Fußball "Fußball ist immer Zukunft"
SPIEGEL: Herr Rangnick, mit Ihrer Mannschaft, der TSG Hoffenheim, ist erstmals ein Aufsteiger in seinem ersten Bundesliga-Jahr Herbstmeister geworden. Sogar die Londoner "Times" feiert das Fußballwunder. Staunen Sie selbst?
Rangnick: Es ist eigentlich unfassbar. Wir bemühen uns zwar, das zu verstehen, und haben sicherlich auch Erklärungen, trotzdem bleibt ein Rest Märchen. Es ist gut, dass es jetzt die Gelegenheit zum Innehalten gibt, um den Blick für das große Ganze nicht zu verlieren.
SPIEGEL: Kann Ihre Mannschaft im Mai Deutscher Meister werden?
Rangnick: Theoretisch ja. Aber niemand erwartet es. Es ist auch niemand da, der sagt, wir müssen jetzt alles tun, um den Titel zu holen.
SPIEGEL: Würden Sie damit einen bösen Geist aus der Flasche lassen?
Rangnick: Nein. Aber wir würden unnötigen Druck erzeugen und dadurch viel von unserer Unbekümmertheit verlieren. Was die Mannschaft bislang erreicht hat, ist so überragend, dass am Ende dieser Saison, wenn wir vielleicht Fünfter geworden sind, niemand auf den Gedanken kommen sollte: Das ist jetzt aber enttäuschend. Der VfB Stuttgart wurde 2007 Meister, weil die Mannschaft sich bis zum Schluss weigerte, darüber nachzudenken. Die hatten nur einmal richtig Druck: am letzten Spieltag.
SPIEGEL: Hat sich Ihre Mannschaft im Verlauf der Hinrunde in eine Art Rausch gesteigert, haben die jungen Spieler rasant gelernt, oder sind sie einfach so gut?
Rangnick: Von allem etwas. Wir hatten zu keiner Phase der Saison etwas mit dem Abstiegskampf zu tun. Bei einer jungen Mannschaft kann dieser Flow ins Gegenteil kippen, wenn sie dreimal hintereinander verliert. Sie muss noch lernen, auf diesem Niveau mit Niederlagen umzugehen.
SPIEGEL: So wie nach dem 1:2 beim FC Bayern München?
Rangnick: Diese Niederlage war bitter, sie war brutal, aber ich habe meinen Jungs gesagt: Ihr habt ein Riesenspiel gemacht in dieser Champions-League-Atmosphäre. Außer Carlos Eduardo hatte niemand von ihnen schon mal vor 70 000 Zuschauern gespielt und in den Tagen davor solch ein Ballyhoo erlebt.
SPIEGEL: Warum wirkten Sie nach dem hervorragenden Spiel selbst so gereizt?
Rangnick: Ich kann nicht gut verlieren. Ich habe mal als Kind meinen Ur-Opa mit einem Spielzeug-Feuerwehrauto beworfen, weil ich beim "Mensch ärgere Dich nicht" gegen ihn verloren hatte. Auch heute besteht höchste Gefahr, wenn man mich nach einer Niederlage anspricht, bei der einige Dinge zu vermeiden gewesen wären.
SPIEGEL: Nach dem Abpfiff in München sah es so aus, als ob Sie Ihrem Verteidiger Andreas Ibertsberger Vorwürfe machten, weil er vor dem zweiten Tor der Münchner gepatzt hatte.
Rangnick: Nein. Dieses Sündenbock-Suchen ist nicht unser Ding. Wütend war ich eher nach dem 4:5 in Bremen.
SPIEGEL: Wieso? Ihre Mannschaft hatte zwischenzeitlich einen Drei-Tore-Rückstand wettgemacht und so fulminant gespielt, dass selbst die Bremer Fans sie feierten.
Rangnick: Genau deshalb war ich so wütend, die Jungs sind allen auf den Leim gegangen. Nach dem Abpfiff stapfte ich in die Kabine, da war zehn Minuten lang niemand zu sehen. Dann kam der Erste mit dem Trikot von Diego, der Nächste hatte das von Naldo, der Dritte das von Pizarro. Ich habe geschrien: "Na, habt ihr jetzt alle eure Trophäen?" Dann habe ich drei Plastikflaschen durch die Kabine gepfeffert und die Spieler richtig rundgemacht. In München gab es dazu keinen Grund.
SPIEGEL: Waren Sie in der Allianz-Arena selbst baff, zu welchen Leistungen Ihre Mannschaft in der Lage ist?
Rangnick: Ich kann mich jedenfalls an kein Spiel als Trainer erinnern, das solch eine Intensität und solch ein Tempo hatte. Irgendwann habe ich auf die Uhr geschaut und gedacht: Wie bitte, nur noch zehn Minuten? In dieser Raserei haben wir auf der Bank dann auch einen Fehler gemacht.
SPIEGEL: Welchen denn?
Rangnick: Wir wollten zu Beginn der Nachspielzeit noch mal wechseln. Aber wir hatten den Spieler nicht rechtzeitig an der Seitenlinie postiert. So konnten wir ihn beim Stand von 1:1 und eigenem Torabschlag nicht bringen. Danach wurde das Spiel erst wieder durch das zweite Gegentor unterbrochen. Der Wechsel hätte den entscheidenden Spielzug der Bayern wahrscheinlich unterbunden.
SPIEGEL: Auch Sie lernen also noch?
Rangnick: Logisch. Wir sind ein lernendes System. Das gilt für alle.
SPIEGEL: Kommt diese Mannschaft inzwischen Ihrem Ideal eines Teams nahe?
Rangnick: In vielen Bereichen schon. Nicht nur, wie sie spielen, sondern auch, wie sie miteinander umgehen. Aber was ist schon ideal im Fußball? Fußball ist nie Gegenwart, sondern immer Zukunft. Wir sind jetzt zwar Tabellenführer, doch spätestens zum Trainingsbeginn Anfang Januar dreht sich alles um die Frage: Wie geht es weiter?
SPIEGEL: Wie fragil ist der Erfolg der vergangenen Monate?
Rangnick: Die größte Gefahr ist, dass wir uns von der Euphorie mitreißen lassen. Außerdem können wir nicht so tun, als ob es Neid und Begehrlichkeiten bei uns nicht gäbe. Das sind menschliche Züge. Wir müssen deshalb aufpassen, dass wir unser Gehaltsniveau nicht zerstören, indem wir von jetzt auf gleich Quantensprünge machen.
SPIEGEL: Sie haben doch gerade Ex-Nationaltorwart Timo Hildebrand verpflichtet.
Rangnick: In einem der ersten Gespräche mit uns sagte er, dass er unbedingt zu uns wolle. Da haben wir ihm geantwortet: Das wird sich zeigen, wenn wir über die Zahlen sprechen. Wenn Timo annähernd auf den Summen bestanden hätte, die er aus Valencia kennt und die ihm zwei andere Clubs geboten hatten, hätten wir ihn keinesfalls verpflichtet.
SPIEGEL: Bayern-Manager Uli Hoeneß kolportierte neulich, dass der Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp für die Gehälter der Spieler wohl tiefer in die Tasche greift, als er die Welt glauben machen will.
Rangnick: Ich kann mir vorstellen, warum er das behauptet.
SPIEGEL: Warum?
Rangnick: Wir hatten uns im Oktober mit Sejad Salihovic über eine Vertragsverlängerung geeinigt, da machten die Bayern ihm schnell noch ein wesentlich besser dotiertes Angebot. Der Spieler kam ins Grübeln, das ist ja völlig normal. Das Beeindruckende war dann, dass Salihovic zwei Tage später bei uns anrief und sagte: Ich stehe zu meinem Wort und will noch heute zu den Bedingungen unterschreiben, die wir vor der Offerte der Bayern vereinbart haben. Kein Wunder, dass Hoeneß daraus schließt, wir hätten noch mal richtig draufgelegt. Haben wir aber nicht.
SPIEGEL: Das sollen wir glauben?
Rangnick: Wir haben Salihovic gefragt: Was denkst du wohl, wie oft du bei den Bayern spielst, wenn deine Konkurrenten Ribéry, Schweinsteiger oder Altintop heißen? Der Junge ist jetzt 24, und den Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit erreicht er nirgends so schnell wie bei uns. Den richtig lukrativen Vertrag kann er auch noch in ein paar Jahren machen.
SPIEGEL: Aber Spieler wie Carlos Eduardo oder Chinedu Obasi würden vermutlich bei internationalen Spitzenclubs sofort zum Einsatz kommen.
Rangnick: Auch die wissen, dass ihre Entwicklung viel damit zu tun hat, was Hoffenheim ausmacht: die Ruhe, die Unaufgeregtheit und die Art, wie wir mit ihnen arbeiten. Genau deshalb sind sie ja zu uns gekommen. Wir konnten ihnen vermitteln, dass wir sie weiterbringen wollen und dass sie dadurch im Schaufenster stehen.
SPIEGEL: Eigentlich wissen Sie schon jetzt, dass Sie diese Spieler nicht ewig halten können?
Rangnick: Uns ist klar, dass wir ihnen jetzt mehr Geld zahlen müssen, wenn wir sie halten wollen. Das heißt nicht, dass wir die Bezüge verdoppeln. Viele sagen: Ja, alles kein Problem mit dem Geld von Hoffenheim! Darum geht es nicht in erster Linie. Es beflügelt einen Spieler wie Carlos Eduardo, wenn er merkt, dass er als Fußballer kompletter wird.
SPIEGEL: Gilt in Hoffenheim weiterhin: Kein Spieler darf mehr verdienen als der Chef-Coach?
Rangnick: Das ist nur logisch. Da geht es nicht um Ehrenkäsigkeit, wie der Schwabe sagt. Derjenige, der die größte Verantwortung trägt, muss auch am meisten verdienen. In großen Unternehmen wie Daimler, Siemens oder SAP ist das nicht anders.
"Ich habe den Laden wie ein Brummkreisel aufgemischt"
SPIEGEL: Sie haben selbst nie als Profi gespielt. Erst vorige Woche sagte Schalkes Manager Andreas Müller: "Ralf wirkt halt, ich will nicht sagen lehrerhaft, aber so richtig Fußballer ist er ja nicht." Wollen Sie es dem Establishment mit Ihrem Modell Hoffenheim zeigen?
Rangnick: Nein, wirklich nicht.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Außenseiter?
Rangnick: Auch das nicht. Aber für manche der großen Traditionsclubs bin ich sicherlich anstrengend. Auf Schalke herrschte diese gemütliche Wir-sind-doch-schon-solange-zusammen-Atmosphäre. Dann kam ich und habe wie ein Brummkreisel den Laden aufgemischt. Für mich ist sehr wichtig, dass alle Mitarbeiter nur ein Ziel haben: Dienstleister für die 25 Profis zu sein.
SPIEGEL: Das sollte selbstverständlich sein.
Rangnick: Ist es aber nicht. Allein deshalb, weil für die Vergabe von Positionen oft nicht das Prinzip gilt: der Beste für den Job. Solange Clubs irgendwelchen verdienten Spielern mit ihrem letzten Profivertrag zusichern, nach Ende der Karriere Trainer der B-Jugend oder Chef-Scout zu werden, kommen wir nicht weiter.
SPIEGEL: Uli Hoeneß würde jetzt sagen: Da spricht der Besserwisser.
Rangnick: Der kennt mich doch gar nicht.
SPIEGEL: Sie wirken manchmal wie ein Eiferer.
Rangnick: Ich habe einiges von meiner missionarischen Art abgelegt. Einen Fernsehauftritt wie vor zehn Jahren im "Aktuellen Sportstudio", bei dem ich erklärt habe, wie die Viererkette funktioniert, gäbe es nicht mehr. Ich will auch nicht, dass wir das Maß aller Dinge sind. Das Modell Hoffenheim wäre nirgendwo anders möglich. Vor zweieinhalb Jahren lag ein weißes Blatt Papier vor uns. Wir haben erst einen Betreuerstab zusammengestellt, bei dem es vor allem um fachliche Kompetenz ging, und dann die Mannschaft aufgebaut. Das ist einzigartig. Können Sie sich vorstellen, dass jemand zu einem Proficlub kommt und wie bei einer Firmenübernahme jeden zur Disposition stellt: Wer ist wirklich gut, wer sitzt wirklich an der richtigen Stelle?
SPIEGEL: Sind Sie jetzt als Trainer besser?
Rangnick: Ja. Für mich waren die letzten zweieinhalb Jahre eine durchgehende Fortbildung. Jeden Tag habe ich die Konfrontation mit richtig guten Leuten, bei diesen Diskussionen geht es ganz schön zur Sache. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein so durchgeplantes Training angeboten habe.
SPIEGEL: Erfinden Sie gerade den Fußball neu?
Rangnick: Ach was, aber wir probieren vieles aus. Einige Übungen haben wir verworfen, bei anderen sind wir geblieben, obwohl es am Anfang wirr aussah. Es gibt zum Beispiel eine Trainingsform, die wir "Banane" nennen. Die Spieler sollen dabei lernen, auf verengtem Raum möglichst direkt in die Spitze zu spielen. Wenn wir das bei einem Traditionsclub eingeführt hätten, wo beim Training zehn Journalisten zuschauen, wären uns am nächsten Tag sofort die Schlagzeilen um die Ohren gehauen worden: Chaos beim Training, jetzt ist Rangnick total Banane!
SPIEGEL: Ist Erfolg planbar?
Rangnick: Erfolg nicht, aber Leistung. Wir sehen unsere jungen Spieler als Blue Chips. Sie bringen Schnelligkeit, technische Fähigkeiten, eine gute taktische Grundausbildung, Lernbereitschaft, Willen und eine besondere Waffe mit, je nach Position, auf der sie spielen. Die Kunst ist es, diesen hochqualifizierten Einzelspielern auch strategisch etwas an die Hand zu geben.
SPIEGEL: Vor zehn Jahren haben Sie gesagt, dass Taktik der einzige Bereich im Fußball ist, der nicht ausgereizt sei. Stimmt das auch heute noch?
Rangnick: Das hat schon damals nicht gestimmt. Ich hatte zwar in andere Länder geschaut, aber nicht in andere Sportarten. Bis heute ist nichts ausgereizt, nicht einmal das Konditionelle.
SPIEGEL: Können Sie sich noch vorstellen, jemals woanders als in Ihrem Hoffenheimer Biotop zu arbeiten?
Rangnick: Man sollte niemals nie sagen, aber ich verspüre im Moment eine so hohe Jobzufriedenheit, dass ich daran keinen Gedanken verschwende. Ich habe jetzt bis Anfang Januar Urlaub. Wahrscheinlich werde ich schon Weihnachten fragen: Wann sehe ich die Jungs endlich wieder?
SPIEGEL: Glauben Sie, es geht Ihren Spielern genauso?
Rangnick: Keine Ahnung. Aber die können ja auch nicht voneinander lassen. Vor unserem Spiel gegen Schalke habe ich mal durchgefragt: Was macht ihr denn so im Urlaub? Da stellte sich heraus, dass zehn von ihnen nach New York fliegen. Das habe ich im Profifußball noch nie erlebt: Die verbringen das ganze Jahr miteinander, und dann verreisen sie auch noch gemeinsam über Silvester.
SPIEGEL: Herr Rangnick, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.