Gesundheit Heiße Luft
Als Marcus Schaps, 42, eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer Art ungeheurem Insekt verwandelt. Sein Rücken war starr, der Nacken steif, die Schultern verhärtet. Nur unter Schmerzen gelang es dem Kölner, sich aus dem Bett zu hieven und in gekrümmter Haltung zum Orthopäden zu schleppen, der auch prompt einen "ganz typischen Fall von Verspannung" diagnostizierte.
Umso dankbarer war Schaps, Typ klassischer Büroarbeiter, dass ihm der Arzt nicht nur eine Spritze gegen die Schmerzen verabreichte, sondern gleich ein Rezept für eine manuelle Therapie ausstellte.
Mit Massagen, Eisbeuteln und Gymnastik werde er das Leiden bald in den Griff kriegen, zumal er als Privatpatient ja keine langen Wartezeiten in Kauf nehmen müsse. Das war vor fast einem halben Jahr, doch richtig gut geht es dem Patienten noch immer nicht. Monatelang hat er es nicht geschafft, einen Therapeuten zu finden, der es nicht zuallererst auf sein Geld abgesehen hat.
Der erste Fachmann rechnete zehn Sitzungen ab, als in Wahrheit gerade erst fünf Termine absolviert waren. Der zweite peppte seine Rechnung dadurch auf, dass er zehn Behandlungen hinzuerfand. Und beim dritten wurde Schaps schon am Telefon darauf hingewiesen, dass von Leuten wie ihm ein Zuschlag verlangt werde: "Sie kommen achtmal, und wir rechnen zehn Termine ab - was halten Sie davon?" So sieht sie aus, die Arithmetik mancher Mediziner.
Natürlich sind das noch Ausnahmen. Aber sie zeigen zugleich, dass hiesige Heilkundler eine neue Möglichkeit gefunden haben, ihre Einnahmen aufzubessern. Weil die Honorare für die Behandlung einfacher Kassenpatienten gedeckelt sind, kassieren manche Ärzte, Therapeuten und Krankenhäuser nun umso ungenierter bei Privatversicherten ab.
Die attraktive Zielgruppe, immerhin 8,5 Millionen Menschen, verheißt noch glänzende Geschäfte. Goldzähne, Kuren, Chefarztbehandlungen - was die gesetzlichen Krankenkassen oft verweigern, wird von der privaten Krankenversicherung (PKV) anstandslos erstattet. Ein Plausch mit dem Privatpatienten bringt dem Arzt gut 20 Euro ein - viermal mehr als die Unterredung mit einer "Chipslette", wie Kassenpatienten in Medizinerkreisen gelegentlich genannt werden.
Umso verständlicher wird, dass mancher Doktor die noble Kundschaft in der Ära der knausrigen SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt am liebsten gar nicht ziehen lassen würde.
Noch nie zuvor wurde so viel gecheckt, gespritzt und in den Kernspintomografen geschoben. 4,5 Milliarden Euro Gesamthonorar kassierten 2007 die niedergelassenen Ärzte allein von Privatpatienten, sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das Geschäft mit den Kassenpatienten wuchs derweil nur um drei Prozent.
Die Intensivbetreuung treibt die Versicherungsprämien von Jahr zu Jahr mit oft zweistelligen Raten in die Höhe und gefährdet mittlerweile schon das Geschäftsmodell der gesamten Branche. Immer mehr Kunden ärgern sich über die ständigen Beitragsanhebungen. "Erst wird man angelockt, dann wird man abgezockt", sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, selbst privat krankenversichert.
Und sogar die Privatkassen zweifeln daran, ob sie mit dem Versprechen einer vermeintlichen Luxusversorgung künftig überhaupt noch genügend Kunden ködern können. Erst kürzlich schlugen einige Versicherungskonzerne vor, das Geschäftsmodell der Branche grundlegend zu ändern.
Das Unbehagen ist verständlich. Viele Privatversicherte nämlich kommen aus dem Staunen kaum heraus, wenn sie Post von ihrem Arzt bekommen. Mal wird die "Untersuchung in mehreren Organgebieten" in Rechnung gestellt, obwohl sich der Patient beim besten Willen nur daran erinnern kann, dass der Mediziner einmal auf den Bauch gedrückt hat. Mal werden Konsultationen abgerechnet, die überhaupt nie stattgefunden haben.
Experten der Versicherungsunternehmen berichten, dass die Zahl der Betrügereien deutlich zugenommen habe. "Ich habe schon lange keine Rechnung mehr gesehen, die komplett in Ordnung war", sagt Joachim Patt, Geschäftsführer beim Verband der Privaten Krankenversicherer.
Die Allianz AG vermutet unplausible Positionen in etwa jeder zwölften Arztrechnung, die Gothaer in jeder elften, die Ergo-Tochtergesellschaft DKV in jeder zehnten. Das wahre Ausmaß der Schummelei dürfte freilich viel größer sein. Die Rechnungen würden inzwischen "so clever aufgeplustert, dass wir es in vielen Fällen unmöglich bemerken können", klagt ein Sprecher des Ergo-Konzerns.
Viele Ärzte haben sich Hilfe geholt, um aus der Kundschaft das Maximum herauszuholen. Privatärztliche Verrechnungsstellen werben damit, die Rechnungen im Interesse des Mediziners zu optimieren. In den Praxen kommen Computerprogramme zum Einsatz, mit denen der Doktor alle Abrechnungsmöglichkeiten ausschöpfen kann.
Fachleute sprechen neudeutsch von "Upcoding": Ein Tastendruck genügt, schon listet der Rechner alle Leistungen auf, "welche bei Auftreten eines jeweiligen Krankheitsbildes möglicherweise erbracht und liquidiert werden können", heißt es etwa im Handbuch der Praxis-Software "GOÄ-Assistent 1.0".
Auf den Rechnungen macht sich diese Professionalisierung dadurch bemerkbar, dass bemerkenswert häufig von "ungewöhnlichen" Problematiken, "komplizierten" Begleiterkrankungen und "schwierigen" Gesamtbildern die Rede ist. Und zwar auch dann, wenn der Patient eigentlich glaubte, es habe sich um eine Routinebehandlung gehandelt.
Der Grund steckt in der Gebührenordnung. Jeder ärztliche Handgriff ist mit einer Gebührenziffer versehen, die mit einem Grundpreis bewertet wird. In der Regel darf der Arzt bis zum 2,3fachen des Grundpreises verlangen. Bei schweren Fällen ist aber auch das 3,5fache drin.
"Das Geschäftsmodell der Privaten stößt an seine Grenzen"
Das muss zwar extra begründet werden, doch das fällt kreativen Ärzten nicht besonders schwer. Hat sich der Patient vor der Operation etwas schlapp gefühlt? Prompt taucht in der Rechnung das Wort "Kreislaufdysregulation" auf. Oder war der Patient, im Gegenteil, eher hibbelig? Das könnte an "intermittierendem Vorhofflimmern" gelegen haben. Wegen der angeblichen Komplexität wird der 3,5fache Höchstsatz in Rechnung gestellt.
Wie dreist die schwarzen Schafe vorgehen, hat auch PKV-Geschäftsführer Patt erfahren - am eigenen Leibe. Als er kürzlich seinen Arzt aufsuchte, um sich kurz nach einem Laborbefund zu erkundigen, sollte er sich erst mal für ein EKG frei machen, das schade nie. Auf Patts Rechnungen taucht immer wieder der 3,5fache Satz auf, weil der Patient, so die Begründung, womöglich an Hypertonie leide.
In Wahrheit ist der Verdacht auf Bluthochdruck längst ausgeräumt. Bei Patt ist alles in Ordnung. Doch davon lässt sich die Abrechnungs-Software nicht beirren.
Auf einen besonders pfiffigen Trick sind auch einige Krankenhausbetreiber gekommen, allen voran der Helios-Konzern. An vielen seiner bundesweit 60 Spitäler hat das Unternehmen Privatkliniken ausgegründet. Die medizinischen Leistungen unterscheiden sich nicht von denen im Haupthaus, die behandelnden Ärzte sind dieselben. Oft wurde einfach nur ein Schild aufgehängt, um eine ganz normale Station zur Privatklinik zu veredeln.
Große Unterschiede ergeben sich freilich bei der Rechnungslegung. Die Pseudo-Privatkrankenhäuser kassieren für eine durchschnittliche Behandlung knapp 4000 Euro statt der sonst üblichen 2600 Euro. Insgesamt geht es nach Schätzung des PKV-Verbandes um einen Betrag von 100 Millionen Euro im Jahr.
Den Privatpatienten werde heiße Luft teuer verkauft, heißt es bei den Versicherungen. Helios spricht lieber von einem "differenzierteren speziellen Angebot für privat Vollversicherte".
Die Gelackmeierten sind am Ende die Patienten. Die Abrechnungstricks der Ärzte treiben ihre Prämien in die Höhe. In den vergangenen 20 Jahren sind die Gesundheitsbeiträge von Privatpatienten etwa doppelt so stark gestiegen wie die Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung. Anfang des Jahres schlugen die Versicherungsunternehmen für ihre Altkunden im Schnitt noch einmal mehr als zehn Prozent auf.
Die Branche steht den Betrügereien ziemlich hilflos gegenüber. Anders als die gesetzlichen Krankenkassen schließen sie mit den Ärzten noch keine direkten Verträge ab. Um tricksenden Medizinern auf die Schliche zu kommen, sind sie auf die Mitarbeit ihrer Versicherten angewiesen.
Doch die Patienten sind in einer Zwickmühle. Einerseits ärgern sich viele über aufgemotzte Rechnungen - zumal dann, wenn sie über Selbstbehalte und entgangene Beitragsrückerstattung einen persönlichen finanziellen Nachteil haben.
Doch gleichzeitig haben viele keine Lust, sich mit ihrem Arzt über Geld zu streiten. Zwar übernehmen viele Versicherungen die Prozesskosten. Aus Patientensicht bleibt aber die berechtigte Sorge, dass das Vertrauensverhältnis zum Doktor Schaden nimmt.
Dabei wächst unter den Privatpatienten die Unzufriedenheit. So schön es sein mag, an der Schlange im Wartezimmer vorbeieilen zu dürfen, so sehr nervt der Streit ums Geld.
Als Seismograf für die miese Stimmung gilt der PKV-Ombudsmann, ein von den Unternehmen bezahlter Streitschlichter der Branche. Nie hatte er so viel zu tun wie zurzeit: Die Zahl der Beschwerden hat sich in den vergangenen sechs Jahren auf 4000 verdoppelt.
Und auch in den Verwaltungszentralen der Versicherungsunternehmen ist die Stimmung schlecht. Die Abzocke einiger Ärzte führt den Managern deutlich vor Augen, dass sie nur wenig Möglichkeiten haben, ihre Ausgaben zu steuern. Während die großen gesetzlichen Krankenkassen anfangen, Preisverhandlungen mit Ärztenetzen, Pharmaherstellern und Kliniken zu führen, reichen die privaten Versicherungen einfach nur das Geld raus.
"Das Geschäftsmodell der Privaten stößt an seine Grenzen", sagt Christoph Rupprecht von der AOK Rheinland/Hamburg. "Ihr Mitgliederkreis ist zu klein, um die Gesundheitsversorgung zu gestalten."
Private Versicherungsmanager machen die frustrierende Erfahrung, dass es ihrem Geschäft bisweilen sogar schaden kann, wenn sie die Rechnungen allzu penibel kontrollieren. Die DKV etwa hatte es sich zwischenzeitlich zum Ziel gesetzt, selbst läppische Rechnungen im zweistelligen Bereich zu überprüfen und scharf gegen Abrechnungsbetrüger vorzugehen.
Großen Nutzen hat das Unternehmen damit nicht erzielt - im Gegenteil. Die Kontrollen trieben die Verwaltungsausgaben in die Höhe. Lädiert war aber das Image der DKV. Die kontrollierten Ärzte rächten sich, indem sie ihre Patienten gegen die Versicherung aufwiegelten.
Inzwischen ist das Unternehmen von seiner scharfen Kontrollpraxis wieder abgerückt. Zwar hat der Mutterkonzern Ergo 250 Millionen Euro für ein neues Computersystem ausgegeben, das unter anderem automatisch jede Arztrechnung auf Unplausibilitäten überprüft. Doch einschreiten will das Unternehmen nur, wenn der Rechnungsbetrag einen kritischen Schwellenwert überschreitet.
Wo genau dieser Schwellenwert liegt, ist ein Firmengeheimnis. In Ärztekreisen jedoch hat es sich schon herumgesprochen: Wer bei seinen Tricksereien einen mittleren dreistelligen Euro-Betrag nicht überschreitet, muss offenbar keine große Angst haben, als Betrüger entlarvt zu werden.