Gesundheit "Z" wie zerstört
Der Tag fängt schlecht an für die Klasse 6b der Berliner Hans-Fallada-Schule: erst eine Mathearbeit, dann kommt der Zahnarzt. 16 Kinder sind vor Christian Richter vom Zahnärztlichen Dienst Neukölln angetreten. Der Mediziner hat zwei Schreibtische in der Mitte des Klassenraums zusammengeschoben; sie dienen als Untersuchungsstuhl.
Richter beugt sich über ein stämmiges Mädchen im rosafarbenen Pullover. Es gibt eine Kennziffer für jeden Zahn und einen Buchstaben für die Diagnose. "S" bedeutet, dass der Zahn gesund ist, "D" steht für "defekt", meist durch Kariesbefall. Der Buchstabe "Z" ist für die schlimmen Fälle reserviert und bedeutet "zerstört".
Schulzahnarzt Richter, 63, hat in seiner Laufbahn schon in zigtausend Münder gesehen. Mehr als 50 Schulen mit 16 000 Kindern gibt es in seinem Bezirk. Das macht etwa 400.000 Zähne, die er mit einem Kollegen und zwei Helferinnen jedes Jahr begutachten muss.
In letzter Zeit hat der Zahnarzt dabei eine interessante Beobachtung gemacht: Einerseits sieht er immer mehr Kinder mit einem tadellosen Gebiss. Die Buchstaben D oder gar Z tauchen auf seinen gelben Behandlungszetteln seltener auf als früher, zumindest an manchen Schulen. Doch gleichzeitig begegnen ihm auch immer mehr Kinder, für die jede Vorsorge zu spät kommt. Das Mädchen im rosafarbenen Pullover ist so ein Fall. Etliche Zähne sind von Karies zerfressen. Und einige, so diagnostiziert der Doktor, sind wohl nicht mehr zu retten. Sie müssen gezogen werden.
Erfahrungen wie in Neukölln machen Zahnmediziner derzeit überall in der Republik. In jener Gruppe von Schülern, die nicht über ein kerngesundes Gebiss verfügen, steigt die Zahl der Kinder dramatisch an, die gleich sehr viele sehr faule Zähne haben. Bereits in den ersten Klassen finden sich schwarze Stumpen und Kieferschäden - und fast immer handelt es sich dabei um Kinder aus der Unterschicht.
Die Ärzte sind auf einen bislang eher unbeachteten Indikator für die Spaltung der Gesellschaft gestoßen: die Zahnfäuleverteilung. "Viele haben wenig Karies, wenige haben viel Karies", meldet die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und spricht von einer "deutlichen Kariespolarisation". Das staatliche Robert Koch Institut kommt in einer aktuellen Untersuchung zu dem Schluss, dass sozial benachteiligte Schichten ein mehrfach höheres Kariesrisiko tragen als die Durchschnittsbevölkerung.
Dass sich Reich und Arm mehr denn je am Zahnstatus unterscheiden lassen, ist eine besonders bittere Erkenntnis für die zuständige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Der Satz, man dürfe die Herkunft eines Kindes nicht an seinem Gebiss erkennen, gehört von jeher zu den zentralen Wahlkampfversprechen der Sozialdemokraten. Zur Bundestagswahl 1998 hatte die SPD sogar Plakate geklebt mit einem Kind, dessen scheues Lächeln eine Zahnlücke offenbarte.
Nun aber zeigen die Untersuchungen der Mediziner, dass sich, was die Zahngesundheit betrifft, eine Zweiklassengesellschaft herausgebildet hat - dabei haben die Krankenkassen mehr Geld für die Prävention von Dentalkrankheiten ausgegeben.
Auf den ersten Blick ist es gelungen, die Zahngesundheit der Deutschen in den vergangenen Jahren stark zu verbessern. Laut Statistik der Zahnärztekammern hatten zwölfjährige Kinder im Jahr 1989 noch durchschnittlich 3,9 kariöse Zähne im Mund. Dieser Wert sank bis 1997 auf 1,7. In der jüngsten Mundgesundheitsstudie für das Jahr 2006 liegt die Kariesquote dann sogar nur noch bei 0,7, ein stolzes Resultat, mit dem sich Deutschland nach Einschätzung der Zahnarztfunktionäre auch international sehen lassen kann.
Gäbe es da nicht die erhebliche Schieflage bei der Verteilung: Im Detail zeigen die Studien, dass 1997 gut 60 Prozent aller kariösen Zähne rund 20 Prozent aller Kinder zuzurechnen waren. Acht Jahre später konzentrierten sich gut 60 Prozent der Schäden hingegen bei 10 Prozent der Kinder. Der größte Teil von ihnen stammte aus Familien, in denen die Eltern über geringe Bildung verfügen.
Die Zahnmediziner befürchten, dass sich das Problem in den kommenden Jahren verschärft. Als Indikator gilt die Verbreitung von sogenanntem Schmelz- oder Initialkaries. Das sind kleine faule Stellen, die sich beim rechtzeitigen Zahnarztbesuch flott und meist ohne Betäubungsspritze reparieren lassen.
Diese Karies im Frühstadium, noch vor zehn Jahren ein echtes Volksleiden, ist inzwischen bei den Kindern weit zurückgedrängt. Dabei geholfen haben Reihenuntersuchungen, fluorhaltige Versiegelungen und vor allem ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein vieler Eltern.
Doch der Eifer, Karius und Baktus den Garaus zu machen, sinkt rapide mit dem Bildungsgrad. Während die einen schon die Milchzähnchen ihrer Babys dreimal täglich mit Spezialpaste bürsten, schicken andere den Nachwuchs ohne Zähneputzen ins Bett. So kommt es, dass inzwischen mehr als 80 Prozent aller Zähne mit Frühkaries in den Mündern von rund 20 Prozent der Zwölfjährigen sitzen.
Die Experten haben nur wenig Hoffnung, das Problem in den Griff zu bekommen. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung spricht von einem abgehängten Prekariat bei der Zahnversorgung. Im Kern handele es sich um ein gesellschaftliches Problem, so der Doktorenverband.
Auch bei den Krankenkassen ist man hilflos. Gerade an der Kariesbehandlung für Kinder wird nicht gespart - gegen den Trend sonst im Gesundheitswesen. Die Zahnschmelzhärtung für Kinder ab sechs Jahren gehört ebenso zum Leistungskatalog der Kassen wie die Früherkennung für Kinder ab 30 Monaten. Damit der Arzttermin auf keinen Fall am Geld scheitert, darf der Zahnarzt für Kinder auch keine Praxisgebühr verlangen.
Viele Länder und Kommunen haben ihre Vorsorgeprogramme in den vergangenen Jahren sogar ausgebaut. In Berlin stehen Schulkinder in Problembezirken unter besonderer Beobachtung. Gleich dreimal im Jahr bekommen die Kinder an der Hans-Fallada-Schule Besuch vom grünen Plüschkrokodil Kroko und einer Helferin der Landesarbeitsgemeinschaft zur Verhütung von Zahnkrankheiten.
"Aber ein Viertel der Eltern geht mit den Kindern einfach nicht zum Zahnarzt", sagt Schulzahnarzt Christian Richter. "Da können wir nichts machen." Ein aktueller Bericht der Berliner Senatsverwaltung, der die Situation von Erstklässlern untersucht, schätzt die Zahnarztfrequenz bei bildungsfernen Schichten ähnlich ein, ebenso ein Team von Sozialwissenschaftlern in Hamburg. In einigen von großer Arbeitslosigkeit geplagten Regionen Ostdeutschlands sieht die Lage sogar noch schlechter aus.
Da beschleicht dann auch Christian Richter bisweilen das Gefühl von Resignation. Soeben hat er wieder einen Zettel für einen Jungen ausgefüllt, der dringend zu einem Kieferorthopäden gehen müsste.
Richter kennt den Jungen aus dem vorigen Jahr. Den Zettel von damals hatte dessen Mutter ignoriert.