Kino Es bleibt in der Familie
Weihnachten. Es wird das letzte Fest für die alte Konsulin Bethsy Buddenbrook werden. Noch einmal wird sich die Salontür im ersten Stock zum brennenden Weihnachtsbaum hin öffnen. Noch einmal werden die Chorknaben zu Füßen der herrlich geschwungenen Treppe singen, noch einmal wird das arme Volk im Lübecker Kaufmannshaus zulangen dürfen. Und der Prinzipal Thomas Buddenbrook schreitet selbstzufrieden durch die Räume, während sein missratener Bruder Christian schon bald in den Club aufbrechen wird. Der hält das alles nicht aus, die gediegene Langeweile, die Selbstzufriedenheit der Verwandtschaft und die Verachtung für ihn, den Versager.
So war es, so ist es, so wird es nicht bleiben. Das weiß der Betrachter des neuen "Buddenbrook"-Films von Heinrich Breloer schon vorher. Denn ein grandiosschauriges Bild verrät gleich am Beginn der Weihnachtsszene: Der Tod wird mitfeiern.
Da legt die Konsulin, das würdige Oberhaupt der Familie, ihre Festperücke an. Und für einen kurzen Augenblick ist ihr Schädel zu sehen. Shocking - ein ergrauter, alter, dem Ende naher Vogel steckt unter der Perücke. Wie aus einem Gespensterfilm wirkt das. Die Geier des Verfalls, heißt die Leinwandmetapher, sind längst eingetroffen.
Der Kinodebütant Breloer, 66, bittet den Zuschauer zum Totentanz. Der Kameraschuss auf den Schädel ist viel schneller als Thomas Manns Gang durch die Prosa, viel direkter als das, was der Dichter in tausendundeinem seiner Schachtelsätze ausdrückt. Aber auch viel gnadenloser.
Die Kamera fährt, hokuspokus, dem Dichter über den Mund, schafft eine Erwartung und schneidet dem Zuschauer so den Weg zur eigenen Einfühlung ab, weil er längst schon weiß, was er fühlen wird, fühlen soll.
Breloer wirft sich in seiner "Buddenbrooks"-Adaption so manches Mal zum Beschleuniger des Dichters auf, zum schlauen Zauberlehrling, der in seinem Erstling dem Meister auf die Sprünge helfen will.
Ja und? Darf das Kino das nicht? "Buddenbrooks", so viel ist sicher, ist der deutsche Roman des 20. Jahrhunderts, ein Opus magnum unseres unbestrittenen Großdichters, in dem sich eine ganze Kultur mit ihren Traditionen, ihren Werten und ihren Ängsten spiegelt. Was da auf Hunderten von Seiten geschildert wird, sperrt noch heute viele intellektuelle Menschen, etwa den "Turm"-Dichter Uwe Tellkamp, 40, in ein herrliches Gefängnis, in dem sie, verurteilt zu lebenslanger Faszination ohne Bewährung, gern einsitzen.
Darum ist eine "Buddenbrooks"-Verfilmung immer mehr als nur ein Bilderfest - sie ist eine halbe Staatsaffäre, was sich schon daran zeigt, dass die Welturaufführung am Dienstag dieser Woche in Essen in Anwesenheit des Bundespräsidenten Horst Köhler stattfindet. (Am ersten Weihnachtstag läuft der 150-minütige Film dann in den deutschen Kinos an.) Und jede Verfilmung ist zugleich ein Spiegel der Zeit, in der sie entsteht, denn sie muss sich ins Benehmen setzen zu einem Stoff, einer Welt, die uns immer ferner wird. Sie muss auch die Frage beantworten: Wozu überhaupt noch einmal die "Buddenbrooks"?
Breloer, der große Fernsehessayist, ist sich jedenfalls sicher, dass er Mann ein bisschen auf die Sprünge helfen darf. Persönlich sowieso: Hat Breloer nicht lange genug vor dem großen Dichter auf den Knien gelegen? Gehört er nicht gleichsam zu dessen geistiger Familie, seit er 2001 "Die Manns" drehte, eine Chronik über die wechselvolle Geschichte des Dichterclans?
Als Mann-Kenner darf sich Breloer nun einiges leisten. Manchmal entsteht Hinnehmbares, manchmal wird er aber auch frech. Warum müssen wir sehen, wie Thomas Buddenbrook mit seiner schönen Frau Gerda koitiert? Weil wir zu dumm sind, um zu begreifen, dass es auch vor 150 Jahren Sex gab? Damit wir genießen, wie die kühle Geigenkünstlerin über anfänglichen Schmerz zum Orgasmus findet?
Im Roman steht davon nichts, der "Zauberer", wie die Mann-Familie ehrfürchtig ihr Oberhaupt nannte, hat die Leserschaft in diesem Roman bei der Orgasmusfrage alleingelassen. Vielleicht ahnte er, dass uns Geheimnis und Auslassung schärfer machen, als es die Naivität eines sexuellen Materialismus tut.
Schon früh hat sich das Kino dem literarischen Jahrhundertdenkmal angenähert. "Eine verunglückte Angelegenheit", urteilte der Kinoliebhaber Thomas Mann noch selbst über den Ufa-Stummfilm von Gerhard Lamprecht, der 1923 in Berlin Premiere hatte.
Nicht mehr miterleben konnte er die zweite deutsche "Buddenbrooks"-Verfilmung, Regie: Alfred Weidenmann. Die wurde 1959 in der Lübecker Stadthalle uraufgeführt, bestand aus zwei Teilen und trug den Untertitel: "Frei nach dem Roman von Thomas Mann". Frei ging es wirklich zu. Vor der Kamera versammelte sich die Elite von Papas Kino, unter anderen Lil Dagover, Wolfgang Wahl, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Nadja Tiller und Hanns Lothar. Nicht dem Roman hatten diese Stars zu dienen, es war umgekehrt: Good old Lübeck sollte den Ruhm der Leinwandlieblinge vermehren.
Schamfrei einverleibt
Die Devise lautete: bloß nicht zu viel "Verfall einer Familie", wie der Roman im Untertitel heißt. Stattdessen Aufstieg, Sauberkeit, Haltung und möglichst wenig Hinweise auf wirtschaftliche Krisen - das passte nicht in die Zeiten des Wirtschaftswunders. Weg ließ der Film unter anderem den alten Johann, jenen bald französisch, bald plattdütsch bramarbasierenden, in sich ruhenden Patriarchen und stolzen Vorfahren, den man eigentlich braucht, um den "Verfall" darzustellen und zu begreifen. Trotz solcher Eingriffe wurde der Nachkriegsfilm ein großer Erfolg.
Ein Film ist ein Film, und ein Buch ist ein Buch, so hieß es schon damals. Erika Mann, nach dem Tod des Vaters die Gralshüterin seines Werks, segnete das Projekt gegenüber der Familie ab und sprach in der Verfilmung gar einen Papageien. Die Gelassenheit gegenüber den bedenkenlosen Handwerkern des Unterhaltungskinos hatte auch historische Gründe: Was war schon ein Spielfilm zu einer Zeit, als Lesen noch eine wenig angefochtene Stellung hatte? Zumal im Fall von "Buddenbrooks", einem der erfolgreichsten deutschen Bücher, obendrein mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Zwei Jahrzehnte später kam das Fernsehen, das in den ausgehenden siebziger Jahren noch ganz unter öffentlich-rechtlicher Kulturbevormundung stand. Ob der Zuschauer wollte oder nicht, der Hessische Rundfunk verordnete 1979 elf Folgen "Buddenbrooks" zur besten Sendezeit. Sie waren in 156 Drehtagen entstanden, mit 120 Rollen, schon damals ein Monster an Umfang und im Rückblick das rührende Requiem einer untergehenden Fernsehkultur.
Die Verfilmung von Franz Peter Wirth zeigte werktreu den ganzen Roman, vier Generationen einer patrizischen Kaufmannsfamilie in vier Jahrzehnten, unterschlug keine der Figuren und fand auch noch Zeit für Meereswogen und Landschaft. Darsteller wie Martin Benrath, Volker Kraeft und Ruth Leuwerik trugen die grundsolide Produktion. Familienfeste, Hochzeiten, Bestattungen und Jubiläen betteten die Protagonisten sicher in die Handlung ein.
Erst auf Drängen von Breloer, diesem Besessenen, kam nun die aktuelle, vierte Adaption zustande, für die Fernsehen und Kinoindustrie 16,2 Millionen Euro lockermachten. Skepsis erscheint angebracht. Musste das wirklich sein? Ist nicht manches an der Kunst des "Zauberers" in die Jahre gekommen? Die ziselierte Sprache etwa? Und vor allem Manns Flirt mit Morbidezza und Dekadenz?
Mein Gott, wo geht es in der heutigen Welt nicht nieder, besonders in der Familie! Eltern sind scharenweise desertiert, Brüder, Schwestern, Opas, Omas, Tanten und Onkel - alle verstreut in die Winde der globalen Arbeitsteilung. Probleme wie die der Buddenbrooks - mancher Vereinsamte von heute hätte sie vielleicht gern.
Und: Zu welchem Beruf kann eine Familie heute noch ihre Kinder erziehen? Was nützen Reife, Lebenserfahrung, konsulare Würde in der gegenwärtigen Gesellschaft? Die Infanten der kuscheligen Kleinfamilie geben heute den Ton an.
Wer hat da noch Angst vor patriarchalischen Vätern? Vor Zwangsverheiratungen, vor einem innerfamiliären Rufverlust? Wo früher Patriarchen röhrten, stecken sich heute Kinder die Kopfhörer in die Ohren, wenn die Eltern nerven. Und statt der Lehrerin Sesemi Weichbrodt wird die Supernanny geholt.
Breloer ahnt das. Aber er möchte den Funktionsverlust der Familie mit filmischem Feuerwerk verdrängen. Tempo und kein skeptisches Alte-Zeiten-Betrachten. Folgerichtig beginnt der Film nicht damit, dass Tochter Tony den Katechismus aufsagt, sondern mit einer Actionszene, einem Wagenrennen der Jugend zur Trave hinab. Optik, Ausstattung, Kostümbildnerei zeigen so gleich einmal, wer der eigentliche Herr im Filmhaus Buddenbrook ist: der Kameramann Gernot Roll, der sich überall ins Geschehen einmischt. Roll hatte schon die TV-Serie fotografiert, jetzt fährt er wie ein Wirbelwind durch das aufwendig nachgebaute Kaufmannshaus, und magisches Licht dringt aus allen Ecken.
Bewegung liebt Bewegung. Ausgiebig wird getanzt, ja, das Tanzen erscheint wie die moderne Grundhaltung zum historischen Stoff: weiter, bloß weiter.
Zweieinhalb Stunden lang erteilt der Film dem großen Roman Nachhilfeunterricht - die Hexer belehren den Zauberer. Der Breloer-Film dünnt die Figurenwelt aus, wie es schon der Nachkriegs-Kinohit tat: keine zwei Ahnen, sondern nur einer als ideeller Gesamtstammvater, den Armin Mueller- Stahl eindrucksvoll statuarisch zelebriert (siehe Interview Seite 152). Nebenfiguren gibt's nur, wenn sie drastisch sind. So kichert Sylvester Groth den Bankier Kesselmeyer, als wäre er gerade aus Hollywoods "Kuckucksnest" ausgebrochen.
Heutige Distanz zur alten Gefühlswelt zeigt sich vor allem bei Jessica Schwarz, die gelungen Tony verkörpert. In ihrer reservierten Darstellungsweise kommt sie den Modernisierungsabsichten Breloers am nächsten. Ob sie sich in den Lotsensohn Morten (Alexander Fehling) verliebt, sich gegen den Betrüger Grünlich (Justus von Dohnányi) wehrt oder über den Zweitehemann (glänzend: Martin Feifel) empört - immer strahlt diese Tony höchst spöttische Verachtung gegenüber der Frauenunterdrückung aus.
Die Breloer-Adaption zeigt, wie schamfrei sich die Gegenwart vergangene Zeiten einverleibt: Die Bilder von heute glauben nicht mehr an alte Texte, sondern nur an sich selbst. Die in existentielle Tiefen führenden Erschütterungen der Literatur? Sorry, was soll die Kamera da machen? Der Dichter verfiel beim Tod seines Helden Hanno vor lauter Mitgefühl in ein allgemeines (und grandioses) Reden über den Typhus. Breloer zeigt dazu Bilder des vom Fieber geschüttelten Knaben. Auf der artistischen Höhe des Romans ist das nicht.
Das letzte Wort der "Buddenbrooks" gehört Sesemi Weichbrodt. Wenn es doch so wäre, dass man alle gestorbenen Verwandten einmal wiedersähe, barmt Tony. "Es ist so", erwidert die alte Sesemi im Roman. Der Film geht beiläufig darüber hinweg - Sesemi kommt gar nicht vor -, was im Roman eine hinreißende Szene ist.
Familie überlebt als ewige Sehnsucht des Menschen, bedeutet dies trotzige Wort. Familie existiert nicht nur durch Kultur, Wirtschaft oder Lust, sondern vor allem durch Hoffnung. Thomas Mann unterschreibt seine Botschaft anschaulicher als Breloer mit seinen konventionellen Bildern: "Sie stand da ... bucklig, winzig und bebend vor Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin."