Global Village: Rosa, hellblau - DER SPIEGEL
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Global Village Rosa, hellblau

Wie die internationale Kreditkrise das Leben einer jungen britischen Familie erfasst.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Sozialwohnung läuft der Fernseher. Es ist halb fünf Uhr nachmittags, Reklame für Haarfärbemittel. Daneben schläft ein Baby im Kinderwagen. Der Fernseher und der Kinderwagen zählen zu den wenigen Dingen, die Maxine King aus Gravesend noch geblieben sind außer einem Haufen Schulden.

Mutter King mit Kinden: Kampf gegen die Armut verloren

Mutter King mit Kinden: Kampf gegen die Armut verloren

Foto: Jiri Rezak

Der Arzt hat ihr Antidepressiva verschrieben. Aber Maxine Kings Stimmung wird nicht besser, jedenfalls nicht wirklich. Heute morgen schrie sie vor Schmerzen, weil ein rechter Backenzahn vereitert war. Der Zahnarzt zog den Nerv.

Das mit dem Zahn sei halb so schlimm, sagt King. Sorgen mache ihr etwas anderes. Die Tatsache, dass die Füße ihrer drei kleinen Kinder weiter wachsen werden. "Ich weiß nicht, wovon ich die neuen Schuhe bezahlen soll", murmelt King.

Sie wendet ihr geschwollenes Gesicht ab. Sie ist 24. Ein Jahr lang hat sie gegen den Sog der Armut gekämpft. Die Armut hat gewonnen.

Maxine Kings Fehler war, dass sie glaubte, was Banken und Politiker in Großbritannien jahrelang rieten. Dass man schnell den "Fuß auf die Häuserleiter bekommen" sollte, was so viel heißt, dass man eine Immobilie erwerben sollte, möglichst früh im Leben. Dass man dafür einen großen Kredit aufnehmen dürfe, weil die Immobilienpreise immer weiter steigen würden wie in den letzten zehn Jahren, als sie sich knapp verdreifachten.

Seit vergangenem Jahr aber geht es in die andere Richtung. Der Fall der Immobilienpreise begann in den USA, und seit ein paar Monaten ist die Krise auch in Spanien, Irland und Großbritannien angekommen - jenen Ländern, in denen der Bauboom eine Blase produzierte, die jetzt gerade platzt.

Das Geräusch, das dem Platzen folgt: ein Wimmern am Küchentisch. Bei steigenden Zinsen und dem sinkenden Wert der Häuser gehen zuerst jene bankrott, die wenig Kapital hatten und sich nur Kredite leisten konnten, die eigentlich unseriös waren. "Subprime" heißt das in den USA: riskant, zweitklassig.

Weil die Banken solche Kredite bündelten und global weiterverhökerten, verdienten sie damit jahrelang Geld, das erstklassig war. Damit ist jetzt Schluss. 37.740 Häuser mussten in Großbritannien allein zwischen März und Juni von ihren Besitzern an die Bank zurückgegeben werden, 75.000 werden es wohl Ende des Jahres sein.

Mehr als eine Million Menschen werden Schwierigkeiten haben, ihre Raten zu bezahlen. Nach 15 Jahren Wirtschaftsboom sprechen die Briten auf einmal wieder eine Vokabel aus, die sie eigentlich aus ihrem Wortschatz gestrichen haben: Rezession.

Im Fernseher sind jetzt die "Simpsons" zu sehen - die wahrscheinlich bekannteste dysfunktionale Familie der Welt. Maxine King deutet auf ein gerahmtes Bild etwas weiter oben. Ein kleiner Junge und ein Mädchen in den Trikots des englischen Nationalteams, ihre beiden ältesten Kinder. "Wir wollten ein Nest für die Familie", sagt sie, "und unser Geld nicht mehr für Miete zum Fenster rauswerfen."

70 Prozent der Briten besitzen ihre Häuser. Sie wollten dazugehören. Maxines Lebensgefährte Dave, ein Busfahrer, schwor ihr, 90 Stunden die Woche für das Haus zu arbeiten. Daves Mutter gab ihnen 10.000 Pfund. Sie mussten nicht lange suchen, bis sie eine Finanzierungsfirma fanden, die sagte: Ein Haus für 168.000 Pfund ist kein Problem, solange Sie 870 Pfund Zinsen im Monat zahlen können. Die Firma schickte der jungen Familie alle Papiere. Auch jene, die eigentlich an Daves Chef hätten gehen müssen, wegen der Verdienstbescheinigung. Füllen Sie das selbst aus, und machen Sie ein Kürzel drunter, habe der Finanzier gesagt, ganz nett.

Kaum war das Haus bezogen, da begann Dave sich zu beschweren. Nur Arbeit, nie Zeit für seine Freunde im Pub, er habe das Haus nie gewollt. Die Raten erdrückten den Traum. Drei Wochen vor der Geburt des dritten Kindes kam Dave eines Morgens nach Hause aus dem Pub und sagte: "Ich verlasse dich. Ich halt es nicht mehr aus."

Als Maxine das Haus verkaufen wollte, um die Hypothek zurückzuzahlen, war der Mann von der Finanzierungsfirma nicht mehr so nett. Er wollte 9000 Pfund Strafzinsen. Als Maxine ihr Unglück erklärte, sagte er: "Wir sehen uns vor Gericht." Dann legte er auf.

Das Verfahren zog sich über Monate hin. Das Haus wird jeden Tag weniger wert, und wenn es am Ende verkauft ist, schätzt Maxine, dass ihr 30.000 Pfund Schulden bleiben. Kredit bekommt sie nirgends mehr.

Maxine steigt jetzt in einen verrosteten Ford Fiesta. Sie fährt über die leeren Straßen von Gravesend, hält vor einem beigefarbenen Reihenendhaus. Sie trifft dort ihre Mutter, bei der die beiden größeren Kinder zum Abendessen waren. Was von der Familie übrig ist, steht jetzt vor dem Unglückshaus.

"Es war perfekt", sagt sie. "Ein blaues Zimmer für die Jungen, ein pinkfarbenes für das Mädchen."

Es klingt, als würde sie von einem Ding sprechen, das es im Blue Waters Shopping Centre zu kaufen gibt - jener Mall, die mit ein paar hundert Geschäften die größte Großbritanniens ist. Jenem Ort, wo sie ihre Jugend verbrachte, Dave in einer Hot-Dog-Bude kennenlernte und mit ihm shoppen ging.

Eine Beziehung, die ein schöner, langer Einkaufsbummel war, bis sie, statt Glitzer-T-Shirts und Milkshakes, ein Haus besitzen wollten.