Umwelt Vom Klo ins Glas
Im Zentrum der riesigen Anlage in Fountain Valley, Kalifornien, stehen drei sprudelnde Becken aus matt glänzendem Stahl. Die rechts blubbernde Brühe ist von tiefbrauner Farbe, die in der Mitte uringelb, die links klar wie Leitungswasser. Und dann ist da ein Stapel Plastikbecher für Neugierige, die gern mal Klowasser kosten möchten. Angepriesen wird es als Trinkwasser der Zukunft, als geniale Lösung für all jene Weltregionen, in denen der wichtigste aller Rohstoffe immer knapper wird.
Vor den Wasserbecken stehen fast täglich Besuchergruppen aus ganz Amerika. Oft kommen sie auch aus Mexiko, China, Japan, Australien, Marokko, Israel, Saudi-Arabien, Iran - die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Wenn die Gäste nach einer einstündigen Besichtigungstour ohne Zögern von dem Wasser im linken Becken trinken, hat Michael Markus sein Ziel erreicht.
Markus, 53, ist ein großer, behäbiger Mann mit buschigen Brauen und roten Wangen. Zu seinen Aufgaben als Generaldirektor des Orange County Water District gehört es, für die neue, rund eine halbe Milliarde Dollar teure Recyclinganlage zu werben, die eine der wichtigsten zivilisatorischen Errungenschaften rückgängig zu machen scheint: die Trennung von Frisch- und Abwasser.
"Das hier ist ein leuchtendes Vorbild für den Rest der Welt", sagt Markus strahlend und leert seinen Plastikbecher in einem Zug. "Es ist sauber wie destilliertes Wasser", verkündet er. "Es enthält nicht einmal mehr Mineralien."
"Toilet to tap", von der Toilette zum Wasserhahn: So nennen Gegner das Verfahren, mit dem stinkendes, mit Chemikalien, Pharmazeutika und Fäkalien verseuchtes Abwasser so lange gereinigt wird, bis man es trinken kann. Theoretisch. In der Praxis scheiterten bisher alle Versuche, ähnliche Anlagen in großen Städten wie San Diego oder Los Angeles zu bauen. Die Bevölkerung verweigerte sich.
Dennoch scheint es nur eine Frage der Zeit, bis andere dem Beispiel von Fountain Valley folgen werden. In Kalifornien, wo die Bevölkerung rasant wächst und die Menschen nie gelernt haben, sparsam mit der knappen Ressource umzugehen, wird Wassermangel zum Kardinalproblem. Trotz Wüstenklima im Süden gehört der Bundesstaat zu den größten Obst- und Gemüseproduzenten der USA. Und der Klimawandel verschärft die Lage: Die Niederschläge gehen seit Jahren zurück, Flüsse und Seen trocknen aus, Meerwasser strömt in die Grundwasserreservoirs an der Küste, so dass das Süßwasser versalzt.
Der Wassertransport über 1500 Kilometer lange Aquädukte von Norden nach Süden kostet ein Fünftel des gesamten Energieverbrauchs. Immer öfter sind Landwirte gezwungen, ihre Felder aufzugeben, weil sie sie nicht mehr bewässern können.
In anderen Bundesstaaten sieht es nicht besser aus: Arizona importiert bereits sein ganzes Trinkwasser, in New Mexico werden die Vorräte in etwa zehn Jahren erschöpft sein. Die Environmental Protection Agency schätzt, dass 2013 in 36 Bundesstaaten das Wasser knapp sein wird.
Bleibt also nur der Weg vom Klo ins Glas? Markus und seine Mitstreiter in Fountain Valley, einem Vorort im Südwesten von Los Angeles, brauchten zehn Jahre und über 1200 Werbeveranstaltungen, um die Bevölkerung davon zu überzeugen. "Wir sind in jede Gemeinde unseres Versorgungsgebiets gegangen und haben mit allen Leuten geredet", berichtet Markus. "Mit Lokalpolitikern, Gesundheitsexperten, Umweltorganisationen, Küstenwächtern und sogar mit den Surfern. Und wir haben Broschüren verteilt, auf Spanisch, Vietnamesisch und Chinesisch, um auch diese Minderheiten zu erreichen."
Seit Januar produziert die Recyclinganlage nun Wasser für eine halbe Million Menschen, mit einer Konzession an sensible Gemüter: Das gereinigte Abwasser wird nicht direkt an die Haushalte geliefert, sondern 13 Meilen gen Norden in einen künstlichen See geleitet. Dort mischt es sich und sickert ins Grundwasserreservoir, aus dem die Versorgungsbetriebe das Leitungswasser pumpen.
"Wer zur Hölle will Abwasser trinken?"
"Eigentlich ist das Energieverschwendung", sagt Markus. Das Wasser sei nämlich viel sauberer, wenn es direkt aus der Anlage komme. Er zeigt auf eine Reihe großer Bassins, in denen bräunliches Wasser durch vertikale Röhren strömt. "Hier beginnt der besondere Teil der Reinigung", erklärt er. Geklärtes Abwasser, das früher in den Pazifik eingeleitet worden wäre, fließt hier 45 Minuten lang durch ein Mikrofiltersystem, das Bakterien, Protozoen und Feststoffe entfernt. Die Poren haben einen Durchmesser von 0,2 Mikrometern - 600-mal dünner als ein Haar.
Nun hat das Wasser die Farbe von Kamillentee - man könnte auch sagen: Urin - und strömt in eine riesige Halle voll glänzender Rohre zum zweiten Waschgang, der Umkehrosmose. Dabei wird es mit Druck durch halbdurchlässige Membranen gepresst, die Wassermoleküle passieren lassen, aber praktisch keine anderen Teilchen - also weder Harnsäure, Viren, Giftstoffe noch Medikamente. Meerwasserentsalzung funktioniert nach demselben Prinzip.
Dreimal wird das Wasser auf diese Weise gereinigt. Am Ende sind 15 Prozent der Flüssigkeit mit Giften angereichert; sie werden in die Kläranlage zurückgeleitet. "Die restlichen 85 Prozent des Wassers könnte man so trinken", sagt Markus. "Aber um ganz sicher zu sein, dass auch die winzigsten organischen Moleküle beseitigt werden, desinfizieren wir es zusätzlich mit UV-Licht und Wasserstoffperoxid."
Muriel Watson, 70, und Mary Quartiano, 82, beeindruckt der ganze Hightech-Zirkus überhaupt nicht. Sie gehören zu den "Revolting Grandmas", den rebellierenden Großmüttern. "Ich mache mir Sorgen um meine sechs Enkel", erklärt Watson. "Wer zur Hölle will Abwasser trinken? Das ist einfach widerlich!"
Watson steht zwischen Messingtöpfen und Porzellanhühnern in der Küche ihres Hauses in Bonita und bestreicht Brotscheiben mit selbstgemachtem Thunfischsalat. Quartiano, die ältere und ruhigere der beiden, sitzt auf einem Stuhl und schaut ihr zu. "Ich habe eine 100-seitige Warnbroschüre geschrieben", erzählt sie und lacht heiser. "Das dürfte einige Leute ziemlich ärgern."
Gemeinsam tingeln Watson und Quartiano durch Städte und Dörfer, um die Leute zu warnen. "Viele ahnen gar nicht, was da auf sie zukommen könnte. Wenn sie davon erfahren, sind sie total schockiert", behauptet Watson.
Ihren Kampf führen die Großmütter schon seit Ende der neunziger Jahre, als im nahe gelegenen San Diego zum ersten Mal über eine Wasserrecyclinganlage entschieden werden sollte. 2002 wurde Watson gemeinsam mit Wassermanagern und Gesundheitsexperten in die "Recycled Water Task Force" des Bundesstaates Kalifornien berufen, als Vertreterin der Öffentlichkeit. "Aber dort ging es immer nur darum, wie man die Leute dazu bringt, Klowasser zu trinken", erzählt sie. "Über langfristige Gesundheitsrisiken durch Spuren von Arzneimitteln oder anderen Substanzen wurde überhaupt nicht diskutiert."
Takashi Asano, 71, emeritierter Professor für Umwelttechnik an der University of California in Davis und Verfasser mehrerer Standardwerke über Wasserrecycling, saß ebenfalls in der Task Force. Auf Watsons Bedenken angesprochen, lächelt er fein. "Ich fand immer, dass sie sich weniger Sorgen wegen unbekannter Moleküle im Wasser machen sollte als wegen ihrer Rauchgewohnheiten." Der Japaner hat sich jahrelang mit dem "toilet to tap"-Konzept befasst. Sein Fazit: "Die Technik ist ausgereift, und deshalb ist es unvermeidlich, dass sie in Zukunft in trockenen Regionen immer häufiger eingesetzt werden wird."
Tatsächlich ist die Anlage in Fountain Valley weltweit die größte und modernste, aber nicht die einzige: In Singapur wird dem Leitungswasser seit einigen Jahren ein Prozent gereinigtes Abwasser beigemischt. In Windhoek, Namibia, fließt gereinigtes Abwasser sogar direkt von der Kläranlage ins Leitungsnetz. Ähnliche Anlagen sollen demnächst auch in Florida und im australischen Queensland entstehen. Längst etabliert hat sich eine vergleichbare Technik im Weltall: Astronauten trinken auf Missionen sogar mehrmals dasselbe Wasser.
"Es gibt naturgemäß noch keine Langzeitstudien über mögliche Gesundheitsrisiken", sagt Asano. "Aber nach allen Maßstäben, die wir heute anwenden können, ist das Wasser sicher."
Trotzdem sagt in Umfragen etwa jeder zweite Amerikaner, dass er kein gereinigtes Klowasser trinken möchte - egal ob es nun gesundheitsschädigend ist oder nicht.
Brent Haddad, 49, Leiter des Center for Integrated Water Research an der University of California in Santa Cruz, geht der Frage nach, wie die Berührungsängste vermindert werden könnten. "Das Ekelgefühl lässt sich nicht direkt durch wissenschaftliche Argumente beeinflussen", stellt er fest. Erfahrungsgemäß gewöhnten sich die Menschen aber mit der Zeit von selbst an anfänglich umstrittene Techniken - und dann verstumme auch der Widerstand.
Ein bisschen scheint sich auch bei den Protestlern in Fountain Valley die Nachsicht zu regen. Kürzlich hat sich Grandma Watson einmal beim Feind umgeschaut. Am Ende der einstündigen Besichtigungstour stand sie vor den drei Wasserbecken. Sie betete: "Oh Gott, bitte gib mir eine starke Immunabwehr." Dann nahm sie den Plastikbecher und trank - einen ganz kleinen Schluck.