Boxen Zwei Fäuste und ein halbes Ohr
Kurz vor der Abfahrt zum Training gibt es im Haus von Evander Holyfield noch eine kleine Aufführung. Der ehemalige Boxweltmeister im Schwergewicht steht mit seinem Neffen Michael in der Küche. Holyfield stellt einen berühmten Moment aus seiner Karriere nach. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Warrior", Boxershorts, weiße Sportsocken und Badelatschen. Es geht um den Kampf gegen Mike Tyson im Juni 1997. Holyfield tänzelt, deutet einen linken Haken an, macht einen Schritt nach vorn. "Und da - bäng! - passierte es. Ein stechender Schmerz." Er deutet auf sein rechtes Ohr, das nach oben hin unnatürlich spitz zuläuft. "Aber man sollte Mike deshalb nicht verurteilen. Er ist kein schlechter Junge", sagt Holyfield.
"Was redest du, Champ? Der Typ hat dir ein Stück Ohr abgebissen", sagt sein Neffe Michael.
"Das stimmt", sagt Holyfield, "aber er hat das Stück nicht heruntergeschluckt. Er ist also nicht komplett verrückt."
Er schlägt seinem Neffen auf die Schulter. Beide lachen.
Es ist neun Uhr am Morgen, der Himmel über Houston, Texas, strahlend blau. Michael ist aus Atlanta gekommen, um seinem Onkel bei der Vorbereitung auf dessen nächsten Kampf zu helfen. Holyfield ist 46 Jahre alt. Am 20. Dezember tritt er in Zürich gegen den Russen Nikolai Walujew, Weltmeister der World Boxing Association, an. Eigentlich, sagt Michael, müsse ein "alter Mann" wie sein Onkel langsam mal ans Aufhören denken. Aber er wolle ihn jetzt nicht hängenlassen.
"Good boy", brummt Holyfield und zieht die Wollmütze tief ins Gesicht.
Evander Holyfield ist einer der größten Kämpfer aller Zeiten. Zum ersten Mal Weltmeister wurde er, als der Präsident der Vereinigten Staaten noch Ronald Reagan hieß. 2001 verlor er seinen letzten WM-Titel. Gegen Walujew will er noch mal Champion werden und als ältester Titelgewinner in die Boxgeschichte eingehen. Es wäre ein sensationelles Comeback. Es ist aber vor allem ein zweifelhafter Selbstversuch. Die Fäuste eines Schwergewichtlers wie Walujew haben die Kraft eines Dampfhammers. Ein 46-Jähriger sollte nicht mit ihm in den Ring steigen. Doch es gibt gutes Geld zu verdienen und die Sehnsucht eines alten Boxers, noch einmal im Mittelpunkt zu stehen.
Die Wände im "World Class Gym" in Pasadena, einem Vorort von Houston, sind gepflastert mit Holyfields Kampf-Plakaten. Manche sind schon vergilbt. Als Holyfield die Boxhalle betritt, läuft Rap-Musik. Es riecht nach Schweiß. Er tritt vor einen großen Spiegel und macht Dehnübungen. Er sieht gut aus. Kein Fett, Waschbrettbauch, kräftige Beine. Ein paar Assistenztrainer und Fans gucken ihm zu. Holyfield unterbricht sein Aufwärmprogramm für eine kurze Rede. "Ich höre, der Russe ist ein Riese. Gut. Es interessiert mich nicht", sagt er, "so einer denkt, er müsse seinen Verstand nicht einsetzen. Sie denken, sie können alles mit ihrer Power erzwingen. Ich sage euch: Der Riese macht einen Fehler, wenn er mich unterschätzt."
"Yeah, Champ", ruft sein Publikum, und alle klatschen.
Evander Holyfield erlebte noch die goldenen Zeiten des Schwergewichtsboxens. Er lieferte sich in den Neunzigern Schlachten mit George Foreman, Larry Holmes, Michael Moorer, Lennox Lewis. Der Ohrbiss Tysons machte ihn weltberühmt. Holyfield kassierte bis zu 35 Millionen Dollar pro Fight. Einer seiner Kämpfe erzielte die Rekordbörse von 130 Millionen Dollar. Er kaufte sich eine Villa in Atlanta mit 109 Zimmern und verschenkte Luxusautos an Freunde.
Von seinem Vermögen soll nicht mehr viel übrig sein. Holyfield hat elf Kinder von fünf Frauen. Von den letzten acht Kämpfen verlor er vier. Die Boxbehörde in New York sperrte ihn 2004 zwischenzeitlich, weil er bei einem Auftritt gegen Larry Donald einen derart miserablen Eindruck hinterließ, dass man ihn nicht mehr boxen sehen wollte. Seither kursieren Gerüchte. Holyfield sehe schlecht, er habe keine Reflexe mehr. Es gab Dopinganschuldigungen, weil er illegal Steroide bezogen haben soll. Er sagt, sie seien für seinen herzkranken Vater gewesen.
Holyfield lässt sich vor dem Sparring die Hände von seinem Trainer bandagieren. Tommy Brooks, ein schlanker Mann mit einem scharfen Blick, hat vor ein paar Jahren mit den Klitschko-Brüdern gearbeitet. Er hat ihnen beigebracht, wie man gegen die beweglichen US-Fighter boxt. Nun bringt er Holyfield bei, wie man gegen Walujew kämpfen muss.
Der Russe, 2,13 Meter groß, hat mal ein Wildschwein mit bloßen Händen und einem Messer erlegt. Er überragt Holyfield um 24 Zentimeter und ist 40 Kilo schwerer als sein Herausforderer. "Er lehnt sich auf seine Gegner und presst ihnen die Energie aus dem Körper. Er erstickt sie unter den Achseln. Es ist die Hölle", sagt Brooks.
Für das Sparring hat der Coach den größten Schwergewichtler besorgt, der in Texas zu finden war. Holyfield setzt kurze Attacken und springt sofort wieder weg. "Gut, Champ, rein, raus, rein, raus", ruft Brooks. Nach vier Runden schnaubt Holyfield wie ein Elefant.
Es sieht immer noch elegant aus, wenn er boxt. Wäre er 15 Jahre jünger, würde er Walujew wegfegen. Brooks hat auch so keine Zweifel. "Wenn er bereit ist, bis zum Tod zu kämpfen, wird er gewinnen", sagt er.
Boxer reden immer so. Der Ring ist für sie ein Ort der letzten Wahrheit. Sie leben in einem eigenen Wertesystem. Es geht um Respekt, Stolz und den Wunsch nach Einzigartigkeit. Große Kämpfer wie Henry Maske oder zuletzt Vitali Klitschko kehrten nach Jahren der Abstinenz zurück in den Ring, nur weil sie noch mal den Rausch des Ruhmes erleben wollten.
Evander Holyfield hat den Ring nie wirklich verlassen. Der einstmals beste Boxer der Welt, der mal die WM-Titel von drei Boxverbänden hielt, will nicht einsehen, dass seine Zeit längst abgelaufen ist. Voriges Jahr forderte er den Weltmeister Sultan Ibragimow heraus und unterlag chancenlos. Aber Holyfield findet immer wieder einen Grund weiterzumachen.
"Das Publikum will Holyfield sehen"
Das Schwergewichtsboxen ist seit Jahren in der Krise, weil es keine spektakulären Kämpfer gibt. Nicht mal die Klitschko-Brüder schaffen es, das Publikum zu elektrisieren. Nun hoffen alle auf ein Comeback von Lennox Lewis, 43, dem letzten großen Weltmeister. Aber der will 100 Millionen Dollar für einen Kampf.
Die Ex-Champions bringen den Glamour der alten Zeiten zurück. Holyfield weiß das. Für den Kampf gegen Walujew brachte er sich selbst ins Gespräch. Und natürlich war die Halle für den Kampf in Zürich schnell ausverkauft. Nicht wegen Weltmeister Walujew. Das Publikum will Holyfield sehen. Den Mann, der Tyson vernichtete. Den Letzten seiner Art.
Aber ist das noch Boxen? Ein Veteran mit müden Augen gegen einen Riesen mit Fäusten, so groß wie ein Fußball? Oder ist das eine Freakshow?
Als Holyfield voriges Jahr gegen Ibragimow boxte, schimpfte der deutsche Promoter Wilfried Sauerland: "Eigentlich dürfte er schon lange nicht mehr boxen." Nun ist Sauerland der Veranstalter des Abends in Zürich und meint: "Holyfield ist topfit, er ist nicht chancenlos."
Sauerland hat eine gute Versicherung für den Kampf abgeschlossen. Und als Holyfield vor ein paar Wochen für PR-Termine in Deutschland war, schickte man ihn zwischendurch für einen Gesundheitscheck ins Klinikum Bayreuth.
Im Büro von Professor Walter Wagner hängen Boxhandschuhe. Wagner, Leitender Arzt der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie des Klinikums Bayreuth, ist seit 30 Jahren Verbandsarzt beim Bund Deutscher Berufsboxer. Er saß bei den Kämpfen von Henry Maske, Axel Schulz und René Weller am Ring. Er kennt die großen Promoter und hat viel erlebt. Als Arthur Abraham, Weltmeister im Mittelgewicht, vor zwei Jahren in einem Kampf der Kiefer zertrümmert wurde und der gebürtige Armenier in den Rundenpausen Blut spuckte, ließ Wagner weiterlaufen. Abraham gewann und behielt seinen Titel. Der Mediziner wurde von der Presse angegriffen. Er glaubt noch immer, dass er richtig gehandelt habe: "Man bricht einen Kampf nicht aus ästhetischen Gründen ab."
Als Wagner von Sauerlands Vorhaben mit Holyfield hörte, war er "nicht begeistert". Aber er machte seinen Job. "Boxen ist riskant", sagt Wagner, "der Job des Mediziners ist es, das Risiko zu minimieren."
Zehn Fachärzte untersuchten Holyfield fast sechs Stunden lang. Es gab spezielle neurologische, psychometrische und kognitive Untersuchungen, neuroradiologische Untersuchungen am Schädelknochen, am Hirn und an den hirnversorgenden Gefäßen. Es wurde ein Belastungs-EKG gemacht, ein Lungenfunktionstest und eine Kardio-Computertomografie. Am Ende schrieb Wagner in sein Gutachten: "Uneingeschränkte Boxtauglichkeit."
Holyfield, sagt Wagner, habe Werte wie "ein 35-Jähriger". Er ruft seine Assistentin. Sie bringt große Tomogramme von Holyfields Gehirn. Wagner deutet wild auf den Schwarzweißbögen herum. "Hier, bitte schön, alles sehr symmetrisch", sagt er. Die Dopingprobe, untersucht im Fachlabor in Kreischa, war auch negativ, ebenso die Tests auf Hepatitis und HIV. Es kann also losgehen am Samstag in Zürich.
Aber sollte ein 46-Jähriger wirklich noch versuchen, Weltmeister zu werden?
"Generell nein", sagt Wagner.
Evander Holyfield erklärt, niemand müsse sich Sorgen um ihn machen. Er trainiert dreimal am Tag. Er hat einen Fitnesstrainer, der ein Spezialprogramm für ihn geschrieben hat. Er raucht nicht, trinkt keinen Alkohol. Er stand zweimal mit Tyson im Ring, "ich weiß also, was wirklich gefährlich ist".
Auf der Fahrt vom Training zurück nach Hause ist er gut gelaunt. Im Radio läuft christliche Soul-Musik. Ein Stück handelt von Schicksal und Bestimmung. Holyfield dreht lauter und singt den Refrain mit. Sein Neffe guckt ihn mit großen Augen an. Holyfield lacht, klatscht in die Hände und ruft: "Öffne dein Herz für Jesus."
Es gibt viele gläubige Boxer im Profigeschäft. Holyfield redete schon früher, wenn die großen Fights anstanden, ständig von Gott. Er steht jeden Tag um 4.30 Uhr auf. Die erste Stunde am Morgen, sagt er, gehöre dem Gebet.
"Gott hat mir eine Aufgabe gestellt. Er will, dass ich noch mal Weltmeister werde. Das ist meine Bestimmung", sagt Holyfield.
Aber Walujew ist ein furchterregender Gegner.
"Ich bin Christ", sagt Holyfield, "ich glaube, Gott verlangt mir nicht mehr ab, als ich vertragen kann."
Am folgenden Tag ist das Schweizer Fernsehen im World Class Gym zu Gast. Holyfield macht vor der Kamera Schattenboxen. Schweiß rinnt an seinem Körper herunter. Er zieht sein T-Shirt aus, damit man seine Muskeln sieht. Alle sollen wissen, dass er bereit ist. Sein Gesicht mag verbeult sein von den Schlägen der vergangenen 20 Jahre. Aber sein Kampfname ist Krieger. "Ich höre nicht auf, bevor ich nicht wieder Weltmeister bin", sagt Holyfield.
Es könnte also noch lange so weitergehen.
Am Samstag wird es im Hallenstadion in Zürich ein Spektakel geben. Es steht eine Menge auf dem Spiel für Walujew, den Weltmeister, für Holyfield, den Herausforderer, und auch für den Ringarzt Walter Wagner. Früher stand er immer im Smoking am Ring. Als ihn einmal der blutverschmierte Graciano Rocchigiani umarmte, war der Anzug hin. Seither trägt Wagner bei Kampfabenden Freizeitmontur. Man kann ihn gut erkennen.
Wagner ist der Mann, auf den es in Zürich ankommt. Wenn Holyfield etwas passiert, ist auch Wagner erledigt. Er muss gut aufpassen. "Wenn ich signalisiere, es ist Schluss, dann ist Schluss", erklärt Wagner. "Zur Not nehme ich Holyfields Trainer das Handtuch weg und werfe es selbst in den Ring."