Arbeitsplätze Vorteil Ost
Unter seinen Füßen, im Hochofen 5 A, kocht der Rohstahl bei 1500 Grad. Jürgen Schmidt, Ingenieur im Stahlwerk Eisenhüttenstadt, steht in 56 Meter Höhe auf einem Gitterrost. Gichtgas wabert in Schwaden aus dem stählernen Ungetüm empor, schwitzend schiebt Schmidt seinen Helm in den Nacken, streckt den Arm Richtung Osten. "Dort liegt unsere Zukunft, alles stark wachsende Märkte."
Kürzlich stand Lakshmi Mittal hier oben und schaute wie Schmidt über den Oder-Spree-Kanal. Der Inder ist Hauptaktionär des größten Stahlkonzerns der Welt, seine Hochöfen rund um den Globus haben ihm ein Privatvermögen von 45 Milliarden US-Dollar eingebracht. Das Werk an der deutsch-polnischen Grenze hat der viertreichste Mann der Welt 2006 übernommen.
Es ist die Geschichte eines Comebacks. Denn der Markt im Osten Europas lechzt nach Stahl - und die einst belächelte Abgeschiedenheit im tiefsten Brandenburg hat sich zu einem Standortvorteil entwickelt, der von der Konkurrenz beneidet wird. Lakshmi Mittal hat Millionen in die Anlage investiert, 6500 Tonnen Rohstahl produzieren die 3000 Beschäftigten jeden Tag.
So ist auf dem fast neun Quadratkilometer großen Firmengelände von ArcelorMittal etwas zu erkennen, was jahrelang nur noch Spötter in den neuen Bundesländern suchten: blühende Landschaften. Und sie blühen nicht nur in Eisenhüttenstadt, sondern an einer ganzen Reihe totgeglaubter Standorte. Denn eine stetig steigende Industrieproduktion treibt ihre Knospen auch abseits der oft beschriebenen Leuchttürme wie Dresden, Leipzig oder Jena.
Wissenschaftler attestieren dem lang ersehnten Aufschwung beachtliche Robustheit. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in Dresden sagt auch für dieses und das nächste Jahr ein stärkeres Wachstum der ostdeutschen Industrie gegenüber der westdeutschen voraus. Die Wertschöpfung stieg 2007 in den neuen Ländern bereits um 11,2 Prozent, die Umsätze um fast 10 Prozent. Die Arbeitslosenquote sank von 14,7 im vergangenen Jahr auf 12,8 Prozent. Bei den Neuinvestitionen legte der Osten um fünf Prozent zu. Dem zarten Pflänzchen kann selbst die derzeitige Flaute nicht viel anhaben. Dank der rasant steigenden Exporte nach Mittel- und Osteuropa sind die Werke weitaus weniger anfällig für die amerikanische Konjunkturschwäche. Zudem steigen die Exporte innerhalb der EU, weil sich durch niedrige Löhne und längere Arbeitszeiten die Wettbewerbsfähigkeit verbessert hat. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle spricht von einer "Re-Industrialisierung": Auf 1000 Einwohner im Osten kommen heute wieder 68 Industriearbeiter - Ende der neunziger Jahre waren es nur 62.
Gerade der sozialistischen Stahlschmiede Eisenhüttenstadt - dereinst aus Angst vor dem Klassenfeind am östlichsten Rand der Republik gebaut - hatte nach dem Fall der Mauer kaum jemand eine Zukunft vorausgesagt: zu viel Personal, zu wenig Produktivität, zu veraltet die Technik. 1950 hatte SED-Industrieminister Fritz Selbmann die erste Kiefer auf dem Gelände des heutigen Stahlwerks gefällt, nach russischem Vorbild sollte ein gigantisches Eisenhüttenkombinat Ost mit angegliederter Retortenstadt auf - laut Parteipresse - "junkerlichem Boden" entstehen. Der Name des Örtchens lag nahe: Stalinstadt. Die Bezeichnung ließ sich nicht halten, aber die Stadt wuchs kräftig. 1989 wohnten in Eisenhüttenstadt mehr als 53.000 Menschen - heute sind es 33.100. 12.000 von ihnen arbeiteten in dem Hüttenkombinat mit seinen sechs Hochöfen.
Nach der Wende sah es in der künstlichen Stadt mit ihren sieben Wohnkomplexen und üppigen Häuserzeilen in Stalingotik nach ganz normaler Abwicklung aus. Die Menschen wanderten ab, das Stahlwerk lag wegen weltweiter Überkapazitäten bis 1994 wie Blei im Portfolio der Treuhandanstalt. Die verbliebene Belegschaft streikte tapfer gegen den Untergang an: "Lasst die Flamme nicht erlöschen."
1995 endlich griff ein belgischer Konzern für eine symbolische Mark zu. Als Mitgift gab es 1,4 Milliarden Mark an Staatshilfen und warme Kanzlerworte dazu. Nach Sanierung, Streit mit Wettbewerbshütern, Übernahmeschlachten und Personalabbau spazierte schließlich der erfolgreiche Stahlmagnat Mittal ins Werk. Der Umsatz der Hütte liegt nun beständig bei über einer Milliarde Euro, für 100 Millionen Euro baut ArcelorMittal eine neue Verzinkungsanlage; in Eisenhüttenstadt wird nicht mehr abgewickelt, sondern neues Personal gesucht, allein im Umfeld der Fabrik sind 3000 Arbeitsplätze entstanden.
Dass diese Deutschland-Dependance des Inders Mittal fast 50 Prozent ihres Rohstahls in den ehemaligen Ostblock liefert, ist ganz typisch für die revitalisierte Industriekultur. In vielen Fällen sind es die guten Kontakte nach Osteuropa, die den Betrieben zwischen Thüringer Wald und Rügen den Aufschwung bescheren. Beispiel Schiffbau: In diesem Sommer wurden die Aker-Werften in Wismar und Warnemünde mehrheitlich von der Moskauer Investmentgesellschaft FLC West aufgekauft. Die Russen erhoffen sich eine gute Rendite mit speziellen eisbrechenden Containerschiffen, die im Norden der einstigen DDR noch immer profitabel gebaut werden. Und die Schiffbauer einen schnellen Zugang zum lukrativen Russland-Markt.
Sie knüpfen damit an eine lange Tradition an. Bis 1989 bauten DDR-Werften für die Sowjetunion 3500 Ozeanriesen. Und auch jetzt sind die Auftragsbücher gut gefüllt: Bis 2010 sollen 17 Schiffe vom Stapel laufen. Vier Frachter im Gesamtwert von 320 Millionen Euro hat allein der russische Bergbau- und Rohstoffkonzern Norilsk Nickel bestellt.
Im 72 Meter hohen und fast 400 Meter langen Baudock der Wismarer Werft werden gerade zwei weitere Pötte zusammengeschweißt. 2300 Menschen haben an den beiden Standorten einen Industriearbeitsplatz gefunden, auch die Werften stellen wieder neue Leute ein. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat für 2007 errechnet, dass in der Branche ein Viertel aller neuen Jobs im Osten entstanden seien - obwohl hier nur gut ein Zehntel der Metaller beschäftigt sind.
Die Hoffnungslosigkeit weicht einem frischen Optimismus
18 Jahre nach der Wiedervereinigung sind damit die Probleme vieler Langzeitarbeitsloser zwar nicht gelöst. Doch die Hoffnungslosigkeit, die etliche Regionen in der Neunzigern erfasst hat, weicht mancherorts einem frischen Optimismus. Wer diesen Optimismus erleben möchte, der sollte zu Bürgermeister Manfred Kressin nach Sachsen-Anhalt fahren.
Kressin ist im Ehrenamt Vorsteher der Gemeinde Thalheim, eines 1500-Seelen- Ortes zwischen Bitterfeld und Wolfen. Als er vor 16 Jahren den Job übernahm, hatte Thalheim Einnahmen aus Gewerbesteuern in Höhe von rund 15.000 Mark. Im vergangenen Jahr waren es 27 Millionen Euro.
Der Fußballplatz des örtlichen Landesligisten hat nun eine überdachte Tribüne für 400 Leute, Tennis spielt man hier wahlweise auf Rasen oder Sand - gern auch in den Abendstunden, wozu leistet man sich sonst eine Flutlichtanlage.
Der Aufschwung im arg gebeutelten ehemaligen Chemiedreieck hat einen Namen: Q-Cells. Im Juli 2001 begannen die vier Unternehmensgründer auf einem ehemaligen Kartoffelacker der Gemeinde mit der Produktion von Solarzellen - das Projekt startete mit 19 Mitarbeitern. Inzwischen macht Q-Cells 860 Millionen Euro Umsatz und beschäftigt 1700 Menschen. Die Thalheimer sind die größten Solarzellenhersteller weltweit.
Schon die Anfahrt zum späten Wendewunder lässt osterfahrene Besucher sich die Augen reiben. Von der Bundesstraße aus ist ein riesiges Plakat zu sehen, auf dem drei markante Wörter stehen: "Du fehlst uns!" Mit der Plane wirbt das Unternehmen um neue Mitarbeiter: Ingenieure, Techniker, Controller, Marketingleute. Die Stellenangebote auf der Q-Cells-Homepage umfassen 18 Seiten.
Etliche Q-Cells-Töchter mit hippen Namen wie Calyxo und Sontor haben sich im Gewerbegebiet angesiedelt, das jetzt "Solarvalley" heißt. 3200 Jobs sind entstanden - noch immer zu wenig für die 30.000 Menschen, die hier früher im Chemiekombinat Bitterfeld oder in der Filmfabrik Wolfen arbeiteten, aber zu Bedingungen wie aus einer anderen Welt.
Gerade erhielten die Thalheimer das Siegel "Deutschlands Bester Arbeitgeber 2008". Es gibt einen kostenlosen Shuttle zum Bahnhof, Aquagymnastik nach Feierabend, Kurse zur Fettverbrennung, Rückenschule und Massagen. Zu Betriebsfesten spielt die umjubelte Werksband "Cell-Test-Dummies" auf.
Seit voriger Woche sind auch die letzten Skeptiker, die an der Nachhaltigkeit des Thalheimer Booms zweifelten, beruhigt. Da kürte Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) das "Solarvalley Mitteldeutschland", dessen Bestandteil Q-Cells ist, zu einem der fünf Sieger des Spitzencluster-Wettbewerbs. In den nächsten fünf Jahren fließen damit 40 Millionen Euro in die Forschung der regionalen Solarindustrie. Eine Forschung, so sieht es Q-Cells, die das rasante Wachstum der Branche nochmals "massiv beschleunigen" werde.
Vorstandschef Anton Milner steht auf dem Dach seiner Fabrik und denkt schon mal über weitere Ausbaustufen nach. Auf 2,5 Milliarden Euro will der einstige McKinsey-Berater den Umsatz in den kommenden Jahren steigern. Milner hält die flache Hand über die Stirn und blickt auf die freien Felder, die Thalheim noch bietet. Seine Firma, so sagt er erwartungsfroh, solle sich ausbreiten, "so weit das Auge reicht".