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Ausland Französisch, Russisch, Deutsch

Global Village: Wie sich eine Vietnamesin ihren persönlichen Weltmarkt erschaffen hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Duong Thanh Thuy bestellt Rouladen mit Rotkohl, an der Bar sitzen Geschäftsleute vor großen Weinkelchen, vor französischem Wein, italienischem Wein, Wein aus der ganzen Welt, Wein, den die Leute wollen, die Ausländer.

Thuy ist eine kleine vietnamesische Frau, 47 Jahre alt, die Mühe hat, ihre Arme auf den hohen Lehnen der tiefen Lounge-Sessel bequem abzulegen. "Ausländer sind oft größer", sagt sie, die sollen sich wohl fühlen, das war ihr Plan, er hat sie in Vietnam zur Business-Frau des Jahres gemacht.

Sie ist Inhaberin des "Cepage", einer Weinbar mit Restaurant in Ho-Tschi-minh-Stadt, im Bezirk 1, wohin viele Ausländer kommen, Geschäftsleute und Touristen, wo sie alles kaufen können, was sie aus ihrer Welt kennen und was sie hier manchmal vermissen, frisches Baguette, Milchkaffee aus Gläsern, Wein, die Rouladen kommen jetzt.

Thuy isst langsam, sie trägt eine schlichte Bluse, keinen Schmuck, sie ist nicht geschminkt, sie sieht aus, als würde sie ins "Cepage" normalerweise nicht gehen. Sie kommt aus einer anderen Welt.

Als sie ein Jahr alt war, fiel ihr Vater im Krieg, als sie vier war, heiratete ihre Mutter erneut, nun waren sie 18 Geschwister. Thuy war die Jüngste und wurde aus Ca Mau, am südlichsten Ende Vietnams, zu ihrem ältesten Bruder nach Ho-Tschi-minh-Stadt geschickt, wo die Nachbarn ihr nach der Schule zeigten, wie man Blumen auf Taschen stickte.

Der Bruder, ein Automechaniker, heiratete, hatte selbst vier Kinder, aber dann, als Thuy gerade zu studieren begonnen hatte, sie wollte Apothekerin werden, musste der Bruder ins Gefängnis. Er hatte einen Wagen repariert, der später einen Unfall hatte, bei dem Menschen starben, Thuy musste ihr Studium abbrechen.

Die Familie des Bruders brauchte Geld. Also, dachte sie sich, musste sie welches besorgen.

Sie lief auf der prächtigen Dong Koi Straße im Bezirk 1, fragte nach Arbeit, fand Arbeit in einem Kiosk an der Nguyen-Hue-Straße, der Hausnummer 35. Wenn keine Kunden kamen, zeigte sie der Chefin, wie sie Blumen auf Taschen stickte.

"In der Zeit kamen viele Russen", sagt Thuy, der Kellner bringt Kartoffelrösti, sie pfeffert mit einer elektrischen Mühle nach.

Das war in den Achtzigern, und die Russen kauften Geschenke für ihre Familien zu Hause, sie bestickte Taschen, später auch Schals, Kleider, sie wurde bezahlt mit Butter und Sekt. Damit ging Thuy zum Markt, verdiente gut, aber noch nicht gut genug. Wenn sie Russisch sprechen würde, würde sie noch mehr verdienen, dachte sie jetzt.

"Also lernte ich Russisch", sagt sie.

Der Laden lief danach so gut, dass ihre Chefin glaubte, sie könne es allein; Thuy brauchte neue Arbeit. Sie fand welche, gegenüber, in der Nummer 38, und die Russen folgten ihr. Als auch dieser Laden lief, als ihr nächster Boss dachte, er könne es allein, eröffnete Thuy ihren eigenen Laden, auf dem Gehweg vor der Hausnummer 25.

Sie verkaufte jetzt Ketten, Armbänder aus Naturbernstein, verkaufte an Taiwaner, die nun auch nach Vietnam kamen.

Sie musste, um selbst guten Gewinn zu machen, gut verhandeln mit den Taiwanern, dachte, wenn sie Chinesisch sprechen würde, würde sie noch mehr verdienen.

"Also lernte ich Chinesisch", sagt sie. Sie lacht, vielleicht über sich selbst, vielleicht darüber, wie einfach der Handel mit Ausländern ist. Sie zog vom Gehweg in ihr eigenes Geschäft, in der Nguyen-Hue-Straße, Nummer 44.

Sie hatte verstanden, wie Ausländer sind, es kamen, das war in den Neunzigern, auch Japaner, Deutsche, und die wollten irgendwann nicht mehr nur Souvenirs kaufen, sondern auch in schönen Hotels wohnen, sich in Wellness-Anlagen erholen, wollten Restaurants, in denen es das Essen gab, das sie von zu Hause kannten. Thuy begann, mit dem Geld, das sie verdient hatte, Apartments zu bauen, Wellness-Anlagen und ein Restaurant.

Sie hat mit alldem dazu beigetragen, ein neues Bild von Vietnam in der Welt zu erschaffen. Sie hat geholfen, ein Land, das in der fremden Vorstellung lange ein zurückgelassenes Schlachtfeld gewesen war, ein Freilichtmuseum für Geschichtsinteressierte, in ein Touristenzentrum zu verwandeln, das Ausländer mit Rucksäcken durchkreuzen, wo Kreuzfahrtschiffe anlegen, ein Land, in das es sich zu investieren lohnte, das wuchs, in dem Geschäftsleute abends Wein trinken, französischen, italienischen.

"80 Prozent meiner Kunden sind Ausländer", sagt Thuy, blickt sich um, sie selbst trinkt Wasser, sie schiebt das Eis, hausgemacht italienisch, an die Seite, sagt: "Das Essen im Restaurant ist nicht mein Geschmack."

Zu viel Butter, zu viel Sahne, sagt Thuy, Western Food.

Die westliche Welt hat sie zur Chefin eines großen Unternehmens gemacht, zu dem Shopping-Center in Ho-Tschi-minh-Stadt gehören, Büros, Apartments, Wellness-Anlagen und auch ein Shopping-Center in Hanoi und ein Rasthof im Mekong-Gebiet, wo jeden Tag die Busse halten mit vielen Touristen.

Sie hat 2.000 Angestellte, ihr Mann, der früher Arzt war, ist einer davon, er macht die Buchhaltung. "In der Firma bin ich der Chef", sagt Thuy, "zu Hause ist es mein Mann."

Sie ist in ihrer Welt geblieben, als vietnamesische Frau, Mutter von zwei Söhnen, sie kümmert sich um die Familie, um ihren ältesten Bruder, der aus dem Gefängnis entlassen ist, der eine neue Autowerkstatt hat.

Sie sagt, wenn sie keine Termine habe, keine Gäste, mit denen sie ins "Cepage" müsse, Rouladen essen, gehe sie am liebsten kurz über die Straße, sie sieht durch die großen Fenster, da gehe sie ins "Pho 24", das sei ein Fast-Food-Restaurant, da esse sie vietnamesische Nudelsuppe.