Weltkonjunktur Der Herbst der Oligarchen
Im Büro des Superreichen deutet wenig darauf hin, dass hier mal der Sprung der russischen Wirtschaft in die Moderne geplant wurde. Schwere Möbel aus dunklem Holz dominieren. Hinter Glasvitrinen stehen alte Folianten. Wladimir Jewtuschenkow will von hier aus die Abhängigkeit des Riesenreichs vom Rohstoffexport verringern. Am Moskauer Stadtrand hat seine Tochterfirma Sitronics deshalb eine hochmoderne Halbleiterfertigung errichtet.
"Das ist das Letzte, was ich hergeben werde", sagt Jewtuschenkow. Sein Unternehmen soll nicht zum Menetekel werden für die Volkswirtschaft des größten Flächenstaats der Erde. Nach zehn euphorischen Jahren mit zuletzt sieben Prozent Wachstum droht nun der Absturz.
Gerade hat der Oligarch seine Sitronics-Verbindlichkeiten umgeschichtet und für das Vorzeigeunternehmen einen Kredit der staatlichen Entwicklungsbank Wneschekonombank von 182 Millionen Euro gesichert. Damit wiederum bedient er Schulden bei der Dresdner Bank. Doch das ist im Moment noch sein geringstes Problem.
Bei einer Telekonferenz schalteten sich jüngst dreimal so viele Investoren zu wie vor der Finanzkrise üblich. Und alle waren sie besorgt, weil auf Jewtuschenkows Holding Sistema, die ein buntes Sammelsurium von Bau- und Telekommunikationsunternehmen bis hin zu Kindermodegeschäften umfasst, mehr als sieben Milliarden Euro Schulden lasten.
Mit Jewtuschenkow gerät eine Klasse von Großunternehmern unter Druck, deren Reichtum auch im Ausland bislang regelmäßig für Schlagzeilen sorgte. Nicht nur wegen ihrer oft spektakulären Übernahmepläne, wie sie auch Jewtuschenkow immer mal wieder zum Besten gab. Vor zwei Jahren schickte er sich noch an, einen Teil der Deutschen Telekom zu erwerben.
In puncto Geldanlage waren die Oligarchen immer für Nachrichten gut: Der Bankier und Kunstsammler Pjotr Awen etwa stattete seine Villa in England mit einem Atombunker aus. Finanzjongleur Suleiman Kerimow, angeblich an Anteilen der Deutschen Bank interessiert, zerlegte Ende 2006 in Nizza seinen Ferrari Enzo, eine extrateure, limitierte Auflage. Auf dem Beifahrersitz saß eine schöne Moskauer Fernsehmoderatorin, verheiratet - wenn auch nicht mit ihm.
Roman Abramowitsch schließlich, der sich mit arabischen Prinzen ein Wettrennen um die längste Yacht der Welt liefert, hat bis heute sagenhafte 600 Millionen Euro in den englischen Fußballclub Chelsea investiert. Das würde ausreichen, um den deutschen Handelskonzern Arcandor zu kaufen.
Solche schillernden Unternehmerpersönlichkeiten waren der Motor für die Privatisierung der russischen Wirtschaft nach dem jähen Ende des Kommunismus. Die Skrupelloseren pressten aus den maroden Betrieben das Letzte heraus, die Seriöseren sanierten sie. Sie brachten internationales Management und Spitzentechnologie nach Russland. Neben dem Energieriesen Gazprom waren es die Oligarchen, die in den vergangenen Jahren die Speerspitze der Expansion russischer Firmen in den Westen bildeten.
Im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise aber haben nach Schätzungen des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes" allein die 25 reichsten Russen knapp 180 Milliarden Euro verloren. Abramowitsch, der sein Geld vor allem in die Evraz-Holding steckte, verlor an der Londoner Börse innerhalb von nur sechs Monaten dramatisch viel Geld: Evraz stürzte von 28 Milliarden auf nur noch 3,2 Milliarden Euro ab. Der Stahlbaron Alexej Mordaschow, in Deutschland am Reiseunternehmen TUI beteiligt, büßte rund 18 Milliarden Euro ein.
Russische Großunternehmen und Banken sind mit geschätzten 360 Milliarden Euro verschuldet. Das ist fast so viel wie der Staat, immerhin Herr über die drittgrößten Gold- und Devisenreserven der Welt, nach wochenlangen Stützungskäufen für den schwächelnden Rubel und kostspieligen Rettungspaketen für Geldinstitute und Unternehmen noch auf der hohen Kante hat.
Es ist der Herbst der Oligarchen: Sie sind auf Hilfen der Regierung angewiesen. Der Yachten-Liebhaber Abramowitsch erhielt umgerechnet 1,4 Milliarden Euro. Und auch Jewtuschenkow hat aus seinem Fenster im dritten Stock eines Prachtgebäudes aus der Stalin-Zeit den Kreml fest im Blick.
"Ich wäre ein schlechter Wirtschaftsführer, wenn ich die Beziehungen zu unserer Regierung nicht pflegen würde", sagt er. "Das ist doch in Amerika und Europa nicht anders. Von den Milliarden, mit denen die deutsche Regierung eine Bank rettete, kann ich nur träumen."
Jewtuschenkow verhandelt zurzeit über den Verkauf seines Anteils an der Telekommunikationsfirma Swjasinvest - an den Staat. Das würde Geld für den Schuldenausgleich und für neue Investitionen bringen. Der Bankier Awen durfte jüngst mit Premierminister Wladimir Putin nach Sibirien fliegen. Wenige Tage später sagte die Regierung einen Eineinhalb-Milliarden-Euro-Kredit zu.
Welch ein Unterschied zu den neunziger Jahren, als die Oligarchen mit ihrem Geld noch die Wiederwahl des damaligen Präsidenten Boris Jelzin sicherten und der Finanzmagnat Boris Beresowski vier Jahre später half, seinen einstigen Protegé Putin als Jelzin-Nachfolger einzusetzen. Nun stützen nicht länger die Oligarchen den Kreml-Herrn, sondern der Kreml die Oligarchen.
Die Politik bestimmt, wer weiter mitspielen darf beim Milliarden-Monopoly oder wer vom Spielfeld verschwindet. Die Präsidentenmacher von gestern, so scheint es, sind zu Bittstellern geworden.
Der ehemals Reichste von ihnen, der vor der Finanzkrise auf 23 Milliarden Euro geschätzte Aluminium-Zar Oleg Deripaska, stünde wohl vor dem Bankrott, hätte der Staat ihm nicht 3,5 Milliarden Euro Kredit gewährt.
In den Jahren des Booms hatte Deripaska so viele Fabriken und Firmen zusammengekauft, dass zu seiner Holding namens Basel heute Autokonzerne und Versicherungsfirmen ebenso gehören wie Banken und Flugzeugbetriebe. Er betreibt Fabriken von Nigeria bis Tadschikistan.
Schneller als die Zahl der Mitarbeiter, die im Spätsommer noch bei knapp 300.000 lag, wuchsen allerdings Deripaskas Schulden. Allein bei der Aluminium-Tochter Rusal verfünffachten sich seit 2004 die Verbindlichkeiten, während der Gewinn sich nur um das Zweieinhalbfache steigern ließ. Deripaska hatte sein Imperium auf Pump gebaut.
Als der Magnat im April 25 Prozent am weltgrößten Nickel-Produzenten Norilsk Nickel übernahm, verpfändete er seine Aktien als Garantie an ein Konsortium aus elf internationalen Großbanken. Während der Finanzkrise stürzte der Kurs ab, die Banken drängten auf neue Sicherheiten.
Privatunternehmen werden wieder Staatsbesitz
Um zu verhindern, dass ausländische Geldinstitute zum Miteigentümer dieses Juwels der russischen Metallindustrie werden, lieh der Kreml Deripaska die Milliardensumme und schickt dafür nun seinen Vertreter in den Aufsichtsrat. Schon fürchten manche Fachleute, dass sich der Staat zu einem Hyper-Oligarchen aufschwingt und große Teile der Privatisierungen der neunziger Jahre wieder rückgängig macht.
Damals hatten die Oligarchen die Jelzin-Regierung mit Milliarden unterstützt und im Gegenzug Filetstücke der Industrie bekommen - sowie Ministerposten. Nun setzt der Kreml zur Rolle rückwärts an. Öl- und Gasindustrie waren bereits vor der Krise mehrheitlich wieder in Staatsbesitz. Im Sommer formte Putin aus einem staatlichen Rüstungsexportunternehmen eine Holding mit insgesamt 423 Unternehmen. An der Spitze steht Sergej Tschemessow, ein Kampfgenosse der Auslandsaufklärung aus Putins KGB-Zeit in der DDR.
Oligarch Jewtuschenkow denkt trotzdem, dass der Kreml die Unternehmen später wieder privatisiert, die er jetzt übernimmt. "Unser armer Premierminister Putin muss das endlos wiederholen", sagt der Magnat. "Jeder weiß, dass Bürokraten schlechtere Unternehmensführer sind."
Dennoch tobt in der russischen Regierung ein Richtungskampf zwischen liberalen Marktwirtschaftlern, angeführt von Finanzminister Alexej Kudrin, und Anhängern einer größeren staatlichen Lenkung mit Vizepremier Igor Setschin an der Spitze. Der Ausgang ist so offen wie die Frage, wann die für Russland so wichtigen Öl- und Gaspreise wieder anziehen.
Sicher jedoch ist, dass die Expansion russischer Unternehmen ins Ausland ins Stocken gerät. Deripaska musste sich bereits mit Verlust von seinen Beteiligungen am deutschen Baukonzern Hochtief sowie am kanadischen Autozulieferer Magna trennen. Der Stahlunternehmer Alexej Mordaschow hat Anfang November zwar noch für eine Milliarde Euro den US-Konzern PBS Coals übernommen, kündigte aber an, ein milliardenschweres Investitionsprogramm zusammenzustreichen.
Mordaschow war zwischenzeitlich zum viertgrößten Stahlproduzenten der USA geworden. Mittlerweile hat er seinen Arbeitern im nordrussischen Tscherepowez ebenso wie im amerikanischen Dearborn Kurzarbeit verordnet.
Mordaschows großer Konkurrent, der Stahlunternehmer Wladimir Lissin, stoppte im letzten Moment die 3,5 Milliarden Dollar teure Übernahme des US-Konzerns John Maneely. Der Kurs seines Unternehmens war innerhalb von vier Monaten um fast 90 Prozent eingebrochen, die Übernahme hätte plötzlich seinen eigenen Börsenwert verschlungen.
Das Herz des Lissin-Konglomerats schlägt in Lipezk, einer Stadt 400 Kilometer südlich von Moskau, neu gegründet von Peter dem Großen, der dort Kanonen aus Eisen für seine Kriegsflotte gießen ließ.
Lipezk ist in Russland bekannt für eine Legende: Hitlers Luftwaffe habe die Stadt verschont, weil deutsche Fliegeroffiziere dort ihre Geliebten gehabt hätten. In der Zeit der Weimarer Republik, als die Reichswehr mit der Roten Armee kooperierte, wurden die Offiziere in der Stadt ausgebildet.
Wladimir Lissins Stahlwerk NLMK liegt unweit des Flusses, der die Stadt in zwei Hälften teilt. Auf dem riesigen Gelände arbeiten 34 000 Menschen. Im Sommer verstecken sich die Hochöfen zwischen blitzsauberen Birkenwäldchen. Die Straßen heißen wie zu Sowjetzeiten noch "Allee des Energiearbeiters" oder "Prospekt des Walzwerkarbeiters". Nur die Luft ist besser, seit moderne Filter eingebaut wurden.
Im Moment ist die Schadstoffbelastung besonders gering. Die Finanzkrise wirkt umweltfreundlich: Drei von fünf Hochöfen wurden bis auf weiteres stillgelegt.
Im Walzwerk mit seiner tausend Meter langen Halle schaut Schichtführer Sergej Masur, 43, zu, wie tonnenschwere, glühende Stahlstücke verarbeitet werden. Vor der Krise spuckte die Anlage eine Rolle in 20 Sekunden aus, nun sind es zwei Minuten.
Innerhalb von zwei Monaten fiel im Stahlwerk NLMK die Nachfrage nach Roheisen um 40, die nach Stahl um 60 Prozent. Oleg Deripaska und sein Autokonzern GAS beispielsweise können die Rechnungen für bestellten Stahl nicht mehr bezahlen, Lissin ließ daraufhin die Lieferungen einstellen. So geht es Tausenden Unternehmen im Land.
Die meisten unabhängigen Experten senkten deshalb ihre Wachstumsprognosen für 2009 von sieben auf drei Prozent. "Im besten Fall", fügen viele noch besorgt hinzu. Um die heimische Industrie zu stützen, erhöhte die russische Regierung die Zölle für Imports, dagegen kam es in einigen Städten des Landes zu Protesten.
Menschen wie Masur, die zur bisher schnell wachsenden Mittelschicht zählten, fürchten, dass es bald vorbei ist mit der jährlichen Urlaubsreise in die Türkei und nach Ägypten. Ihnen bleibt nur die Hoffnung auf den nächsten Aufschwung.
Bei Masur und seinen Kollegen kauft auch Volkswagen einen Teil seines Stahls. Die Maschinen kommen aus Japan, Italien, Amerika, vor allem aber aus Deutschland: von SMS-Demag und Sundwig. In den vergangenen Jahren hat der Magnat Lissin für mehr als 200 Millionen Euro in Deutschland eingekauft.
Wenn es ihm und seinen Lipezker Stahlarbeitern schlechtgeht und die Russen weniger Autos kaufen, hat das auch Auswirkungen in Deutschland. 70.000 Jobs hängen am Exportgeschäft mit Russland.
Die enge Handelsbeziehung der beiden Länder ist auch in einem kleinen Dorf namens Popowka zu besichtigen, auf halbem Weg zwischen Lipezk und Moskau. Für vier Millionen Euro hat der Moskauer Magnat Alexander Lebedew bei der niedersächsischen Firma Grimme Landwirtschaftsmaschinen geordert. "Wir bauen hier die größte Kartoffelverpackungsanlage Europas", sagt er. 40 Millionen Euro hat er bereits investiert, weitere 40 Millionen sollen folgen.
Lebedews Betrieb ist ein Symbol für die Risiken, aber auch für die Chancen der Krise. Einerseits muss er die Devisenkredite zurückzahlen, die wegen der schleichenden Abwertung des Rubel immer teurer werden. Der bescheidene Wohlstand im Dorf, sichtbar an westlichen Autos, Satellitenschüsseln und neuen Häusern, steht auf dem Spiel. Andererseits stößt Lebedew in einen gewaltigen Wachstumsmarkt.
"Gerade in der Krise brauchen wir Ideen, wo die Profite von morgen liegen", findet er. Und hat der Landwirtschaftsminister nicht gesagt, dass Russland nicht nur eine Rohstoff-Supermacht, sondern auch eine künftige Agrar-Weltmacht sei? Zu Zarenzeiten war das Land der weltgrößte Weizenexporteur. Nach der Kollektivierung der Landwirtschaft musste die Sowjetunion am Ende gar Getreide aus dem Westen einkaufen.
Lebedew hat in dem 1600-Seelen-Nest Popowka die alte "Maxim Gorki"-Kolchose übernommen - und die Kartoffelproduktion im Vergleich zu den letzten Sowjetjahren bereits verzehnfacht. Wenn so viele Trendbranchen keinen Gewinn mehr versprechen, warum soll man es dann nicht mal mit einem Klassiker probieren?