TV-Stars: Männer ohne Eigenschaften - DER SPIEGEL
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TV-Stars Männer ohne Eigenschaften

Sie heißen Jörg Pilawa, Oliver Geissen und Kai Pflaume. Sie sind die Allzweckwaffen ihrer Sender und moderieren oft Hunderte von Shows jedes Jahr. Markus Lanz ist das neueste Gesicht einer Moderatorenriege, der nur eines zum Verhängnis werden kann: eigene Omnipräsenz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er sitzt in der Falle, und irgendwie weiß er das auch. Markus Lanz, 39, seit ein paar Monaten ZDF-Moderator, kann gerade noch zuschauen, wie sich über ihm die Schublade schließt, in die man ihn steckt. In den nächsten Jahren könnte er da drin hocken, erfolgreich sein und viel Geld verdienen. Er muss nur nett sein. Harmlos. Glatt. Gutaussehend. Langweilig.

Willkommen in der Beckmannkernerpilawageissenpflaumeschreyl-Schublade. In ihr wird ein TV-Moderatoren-Typus gelagert, der Hunderte Sendungen pro Jahr bestreiten kann - von der Gala bis zur Talkshow und vom Quiz bis zum Jahresrückblick. Es ist ein Typus, der permanent auf Sendung und dauernd beschäftigt ist, omnipräsent, ohne groß aufzufallen.

"Wären sie Bäume, man dürfte sie nicht aufsägen. Sie hätten keine Jahresringe", lästerte die "Zeit" mal. Doch erfolglos ist diese TV-Spezies nur bei einem: dem Versuch, sich aus der Schublade herauszustrampeln.

Kai Pflaume (Sat.1) macht ein Fotoshooting, bei dem er als Action-Held rohes Fleisch verzehrt. Jörg Pilawa (ARD) erzählt immer wieder die gleiche Anekdote, wie er als Jugendlicher mal mit einem Stuhl auf einen Lehrer losgegangen ist. Der alerte Marco Schreyl (RTL) pöbelt beim Deutschen Fernsehpreis von der Bühne "alle Schreiberlinge da draußen" an. Er wirkte dabei aber nicht kantig, allenfalls ungezogen.

Nun ist Lanz dran, das neueste Gesicht. Und auch er rudert. Wenn man ihn trifft, macht er gleich seinen Laptop auf, in dem er Bilder gespeichert hat von Eisbären und ewigem Eis. Selbst fotografiert. In Grönland. Es sind nicht die Bilder eines Langweilers.

Lanz legt seine Stirn in Falten der Nachdenklichkeit und spricht über seine Liebe zu Aussteigern. Einen von denen ruft er gern an, wenn er selbst im Fernsehstress steckt. Es ist ein Ex-Ingenieur, der jetzt in Grönland sommers Touristen kutschiert und winters Robben jagt. Zum Überleben. Nicht wegen des Fells. Klar. Ein bisschen was von einem Aussteiger stecke auch in ihm, sagt Lanz.

Jahrelang hat er bei RTL das Boulevardmagazin "Explosiv" moderiert. Er hat eine Stimme wie Eierlikör. Sie ist sahnig und kratzt nur ganz leicht. Seit April ist er beim ZDF unter Vertrag. Er ist dort Ersatz für, Vertretung von und Alternative zu Johannes B. Kerner in einer Person.

Im Sommer half er in dessen Talkshow aus. Die Freitagabend-Koch-Show übernahm er komplett. Eine Wissensshow folgte. Im kommenden Jahr soll er noch mehr Sendungen machen. Vielleicht ein wöchentliches Quiz. Lanz kann alles.

Fernsehchefs lieben Typen wie ihn für diese Kompatibilität. Sie sind für jedes Format einsetzbar und drücken doch keiner Sendung zu sehr ihren Stempel auf. So kann dann Beckmann als Ersatz für Pilawa das Quiz zum Einbürgerungstest übernehmen und Lanz für Kerner ruckelfrei das ZDF-Freitagskochen. Eigentlich könnten sie alle die Moderationen ihrer Sendungen jede Woche neu verlosen. In vielen Fällen würde es nicht auffallen. Auch deshalb ist der Typus so begehrt, unersetzlich wegen seiner Ersetzbarkeit.

Sie sind ein bisschen Journalisten und ein bisschen Unterhalter, sie sehen ein bisschen gut aus und sind ein bisschen kritisch. Sie sind Profis, die ihr Handwerk beherrschen. Das Handwerk heißt: alles wegmoderieren, was Intendant und Sender bereithalten.

So hat sich dieser Typus in den vergangenen Jahren im deutschen Fernsehen breit und immer breiter gemacht. Männer ohne Eigenschaften. Unwirklich wie Robert T-Online, jene Kunstfigur, die vor ein paar Jahren in der Telekom-Werbung auftauchte. Jeder Sender hat mindestens einen aus dieser Schublade.

Zur Gefahr könnten sie sich allenfalls selbst werden - weil sie durch schiere Omnipräsenz Überdruss verursachen. Jörg Pilawa etwa hat seinen Talk längst aufgegeben. Sein Quiz, so deutet er gern an, könnte er auch bald beenden. Johannes B. Kerner hat seine Kochsendung abgegeben. Sein ZDF-Programmchef Thomas Bellut befürchtete eine Übersättigung beim Publikum. Auch Beckmanns Quoten sinken. Vielleicht auch, weil er immer ernster wird. Das Lustigste an seiner psychologisierenden Talkshow ist ohnehin die Parodie von "Switch Reloaded" auf ProSieben.

Oliver Geissens RTL-"Show der Woche" floppte. Pflaume ist mit "Nur die Liebe zählt" steckengeblieben.

Die einfache Wahrheit hinter diesen Schwächeerscheinungen lautet: Das Publikum ist dieser Charaktere müde.

Hochprofessionelle Entertainment-Maschinen

Vor rund zehn Jahren, als die meisten von ihnen aus den Niederungen der Nachmittags-Talks kamen, aus der Männerecke Sport oder aus irgendwelchen Krawall-Shows, da waren sie die Rettung vor allem für ein öffentlich-rechtliches Programm, das personell ausgelaugt war.

Es gab damals gute Gründe für eine neue Generation. In der ARD etwa war noch alles auf das Modell Alfred Biolek gepolt. Biolek flötete "ah!" und "oh!" in seinen Kochshows. In seinen Talkshows flatterte er mit seinen Kärtchen und tatterte mit seinen Händen. Seine Nachfolger flattern und tattern nicht.

Sie sind ehrgeizig und leistungsstark, hochprofessionelle Entertainment-Maschinen. In der Zeit, in der andere 5 Sendungen produzieren, stemmen sie 50. Sie haben keinerlei Berührungsängste zu irgendwas. So wurden sie bekannt.

Fernsehen, das haben sie gründlicher begriffen als andere, ist vor allem Technik. Ob man selbst Fragen hat, ist nicht so wichtig wie die Fragetechnik. Und mit der richtigen Fragetechnik kann man mit allen über alles reden.

Kai Pflaume lutscht seit 15 Jahren Beziehungsgeschichten aus und ermuntert seine Gäste zu tränenreichen Bekenntnissen. Oliver Geissen macht seit fast zehn Jahren täglichen Nachmittags-Talk auf RTL und Dutzende Abendshows. Sie alle talken und moderieren, moderieren und talken.

Den hohen Output an Sendeminuten schafft nur, wer bereit ist, sich in ein Korsett stecken zu lassen, das aus gründlicher Vorbereitung gebaut ist und den Moderator manchmal zu einer Aussprechpuppe für Fragen und Ideen zusammenpresst, die sich andere ausgedacht haben. Sich das gefallen zu lassen ist hochprofessionell. Aber eigensinnigere Menschen würden das auf Dauer wohl nicht mit sich machen lassen.

Biolek ließ sich auf Gäste vorbereiten, während er den Redakteuren in seiner Küche Spaghetti al burro kochte. Der Rest der Gesprächsführung war Zufall, Laune, Glück. Es konnte auch schiefgehen. Bei seinen Nachfolgern geht nichts schief.

Sie lesen akribisch Dossiers, sie haben manchmal einen Knopf im Ohr und überlassen nichts dem Zufall. Doch alle Technik des Vornüberbeugens zum Interviewpartner, des zur richtigen Zeit gesetzten Lächelns, das zum Plaudern ermuntert, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man hier nicht einem Interviewkünstler bei der Arbeit zusieht, sondern einer Interviewfabrik, die durchaus Ergebnisse liefert.

Die gescheiterte hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti brach bei Kerner in lautes Lachen aus, als der von ihr erkorene neue Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel auf die Frage, was er nach der Wahl mache, antwortete, da sei er doch Ministerpräsident. Es war das Resultat von Kerners Fragefabrik.

Und als sich eine andere SPD-Frau bei "Beckmann" politisch selbst erledigte, war das auch ein Ergebnis harter Fragearbeit. Beckmann hatte Heide Simonis eingelullt und ihr durch die Frage, ob sie nicht Platz machen könne für eine Große Koalition, ein unerwartet ehrlich-egoistisches Statement entlockt: "Ja, und wo bin ich dann?"

Je mehr Sendungen mit Pilawageissenpflaumeschreylkernerbeckmann man sieht, desto mehr baugleiche Teile sind überall zu finden. Es klingt alles ähnlich. Wenn Geissen auf RTL einem betrogenen Mädchen entlocken möchte, ob sie ihrem Partner noch eine Chance gibt ("Wir wollen dich ja jetzt nicht in eine Ecke drängen, aber kannst du dir überhaupt noch vorstellen ...?") oder ob Beckmann Roland Koch zu einem politischen Statement verführen will - es sieht gleich aus. Kopf schief legen, raunend nachfassen und sich selbst nie festlegen: "Wenn man Menschen fragt draußen, die sagen alle ..."

So lässt sich über alles reden: Klimawandel, Sexfetische, die Lage in Mumbai oder Selbstmordgedanken.

Wenn man der neuen ZDF-Allzweckwaffe Markus Lanz im Fernsehstudio bei der Arbeit zusieht, drei Tage nachdem er übers Aussteigen philosophierte, kommen einem Zweifel, ob der Fernseh-Lanz mit dem anderen Lanz noch etwas zu tun hat. Vielleicht wird man Zeuge von professionellem Handwerk, vielleicht von Selbstverleugnung, vielleicht von beidem.

Er muss da eine alberne neue Show moderieren, in der etwa der selbstgespielte Blondinenwitz Sonya Kraus in Champagner badet, um herauszufinden, ob die Dämpfe betrunken machen. Lanz zieht das lächelnd und mit undurchdringlicher Oberflächlichkeit durch. In seiner Fernsehrolle ist er kaum zu greifen, kaum zu fassen.

"Es wäre gut, und ich arbeite daran, noch mehr Ecken und Kanten zuzulassen", sagte Lanz vorher. Wie geht das? Wie schnitzt man sich Ecken und Kanten?

Als Lanz einmal zu Gast war in einer Talk-Runde von ZDF-Kollege Kerner, zeigte er tatsächlich etwas Biss und schob immer wieder kritische Fragen ein. "Wusste der Tote, dass er hinterher im Fernsehen auftauchen wird?", wollte er etwa wissen, als Charlotte Roche Ausschnitte einer Sendung zeigte, in der sie bei einem Bestatter jobbt und eine Leiche wäscht. Und als alle anderen sich beim Plaudern über Roches Bestseller "Feuchtgebiete" sehr entspannt gaben, den Hygienewahn geißelten und locker über Sex redeten, war er sich nicht zu schade, den Spießer zu geben.

Dass Beckmannpilawapflaumegeissenschreyl eine unbefriedigende Position in der deutschen Fernsehhierarchie besetzten, merkt man dennoch: an ihren noch immer übermächtigen Kollegen Günther Jauch, Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Hape Kerkeling. Bei diesen vieren buhlt fast jeder, der sich nähert, instinktiv um Gunst. Die Männer ohne Eigenschaften dagegen müssen selbst noch um die Gunst anderer buhlen.

Andererseits: Für die Rolle des Clowns, dem das alles wurst ist, sind sie wiederum zu groß, zu wichtig, zu eitel. Obwohl Markus Lanz paradoxerweise genau diese hierarchiefreie Wurstigkeit an einer TV-Koch-Witzfigur wie Horst Lichter bewundert. "Horst lässt relativ unverstellt Emotionen zu, wo jeder andere seine Wirkung vor der Kamera genau berechnet."

Geissenbeckmannschreylpilawakernerpflaume besetzen die Mittelklasse, was wiederum eine beeindruckende Tradition hat. "Das Fernsehen präsentiert als Ideal den totalen Durchschnittsmenschen", schrieb der italienische Philosoph Umberto Eco bereits 1961 in seiner "Phänomenologie des Quizmasters". Der überzeuge sein Publikum "durch ein lebendiges und triumphierendes Beispiel vom Wert der Mediokrität. Er provoziert keine Minderwertigkeitskomplexe, obwohl er sich selbst als Idol präsentiert, und das dankbare Publikum lohnt es ihm mit seiner Liebe".

Ist das Fernsehen fast ein halbes Jahrhundert nach dieser seherischen Aussage immer noch kein Stück weiter? "Senderverantwortliche bevorzugen als Moderatoren den Typ des idealen Schwiegersohns, weil sie ihn für massentauglich halten. Meiner Ansicht nach würde das Publikum aber durchaus spitzere und profiliertere Charaktere vertragen", sagt Markus Peichl, Erfinder des Talks "0137" und mehrere Jahre Redaktionsleiter bei "Beckmann". "Man muss nur den Mut haben, es mal auszuprobieren."

So, wie einst die Erneuerung der öffentlich-rechtlichen Moderatorenriege hauptsächlich mit Akteuren des jungen Privatfernsehens geglückt sei, könnte man es heute mal mit den Stars der Lebenshilfe-Doku-Soaps versuchen. Mit Supernanny Katharina Saalfrank oder Schuldenberater Peter Zwegat. Deren Plus sei, dass sie authentischer wirken und sich wirklich zu interessieren scheinen. Das hebe manche von ihnen ab vom glatten Einerlei.

Das ZDF setzt lieber auf Kerner 2.0. Das ist Lanz. Der sitzt nun in der Falle. In der Erfolgsfalle.