Rivalen McCain, Obama, Ehefrauen: Chance zur Heilung
Foto: AFPEs finden sich viele Gelegenheiten, die beiden Amerikas kennenzulernen, sie zeigen sich ständig. Da bieten sich an: am Morgen ein Ausflug aufs Land und am Abend ein Kinobesuch in der großen Stadt.
Es ist ein warmer Herbst an der Ostküste, die Ausläufer des Indian Summer erreichen den Bundesstaat New York, rot sind die Wälder, die letzten Segler unterwegs auf dem Hudson. Amerikas Natur ist ein Ereignis an Kaliforniens Küsten, in den Rocky Mountains und hier, im Hudson Valley. Franklin D. und Eleanor Roosevelt wussten schon, warum sie in Hyde Park residierten.
The American couple. Der Kämpfer und die Kämpferin.
Sie kämpfte gegen seine Mutter und die Vorurteile ihrer Zeit. Eleanor war ein schüchternes Mädchen, als sie in die Ehe ging, später schrieb sie Ratgeber für das amerikanische Volk, Eleanor, die erste Kommissarin für Menschenrechte bei der Uno. Und Franklin D. Roosevelt kämpfte gegen Kinderlähmung, ein kranker Mann seit 1921, er kämpfte gegen die Wirtschaftskrise, die "American angst", die Nazis. Eine beigefarbene Villa mit grünen Fensterläden bewohnten die Roosevelts, im Tal floss der Strom, gegenüber ging die Sonne unter. In der Bibliothek kann man heute F.D.R.s Reden hören, so wie Amerika sie damals hörte: vor einem Radioapparat sitzend. Es kratzt, es scheppert, dann kommt F.D.R.: "Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst." Roosevelt, der einzige Präsident der USA, der viermal gewählt wurde, redete singend wie Barack Obama, aber Roosevelt erfand auch noch das sozial-amerikanische Denken und nannte es "New Deal". Der Staat war stark damals; das Abkommen für Amerikas Arbeiter sah die ersten Rentenzahlungen vor.
Roosevelts Vereinigte Staaten waren das eine Amerika. Jene USA, die eine Vision hatten und so zur Vision wurden für Einwanderer und Reisende. Dieses weite, kraftvolle, das phantasievolle Land im Westen, das nicht immer gut war, schon gar nicht altruistisch, aber ein Vorbild. Die Bewohner dieses Amerikas wussten immer, dass ihre Feinde ganz gern wären wie sie. Es machte sie selbstbewusst und hin und wieder gelassen.
Gibt es dieses Amerika noch? Ist es verschüttet? Erstickt?
Auf Reisen von Ost nach West und zurück entblößt sich ein anderes Land. Jenes Land, das auseinanderfällt. Das ausgezehrt ist von zwei fernen Kriegen und berauscht von der Angst vor Iran oder Nordkorea, obwohl die USA seit 17 Jahren die einzige Weltmacht sind, politisch wie militärisch. Ein düsteres Land offenbart sich, das wenig beherrscht: 47 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung sind eine erbärmliche Zahl. Staatsverachtung hat zu Steuerverachtung geführt und diese zu erbärmlichen Straßen oder Überlandleitungen, die bei Sturm reißen und nach dem Sturm geflickt werden bis zum nächsten Sturm.
Metropole New York? Wenn's draußen regnet, kann drinnen der Fernseher CNN und HBO nicht mehr finden. Wer ein Freizeichen hat, sollte niemals den Telefonanbieter wechseln, weil es geschehen kann, dass das Freizeichen nicht zurückkehrt.
Die besten Schulen der Welt? "And I was like: Oh my God." So reden Schülerinnen hier, laut und schrill, das ist die Landessprache in B-Amerika - jeder Englisch-Leistungskurs im alten Europa hat einen größeren Wortschatz. Hightech-USA? Wer Geld von hier nach dort transferieren will, schreibt einen Scheck, steckt den Scheck in einen Umschlag und klebt eine Briefmarke drauf. Wann verschwand in Deutschland noch mal der Euroscheck?
Das B-Amerika verbraucht, was Chinesen produzieren; die Beharrungskräfte sind groß. Die Finanzwelt an der Wall Street will ihr Amerika so, wie es ist; gibt es neue Regeln, gibt es neue Tricks. Auch die Käufer wollen ihr Amerika so, sie wollen konsumieren, was sie nicht bezahlen können. Vor 20 Jahren hatten die Menschen hier eine Sparquote von zehn Prozent, heute haben die 304 Millionen Amerikaner 950 Milliarden Dollar Schulden allein durch Kreditkarten; Häuser und Autos, auf Pump gekauft, kommen hinzu. Die Einwohner dieses Staates bauen dünne Häuser und heizen. Wenn es drinnen zu warm wird, heizen sie weiter und öffnen die Fenster. Immer noch.
Ist dieses Land so dreist, so feist, wie es scheint?
Man kann nach Asien oder Afrika fahren, es ist überall zu hören: Ägypter, Malaysier, Indonesier wollen nicht mehr wie Amerikaner sein, sie wollen diese ganze amerikanische Kultur nicht mehr. Es hat nichts mit Islamismus zu tun. Das sind viele Millionen Menschen, die Amerika leid sind: die Grenzkontrollen, die Klimasünden, diese ganze autokratische Arroganz - Amerika stellt Regeln für alle auf, die es dann nicht befolgt.
Wer in Manhattan lebt, kann mit dem Fahrrad die kürzeste aller Weltreisen machen, weil an der First Avenue das Hochhaus der Vereinten Nationen steht. Es ist auch dort nicht zu überhören: Geschätzte 120 von 192 Mitgliedstaaten sind amerikamüde. Es sind nicht die wichtigsten, doch es sind viele.
Wahlen sind Chancen
Die amerikanische Delegation lacht Jahr für Jahr über den Iraner Mahmud Ahmadinedschad und nimmt nicht wahr, dass der sich zwar im Ton vergreift, aber für eine Mehrheit spricht. "Die Menschen überall auf der Welt waren immer eher beeindruckt von der Kraft unseres Beispiels als vom Beispiel unserer Kraft", sagte Bill Clinton in einem großen Moment des demokratischen Parteitags. Wie kann sich irgendwer in Washington darüber wundern, dass die Welt nicht willig ist, Amerika zu vertrauen, wenn Amerika Freunde wie Saudi-Arabien hat, eine frauenfeindliche, im Nahen Osten verachtete Stammesgesellschaft, die auf Ozeanen von Öl hockt?
Dieses Amerika ist nicht beliebt. Es ist selbst seinen Verbündeten fremd geworden. Diese Manie, mit der es Schwule hasst! Mit der es noch 2008 die Haltung des Kandidaten zur Abtreibungsfrage zur Grundlage von Wahlen macht! Es stehen viele Mauern im B-Amerika, keine Gelassenheit nirgends - vielleicht ist all der Hass eine normale narzisstische Reaktion derer, die nur noch Ablehnung spüren und dann auch noch den Bruch ihrer wirtschaftlichen Fundamente erleben.
Und Chinesen gewinnen mehr Goldmedaillen, die größte Shopping-Mall der Welt steht in Dongguan. Und das größte Flugzeug wird in der Ukraine gebaut, das höchste Hochhaus steht noch in Taipeh und bald in Dubai. Und Bollywood spielt mehr Geld ein als Hollywood. Dass andere stärker werden, müsste keinen Amerikaner ärgern, weil die anderen Partner sein können - die eigene Schwäche aber ist gefährlich in einer Zeit, in der Washington weiterhin führen will, doch wenige findet, die folgen möchten.
Wahlen sind Chancen, zur Überwindung von Traumata, zur Heilung sogar. Fatal, dass die USA führungslos und wahlkampftaub in die Wirtschaftskrise rutschten - ein Geschenk jedoch, dass sie nun mit einem neuen Präsidenten auf die Krise antworten können. Eine Befreiung kann diese Wahl sein, eine Rückkehr.
Denn die Wahrheit ist: Nie gab es nur ein Amerika, Amerika ist eine Summe, Amerika sind viele.
Dieses Land ist zu groß für Klischees, weil es hier für jedes Klischee ein Gegenklischee gibt. Amerika ist auch heute noch seine Forschung: die Ingenieure des MIT, die Harvard Law School, die Harvard Medical School, die Klimaforscher der Columbia University, die Mediziner von Stanford - Wissenschaft ist vergnügter, zugleich straffer als in Europa. Weniger Beschränkungen gibt es und flache Hierarchien, und wenn einer eine Idee hat, gründet er eine Firma, und wenn andere mit ihren Ideen reich geworden sind, geben sie eine Menge Geld zurück in die Forschung.
Das A-Amerika lebt und ist immer noch schnell: Google und Facebook sind Amerika. Der Broadway, die Metropolitan Opera. Noch immer sind die USA das wettbewerbsfähigste Land der Welt und das innovativste, das ist messbar. 1960 betrug ihr Anteil an der Weltwirtschaft 24 Prozent, es sind heute 23 Prozent.
Zwei Welten also - vereint auf 4000 Kilometern zwischen New York und Los Angeles. Was Amerika teilt, ist nicht mehr die Linie zwischen den beiden Parteien, und immer weniger ist es Hautfarbe; die meisten Wähler sehnen sich nach dem Ende der ritualisierten Feindschaften, messbar ist auch dies. Die wahre Trennung ist die zwischen dem kreativen, dem mutigen, dem neugierigen Amerika und dem riesigen Rest.
Ihr Inseldasein, weit ab von der übrigen Welt, war mal ein Schutz für die Vereinigten Staaten, aber das ist eine Weile her. Heute zeigt sich, dass aus der geografischen Lage eine Menge Illusionen erwachsen sind, die ganze Hybris. Die Bewohner des B-Amerika sprechen keine Fremdsprache, ein Flug nach New York ist eine Fernreise für sie, sie sehen nicht, was in Asien geschieht, und glauben immer noch, was die Stimmenfischer Obama und McCain ihnen erzählen: dass sie die besten Arbeiter der Welt seien. Die Kandidatin Sarah Palin ist die Ikone dieses bizarren Landes. Sie macht Politik für "Joe Sixpack"; "you betcha" kreischt sie, wenn sie eigentlich "ja" meint. Sie spricht von echtem und falschem Amerika: Holzfäller sind echt, Professoren sind falsch, je dumpfer, desto amerikanischer, das ist die Haltung in Palins B-USA. Eine "wachsende Kluft" zwischen Amerikas kosmopolitischer Klasse auf der einen und den Massen auf der anderen Seite sieht "Newsweek"-Chefredakteur Fareed Zakaria.
Das erste Amerika ist zu einer Elite geschrumpft, während das zweite wächst. Der Absturz der Mittelschicht ist die wahre Bankrotterklärung des George W. Bush.
Nach der Rückkehr aus Hyde Park dann ins Kino am Union Square in New York, von den Roosevelts zu "W.".
Natürlich kann ein solcher Vergleich nicht fair sein: Das Museum am Hudson verklärt Roosevelt, die Bibliothek ein Monument politischer Weisheit. Oliver Stones Film verhöhnt George W. Bush, den Trinker. Das Söhnchen. Den Schlichtgläubigen. Dieser Bush kaut mit offenem Mund, sitzt mit Brezeln vor dem Fernseher und verschluckt sich, George Sixpack versteht nichts, kann nichts und wird doch Präsident. Und die, die ihn wählen, sind wie er und werden mehr und wählen ihn deshalb ein zweites Mal.
Was unfair ist, kann trotzdem treffen. Roosevelt und Bush, das ist Amerikas Spektrum, Ikone und Versager, und an diesem Dienstag, wenn die USA wählen, geht es wieder mal eben darum: um Zustand, Richtung, Zukunft der Vereinigten Staaten.
Hier also: das romantische Amerika, Ziel unserer Sehnsucht, New York und Chicago, George Clooneys oder Bruce Springsteens Amerika, das Amerika der Boston Celtics von 2008.
Und dort: das Ziel unseres Spotts, das Las-Vegas-Amerika, gedankenfrei, Rush Limbaughs oder O. J. Simpsons Amerika, das Amerika der Footballfans aus dem Giants Stadium, die Aufgang D belagern und jeder Frau "Zeig deine Titten" hinterherbrüllen.
Es wird mit dieser Wahl nicht das eine Amerika verschwinden und das andere siegen, es geht aber darum, welches Amerika dominieren wird - lange genug, damit seine Dominanz wirkt und schließlich das andere beeinflusst, vielleicht verändert. Bushs Krieger hatten acht Jahre, sie waren derart dominant, dass nicht viel übrig scheint von dem Land, das Bush 2001 übernahm.
Also Obama? Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Obama verspricht den "New New Deal", da er ein neuer Roosevelt sein will; das ist Polit-PR, Anbiederung an die Geschichte. Er hat jedoch verstanden, dass die meisten Amerikaner eine einende, erwachsene, eine ernsthafte Politik wollen. Er war ein stoischer Kandidat mit einer nahezu fehlerfreien Kampagne. Ob er ein guter Präsident würde, ein zweiter Roosevelt gar, kann kein Mensch heute wissen.
Wäre John McCain ein neuer Bush? McCain hat den Rivalen "that one" genannt wie ein Tier, er hat Obama zum Staatsfeind und zum Sozialisten erklärt; trotz der Wut der Wähler auf den nicht kompetenten Bush benannte McCain die nicht kompetente Sarah Palin als Stellvertreterin, "einen Herzinfarkt von der Präsidentschaft entfernt", wie sie hier sagen. Dennoch ist McCain ein kluger Mann, sturmfest. Dass er ein besserer Präsident als Bush wäre, darf als sicher gelten.
Wahrheit ist selten so schlicht wie ihr Image. Zur Wahrheit würden Brüche gehören, zum Beispiel, dass Franklin D. Roosevelt den Holocaust nicht ernst nahm, wie leicht wären die Schienen nach Auschwitz zu bombardieren gewesen. Wahr ist, dass die Regierung Bush längst zu Pragmatismus und Diplomatie gefunden hat.
"F.D. Obama" und "George W. McCain" sind Fiktion, beide Figuren Klischees. Meistens aber sind Klischees das, was die zwei Amerikas wählen.