Weltkonjunktur: Kollektiv im Heimaturlaub - DER SPIEGEL
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Weltkonjunktur Kollektiv im Heimaturlaub

Der Traum vom Wohlstand lockte Quan Xiaoju aus der Provinz an die Fließbänder von Guangdong. Jetzt muss sie zurück, denn Chinas Boom ist - vorerst - zu Ende.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zum Abschied bleibt nicht einmal Zeit für einen wehmütigen Blick zurück - auf das Gewimmel der schwerbepackten Wanderarbeiter vor dem Bahnhof der Neun-Millionen-Stadt Guangzhou. Oder auf die verwegene Stadtautobahn gegenüber, auf Stelzen erbaut, über die auch in der Krise noch ein Fahrzeug nach dem anderen rollt.

Die Menge drängt gnadenlos vorwärts, sie drängt Quan Xiaoju regelrecht in den Bahnhof hinein. Die zierliche Wanderarbeiterin legt ihre Habe - einen schwarzweiß karierten Koffer und eine kleine Plastiktüte - eilig auf das Band der Sicherheitsschleuse, dann wird sie schon weitergeschoben, über eine Rolltreppe hinauf in eine der riesigen Wartehallen.

Die chinesische Weltfabrik entledigt sich ihrer Arbeitssklaven, kostengünstig und effizient, fast wie am Fließband. In langen Sitzreihen, dicht an dicht, warten sie auf den Rücktransport in ihre Heimatprovinzen, dorthin, von wo sie mit der Verheißung auf Wohlstand einst hergelockt wurden. Die "kleine Chrysantheme" - so heißt Xiaoju auf Deutsch - hat jetzt endlich Zeit, durchzuatmen und sich ein wenig umzuschauen. Ihr Zug zurück gen Norden nach Hengyang in der Provinz Hunan fährt erst in einigen Minuten ab.

Im Bahnhof herrscht Hochbetrieb wie sonst vor dem chinesischen Neujahrsfest, wenn die Firmen der Provinz Guangdong - die riesige Exportfabrik, die an Hongkong grenzt und die wuchernden Millionenstädte Shenzhen und Dongguan mitumfasst - Heere von Wanderarbeitern kollektiv in den Heimaturlaub schicken.

Doch diesmal ist es ein ungeahnter, unfreiwilliger Abschied, er dürfte für länger sein, und daher ist die Stimmung gedrückt.

Die meisten Reisenden sind auffallend jung, darunter viele Frauen wie Xiaoju, die 17 ist, aber aussieht wie 14. Fast alle hier könnten ähnliche Geschichten erzählen wie die drei entlassenen Arbeiterinnen aus Hunan, die bunte Aufkleber für Jeans druckten und jetzt mit vollen Plastiktaschen auf die Abfahrt warten. Oder wie das junge Ehepaar aus dem fernen Chongqing, das in einer Textilfabrik Pullover herstellte und nun mit seiner Habe - Reiskocher, Ventilator, Matratze - den halben Gang versperrt.

Wenige Tage erst ist es her, dass Xiaoju ihren Job verlor in der Exportfabrik, wo sie mit ihren schlanken Fingern billigen Silberschmuck fertigte. "Die Ausländer bestellen nichts mehr", teilte der Boss zwei Dritteln des Personals plötzlich mit, "für euch habe ich nichts mehr zu tun."

Seit Wochen waren kaum noch ausländische Einkäufer in der Fabrik aufgetaucht. Die 200 Arbeiter hätten das mitkriegen müssen, denn ihre Produktionsräume sind durch Glas vom Büro getrennt: So konnte ihr Boss überwachen, wie emsig die Beschäftigten an den langen Tischen Ohrringe, Armreife, Halsketten formten.

Und umgekehrt bekamen Xiaoju und ihre Kollegen mit, wie die globale Krise ihren Boss plötzlich zwang, oft tatenlos herumzusitzen.

Auch in der Nachbarschaft des Betriebs im Stadtteil Panyu, wo sonst das bunte Geschäftsleben tobte, zog von einer Woche auf die nächste gespenstische Einsamkeit ein: Erst sahen Xiaoju und ihre Kollegen, wie andere Fabriken die Tore schlossen. Und weil immer mehr Arbeiter abreisten, bauten auch viele Betreiber der kleinen Garküchen eilig ihre Stände ab. Und dann standen auch die Billardtische am Straßenrand, an denen die Männer sich ihre knappe Freizeit vertrieben, plötzlich nur noch grotesk herum, wie in einem Badeort, in dem früher Winter einbricht.

Die Entlassung kam für Xiaoju deshalb nicht überraschend. Aber entsetzt war sie trotzdem, denn ihr Boss gestand den Arbeitern kleinlaut, dass er nicht mehr genug Geld in seiner Kasse habe, um die noch fälligen Monatslöhne auszuzahlen.

Xiaoju springt jetzt auf, ihr Zug wird aufgerufen. Das Gedränge geht von vorn los: Über mehrere Treppen hasten die Menschen auf den Bahnsteig, hinein in den endlos langen Zug, der voll ausgebucht ist: Xiaoju konnte noch eine Pritsche im Liegewagen ergattern - wenigstens ein Erfolg für sie, denn sieben lange Stunden wird ihr Bummelzug brauchen bis nach Hengyang.

Der Zug fährt ruckend an, und Xiaoju beginnt zu begreifen, dass es nun vorbei ist mit Guangzhou und ihrem Leben in einer der wohlhabendsten Städte Chinas. Dass sie mit ihrem Job auch erst einmal die Aussicht verloren hat, sich dauerhaft aus ihrer ländlichen Armut zu befreien. Und dass sie das zu Hause ihrer Familie wird erklären müssen.

Sie schweigt. Um sich abzulenken, tippt sie hektisch Abschiedsgrüße in die Tasten ihres rosa Handys, sie hat es sich von ihren ersten Löhnen erspart. Zwar reichte das Geld nur für ein Gerät der Marke Jinpeng - aber es sieht cool aus, es hat einen extra großen Bildschirm. Für Xiaoju war die Anschaffung ein großer Sprung; bei ihr zu Hause haben sie nicht einmal Festnetz.

Xiaoju hält das Handy fest umklammert, die wichtigste Erinnerung an ihr Arbeitsleben, ihr einziger Luxus: Umgerechnet 80 Euro kostete es, dafür musste sie rund 160 Überstunden in der Fabrik arbeiten.

Viel Geld verdienen für die Familie

Sekunden später flackert das Handy wieder auf, die erste Antwort kommt zurück: Es ist ihre "Laoxiang", eine ältere Wanderarbeiterin aus ihrem Heimatdorf, in deren Gefolge Xiaoju ursprünglich nach Guangzhou kam, sie wünscht der Abreisenden viel Glück.

Fast jeder, der vom Lande neu in die Weltfabrik zieht, schließt sich einem meist älteren und erfahrenen Wegbereiter aus der Heimat an. Damals, nach dem Neujahrsfest, folgten Xiaoju und sieben andere Mädchen ihrer Laoxiang nach Guangzhou. Das Fahrgeld, das Xiaoju von ihren Eltern mitbekam, reichte nur für einen Stehplatz im Zug. Xiaoju war das egal, sie fieberte Guangzhou entgegen, einer der Megastädte, mit denen die Chinesen Fortschritt und Wohlstand verbinden. Dort, versprach ihr die Laoxiang, könne sie viel Geld verdienen für die Familie.

Von klein auf wusste Xiaoju, dass sie spätestens nach dem Ende der Mittelschule wegziehen müsse aus ihrem Dorf, in dem es keine Zukunft für sie gab: Ihr Vater schlägt sich als Wanderarbeiter auf Baustellen durch, er lebt mit ihrer Mutter und dem vierjährigen Sohn weit weg in einer anderen Großstadt; ihre Schwestern, elf und zwölf, wohnen auf dem winzigen Hof ihres Großvaters.

Als Xiaoju spät abends in Guangzhou ankam, wurde sie fast geblendet von der überall flackernden Werbung und den grell erleuchteten Schaufenstern der 24-Stunden-Läden.

In der ersten Nacht schlief sie im Zimmer der Laoxiang; die Fahrt dorthin erschien ihr endlos, sie fuhren an einer Fabrik nach der anderen vorbei, es waren immer dieselben mehrstöckigen Kästen, innen trüb von Neon erleuchtet. Gleich daneben lagen die Wohnheime der Werktätigen. Die Massenunterkünfte erkannte Xiaoju an der Wäsche, die die Arbeiter draußen zum Trocknen aufhängen.

Schon am nächsten Tag besorgte die Laoxiang ihr einen Job in einer Schmuckfabrik. Das war nicht schwer: Allein in Guangzhou und Umgebung gab es schätzungsweise 7000 Schmuckfabriken, noch sprach kein Mensch von "Krise".

Und auch jetzt wächst Chinas Wirtschaft ja noch, aber eben viel zu langsam. Kaum zu glauben, dass Xiaoju damals nach einem Training von nur zehn Tagen schon in der nächsten Schmuckfabrik anheuern konnte. Als "gelernte" Kraft bot der neue Boss ihr den doppelten Grundlohn - 140 Euro im Monat. Mit Überstunden kam sie täglich auf zwölf Stunden. Und vor allem auf diese Überstunden kommt es für die Wanderarbeiter an, sie machen den eigentlichen Verdienst aus. Vom kargen Grundgehalt können sie kaum leben. Xiaojus Alltag bestand aus harter Arbeit. Aus einem Gerät, das sie mit einer Kerze vergleicht, goss die junge Arbeiterin eine flüssige Silbermischung in eine Form für die Ringe. Manchmal tropfte es auf ihre Hände, "dann brannte die Haut, ich bekam rote Flecken", berichtet Xiaoju. "In einem zweiten Schritt mussten wir kleine Diamanten in die Ringe einfügen - aber die waren nicht echt, nur aus Glas."

Jeden Feierabend, kurz vor Mitternacht, fiel Xiaoju müde auf ihre Matratze. "Meist hatte ich nicht einmal mehr die Kraft, um mir das Gesicht zu waschen", sagt sie.

Schon wieder leuchtet Xiaojus Handy auf. Diesmal ist die SMS von ihrer Freundin, mit der sie nahe der Fabrik ein Zimmer und die Matratze teilte. Das war billiger als in der Fabrik, wo die Mädchen zu acht in einem Raum hausten und vor dem Duschen Schlange stehen mussten.

Auch Xiaojus Freundin muss in Kürze in die Heimat zurückkehren. Oft trösteten die Mädchen sich gegenseitig, wenn sie Heimweh hatten oder wenn ihr Boss sie ausgeschimpft hatte, weil sie nicht flink genug arbeiteten. Dann schmiegten sie sich nachts aneinander - so wie Xiaoju es von zu Hause gewohnt ist, mit ihren Geschwistern in dem gemeinsamen Bett.

Doch jeden Morgen mussten sie wieder in die Fabrik. Während der langen Stunden fieberten sie oft den zwei freien Tagen entgegen, die der Boss ihnen im Monat gewährte: Dann fuhren sie meist mit der U-Bahn ins Zentrum von Guangzhou, sie streiften durch die pompös funkelnden Shopping-Malls, sie bestaunten die teure Designer-Mode in den Schaufenstern der Boutiquen. Anschließend kleideten sie sich auf Billigmärkten mit Kopien ein, und Xiaoju war sich sicher, dass sie nie mehr auf dem Lande würde leben können.

Denn irgendwann - daran glaubte Xiaoju wenigstens bis zu ihrer Entlassung fest - würde sie selbst so viel Geld verdienen wie ihr Boss. Der stammt auch aus Hunan und fing als Wanderarbeiter in einer Schmuckfabrik an, bevor er vor zehn Jahren seine eigene Fabrik gründete.

Noch während der Olympischen Spiele strotzte Chinas Wirtschaft vor Kraft, niemand rechnete mit einem baldigen Ende des jahrelangen Booms. In der Schmuckfabrik hatten die Arbeiter so viel zu tun, dass der Boss ihnen die Bitte abschlug, die Spiele im Fernsehen ein wenig mitverfolgen zu dürfen. Nur die Eröffnung durften sie angucken. "Es war wunderschön", sagt Xiaoju, "aber ich war so müde, dass ich mittendrin einschlief."

Auch jetzt im Zug, irgendwo zwischen Guangzhou und Hengyang, nickt Xiaoju ein. Die vergangenen Tage haben ihre Nerven aufgerieben: Tagelang harrte sie mit den Kollegen bei der Fabrik aus, sie hofften, dass der Boss ihnen doch noch den fälligen Monatslohn auszahlen würde. Am Ende zogen sie zumindest mit seiner Zusage ab, ihnen später ihre Löhne zu überweisen. Xiaoju glaubt ihrem Chef - schließlich kommt er auch aus Hunan.

Immerhin machte sich Xiaojus Boss nicht einfach über Nacht aus dem Staub wie andere Besitzer bankrotter Fabriken in der Nachbarschaft: Xiaoju bekam mit, wie wütende Arbeiter dort Maschinen beschlagnahmten. Und bei einigen Fabriken, sagt sie, hätten die Arbeiter sogar Schlägertrupps organisiert, um ihre ausstehenden Löhne einzutreiben.

Doch das blieben bisher Einzelfälle, die Gefeuerten nehmen die Krise höchstens persönlich, nicht politisch. Auch für die "kleine Chrysantheme" ist die Regierung in Peking weit weg, sie erhofft sich nichts von den Führern, und sie wirft ihnen auch nichts vor. "Für die Krise kann ja keiner etwas", sagt sie, als spräche sie von einer Naturkatastrophe, "sie trifft alle gleich."

Xiaoju blickt jetzt gebannt aus dem Zugfenster auf die abgeernteten Äcker, sie nähert sich der Heimat. Andere Wanderarbeiter packen schon ihre Sachen zusammen, bald sind sie bei ihren Familien, wo sie zumindest zu essen haben und ein Dach über dem Kopf. So zerstreut sich das Unruhepotential der Wanderarbeiter weitflächig auf die Dörfer.

Der Zug hält in Hengyang, einer Industriestadt von über sieben Millionen Einwohnern. Von hier braucht Xiaoju noch anderthalb Stunden mit dem Minibus in ihr Dorf. Über der bergigen Landschaft wabert beißender Smog von den Abgasen der Stahlwerke und zahllosen Feuern, mit denen die Bauern ihre Felder abbrennen.

Xiaoju stört der Gestank nicht, er erinnert sie an ihre Schulzeit. Gern wäre sie auf die Oberschule gegangen, doch dafür fehlte der Familie das Geld. "Vielleicht könnte ich jetzt noch etwas lernen", überlegt sie, "um einen besseren Job zu bekommen." Sofort schüttelt sie den Kopf: "Ginge ich wieder zur Schule, müsste mein Vater noch härter arbeiten."

Je näher sie ihrem Dorf kommt, desto unsicherer erscheint Xiaoju ihre Zukunft. Vielleicht wird ihr Vater sie drängen, in die Armee zu gehen, dort dient schon ein Verwandter, es wäre ein sicherer Job. Nur: Xiaoju graust es vor militärischem Drill.

Um zum Haus ihres Großvaters zu gelangen, muss Xiaoju einen engen Pfad hinaufklettern. Mit dem Handy leuchtet sie sich den Weg: Es ist dunkel, viele Häuser stehen leer, ihre Besitzer sind auch als Wanderarbeiter in die Städte gezogen.

Xiaoju stößt die Holztür auf, begrüßt den Großvater. Es hat sich nichts verändert, die nackte Glühbirne, die von der Decke hängt, das große Bett, der Lehmfußboden und das einzige Symbol des Fortschritts: der ununterbrochen laufende Fernseher.

Sie wechseln nur wenige Worte, Xiaoju ist noch nicht ganz angekommen, sie muss jetzt erst mit dem Handy eine Reihe von SMS schicken, nach Guangzhou, an ihre bisherigen Kolleginnen in der Weltfabrik.

Die "kleine Chrysantheme" kann sich nicht vorstellen, dass die Krise lange dauert und dass sie ewig hier ausharren muss. "Es gibt so viele Fabriken in China", sagt sie, "die müssen ja irgendwann wieder anfangen, ihre Waren herzustellen."