Ausland: Konkurrenz für Naomi - DER SPIEGEL
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Ausland Konkurrenz für Naomi

Global Village: Nachwuchs aus Nigeria für die Laufstege der Welt
Von Dialika Krahe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist der zweite Tag nach der Wahl, die Finalistinnen haben ihre Krönchen noch nicht aus der Hand gelegt, als Joan Okorodudu feststellen muss, dass ihre Mission noch nicht beendet ist.

Sie sitzt in ihrem Bungalow, militärbewacht, im teuersten Viertel von Lagos, und das Make-up rinnt ihr in Streifen vom Gesicht. Sie weint, sie schwitzt, sie sei wütend, sagt sie und wedelt mit einer Zeitung. "Nur ein einziges Blatt hat über uns berichtet", sagt sie, und ihre Stimme ist dabei unversöhnlich und laut.

Joan Okorodudu, "Miss Nigeria" des Jahres 1981, Modedesignerin, eine wuchtige Frau mit langem Haarteil und wallendem Kleid, ist, wenn man so will, die Heidi Klum Nigerias. Wochenlang suchte sie die schönsten Mädchen des Landes, stellte eine internationale Jury zusammen, veranstaltete Castings. Steckte die Besten der 500 Bewerberinnen vier Wochen lang in ein Hotel mit Pool, ließ sie trainieren und hungern, um sie fit zu machen für den globalen Modemarkt. Sogar einen schwulen Laufstegtrainer engagierte sie, nur dass er in Nigeria nicht Bruce hieß, sondern Gerry.

Eigentlich, so dachte Joan Okorodudu, hatte sie alles richtig gemacht.

In den USA und Deutschland, das wusste sie, ist die "Topmodel"-Show jedes Jahr in allen großen Zeitungen; die Finalistinnen bekommen Angebote von Modekonzernen; sie werden auf Plakate gedruckt und in Werbeanzeigen gezeigt. Und in Nigeria? "Die ignorieren uns einfach", sagt Joan und schneuzt sich in ein Stofftaschentuch, dann sagt sie noch, "das ist furchtbar typisch für dieses Land".

Vor zwei Jahren sah Joan zum ersten Mal die US-Version der Show, sah, wie Tyra Banks aus Schülerinnen mit Zahnspangen Topmodels machte, und las im Internet, dass die Show weltweit funktioniere: in Russland, in Deutschland, sogar in Afghanistan. Joan sah die Chance, etwas Gutes zu tun für ihr Land, Talente zu fördern, zu unterhalten.

Sie mietete ein Ferien-Resort in Lagos und nannte es Model-Camp: 5.30 Uhr aufstehen, sich schön machen, dann Morgengebet. Um 6.30 Uhr mussten die Mädchen saubermachen, feudeln, abwaschen, dann raus zum Joggen. Um 9.30 Uhr Frühstück mit der Ernährungsberaterin, Früchte, manchmal Müsli. "Es gab da eine Menge Babyspeck, den wir noch loswerden mussten." Tagsüber: Laufstegtraining mit Gerry und anschließend Gebete. Vier Wochen ging das so, sechs Kameras waren dabei, Tränen und Intrigen, ganz wie es sich gehört.

Joan winkt die Stylistin herbei. Die tupft eilig die Tränen weg und überschminkt die Stellen, an denen Joan das Make-up heruntergeweint hat. Man mag über all das spotten, sagt Joan, und, ja, Nigeria erlebe gerade turbulente Zeiten. Rebellen führen im Delta einen Ölkrieg, Menschen werden entführt, Jugendliche flüchten in Scharen nach Europa, und nach wie vor leben 70 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem Dollar am Tag. "Klar, wirkt eine Model-Show da überflüssig", sagt Joan. Aber es könne doch nicht immer nur um Kriminelle gehe, um Armut, Dreck. Sie sagt: "Nigeria hat Potential."

Und das hockt jetzt neben ihr auf der Couchgarnitur: Sieben Mädchen mit glänzenden Lippen und Satinkleidern. Sie kauen Kaugummi und lächeln still vor sich hin, die Ventilatoren wehen ihr Erdbeerparfum durch den Raum, und auf dem Laptop läuft ihre Topmodel-Show in Endlosschleife.

"Was hätte denn ohne die Show aus ihnen werden sollen?", sagt Joan und zeigt auf ihre Finalistinnen, "Prostituierte vielleicht?" In Nigeria geschehe viel Unrecht, mit den Träumen junger Mädchen, sagt sie. Die werden ausgebeutet, schlimmstenfalls nach Europa verschifft und an Bordelle verkauft. Ein paar Mädchen mit richtigen Berufen waren schon dabei: eine Verkäuferin, eine andere nähte in der Fabrik. Aber einige der Teilnehmerinnen, sagt Joan, habe sie direkt von der Straße gefischt. Seither nennen sie die Mädchen "Mama J".

Die Gewinnerin, Cynthia Omorodion, eine Schülerin aus Benin-Stadt, sitzt vor dem Spiegel auf einem Klappstuhl, ihre Lider werden bemalt. Sie ist 19, ein schüchternes und gläubiges Mädchen mit großen Augen und überlangen Beinen. Sie habe Anwältin werden wollen, sagt sie und: "Beim Finale habe ich als Erstes an den lieben Gott gedacht." Da stand sie plötzlich auf der Bühne mit einem überdimensionierten Schlüssel im Arm. Er war aus Pappe und ihr Gutschein für ein Auto, einen Kia Rio. Irgendwie auch ein Gutschein für ein neues Leben, dachte sie.

Außerdem erhält sie einen Dreijahresvertrag mit Joans eigener Model-Agentur in Südafrika. "Und genau das ist unser Problem", sagt Joan, die nigerianischen Agenturen hätten "Nigeria's Next Super Model" einfach nicht gewollt. "Wenn du nicht zur Gang gehörst", sagt sie - und meint die Modebranche ihres Landes -, hast du verloren." Korrupt sei das Geschäft mit der Schönheit, ja geradezu kriminell, so korrupt wie alle Geschäfte in diesem Land. Model-Aufträge, Werbeaufträge, sogar Erwähnungen in Hochglanzmagazinen müsse man kaufen. "Das ist Afrika", sagt sie, "hier gibt es nichts umsonst." Sie habe ihr gesamtes Privatvermögen in "Nigeria's Next Super Model" investiert. Sie habe wieder einmal zu viel gehofft.

"Die Modebranche hier", sagt sie, "das ist die reinste Mafia."

Die Einschaltquoten waren trotzdem gut an diesem Abend. Tausende Nigerianer wählten, per Telefon und SMS. Und Cynthia ist nun, zumindest nach dem Geschmack der Nigerianer, die Schönste der Nation. "Und wenn Gott will", sagt sie, "werde ich bald ein gefeierter Star." Wahrscheinlich nicht in Nigeria, vielleicht nicht einmal in Afrika. Möglicherweise aber in Paris oder Mailand. Sie kichert ein wenig und macht dann schnell wieder ein Model-Gesicht.

Wie sie es bei "Mama J." gelernt hat.