor eineinhalb Jahren das Zeitliche gesegnet haben muss.
Längst verflogen ist in Tennessee die Skepsis der Anrainer, welche die Experimente der Forensiker anfangs als "krank" beschimpften. In Zeiten, in denen sich die Rechtsmedizin dank Büchern und Fernsehreihen ungeahnter Popularität erfreut, vermachen immer mehr Spender der Body-Farm ihr Vermögen - und sogar ihre sterblichen Überreste.
Erhielten die Forensiker ihre Toten früher meist über den Leichenbeschauer, wenn keine Angehörigen zu ermitteln waren, so kommen heute mehr als 60 Prozent der Versuchsobjekte als letzter Wille nach Knoxville.
Erst neulich wurde eine Männerleiche angeliefert; der ältere Herr hatte Selbstmord begangen. Seine Frau war nicht mal ein Jahr zuvor nach schwerer Krankheit gestorben - und zu Trainingszwecken für FBI-Agenten auf der Body-Farm eingegraben worden.
Der Ehemann liegt nun gleich neben ihr, unter einer schwarzen Plastikfolie. Er hatte es so gewünscht.