Kriminalität: Tödliches Netz - DER SPIEGEL
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Kriminalität Tödliches Netz

Im Internet flirtete Christian G. mit mehr als hundert Frauen. Suchte er dort Liebe oder Opfer für seine sadistischen Phantasien? Die Staatsanwaltschaft klagt ihn wegen zweifachen Mordes an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er nennt sich "Riddick300" wie der Held in dem Science-Fiction-Schocker "Pitch Black - Planet der Finsternis". Er hat sich im Chat-Forum "Knuddels" eingeloggt, er sucht Frauen. An einem Montagmorgen trifft er auf "Sonnscheinregi". Regina B., 39, kommt aus dem westfälischen Marl. "Und du bist zingel?", schreibt sie, hoffnungsvoll. "Jap!", antwortet er, wider die Wahrheit.


Eine Stunde später senden sich die beiden virtuelle Küsschen und Umarmungen. "Bist du alleine zu hause?", fragt Riddick. "Ja meine Kinder sind nicht da die bekome ich alle 14 Tage."

Sie mailen sich Fotos. Riddick: "Finde dich sehr net und sehr sinpatisch und nidlich." Sonnscheinregi: "Du siest auf den fotto süß lieb nett kefelt mir."

Er bittet sie, mit ihrer Digitalkamera Nacktbilder zu machen. Sie chatten über Sex und wie sie es machen wollen. "Du bist meine Sonne, mein Stern so hell, du hast dich in mein Herz geschlichen ganz schnell", schreibt Sonnscheinregi, schon verliebt. Das Internet-Paar verabredet sich für den 17. Juni in Marl.

Einen Tag später findet ein Passant die Leiche von Regina B. an der Bundesstraße 51 am Rand einer Heuwiese. Die Tote liegt auf dem Rücken, sie trägt einen weißen Jogginganzug, das gelbe T-Shirt und die Jacke sind bis zum Brustansatz hochgeschoben. Gerichtsmediziner notieren 26 Messerstiche - 12 im Rücken und 14 auf der Brust, leichte Würgemale am Hals. Tödlich indes war nur einer der Stiche in den Rücken. Der Rest entsprang offenbar der Phantasie eines Sadisten.

Regina B. ist nach Ansicht der Ermittler nicht das einzige Opfer Riddicks, der als Christian G., 27, in Hamburg-Harburg das unauffällige Leben eines Gelegenheitsarbeiters geführt hat. Die Staatsanwaltschaft Essen hat ihn vorige Woche angeklagt, wenige Tage vor dem Mord an Sonnscheinregi auch die 26-jährige Jessica K. getötet zu haben. G. hatte auch dieses Opfer im World Wide Web kennengelernt und laut Anklage in eine tödliche Falle gelockt. Ermittler glauben, dass die Festnahme des "Internet-Killers" ("Bild") weiteren Frauen das Leben gerettet hat.

Denn G. hatte zu mehr als hundert Damen im Netz Kontakt. Er wechselte seinen Namen, nannte sich auch "Rosenboy", verteilte virtuelle Bussis, verschickte Freundschaftsverträge und Gedichte.

Dass das Internet in großem Umfang von Kriminellen missbraucht wird, belegt die Statistik des Bundeskriminalamts. Meist geht es dabei aber um Betrug. Der Fall Christian G. dokumentiert indes auf dramatische Weise, wie das Netz auch anderen Tätern in die Hände spielt - wie der Hamburger mit ein paar Mausklicks nahezu unbegrenzt viele Frauen ansprechen konnte, unbeobachtet und anonym.

In der virtuellen Welt präsentierte sich G. als verständnisvoller Freund und Schmusebär. Und viele Frauen glaubten ihm. Woher sollten sie auch ahnen, dass sich hinter Riddick und Rosenboy eine Existenz verbirgt, die schon in ihrer Kindheit traumatische Erlebnisse verarbeiten musste, die Gewalt erfahren hat, die sich schutzlos und allein fühlte - wie fast alle Trieb- und Sexualmörder.

Diese Existenz beginnt 1981 in einer Arbeitersiedlung in Hamburg-Harburg, einem Stadtteil südlich der Elbe. Wenn Christians Vater zu viel getrunken hat, weckt er das Kind. Der Junge muss dann zusehen, wie der Vater die Mutter verprügelt und anschließend vergewaltigt. Mal jagt er sie nackt auf den Balkon, mal steckt er ihren Kopf ins Klo.

Zweimal flüchtet die Mutter mit dem Sohn ins Frauenhaus. Als Christian G. acht Jahre alt ist, wird sie vom nächsten Mann schwanger. Der Junge kommt ins Heim.

Er reißt regelmäßig aus, treibt sich am Bahnhof rum, spielt in Kaufhäusern. "Da hat mich ein Freier angesprochen. Da bin ich mit ihm gegangen. Der hatte auch einen Daddelautomaten. Und da will der mit mir ins Bett. Da wusste ich gar nicht, dass er ein Freier ist. Ich habe es gemacht, da habe ich 100 Mark bekommen. Dann war ich jeden Tag da", erinnert er sich.

Bald greift ihn die Polizei auf. Er soll gegen den Freier aussagen. Freier und Polizisten, Sozialarbeiter und Richter bestimmen sein Leben. Mit 14 Jahren schließlich geben die Betreuer auf. Er sei nicht gruppenfähig, heißt es. Christian bekommt eine eigene Wohnung, kann machen, was er will. Ob das so in Ordnung war, dazu will sich das zuständige Jugendamt nicht äußern. Es beruft sich auf den Sozialdatenschutz.

Als Christian zu alt wird für die Pädophilen-Szene, besorgt er sich das Geld durch Einbrüche, Diebstähle, immer wieder landet er vor Gericht; hat Sehnsucht nach der Mutter, doch die ist damit beschäftigt, ihr eigenes Chaos zu überleben.

Christian G. bricht die Hauptschule ab, er schluckt Ecstasy-Pillen und tanzt die Nächte durch zu Techno-Musik im "Tunnel", einer Disco an der Reeperbahn. Mit 17 träumt er davon, ein cooler DJ zu werden. In der wirklichen Welt ist sein größter Erfolg der Gabelstaplerführerschein.

Ein "Verlierertyp", der sich einbilde, der "Tollste" zu sein


Anfang 2002 lernt er eine Frau kennen, nach zwei Jahren setzt sie ihn vor die Tür. Er sei ein "Verlierertyp", der sich einbilde, der "Tollste" zu sein. Selbst als sie zwei Monate später erfährt, dass sie schwanger ist von Christian, will sie nichts mehr von ihm wissen. Bei der nächsten Freundin läuft es genauso. Sie bezeichnet ihn als "Schoßhund", er ist frustriert.


2005 meldet der Kindergarten, er schlage die Tochter seiner neuen Freundin. So mit der flachen Hand. Das Mädchen habe es an einem Teddy gezeigt. Auch diese Frau wird von ihm schwanger und er zunehmend aggressiv. "Es fing damit an, dass er meinen Kater verprügelt hat", erinnert sich die Lebensgefährtin. Im März 2006, kurz vor der Entbindung, setzt sie ihn vor die Tür. Und ist überrascht von seiner Reaktion: "Er fing an zu weinen."

Jürgen Müller, dem Chef der forensischen Psychiatrie in Göttingen, sind solche Fälle nicht fremd. Christian G. habe offenbar gespürt, dass er es nie schaffen werde, beruflichen Erfolg zu haben, eine Familie zu gründen: "Seine Bewältigungsstrategien brechen zusammen."

Ein Frauenheld ist er sowieso nicht. Doch neben dem wirklichen Leben gibt es ja die virtuelle Welt. Je mehr Christian G. auf Ablehnung im direkten Kontakt stößt, desto mehr chattet er im Netz. Am 6. August 2006 loggt er sich zum ersten Mal bei "Knuddels" ein. Aus der Deckung seines Pseudonyms kommuniziert er wie ein Wahnsinniger, flirtet mit mehreren Frauen gleichzeitig. Die finden ihn trotz haarsträubender Rechtschreibfehler "süüüüß".

Schmachtend blickt er in die Kamera und stellt das Bild ins Netz. Er sei 1,92 Meter groß und wiege 99 Kilo, schreibt er. Dass er eher schwabbelig als muskulös ist, verschweigt er. Wenn Frauen ihn ablehnen, kann er schon mal ausrasten. Er tritt gegen die Haustür, droht und pöbelt. Im September 2006 zeigt ihn eine Chat-Bekanntschaft aus Lüneburg an. Er habe sie vergewaltigt, behauptet sie. Er streitet es ab. Das Verfahren wird eingestellt.

Anfang 2007 trifft G. eine junge Frau aus Magdeburg, lernbehindert, arbeitslos. Es stört sie nicht, dass er selten vor die Tür geht und am liebsten Horrorfilme guckt, und zwar die richtig üblen. Einer heißt "Edward Gein - The Butcher of Plainfield". Darin bringt ein Einzelgänger mit gestörtem Verhältnis zu seiner Mutter Frauen um und verstümmelt ihre Leiber mit dem Küchenmesser. Ist der Film die Blaupause für die Taten, die ihm angelastet werden? Er hatte den Film auf seiner Festplatte gespeichert.

"Ich liebe nur dich", versichert er seiner Freundin, und doch ist er ständig im Internet auf der Suche nach Bekanntschaften. Als Rosenboy trifft er auf "Babylove", wie sich die Berlinerin Jessica K. nennt. Sie verabreden sich in Stade. Dort hat er mal bei seiner Mutter gewohnt und kennt sich aus. Ein Foto der Überwachungskamera der Deutschen Bank zeigt Christian und Jessica am 5. Juni am Geldautomaten an der Breiten Straße. Es ist das letzte Lebenszeichen von ihr.

Ihre Leiche wird erst am 19. Juni gefunden, einen Tag vor seiner Festnahme. Die Todesursache lässt sich nicht mehr feststellen, die Verwesung war schon zu weit fortgeschritten. Christian G. bestreitet die Tat. Aber an seinem Schuh klebt Blut des Opfers.

Vier Tage nachdem er Jessica traf, ist Riddick wieder im Chat-Forum unterwegs. Er findet dort Sonnscheinregi. Wenn er tatsächlich der Mörder von Jessica K. ist, dann hat die Tat entweder seine Phantasien nicht befriedigt, oder das Erlebnis war so stark, dass er es unbedingt wieder haben musste.

Christian G. gibt zu, Sonnscheinregi alias Regina B. getötet zu haben. Er sagt, sie habe Geld von ihm verlangt und damit gedroht, ihn wegen Vergewaltigung anzuzeigen. Da sei er wütend geworden. Sein Anwalt Burkhard Benecken will auf Totschlag plädieren.

Gleichwohl will Benecken dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgen und seinen Mandanten begutachten lassen. Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Essen, soll die Frage klären, ob Christian G. strafrechtlich zu belangen ist oder ob sein Leben geradezu zwangsläufig in einer Orgie aus Gewalt enden musste.

Nachdem er Regina B. getötet hat, besucht G. seine Mutter. Er sei ruhiger gewesen als sonst, erinnert sie sich. Am 19. Juni feiert er mit seiner Freundin deren Geburtstag.

Sie ahnt nicht, dass er am nächsten Tag bereits mit "Blondy" aus dem thüringischen Sömmerda verabredet ist. Auf dem Weg nach Marl hatte er ihr per SMS geschrieben: "Morgen mein schatz ich liebe dich sehr doll. hatte ein schon traum das wir beide geheirate haben und zusammen ein kind hatten und auf ein mal wurde ich wach wein."

Blondy wartet vergebens. Fünfmal ruft sie an diesem Abend bei G. an. Was auch immer er von ihr wollte, er kommt nicht mehr dazu. Es ist der Tag, an dem er verhaftet wird.