Olympische Spiele "Machen wir uns doch nichts vor"
Am Ende der letzten Olympiawoche rangieren in Peking bullige Sattelschlepper im Dutzend neben dem "Water Cube", als stünden Abrissarbeiten bevor. Auf dem stählernen Geäst des "Vogelnests" lodert noch das olympische Feuer, die Flamme spiegelt sich in großen Lachen, die ein monsunartiger Regen hinterlassen hat. Der IOC-Chef rügt den Sprintsieger Usain Bolt aus Jamaika für unsportliches Betragen, die Ukrainerin, die Silber im Siebenkampf holte, muss ihre Urinwerte erklären. Am Abend findet das 110-Meter-Hürden-Finale statt, ohne Liu Xiang, amerikanische Protestler sind verhaftet worden, Chinas Zeitungen rücken Meldungen ein über den Tod des Partei-Patriarchen Hua Guofeng. Es beginnt eine Zeit der Bilanzen.
Polizist in Peking: Erlaubte Bilder
Foto: Getty ImagesSportfotografen sind in den olympischen Anlagen unterwegs, sie reden wie im Rausch. Noch nie in der Geschichte der Spiele seien ihre Arbeitsbedingungen so gut gewesen, noch nie hätten die Organisatoren so viel erlaubt, so viel ermöglicht, so oft die Augen zugedrückt. Sie durften auf Dächer steigen in Peking, auf Stahlträger im Vogelnest, sie durften einsickern in VIP-Sitzreihen, ihre Kameras installieren in den Schwimmbecken des Water Cube und selbst im Wassergraben des 3000-Meter-Hindernis-Rennens. Sie durften alles, und es war, was man eine Win-win-Situation nennt: Peking erlaubte die Bilder, die Peking schön ins Bild setzten.
Auch Athleten schwärmen in den letzten Olympiatagen wie verliebt von den Sportstätten, von den Bühnen, die ihnen China bereitet hat. Bogenschützen, Hockeyspieler, Volleyballer, Bahnradfahrer sind voll des Lobes für die Hallen und Arenen, und die Leichtathleten stehen wie unter einem schönen Schock, den der Eindruck des Vogelnests bei ihnen hinterlassen hat.
Ihnen und auch vielen Journalisten werden die Wettkämpfe in diesem Stadion unvergesslich bleiben, die Läufe und Sprünge vor 90.000 steil übereinander gestaffelten Zuschauern, die ganze grandiose Kulisse, geschaffen von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, die auf dem Reißbrett ein Denkmal entwarfen, das die Zeiten sehr wahrscheinlich überdauert und von dem doch unklar ist, wofür es dereinst stehen wird. Denn es gab in Peking ein Drinnen und ein Draußen, und sie waren scharf voneinander getrennt.
Drinnen, in den Akkreditierungszonen, fanden perfekte Olympische Spiele statt, und ihre Bilder gingen um die Welt, angefüttert mit Postkartenmotiven von Pagoden, Terrakotta-Kriegern und zierlichen Mädchen. Dieses Bilderbuch erzählte die Geschichte, dass alle Kritik an diesen Spielen doch nur Nörgelei sein kann.
Aber draußen, in der Stadt Peking und im ganzen Land China, ging das Alltagsleben einfach weiter, ein Leben, das trotz allen Wandels noch immer nur unter strenger staatlicher Aufsicht stattfindet, wo unliebsame Menschen aus dem Verkehr gezogen werden, Protest eine Straftat bleibt, öffentliches Feiern unerwünscht, und wo alle Wege immer um militärisch bewachte Sperrzonen herumführen, selbst wenn sie Platz des Himmlischen Friedens heißen.
Es ist eine Zeit der Bilanzen und eine des Ausblicks. Eine neue Olympiade hat begonnen, vier Jahre Warten auf das nächste Weltsportfest in London. Wer sich um China nicht länger bekümmern will, kann den Blick auf den Sport selbst richten, oder auf das Treiben der Großsponsoren, oder auf die Politik des IOC. Wie geht es weiter nach diesen 29. Sommerspielen, den politischsten seit den 1980er Jahren, diesen Spielen, die alle Rekorde brachen?
Wo steht die olympische Bewegung, wo steht der Sport in Zeiten des ständigen Doping-Verdachts, der in Peking mit jedem jamaikanischen Sprint-Sieg und jeder weiteren Goldmedaille von Michael Phelps weiter genährt wurde? Wie weit kann die Kommerzialisierung des Sports noch voranschreiten? Und wo bleiben die Athleten, wenn die Welt nur noch wie gebannt in den Medaillenspiegel starrt?
"Der Sport lebt mit zwei großen Lebenslügen", sagt Thomas Bach, er ist einer der vier IOC-Vizepräsidenten, ein mächtiger Mann, ein möglicher Kandidat für die Nachfolge von Jacques Rogge, zum Gesprächstermin kommt er ins olympische Dorf, in die Lounge der olympischen Familie, im Trainingsanzug. "Die eine Lüge ist", sagt Bach, "dass Sport nichts mit Geld zu tun hat, und die andere, dass er nichts mit Politik zu tun hat. Beides führt zu unnötigen und manchmal unseligen Debatten."
Bach ist der Typ, der schwierige Fragen mit dem Satz abstoppt: Machen wir uns doch nichts vor. Befragt nach der Prognose des IOC, China werde sich zum Guten ändern durch die Spiele, werde sich politisch "öffnen", sagt er: "Machen wir uns doch nichts vor. Wir können als IOC doch nicht eine ganze Gesellschaft verändern."
Aber er räumt ein, immerhin, dass das IOC seine Möglichkeiten und Grenzen in Zukunft "schärfer sehen und formulieren müsse". Er glaube schon, sagt Bach, dass der Sport ein "Eisbrecher" sei, dass er helfe, Prozesse zu befördern. "Aber China ändern? Oder nehmen Sie den Russland-Georgien-Konflikt. Wir haben da kein Mandat. Wenn wir den Vermittler spielen wollten, würden wir uns überheben."
Bachs Peking-Bilanz ist die des IOC, also vorhersehbar. Die Spiele, sagt er, "das war alles hervorragend gemacht". Organisation, Sportstätten, das Dorf, die Betreuung, alles hervorragend, "und das ist ja erst mal das Wichtigste".
Dass kein richtiges Fest daraus wurde, mit Fanmeilen in Stadt und Land womöglich und Leinwänden auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens, findet Bach nicht weiter verwunderlich. Erstens seien Olympische Spiele keine Fußball-WM und zweitens solle man sich doch nichts vormachen. "Niemand hat erwartet", sagt Bach, "dass sich ein Chinese aufführt wie ein italienischer Tifoso."
Regen trommelt auf die Bauten des olympischen Dorfs, nach 20 Minuten fühlt sich Bach wohl in der Lounge, er lehnt sich zurück und fällt vom Reden ins Plaudern. Dass in Peking ein Marokkaner für Bahrein Gold gewann, dass Amerikaner für Deutschland Basketball spielten und Brasilianerinnen Beachvolleyball für Georgien, und ausgerechnet gegen Russland, daran sei "erst mal" die Globalisierung schuld.
"Für einen Generalverdacht gibt es eigentlich keinen Grund"
Aber natürlich, sagt Bach, wechselten erfolgreiche Sportler jetzt manchmal für Geld ihre Nationalität, und wenn künftig gute Leute einfach eingekauft würden, dann sei das ein Problem, gewiss, dem allerdings nur schwer beizukommen sei.
"Wir belegen die Leute ja jetzt schon mit Sperrfristen, wenn sie schon mal für ein anderes Land angetreten sind", sagt Bach, "aber Sie glauben gar nicht, mit welchen Geschichten die Sportler ihre Wechsel oft begründen. Dass sie sich verliebt oder eine neue Heimat gefunden hätten, ihr neues Land lieben, was soll man dagegen sagen?" Bach schaut romantisch.
Um ihn herum rumoren Spitzenfunktionäre des deutschen Sports. Michael Vesper ist da, Deutschlands Chef de Mission, er raschelt mit einem Briefentwurf, murmelt englische Sätze mit seiner Radiostimme und gleicht jeden Halbsatz mit "Thomas" ab. Pressesprecher Gerd Graus hat seine Akkreditierung in der Kantine liegenlassen und sein Handy im Deutschen Haus, er ist für Momente ein Obdachloser, er macht hektische Witze über die Vorstellung, nun auf ewig im olympischen Betrieb von Peking gefangen zu bleiben, "wie der Typ aus dem Film, der im Flughafen spielt".
Befragt nach der neuen, der dritten Lebenslüge des Sports, dass die Top-Athleten alle sauber seien und Weltrekorde nur Produkte eines gesunden Geistes in einem gesunden Körper, sagt Bach: Machen wir uns doch nichts vor. Natürlich gebe es Zweifel an diesem oder jenem Sieg, aber das IOC und auch die nationalen Verbände täten alles, um die Welle zu brechen.
Das Netz der Überwachung sei so engmaschig wie nie zuvor und die Wissenschaftler der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada seien überzeugt, dass im Moment kein Mittel auf dem Markt sei, "das uns durch die Lappen geht. Und im Übrigen", sagt Bach, "jetzt nur mal als Beispiel. Wir hatten in Deutschland letztes Jahr 9500 Kontrollen, und davon waren gut 70 positiv. Selbst wenn Sie eine Dunkelziffer draufrechnen - für einen Generalverdacht gibt es eigentlich keinen Grund".
4500 Doping-Kontrollen fanden während der Spiele von Peking statt, erwischt wurden nur wenige. Eine ukrainische Siebenkämpferin hatte mit einem Testosteron-Präparat hantiert, ein nordkoreanischer Pistolenschütze wurde positiv getestet, ebenso eine vietnamesische Turnerin und vier Springpferde in Hongkong. Aber am Start waren auch längst überführte Doper wie der tunesische Schwimmer Oussama Mellouli, dem der Weltmeistertitel vor einem Jahr aberkannt worden war, weil er ein Aufputschmittel genommen hatte. "Der hätte eigentlich gar nicht hier sein dürfen", sagt Örjan Madsen, der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbands, "das ist wirklich kontraproduktiv."
Madsen ist 62, er kommt mit dem Fahrrad aus einem Winkel des olympischen Dorfs, ein großer, sehniger Mann im T-Shirt, er trägt Sonnenbrille und an den Füßen Badelatschen, er setzt sich auf die Tribüne des Amphitheaters, in dem vor fast drei Wochen die Begrüßungszeremonien für die Mannschaften stattfanden. Madsen weiß nicht mehr, was er glauben soll und was nicht.
Allein im Schwimmen wurden bei den Pekinger Spielen 25 Weltrekorde aufgestellt, seit Jahresbeginn haben Schwimmer 77 neue Bestmarken gesetzt. "Es ist eine Leistungsexplosion", sagt Madsen, "die es in der Geschichte noch nie auch nur annähernd gegeben hat."
Er zieht seine rechte Hand flach durch die Luft und reißt sie steil nach oben. "Die Steigerungen hier sind so groß, dass es alle Maßstäbe sprengt. Statistisch gesehen ist, was wir hier gesehen haben, eigentlich gar nicht möglich - trotzdem ist es passiert."
Der Norweger war früher selbst Olympiaschwimmer, er hat danach an der Deutschen Sporthochschule in Köln promoviert, seit Jahrzehnten verfolgt er die Entwicklung seines Sports. Er weiß, dass nicht alles Betrug sein muss, dass es Fortschritte gab beim Material wie bei den Menschen.
Die Ganzkörperanzüge etwa haben den Wasserwiderstand verringert und den Auftrieb verstärkt. Und natürlich, sagt Madsen, verhalten sich die Weltklasseathleten heute wie Profis, die ihr ganzes Leben auf den Erfolg ausrichten, sich entsprechend ernähren und entsprechend trainieren. Aber 25 Weltrekorde allein in Peking? Bei einem einzigen Sportfest?
"Ich will nicht spekulieren", sagt Madsen, "aber ich kann mich nicht davon frei machen, darüber nachzudenken, ob das hier alles mit rechten Dingen zugeht." Wenn Ende Oktober sein Vertrag mit dem DSV ausläuft, wird er vier Monate Urlaub machen, er hat eine Wohnung auf den amerikanischen Jungferninseln, und es wird eine Zeit des gründlichen Nachdenkens darüber werden, ob er überhaupt weitermachen will im Schwimmsport. "Die Gefahr ist groß, dass wir beim Doping jetzt in eine Entwicklung geraten, die überhaupt nicht mehr zu kontrollieren ist."
Es könnte bald nicht mehr um Hormonspritzen und Aufputschmittel gehen, bald könnte der wahre Horror beginnen, das Hantieren mit dem Erbgut der Sportler, Gen-Doping, und davor fürchtet sich Madsen sehr. Schon jetzt wird in Laboren daran gearbeitet, im Körper künftiger Athleten die Gene so zu verändern, dass Ausdauer, Schnelligkeit und Reaktionsvermögen künstlich steigerbar werden. Nur weil kein Wissenschaftler bislang weiß, wie man eine derartige genetische Entfesselung wieder stoppen kann, bleiben die Geister noch in der Flasche. Schwimmtrainer Madsen will nicht dabei sein, wenn sie geöffnet wird.
Eine Lehre der Spiele von Peking ist aber schon am Tag nach der Schlussfeier klar: Vom Ausgang des Wettlaufs zwischen Betrügern und Fahndern wird die Zukunft der Olympischen Spiele, wenn nicht des Spitzensports in Gänze abhängen. Jürgen Mallow, der Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbands, sieht es so. Mallow trägt einen kurzgeschnittenen Kinnbart und sieht aus wie ein netter Studienrat kurz vor der Rente, er ist 63, ein dünner Mann, er trägt das schwarzweiße Trainingsdress der deutschen Mannschaft. Er wägt seine Worte, er will nüchtern klingen, aber am Ende entwirft er zwei Szenarien, die klingen nach alles oder nichts.
Entweder, sagt Mallow, es wird alles wieder gut, weil die Forschung intensiver, die Kontrollen besser und die Strafen härter werden. Oder es geht alles schief, weil das Gute nicht geschieht, "aber dann ist die Idee der Olympischen Spiele der Neuzeit tot". Und der Sport geht an den Manipulationen zugrunde.
In Peking war zu beobachten, dass sich das Publikum in immer neue Gruppen aufspaltet. Es gibt noch immer jene, die beim Sport ganz naiv an das Gute, Schöne, Wahre glauben wollen, auch wider besseres Wissen; jene, die am Falschen, Schlechten, Erlogenen verzweifeln und sich ganz abwenden; eine dritte Gruppe verehrt nun blind die Sieger, gleichgültig, wie ihre Siege zustande kamen, oder sogar anerkennend, wenn sie clever erschlichen waren.
Es hilft nicht, dass Doping für die Bilanzen der Konzerne, die am Sport verdienen, bislang keine Rolle spielt. Der Sport, längst angekommen in der Phase seiner grenzenlosen Vermarktbarkeit, "generiert" weiterhin Geld wie eine geschmierte Maschine, und der Konsument bestraft Firmen und Marken nicht, selbst wenn sie gedopte Sieger auf ihren Plakaten zeigen.
Jan Runau, Konzernsprecher von Adidas, selbst ehemaliger Triathlet, der in Peking in einem roten T-Shirt mit dem Aufdruck "Made for Beijing" herumgeht, spricht vornehm vom "ambivalenten Verhalten" der Sportfans. Doping werde zwar allgemein abgelehnt, beeinflusse aber den Absatz nicht. "Die ganzen überführten Sprinter", sagt Runau, "Marion Jones, Justin Gatlin, haben den Erfolg von Nike nicht beeinflusst."
Es ist, als könnte nichts und niemand das Faszinosum Olympia zerstören. "Fakt ist", sagt Runau, "dass beim 100-Meter-Lauf eine Milliarde Menschen zuschauen." Und dieser Fakt ist so gewaltig, dass im Moment des Startschusses die Bedenken verstummen und sich alle Welt ausliefert an den einen Moment des Wettkampfs.
Der Sport deckte alles zu
Tatsächlich war in Peking seit Ende vorvergangener Woche, als die Leichtathletik-Wettbewerbe im Vogelnest begannen, über Menschen- und sonstige Rechte, über Tibet und Uiguren nicht mehr viel zu hören. Der Sport deckte alles zu, und davon profitierten alle Beteiligten auf ihre Weise: die Zuschauer, die Sponsoren, die Sportler, das IOC - und die Kommunistische Partei Chinas samt ihrer Regierung. Eine wildere Win-win-Situation dürfte es in der Geschichte kaum je gegeben haben.
Aber alle taten so, als wäre nichts weiter. Jim Skinner von McDonald's war in Peking, Martin Winterkorn von Volkswagen, Dieter Zetsche von Daimler, Jeffrey Immelt von General Electric, Bill Gates, der Microsoft-Gründer, dazu die chinesischen Bosse, deren Namen die Welt erst noch lernen muss, wie jene der indischen Konzernlenker, aus deren Fabriken schon bald das nächste Wirtschaftswunder rollt. Auch sie gehören zur olympischen Familie. Sie machen das Sportfest. Sie bezahlen es. Koste es, was es wolle.
Peking kostete die großen Sponsoren fast das Zehnfache dessen, was sie vor 20 Jahren für die Sommer- und Winterspiele in Seoul und Calgary zahlten. Für den Zeitraum von 2005 bis 2008 wurden von zwölf Konzernen 866 Millionen Dollar generiert, und es heißt, für London 2012 stünden die Geldgeber schon wieder Schlange, um irgendwie dabei zu sein. Mit einem Logo, einem Lizenzprodukt, mit Werberechten, wenigstens mit einem Titel als "offizieller Lieferant" der Spiele.
Ob es wieder so sein wird wie in Peking, wo sich die Pavillons der Sponsoren nördlich von Water Cube, Turn- und Fechthallen aufreihten, wer weiß. Ob die großen, ambitionierten Schaukästen dazu taugten, den Geist der Marken zu transportieren, Coca-Cola und Kodak, McDonald's und Lenovo, ist ebenso fraglich.
Im "Showcase" von Volkswagen, einem futuristischen Zwitter aus Phantasialand und Autohaus, flogen zehnmal täglich Artisten an Drahtseilen durch die Luft und formten Figuren vor riesigen Videoleinwänden. Wieso deshalb ein einziges Auto zusätzlich verkauft werden soll, ist unerfindlich. Und auch die Chinesen sahen ratlos aus beim brüllenden Unterricht im korrekten Klatschen. Als VW seinen Pavillon einweihte, rief Firmenchef Winterkorn dem Publikum zu: Wer die Begeisterung der Menschen in China sehe, "dem wird klar, dass die olympische Idee lebt". Aber das bleibt Ansichtssache.
Am nördlichen Rand von Peking, in einem Stadtteil halb Gewerbegebiet, halb Villenviertel, empfängt Ai Weiwei wie ein müder Fürst. Der Künstler, der entscheidend am Entwurf des Vogelnests mitarbeitete, sieht unglücklich aus und ist es.
Er wohnt und arbeitet in einem raumgreifenden Steinhaus, das Gebäude ist eine Insel nüchternen Stils in der posturban bunten Kakophonie von Peking. Katzen streichen durch den Garten, Mitarbeiter gehen auf leisen Sohlen, wie um den Meister nicht zu stören, sie flüstern und bringen grünen Tee in schönen Gläsern.
Ai Weiwei nennt das Vogelnest, sein Vogelnest, ein "Schaufenster der Propaganda", es sei ein guter Bau, aber eben bespielt von den falschen Leuten. Im Westen fänden nun alle die Eröffnungsfeier und China überhaupt großartig, sagt er, dabei sei jede Sekunde dieser Spiele vergiftet gewesen von Ideologie, von versteckten Botschaften an die Chinesen, die das Ausland nicht habe entziffern können.
"Am Tag der Eröffnung stand in der Zeitung hier, dass gute Chinesen sich die Spiele am Fernseher anschauen", sagt Ai Weiwei. "Das war eine unverhüllte Drohung, überhaupt auf die Straße zu gehen."
Er selbst hat nicht wirklich zugeschaut, sagt er, am Eröffnungsabend sei er in einem Café gewesen mit einem Freund, über den Köpfen sei ein Fernseher gelaufen, und so habe er ein paar Bilder gesehen, alles nur leere Inszenierungen einer verunsicherten, extrem nervösen Staatsmacht. "Der Staat hat keine Vision davon, was China sein soll", sagt Ai Weiwei, "und die Spiele haben nur geholfen, die Probleme aufzuschieben, die jetzt kommen."
Er widerspricht sich oft, in einem Gespräch von vielleicht einer halben Stunde. Er redet von versteckten Botschaften an die Chinesen, sagt aber, die Spiele seien gar nicht nach innen gerichtet gewesen. Er sagt, China wolle dem Ausland seine Stärke demonstrieren, dann wieder redet er davon, die Meinung des Auslands sei der Pekinger Staatsführung völlig egal. Es ist verwirrend. So verwirrend wie alles an diesen Spielen.
In der Stadt draußen kämpfen in diesen Momenten Chinesinnen um Bronze im Beachvolleyball, im Bikini bei strömendem Regen, das sieht westlich aus, und dazu wird amerikanische Rockmusik aus den achtziger Jahren gespielt, verwirrend. Und im Hauptpressezentrum gehen die Londoner herum, die Delegation des Organisationskomitees Locog, verwirrt. Sie fragen sich, wie sie sich nicht blamieren sollen mit ihren Spielen des Jahres 2012. Und bislang haben sie noch keine zündende Idee.
Es werden andere Spiele werden in London, nur so viel ist sicher, es wird keine Jahrhundertbauten geben wie in Peking, sie werden keine Feuerwerksraketen im Fernsehen zeigen, wo es keine gibt, oder kleine Mädchen vors Mikrofon stellen, die gar nicht singen. Man wird auf Tradition setzen statt auf Moderne, auf Volleyball in Earls Court und Reiten im Greenwich Park, Tennis in Wimbledon, Fußball im Wembley Stadium und Triathlon im Hyde Park, das ist charmant, aber ob es funktioniert, steht dahin.
Auch die Spiele in London brauchten ein Thema, und es wird nicht reichen, nur wieder zu sagen, dass alles schön grün wird und ansonsten die Welt verbessert werden soll. In Peking ging es ums Große und Ganze, um Menschenrechte und Globalisierung, um Pressefreiheit und um Diktatur, das war sehr aufregend, und es ging auch sonst um sehr viel. Um die Zukunft und die Kraft eines Staatssportsystems. Um Doping und das Alter turnender Kinder, um Chinas Aufstieg, um Europas Abstieg.
Locog-Chef Sebastian Coe, den alle nur "Seb" nennen, nannte die Olympischen Spiele einen "unsichtbaren Sozialarbeiter". In Großbritannien fänden sich immer weniger Kinder, sagte Coe, die überhaupt Sport trieben, und London 2012 solle diesen Trend umkehren. Es klang nicht sehr aufregend, und eher so, als blieben die Spiele von Peking unübertrefflich.