Manager Pate des Glamours
Da steht er plötzlich in der Tür der Renault-Hospitality, der Erfolgsmensch, Spitzenmanager, Weltmeistermacher, Multimillionär, Verführer schönster Frauen, Gastgeber überschwelgender Partys, ein Leuchtturm im Meer der Superprominenten, ein Mann, der damit prahlt, dass ihn jeden Tag Hunderte E-Mails erreichten, "von jungen Männern, die wissen wollen, wie man ein Briatore wird".
Der echte Flavio Briatore taumelt, seine Arme hängen kraftlos herab, das bunte Hemd ist weit offen und hängt aus der Hose heraus, die graue Restmähne ist zerdrückt und der ganze Körper windschief.
Es ist der Freitag vor dem Rennen in Barcelona, das freie Training ist zu Ende, und Briatore kehrt vom Kommandostand an der Boxenmauer ins Fahrerlager zurück. Diese Freitage sind etwas für die Ingenieure, damit sie ihre Rennwagen feinabstimmen, aber nichts für Briatore, den die größeren Dimensionen interessieren. Der Renault-Teamchef sieht mitgenommen aus, als habe er eben den Siedepunkt des Wochenendes überstanden.
Vielleicht ist es ein Irrtum, viel Geschmeidigkeit von einem Mann zu erwarten, der auf die sechzig zugeht und eine Krebsoperation hinter sich hat. Briatore ist gealtert, das Kinn ist feist geworden, der Bauch wölbt sich deutlich, den Kampf, als ewig jugendlicher Stenz durchzugehen, hat der Italiener aufgegeben. Der Nierentumor war vor zwei Jahren bei einer Vorsorgeuntersuchung entdeckt und rechtzeitig operiert worden. "So etwas ändert deine Wahrnehmung: Du merkst, wie zerbrechlich du bist", sagt er. Welche Konsequenzen hat er daraus gezogen? "Ich bin wählerischer geworden, bei Freundschaften oder meiner Freizeit." Auch im Beruf? Briatore winkt ab. "Business ist Business - wenn du drinsteckst, steckst du drin."
Im schmalen Besprechungsraum des Renault-Motorhomes, das wie die Kabine eines Privatjets mit weichem Leder ausgeschlagen ist, fläzt sich Briatore in die Polster. Er trägt seine blaugetönte Brille, die zu seinem Erscheinungsbild gehört wie die Brandnarben zu Niki Lauda. Im Fernsehen läuft ein Rennen, bei dem Nachwuchsfahrer dabei sind, die bei Briatore unter Vertrag stehen. Auf dem Tisch liegt ein Blatt Papier, mit einer darauf skizzierten Pyramide samt Zahlen. Alles hier scheint sich ums Geschäft zu drehen.
Briatore ist zum Gesicht der Formel 1 geworden, zum Paten des Glamours. Er hat sich systematisch eine Rolle erschlossen, die niemand sonst mehr ausfüllt. Die eigentlichen Stars, die Rennfahrer, sind Vollprofis, die sich ungern ablenken lassen, sie heiraten früh, meiden Schwächen und nehmen ihren Job auffällig ernst. Briatore zieht solche Grenzen nicht. Vor zehn Jahren eröffnete er auf Sardinien den Nachtclub "Billionaire", den er mit Daniela Santanchè betreibt, der Spitzenkandidatin der italienischen Neofaschisten. Ihm gehört auch ein Modelabel gleichen Namens, seit Jahren zeigt er sich gern mit Supermodels.
Er vermischt Privates und Geschäftliches, und Gerüchte, die Liebschaften seien bloße Inszenierung, haben der Außenwirkung nie geschadet. Zu farbenfroh ist bei Briatore die Grauzone.
Wenn es denn ein Schauspiel war, dann hat er es jetzt zumindest eingeschränkt. Mitte Juni heiratete er das Ex-Wonderbra-Model Elisabetta Gregoraci, 28 und damit 30 Jahre jünger. Es war ein Fest nach Briatores Art: Trauung in einer Kirche aus dem achten Jahrhundert, nahe dem Vatikan gelegen, das Brautkleid samt sieben Meter langer Robe war in 500 Arbeitsstunden genäht worden, den Hochzeitswagen chauffierte Ex-Weltmeister Fernando Alonso, die Torte war größer als das Paar. Und auf der Party abends spielte Briatores Lieblingsband Duran Duran vor den 300 Gästen. "Schön, wieder mal hemmungslosen Prunk zu erleben", schluchzte die "Bunte".
Man kann auch sagen: Flavio Briatore konzentriert sich auf das Wesentliche.
Wenn er nicht arbeitet, könnte er auf seiner Luxusyacht "Force Blue" durchs Mittelmeer kreuzen, in seinem Londoner Nobelrestaurant schlemmen oder in seinem kenianischen Strandpalast die Beine ausstrecken. Stattdessen treibt sich Briatore an Wochenenden im Kabinengang eines maroden Fußballstadions an der Londoner Loftus Road herum, um sein jüngstes Investment zu besichtigen: den Zweitligaclub Queens Park Rangers.
Für Außenstehende mag Queens Park Rangers, kurz QPR, ein abgehalfterter Verein sein, der vor dem Anpfiff die Hymne des Punkrock spielt, "London Calling" von The Clash, ein Club mit einem Wellblechbau als Heimstatt und einer Würstchenbude vor dem Haupteingang. Aber für Briatore war es die Gelegenheit, sehr günstig in Englands Profifußball einzusteigen. Zwei Stunden bevor die Rangers an einem Kredit erstickt und pleitegegangen wären, griff er zu - da war der Preis auf die Schnäppchenhöhe von 14 Millionen Pfund gesunken. Dabei kannte Briatore den Club vor dem Kauf gar nicht. Als ihn ein Freund auf QPR ansprach, glaubte er, es handle sich um ein Barbecue-Restaurant. Zumindest erzählt er das so. Er liebt Pointen.
Die großen Clubs aus der Premier League sind Milliarden wert, teuer für den, der einen haben möchte, aber meist schon vergeben. Der FC Chelsea gehört dem russischen Ölmagnaten Roman Abramowitsch, Manchester United dem amerikanischen Unternehmer Malcolm Glazer, Lokalrivale Manchester City dem thailändischen Ex-Premier Thaksin Shinawatra. Manche von ihnen halten sich die Teams wie ein Spielzeug, sie alle aber hat der Fußball schlagartig bekannt gemacht.
Nicht mein Ansatz, sagt Briatore: "Mich kennt man schon. Wir sind nicht hier, um Geld zum Fenster rauszuschmeißen."
Er ist der Clubboss, aber er hat sich nicht allein eingekauft, "das hätte ich nie gemacht", sagt er. "Es ist ein Projekt unter Freunden." Zunächst machte sein Weggefährte Bernie Ecclestone mit, der Chefvermarkter der Formel 1. Ein paar Monate später stieß Lakshmi Mittal dazu, ein steinreicher Stahlproduzent aus Indien. Mittal besitzt etwa 45 Milliarden Dollar Vermögen, Ecclestone wohl rund 4, bei Briatore gibt es keine verlässlichen Schätzungen, aber etliche Millionen werden zusammenkommen.
Seine Aufgabe ist es, den Laden als Manager auf Vordermann zu bringen, Ecclestone und Mittal halten sich im Hintergrund. Briatore holt neue Leute und feuert andere, darunter zweimal den Trainer. Er hat ein neues Clublogo entwerfen lassen als Zeichen des Aufbruchs in eine neue Zeit. Ein italienischer Sportartikelhersteller zahlt künftig vier Millionen Pfund jährlich, um die Spieler auszurüsten. Auf den Trikots wirbt kein benachbarter Gebrauchtwagenhändler mehr, sondern eine Fluglinie aus Bahrein. Briatore bläst die Luft der großen Welt ins Stadion.
Und Flavio Briatore sitzt wieder mittendrin, dort, wo das ganz große Geld sitzt
Und was passiert mit der Mannschaft?
"Wir müssen den Club erst konsolidieren. Wir denken strategisch und investieren in junge Spieler. Es gibt viele auf dem Markt. Aber manche Clubs und Vermittler scheinen zu glauben, sie könnten uns das Blut aus den Adern saugen. Wenn wir an einem Spieler interessiert sind, kostet er plötzlich zehnmal mehr. Vielleicht können wir den einen oder anderen von einem der großen Clubs ausleihen. Real Madrid oder Manchester United haben 50, 60 Spieler, und wenn jemand gut werden will, muss er spielen können. Bei uns könnte er das. In vier Jahren wollen wir aufgestiegen sein. Wenn alles so läuft, wie wir glauben, dann ist der Club eines Tages das 10- oder 20fache wert."
Das ist der Plan. Billig einkaufen, teuer verkaufen, Geld verdienen. Deshalb nehmen bei den Rangers-Heimspielen regelmäßig diese Männer, die sich jede andere Mannschaft der Welt leisten könnten, auf abgewetzten Klappstühlen Platz.
Und Flavio Briatore sitzt wieder mittendrin, dort, wo das ganz große Geld sitzt.
Ein erstaunlicher Weg für den Sohn eines Lehrerehepaars, der in seinem Leben nur einen Beruf tatsächlich erlernt hat: den eines Landvermessers. Briatore hat immer auf reiche Förderer gebaut. Der Textilunternehmer Luciano Benetton sandte ihn 1977 in die USA, um dort eine Kette von Boutiquen aufzuziehen. Briatore bewährte sich. So sehr, dass Benetton ihn auch nicht fallen ließ, als er auf die Amerikanischen Jungferninseln geflohen war, weil die italienische Justiz ihn einem Zockerring zugerechnet und zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt hatte. Zwei Jahre später amnestiert, kehrte Briatore nach Italien zurück, wo Benetton mit der nächsten Aufgabe wartete. 1988 nahm er ihn mit zum Grand Prix nach Australien, zeigte ihm den firmeneigenen Rennstall, der einen neuen Chef brauchte, und sagte: Mach das. Briatore machte.
Es kam der nächste Verbündete: Bernie Ecclestone. Der mächtige Mann der Formel 1 manövrierte den Neuling Michael Schumacher 1991 in Briatores Team, jahrelang sprangen Schumacher und Briatore champagnertriefend auf den Siegerpodesten herum, so erfolgreich wurden sie. Ecclestone und Briatore sind bis heute Freunde. Wobei man den Begriff nicht überstrapazieren sollte. Ecclestone mag den unterhaltsamen Briatore - solange er ihm nicht in die Quere kommt. Umgekehrt schätzt Briatore Ecclestones Protektion. Vor drei Jahren hat er mal kurz an der Hierarchie gekratzt und in einem Interview gesagt, er würde gern "Bernies Art zu denken" ändern. Ecclestones Antwort: "Merkwürdig, dass Flavio das möchte. Jahrelang hat er meine Vorschläge befolgt." Seitdem gilt ihr Verhältnis als geklärt.
In Ecclestones Imperium hat Briatore sein eigenes Reich aufbauen dürfen. Der Rolle als Teamchef ist er längst entwachsen. Mit seinem Firmengeflecht managt er die lukrative Nachwuchsserie GP2 und mehrere Formel-1-Piloten, was nicht minder einträglich ist. Er kann Karrieren fördern wie die seines Klienten Alonso, um im Erfolgsfall am Fahrergehalt kräftig mitzukassieren, aber er kann sie auch behindern wie im Fall des Österreichers Alexander Wurz, der sich zu seiner Zeit als Benetton-Pilot weigerte, einen persönlichen Vertrag mit Briatore abzuschließen - und aus dem Team gedrängt wurde.
Pat Symonds, 55, war schon Renningenieur bei Benetton, als Briatore dort vor 20 Jahren auftauchte. Heute ist er Renaults Cheftechniker und unter Briatore zu einem von dessen engsten Mitarbeitern aufgestiegen. Symonds ist ein etwas dicklicher, graugesichtiger Mann, dessen Hirn ständig an Lösungen zu arbeiten scheint. "Zuerst dachte ich, Flavio scheitert in der Formel 1, weil er zu wenig weiß. Aber genau das ist sein Vorteil. Ich denke als Ingenieur meist an Details: Wie kann ich dieses und jenes verbessern? Er behält den Überblick, statt sich zu verzetteln. Flavio ist jemand, der an die Strecke kommt, die Autos sieht und sich wahrscheinlich fragt: Oh, wie sind die eigentlich hierhergekommen? Aber das braucht er gar nicht zu wissen. Hauptsache, sie sind da."
Der größte Vorteil Briatores ist, dass er kein "petrol head" ist, wie die Engländer sagen, kein Benzinkopf. Ältere Formel-1-Teamchefs wie Ron Dennis oder Frank Williams haben sich im Rennsport bis nach oben durchgekämpft und kennen nichts anderes; die nächste Generation mit Führungskräften wie Mario Theissen von BMW kommt aus den Ingenieurabteilungen der Autokonzerne und hält alles für eine Abfolge physikalischer Vorgänge.
Briatore ist ein Verkäufer, der einzige seiner Art in der Formel 1. Er könnte auch Waschmittel vermarkten. "Dies ist wie jedes andere Geschäft", sagt er. "Wenn du etwas gut managst, macht es keinen Unterschied, was das Produkt eigentlich ist."
Er gilt als jemand, der viel fordert von seinen Leuten, der sie antreibt, aber ihnen die Freiheit lässt, nach eigenen Lösungen zu suchen. Im Alltag taucht er morgens in der Renault-Rennfabrik auf und verlässt sie nachts wieder. Konferenzen finden ohne festen Themenplan statt, um Freiraum für Kreativität zu schaffen. Ein Faible für Autos hat er überhaupt nicht, sie sind bloß Transportmittel, "wie ein Taxi", sagt er.
Seine Yacht dagegen ist ein Vergnügen, das er sich viel kosten lässt, gerade jetzt, in den Flitterwochen, ist er so oft wie möglich an Bord. Aber er stückelt die Hochzeitsreise auf, weil er zu den Formel-1-Rennen reisen muss.
Es geht nicht anders, er kann nicht anders. Business bleibt Business.