Weinbau: Château global - DER SPIEGEL
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Weinbau Château global

Der einst betuliche Weinhandel wird zum hartumkämpften, weltweiten Geschäft. Nirgends lässt sich der Wandel so gut beobachten wie im Bordelais, wo viele Weinbauern ums Überleben ringen. Junge deutsche Winzer dagegen erleben einen Aufschwung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Trauben sind längst abgeerntet, fast 40 Hektar Cabernet Franc und Merlot. Über 16 Monate werden sie in französischen Eichenfässern lagern, um zu einem der besten Weine der Welt zu reifen. Stolz schreitet Pierre Lurton an den endlosen Reihen seiner leeren Rebstöcke vorbei, gestikulierend und strahlend. Château Cheval Blanc leuchtet im Hintergrund in der Spätherbstsonne.

"C'est magnifique, n'est-ce pas?", ruft Lurton. Er ist der Chef hier, seit 17 Jahren schon, einer der großen Männer der französischen Weinbranche. Lurton hat allen Grund, es großartig zu finden: Eine Flasche 2007er Cheval Blanc kostet knapp 400 Euro, eine Flasche 1947er ist bei 2000 Euro angelangt.

Goldene Zeiten müssen es sein, hier im Bordelais, der berühmtesten Weinregion der Welt. "Oh nein, ganz und gar nicht", sagt Lurton. Für Spitzenweine wie Cheval Blanc gebe es auf dem globalen Markt mehr reiche Kunden - aus China, Indien und Russland. Und die treiben die Preise. Aber sonst?

Wie in Südamerika sei es inzwischen in der Weinbranche, "die Superreichen hier, die Superarmen da". Die Globalisierung hat das weltweite Weingeschäft kräftig durchgerüttelt: Einst kaum beachtete Weinnationen wie Australien, Chile, Argentinien und die USA - die sogenannten Neue-Welt-Produzenten - überrollen die Märkte mit riesigen Mengen, einheitlichen Marken und großangelegten Werbekampagnen. Neue Konsumenten aus den aufstrebenden Industriestaaten verändern die Geschmacksansprüche. Neue Wettbewerber stellen die über Jahrhunderte fast unveränderte Machtordnung in Frage.

Aus einem vorrangig handwerklich und regional geprägten Geschäft ist ein knallhart geführter Wettbewerb geworden, der dafür sorgt, dass deutsche Winzer zu Verköstigungsreisen nach Vietnam reisen und französische Weingüter Chinesen als Berater einstellen. Ausgerechnet das urkonservative Weingeschäft wird nun zur Fallstudie für die Effekte der Globalisierung.

Und nirgends lässt sich der Wandel so gut beobachten wie im Herzen der Wein-Supermacht Frankreich. Vor 15 Jahren setzte die Grande Nation noch dreimal mehr Wein ab als alle Produzenten der sogenannten Neuen Welt zusammen. Vergangenes Jahr waren es 40 Prozent weniger. Tendenz: weiter fallend. Vielen Franzosen gilt das schon als nationale Katastrophe.

In der Eingangshalle von Château Cheval Blanc, einer sandsteinfarbenen Villa mit kleinem Turm unweit von Saint-Emilion, hängen die Querschnitte des kiesiglehmigen Bodens hinter Glasscheiben wie Kunstwerke. Sie sind stolz hier auf ihr "Terroir", auf die Kombination aus Boden, Lage und Reben, die jeden Wein anders, jedes Weingut speziell machen. "Premier Grand Cru Classé A" darf sich Cheval Blanc nennen und gehört damit einem Eliteclub an.

Doch zwischen 400 Euro und 2 Euro pro Flasche liegen hier nur ein paar hundert Meter. 17.000 verschiedene Bordeaux-Etiketten gibt es mittlerweile. Was eigentlich Tradition, Qualität und Vielfalt ausweisen sollte, ist längst zur Schwäche auf dem Weltmarkt geworden: eine Vielzahl an Bezeichnungen, Reglements und Abfüllungen.

Wer keine große Marke hat wie Mouton-Rothschild oder Cheval Blanc, droht in der Masse zu ertrinken. "Jeder Winzer will seine Identität wahren, aber das versteht kein Kunde", sagt Allan Sichel, Chef des Weinhändlerverbands Union des Maisons de Bordeaux.

Wirklich zu verstehen brauchte das auch lange niemand. Solange der französische Markt funktionierte, mussten sich die Bordeaux-Winzer kaum Mühe geben, den Verbrauchern zu erklären, was die für ihr Geld bekommen. Doch seit Jahren trinken die Franzosen immer weniger Wein. "Jetzt müssen wir Kunden im Ausland erklären, was hinter Bordeaux steckt, wir müssen uns auf den Export einstellen", sagt Sichel.

Neidvoll blicken sie hier deshalb auf die Konkurrenz. Die Neue-Welt-Produzenten setzten von Anfang an auf Reduktion: einfaches Etikett, simple Bezeichnungen, wenige Marken. Die Weine sind aus nur einer Traubensorte gemacht, die prominent auf dem Etikett prangt. Auf einem Bordeaux dagegen steht so ziemlich alles - nur nicht, welche Traube drin ist.

Die Angreifer haben's leichter: Von Kalifornien über Argentinien bis Neuseeland wurde ein Großteil der Anbauflächen erst in den vergangenen 20 Jahren geschaffen. In Europa wird seit rund 1000 vor Christus intensiv Wein angebaut. Entsprechend zersplittert sind die Strukturen: In der EU gibt es allein rund 1,3 Millionen Betriebe.

In Australien dagegen machen nur 100 Produzenten knapp 93 Prozent des Weins. In den USA verkaufen die zehn größten Güter drei Viertel aller Flaschen. Allein der Marktführer Gallo hat einen Marktanteil von fast 30 Prozent. Wer so groß ist, kann problemlos weltweit den Markt fluten. In Großbritannien etwa konnten australische Weine ihren Marktanteil seit 1993 binnen 15 Jahren von 6 auf 21 Prozent hochschrauben. Yellow Tail, eine Marke der australischen Großkellerei Casella Wines, setzte im Jahr der Markteinführung weltweit 200.000 Kisten Wein ab. Im zweiten Jahr waren es über zwei Millionen Kisten.

"Viele Winzer im Bordelais haben nicht gesehen, was auf sie zukommt, und geglaubt, der Name Bordeaux sei magisch, das reicht, damit die ganze Welt kommt und kauft", sagt Olivier Vizerie. Der 41-Jährige ist Makler für Weingüter und Boden, immer öfter sucht er jetzt im Auftrag kleiner Winzer nach Käufern für ihre Parzellen. Wie in anderen europäischen Anbauregionen geben immer mehr auf. Jedes Jahr verschwinden in der Region etwa 500 Produzenten, schätzt Verbandspräsident Sichel. Wer kann, versucht Boden zu kaufen, um in dem exportgetriebenen Geschäft noch mithalten zu können.

Hilfe suchen viele Winzer in einem hässlichen Flachbau in einem Durchgangsdorf in der Gemeinde Pomerol. Auf dem schlammigen Hof parken die typischen weißen Renaults der Weinbauern. Ein gutes Dutzend Mitarbeiter in weißen Kitteln schwirrt drinnen zwischen Zentrifugen und Reagenzglasreihen umher, hantiert mit Pipetten und Etiketten für die lange Reihen von Pröbchen mit jungem Wein.

Überleben im globalen Geschäft

"Der Druck auf die Winzer ist größer geworden, Weine zu machen, die den Geschmack der Kunden treffen", sagt Dany Rolland. Gemeinsam mit ihrem Mann Michel betreibt sie das führende önologische Institut in der Region. Früher kamen die Weinbauern nur zu den Rollands, um sich gesetzlich vorgeschriebene Labornachweise zu holen, heute auch, um Rat zum Überleben im globalen Geschäft zu bekommen.

Gut hundert Weingüter sind inzwischen ihre Klienten: im Bordelais, aber auch im amerikanischen Napa Valley, in Indien und Argentinien. Michel Rolland hilft bei der Traubenauswahl, bestimmt den Zeitpunkt der Lese mit und die sogenannte Assemblage - die Mischung der Traubensorten. Für seine Anhänger ist er ein Guru des Geschmacks, einer der weltbesten Önologen. Für seine Kritiker ist Rolland ein Symbol für die Uniformierung im globalen Weingeschäft, ein Botschafter des öden Massengeschmacks.

Unsinnig findet Dany Rolland den Vorwurf, sie und ihr Mann arbeiteten daran, den meist kantigen, komplizierten Bordeaux-Wein auf einen Einheitsstil zu trimmen, der den kalifornischen Weinen ähnelt. "Kein Winzer will, dass wir ihm helfen, genau den gleichen Wein zu produzieren wie sein Nachbar und Konkurrent. Er will nur einen Wein, der gefällt."

Aber genau das ist das Problem: Gegen die sonnenverwöhnten, fülligen Weine aus Spanien, Argentinien oder Südafrika wirken die Bordeaux-Weine für den normalen Weintrinker weniger gefällig: Wegen des hohen Tanningehalts werden sie erst im Alter geschmeidig. "Heute kann man aber nicht warten, bis der Wein den Kunden nach 25 Jahren im Keller vielleicht schmeckt", sagt Rolland.

Mehr fruchtige Merlot-Trauben und eine spätere Ernte, die für höheren Zuckergehalt sorgt - gegen viele solcher "Anpassungen" wehrt sich kaum noch ein Winzer. Doch der Erfolg der Weine aus der Neuen Welt kratzt am Selbstbewusstsein. Auch an dem von François-Bernard Janoueix. Der 67-jährige Winzer und Weinhändler führt mit seinem Sohn den über hundert Jahre alten Familienbetrieb.

Vom kleinen Verkaufsbüro am Ufer der Dordogne aus vertreibt er Wein in über 40 Länder, immer öfter nach Asien - und immer seltener etwa nach Großbritannien: "Die kaufen jetzt lieber in Südafrika", sagt er. Der Boom der Neuen-Welt-Weine ärgert ihn: "Das Geschäft hat im Moment etwas von der Subprime-Krise: Man macht, was gerade geht und gefragt ist. Das ist aber nicht die Logik des Bordeaux, hier geht es nicht um das schnelle, dicke Geschäft, hier möchte man etwas von Dauer schaffen und bewahren", schimpft er. Doch auch Janoueix ist klar: Das Etikett Bordeaux allein reicht nicht mehr.

Fast tausend Kilometer weiter nordöstlich steht Ernst Loosen an einem Steilhang hoch über der Mosel und freut sich, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Name Riesling genügte, um nicht zu verkaufen. Nachdem in den achtziger Jahren vor allem mit der Marke Liebfrauenmilch eine Welle billigsüßer Weißweine den Markt überschwemmt hatte, war der Ruf der deutschen Vorzeigesorte Riesling ruiniert. "Das hat dem deutschen Wein im Ausland mehr geschadet als zwei Weltkriege", sagt Loosen. Seit fast zwei Jahrzehnten betreibt der Mosel-Winzer aus Bernkastel nun schon "Aufräumarbeiten am Image des Rieslings". Loosen scheint auf gutem Weg: Das Wein-Fachblatt "Decanter" kürte ihn als ersten Deutschen zur "Wein-Persönlichkeit des Jahres".

Loosens "Große Gewächse" - das deutsche Pendant zu französischen Grand Crus - von seinen Hauptlagen Wehlener Sonnenuhr, Ürziger Würzgarten und Erdener Treppchen profitieren von ihrer einzigartigen Lage: steile, sonnige Terrassenhänge hoch über der Mosel, mineralhaltiger Schieferboden, dazu bis zu hundert Jahre alte, wurzelechte Rebstöcke, äußerst selten in Europa. "Das sorgt für eine einzigartige Eleganz", sagt Loosen. Weinkenner im Ausland wissen das wieder zu schätzen.

Loosen verkauft seine Spätlesen, Auslesen und Trockenbeerenauslesen für 20, 40, mitunter sogar 80 Euro in alle Welt. Noch Anfang des Jahrtausends waren mehr als zehn Euro selbst für Spitzen-Rieslinge selten. Und fast 90 Prozent der 210.000 Flaschen, die er jedes Jahr abfüllt, gehen in den Export, insbesondere in die USA.

Das ganze Jahr über fliegt er um die Welt, um seine Rieslinge zu präsentieren, zu Weinproben, Messen, Partys in China, Indonesien oder Indien. Loosen nennt es "Marketing über die Leber". Neulich fand er seinen Wein auf der Bordkarte einer japanischen Fluglinie: "Ein tolles Gefühl."

Insgesamt haben die deutschen Winzer zuletzt einen enormen Aufschwung erlebt: 2002 wurden noch 2,4 Millionen Hektoliter exportiert, vergangenes Jahr waren es bereits 3,4 Millionen. Allein die Ausfuhren in die USA haben sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt. "Asien wird für uns als Markt immer interessanter und dabei vor allem China", sagt Monika Reule, Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts.

Vor allem junge deutsche Winzer wie Marcus Schneider, Hans-Oliver Spanier oder Andreas Spreitzer haben mit neuen Ideen innerhalb weniger Jahre dem hiesigen Wein wieder zu Weltruhm verholfen. "Es gibt eine neue Generation von Winzern, die sich auch stilistisch neu orientieren", sagt Reule. Insbesondere Rieslinge, aber auch immer mehr Rotweine werden mit Auszeichnungen überhäuft und finden sich weltweit in Spitzenrestaurants.

Auch in Deutschland selbst wird wieder deutlich mehr deutscher Wein getrunken: Rund 50 Prozent stammen inzwischen von heimischen Winzern. Deutschland ist damit aber immer noch das größte Weinimportland der Welt und einer der weltweit am heißesten umkämpften Märkte. Um mehr zu produzieren, fehlt es den heimischen Winzern schlicht an Anbauflächen. Sogar Moldawien hat mehr Rebstöcke.

"In vielen Ländern lassen sich ganz andere Preise erzielen als hier", sagt Loosen. Der Durchschnittspreis für einen Liter Wein liegt in Deutschland bei 2,37 Euro. Aldi ist mit Abstand der größte Weinhändler der Republik.

Die enormen Preisunterschiede zeigen, wie sehr die Globalisierung die Weinwelt spaltet. Einerseits erhöhen billige Importe den Preisdruck auf den Normaltrinker-Wein. Andererseits steigt der Preis für Edelweine in schwindelnde Höhen, getrieben vor allem von Neureichen aus Schwellenländern, für die Mouton-Rothschild schlicht zu Gucci und Rolex dazugehört.

Cheval-Blanc-Chef Lurton kennt beide Seiten, denn nebenher betreibt er noch ein eigenes, kleines Gut: "Wenn ich meinen eigenen Wein um 50 Cent verteure, schreien alle Skandal. Bei Cheval Blanc regt sich dagegen niemand auf, wenn es auf einmal 200 Euro mehr sind." Das Geschäft mit der Spekulation machen zwar die Händler, nicht Lurton. Doch auch er profitiert: Jeder neue Jahrgang wird ein wenig teurer.

Und auch wenn die Einnahmen der Top-Güter dadurch seit Jahren enorm in die Höhe schnellen, sind in der snobistischen Weinwelt nicht alle glücklich über die neue Klientel. "Wir verlieren unsere traditionellen Käufer, die sich den Wein zu diesen Preisen nicht mehr leisten können, zugunsten einer neuen Klientel, die Weine als Luxusobjekt kauft", sagt Lurton.

Vor Monaten sei er bei einem Formel-1-Rennen mit Russen gewesen, die sich Cheval Blanc zu "äußerst würzigem Essen" servieren ließen, erzählt er. "Nein, nein, dazu ist der Wein nicht gemacht", habe er versucht zu erklären. "Aber das hat die gar nicht gestört. Die wollten einfach nur einen teuren Wein trinken und dazu kauen."