Tourismus: Schunkeln im Nirwana - DER SPIEGEL
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Tourismus Schunkeln im Nirwana

Forscher entwerfen das Hotel der Zukunft. Der Gast kann dort in ungeahnten Annehmlichkeiten schwelgen. Allerdings muss er in Kauf nehmen, dass er bis ins Detail ausgeleuchtet wird.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tausende Kilometer von zu Hause entfernt ist das Wasser herrlich blau, die Witterung angenehm lau und das Bett entzückend komfortabel. Doch wenn der Hotelgast am Morgen nach der ersten Nacht dann die Augen aufschlägt und aus dem Fenster schaut, blickt er in die Ödnis des eigenen Vorgartens mit freier Sicht auf das Grundstück, auf dem der ungeliebte Nachbar wohnt. Ein Alptraum?

Vermutlich nur der Scherz einer übermütigen Ehefrau. Derlei Schabernack darf jedoch neuerdings durchaus als Fortschritt gelten. In dieser Woche eröffnet die Fraunhofer-Gesellschaft im Ruhrgebiet eine Art Laboratorium, das einzig einem Ziel gewidmet ist: Gesucht wird nach dem Hotelstandard für das 21. Jahrhundert.

1500 Quadratmeter Forschungsfläche stehen dafür in dem Duisburger Zentrum zur Verfügung. Schon existiert der Prototyp eines Zimmers, wie es Reisende womöglich wirklich eines Tages bewohnen werden.

Die noble Herberge hat nur noch wenig gemein mit der quadratischen Einfalt, die Kunden hierzulande gewöhnt sind. Eher schon erinnert der komplett runde Raum an die entspannte Stimmung einer Lounge im Szenebezirk Berlin-Mitte.

Den Gast empfängt ein Panoramafenster in der Form einer überdimensionalen Skibrille. Tagsüber soll der Urlauber hier ganz traditionell die Aussicht genießen. Am Abend lässt sich die Scheibe im Handumdrehen in eine Leinwand verwandeln, auf der Filme abgespielt werden können.

Doch damit nicht genug: In die wundersame Fläche lassen sich gar digitale Bilder einspeisen - etwa vom in der Heimat zurückgelassenen Haustier oder eben vom Ausblick aus dem Eigenheim.

Mit derlei Sperenzchen wähnt sich die Fraunhofer-Gesellschaft bereits auf gutem Weg in eine Rettung verheißende Zukunft für die hiesige Hotelbranche. Denn um die ist es nach Ansicht der Wissenschaftler außerordentlich schlecht bestellt. "Selbst in den teuren Hotels in Deutschland ist vieles nicht zu Ende gedacht", klagt Klaus Scherer, der Leiter des Duisburger Innovationszentrums.

Wie weit ist da schon das Ausland! Wenn der Deutsche auf Reisen geht, muss er das Resort mancherorts gar nicht mehr verlassen - er kann ja im Hotel selbst die tollsten Dinge treiben.

In einer Luxusklause in Dubai etwa tafelt die Abendgesellschaft mit Blick auf ein imposantes Aquarium, in dem Rochen und anderes Meeresgetier umherschwimmen.

Noch näher an der Natur nächtigt der Gast in den Unterwassersuiten jenes Hotels, das derzeit im chinesischen Songjiang entsteht. Selbst die komplette Abwesenheit jeglichen Luxus kann zum futuristisch anmutenden Erlebnis werden: Im schwedischen Jukkasjärvi ruht der Tourist in einem bei minus fünf Grad Celsius dauergekühlten Igluhotel auf Fellmatten - den Sternenhimmel samt echten Gestirnen gibt's gratis dazu.

Das deutsche Gastgewerbe kommt dagegen denkbar trost- und einfallslos daher. "Hier betreten Sie mit dem Hotelzimmer eine innovationsfreie Zone", konstatiert Zentrumschef Scherer. "Da haben Sie dann einen Röhrenfernseher, und das war's." Angesichts solcher Missstände wundert es wenig, wenn die Kundschaft Maßnahmen der Gegenwehr ergreift: Gäste aus Japan etwa ließen des Nachts gern den Heißwasserhahn im Bad laufen, damit ein Hauch asiatischer Schwüle in die Ferienbehausung dringe, berichtet Hotelkenner Scherer.

Der Steuerung des Raumklimas gilt entsprechend das besondere Augenmerk der Fraunhofer-Forscher. Als unrühmliches Schreckensbild dienen ihnen jene noch immer anzutreffenden Kaschemmen, in denen die Temperatur überhaupt nicht regulierbar ist. Für das Projekt ließ die Laborleitung deshalb einen speziellen Teppich mit feinen Sensoren knüpfen; betritt der Gast seine Stube, stellt sich umgehend und automatisch die gewünschte Gradzahl ein.

Über eine ganze Batterie von Leuchtdioden in der Decke kann der Kunde sein Zimmer zudem in eine ihm genehme Farbe tauchen - je nach Temperament und Gemütsverfassung in schwülstiges Rot, mildes Apricot oder klirrendes Blau.

Eine feine Lichtschiene führt den Schlaftrunkenen schließlich nächtens sicher auf den Lokus - gut möglich, dass er diesen ansonsten kaum zum Verweilen einladenden Ort alsbald nicht mehr verlassen will. Denn die Toilette - in vielen Hotels durchaus eine prekäre Gegend - firmiert im Duisburger Labor als Erholungszone unter dem Namen "Futurespa". Infrarotstrahlung aus den Wänden verwandelt den Raum rasch in eine wohlige Sauna. Und eine auf engstem Raum in den Boden gelassene WhirlWanne bietet zwei Personen Platz zum Planschen.

Sogar die Güte der Armaturen wird in einem wissenschaftlichen Verfahren ausgelotet: Ein Expertenteam rückte zum "anwenderbezogene Handbrausen-Vergleichstest" an.

Doch auch die Rückkehr ins Lotterbett lohnt: Die Sonderanfertigung einer kooperierenden Firma simuliert dem Liegenden eine leichte Pendelbewegung - "es fühlt sich an, als würden Sie sanft an sieben Meter langen Seilen schaukeln", schwärmt Projektleiterin Vanessa Borkmann. "Das ist wie im Nirwana."

Nach der Schunkelei zur späten Stunde noch Lust auf einen Drink, aber wenig Neigung, noch einmal aufzustehen? Kein Problem: Die Schritte bis zur realen Minibar kann man sich sparen. Auf Tastenbefehl in ihrem virtuellen Gegenstück setzt sich ein rollender Roboter mit der gewünschten Spirituose in Bewegung.

Und wie teuer wird das Ganze? Wer um die knappe Kostenkalkulation manch eines Hoteliers weiß, wird sicher mit einiger Berechtigung nach der Finanzierbarkeit der technischen Hochrüstung fragen. Könnten sich am Ende nach Unterkunft Suchende nicht in jene Zeiten zurücksehnen, als für ein schlichtes Bett samt Frühstück mit zwei Brötchen und Marmelade eine überschaubarere Summe zu entrichten war?

Umsetzen, was technisch möglich ist

Der Preis ist den Forschern erst einmal egal. Ihnen geht es darum, umzusetzen, was technisch möglich ist - zumindest im Labor.

Entsprechend beginnen die Wonnen des Gastes auch nicht erst in der gemieteten Koje. Schon die Anreise ist voller Annehmlichkeiten. Ein Leitstrahl führt die Limousine des Anreisenden ohne Umwege auf den richtigen Parkplatz. Das nervige Check-in? Gehört in die Steinzeit der Hotellerie. Alle Daten des Kunden sind längst erfasst und in ein weltweit gültiges Nutzerprofil verwandelt.

Gleichgültig ob auf Visite in Moskau, New York oder Kuala Lumpur: Mit dem per SMS erhaltenen Zugangscode operiert der Reisende auf dem ganzen Globus als wohlbekannter Welt-Stammkunde. Pünktlich zur Ankunft ist der Raum auf die gewünschten 19,5 Grad hochgeheizt, die Lieblingszeitung liegt bereit, die Suite ist in sanftes Gelb gehüllt.

Zwar mag sich manch ein Tourist dagegen sträuben, auf den berechenbaren Code einer Computerdatei reduziert zu werden. Die Zukunftsvisionen der Hotelforscher bauen gleichwohl im Wesentlichen auf die Bereitschaft des Kunden, im Zeichen der Gastfreundlichkeit weitgehend durchschaubar zu sein.

Etwas abseits des idealtypischen Hotelzimmers haben die Experten der Fraunhofer-Gesellschaft ein "BehaglichkeitsLab" eingerichtet. Hier sollen die allerletzten Fragen erörtert werden, die einen Hotelbesucher umtreiben können. Stört eher das am Himmel vorbeiziehende Flugzeug - oder doch mehr der auf- und abfahrende Lift im Haus? Soll der Hotelbetreiber in neue Fenster investieren oder vielleicht doch lieber die Wände dämmen lassen?

In den kommenden Jahren planen die Projektanten eine beispiellose Evaluation unterschiedlichster Kundenschichten. Im Praxistest erprobt wird dann auch eine Neuerung, die nach Meinung ihrer Schöpfer das Dasein im gemieteten Gelass weitaus sorgenfreier gestalten wird.

Sinkt der Gast zu Boden - aufgrund einer momentanen Kreislaufschwäche etwa oder weil er die rollende Minibar überbeansprucht hat -, melden die Sensoren in der Auslegeware umgehend die Veränderung der Druckverhältnisse auf dem Boden. Binnen kürzester Zeit ist ein Rettungskommando zur Stelle.

Diese Form der Fürsorglichkeit mag manchen beruhigen - andere werden angesichts des livrierten großen Bruders in milde Paranoia verfallen. Und wer sehnt schon, nur weil er sich zum Lesen auf den Teppich zurückgezogen hat, den Besuch von hilfsbereiten Sanitätern herbei?

Zentrumschef Scherer reagiert ungeduldig auf solche Befürchtungen. Mürrisch erklärt er: "Sicherheit hat eben ihren Preis."

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