Stadtplanung: Platz für alle - DER SPIEGEL
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Stadtplanung Platz für alle

Viele junge Familien träumen davon, in der Stadt zu leben. Doch sie finden keinen Wohnraum. Die Citys werden so teuer, dass abgeschottete "Wohlstandsinseln" drohen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vier Jahre werden es am Ende gewesen sein, vier volle Jahre für die Suche nach einem kleinen Haus. Das hatte sich Andrea Möller ein wenig anders vorgestellt.

Als sie und ihr Mann 2004 beschlossen, aus ihrer Altbauwohnung auszuziehen, die an einer vierspurigen Straße im ohnehin krawalligen Hamburger Stadtteil St. Pauli liegt, da waren sie sicher, dass sie bald etwas finden würden. Ein Häuschen sollte es sein, aber nicht im Vorstadtidyll, sondern mitten in der Stadt, nahe an jenem urbanen Leben, das sie in ihren Zwanzigern genossen hatten und nicht einfach so aufgeben wollten, nur weil auf einmal ein Kind da war.


Warum sollte das so schwierig sein? Es wurde doch eine Renaissance der Städte vorausgesagt, die wieder so familientauglich werden sollten wie einst, als die Innenstädte buntgemischt waren und alle zusammen wohnen, arbeiten, einkaufen, lernen, ausgehen und spielen konnten.

Überall in den Feuilletons und Immobilienteilen hatte es schließlich gestanden: zurück in die City.

Doch das ist alles nicht so einfach, wie es noch vor ein paar Jahren wirkte. Viele junge, mittelständische Familien wollen in den Städten bleiben, aber die allermeisten stoßen auf nahezu unüberwindbare Widerstände: Zum einen gibt es ohnehin wenig familientauglichen Wohnraum, und zum anderen haben die Anlagen, die doch neu entstehen, häufig den ästhetischen Reiz eines Kaninchenstalls. Wer nicht in einer solchen Box-an-Box-Retorte wohnen will, sieht sich in Top-Lagen mit Kaufpreisen von bis zu 6000 Euro pro Quadratmeter in einer Stadt wie Stuttgart, 12.000 Euro in Hamburg oder gar 15.000 Euro in München konfrontiert, die für Normalverdiener völlig unerschwinglich sind.

"Wir sind fast verzweifelt bei der Suche", sagt Andrea Möller, die nach jahrelanger Hausjagd mit ihrer Familie gerade erst fündig geworden ist. "Ich habe die verwunderten Fragen, warum wir denn immer noch nichts gefunden haben, irgendwann nicht mehr ausgehalten."

Die "attraktiven, citynahen Standorte" seien "zum großen Teil von alten, häufig alleinstehenden Einwohnern besetzt", sagt Marie-Therese Krings-Heckemeier, eine Expertin vom Rat der Immobilienweisen. Am Beispiel Berlin zeigt eine aktuelle Studie des Potsdamer Instituts für soziale Stadtentwicklung, wie schwer sich Familien tun, in diesem Umfeld Fuß zu fassen.

Die "Suburbanisierung" - der Wegzug in die Vororte - verlangsame sich zwar, sei aber alles andere als gestoppt, heißt es da. Zwar zögen viele junge Leute in beliebte Stadtviertel wie Friedrichshain oder Prenzlauer Berg, und es würden dort auch überdurchschnittlich viele Kinder geboren, dennoch gelinge es nicht, die jungen Familien langfristig zu binden. Letztlich zögen doch mehr weg als hin.

Kein Wunder - nur 48,5 Prozent der Wohnungen taugen in Berlin überhaupt für Familien, wie das Sozialforschungsinstitut Prognos in einer weiteren neuen Studie rügt. Weil die Familien in den Städten keine Wohnungen finden, "gehen sie notgedrungen ins Grüne vor die Stadt", sagt Krings-Heckemeier, "und nicht etwa deshalb, weil sie das unbedingt möchten".

"Aus stadtentwicklungspolitischer Sicht ist die Abwanderung von Familien in das Umland nicht erwünscht", so erklärt auch eine Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik aus dem Jahr 2005, und diese sei "von den Familien auch nicht gewollt, sondern zumeist erzwungen".

Von wegen City-Renaissance also: In der Stadt leben wollen, aber nicht können - das ist zumindest für Familien der neue Trend.

Die jungen Paare mit ihren Kindern sind unter anderem Leidtragende der Tatsache, dass zurzeit in Deutschland insgesamt zu wenig Wohnungen gebaut werden. Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts sind 2007 rund 157.000 Baugenehmigungen für Wohngebäude erteilt worden, im Vorjahr waren es noch fast 216.000. Tatsächlich benötigt werden 250.000 bis 350.000 neue Wohneinheiten.

Doch selbst wenn nicht jede Jungfamilie genau da leben kann, wo sie gern würde: Wo ist das gesellschaftliche Problem? Stellen die Familien nicht unrealistische Ansprüche?

Der Münchner Nachwuchsfilmemacher Florian Falterer, 30, ist heilfroh, dass er mit Freundin Eva Schatz und Baby nach einer "sauschwierigen" Wohnungssuche nun im ehemaligen Arbeiterviertel Obergiesing gelandet ist. "Das passt schon", sagt Falterer, eben weil hier "alles noch so herrlich normal ist". Hier gibt es noch Metzger, die nicht "bio" sind, und Schuster, die sich nicht als Kunsthandwerker verstehen.

Es ist ein Kampf um Millimeter, ein Kampf um Geld und Raum


Doch es gibt die Gefahr, dass ebendiese Normalität verschwindet, wenn Normalfamilien nicht mehr in den Städten leben können. Es drohen gesellschaftliche Monokulturen - die da draußen in den Vorstädten, die hier drinnen in den Citys. Und diese Monokulturen sind in der Tat ein gesellschaftliches Problem, denn sie führen zur Verödung, im Extremfall gar zum Absterben der urbanen Räume, die bei allen doch so begehrt sind.


Städte leben von der Mischnutzung, vom quirligen Mit- und Nebeneinander und davon, dass sich hier auch Menschen begegnen, öffentlichen Raum teilen, deren Gehaltsklassen weit auseinanderklaffen. Städte brauchen Platz für alle.

Längerfristig sei mit einem "sozialen Umkippen" innenstadtnaher Quartiere zu rechnen, mahnte das Deutsche Institut für Urbanistik in seiner Studie - und zwar mit einem Umkippen hin zur "Wohlstandsinsel".

Diese Wohlstandsinseln lassen sich schon besichtigen. In den zentralen Lagen deutscher Großstädte werden zurzeit vor allem Luxusobjekte gebaut. Ein Beispiel ist das ehemalige Heizkraftwerk in der Münchner Müllerstraße 7, unweit vom Viktualienmarkt, wo derzeit Wohnraum mit "Hochpreispotential" entsteht, wie Jörg Scheufele sagt, der Chef der Immobilienfirma Alpha Invest. Der Maschinenhausturm aus den fünfziger Jahren wird auf zehn Etagen in großzügige Wohnungen von bis zu mehreren hundert Quadratmetern aufgeteilt.

In der Nähe der Müllerstraße gibt es noch den "Angerhof", bald mit Dachgeschosswohnungen in Top-Ausstattung. Und dann noch die "Lenbachgärten" am Hauptbahnhof, ein Wohnungskomplex, so piekfein, dass es hier zum Richtfest Vernissagen gegeben hat.

Für Florian Falterer und seine Familie eine fremde Welt. Damit Leute wie er im Herzen Münchens bleiben können, gelte es, "die Vorstellung vom familienfeindlichen Stadtleben sowohl seitens der Stadtplanung als auch der Wohnungswirtschaft zu korrigieren", so das Deutsche Institut für Urbanistik, "und ein Leitbild des 'familien- und kindgerechten Wohnens' für innenstadtnahe Gebiete zu entwickeln".

Gerade München bemüht sich sogar mehr als andere Städte um die Familien - die bayerische Landeshauptstadt hat sich das größte Wohnungsbauprogramm
Deutschlands auferlegt. Oberbürgermeister Christian Ude hat bis 2011 insgesamt 625 Millionen Euro für den Wohnungsbau versprochen.

Doch viele der neu entstehenden Anlagen sind ganz schön weit draußen; von Innenstadtflair ist da nichts zu spüren. In München-Riem sind auf dem umgebauten Messegelände günstigere Wohnungen zu haben; in München-Freiham in umgebauten US-Kasernen. Citynäher liegt das 47 Hektar große Quartier "Theresienhöhe", doch da wiederum hat der neue Platzoptimierungswahnsinn zugeschlagen: quadratisch, praktisch, aber architektonisch nicht besonders gut.

Allen Frustrationen zum Trotz: Es gibt sie einfach, die Familien, die partout in der Innenstadt bleiben wollen. Und es handelt sich offenbar um einen besonders hartnäckigen, findigen und zugleich duldsamen Menschentypus.

Catrin Ahrens, 32, musste zwei Jahre warten, bis sie mit ihrem Mann eine Neubauwohnung im Komplex "Fischers Höfe" im Hamburger Stadtteil Ottensen in Besitz nehmen konnte. Vorvergangene Woche sind sie endlich dort eingezogen, inzwischen mit neugeborener Tochter. Sie werden noch lange auf einer Baustelle leben.

Die Hamburgerin Jessica Grebe hat sich, um ihre ästhetischen Vorstellungen einigermaßen verwirklichen zu können, mit anderen Wohnungssuchenden zu einer Baugemeinschaft zusammengeschlossen. Sie bekamen von der Stadt zu günstigen Konditionen ein Grundstück in der neuen Hafencity gestellt und planen gemeinsam mit einer Architektin das Mehrfamilienhaus "Hafenliebe", in das sie einziehen wollen. Das mache Spaß, aber auch viel Arbeit, sagt Grebe, 36: Sie ist schwanger, hat schon eine zweijährige Tochter und einen Beruf - und dazu kommen noch die Baustelle, die Diskussionen mit den anderen Käufern, bis man sich endlich einig ist. Für den Alltag, sagt Grebe, "bleibt viel zu wenig Zeit".

Immerhin liefern sich Architekten inzwischen deutschlandweit einen atemberaubenden Wettbewerb, um für tollkühne und cityfixierte Bauherren auch noch in die kleinste Baulücke ein Häuschen zu quetschen. Hier entstehen ausnahmsweise tatsächlich Architekturschönheiten wie etwa das Öko-Stadthaus von Björn Siemsen in Kiel, gebaut auf einem spitz zulaufenden Grundriss, der sich von 4,50 Meter auf 80 Zentimeter verringert.

Es ist ein Kampf um Millimeter, ein Kampf um Geld und Raum - Städte machen es Menschen nicht leicht, doch das war auch immer schon das Schöne an ihnen.