Radrennen: Der Krieger - DER SPIEGEL
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Radrennen Der Krieger

Lance Armstrong gilt als einer der größten Sportler aller Zeiten, weil er nicht nur siebenmal die Tour de France gewann, sondern auch den Krebs besiegte. Nun kehrt er zurück - aber warum?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Langsam bewegt sich Lance Armstrong aus der Finsternis der Hoteltiefgarage heraus, dann hält er an, um nach der Sonnenbrille zu greifen, die im Helm steckt. Um ihn herum warten bleistiftdünne Männer auf ihren Rädern, seine Kollegen aus dem Astana-Team. Sie tragen die fröhlich-helle Teamkluft mit der Sonne Kasachstans auf der Brust.


Armstrongs Statur ist kräftig und gedrungen, er trägt die Farben seiner Krebsstiftung, Schwarz und Gelb. Er wirkt wie jemand, der einen anderen Sport betreibt. In seinem Gesicht ziehen sich zwei tiefe Furchen von der Nase herab zu seinen Mundwinkeln. Er lächelt ein wenig, setzt sorgfältig seine Sonnenbrille auf, wie ein Kämpfer eines Spezialkommandos, der das letzte Stück seiner Montur anlegt, und rollt die abschüssige Straße herunter in die Sonne Teneriffas, hinter ihm ein Schwarm hastig tretender Astana-Fahrer, Polizeiautos mit Sirenengeheul und Fotografen auf Motorrädern, die mit schlingerndem Heck der Menge nachjagen.

Armstrong ist zurück. Mitte Januar wird der Amerikaner in Australien sein erstes Profirennen seit dreieinhalb Jahren fahren. Mit 37, wenn Radprofis normalerweise aus dem Sattel steigen, steigt er wieder auf und versucht das nächste Comeback. Versuchen heißt bei ihm: Es gelingt. Armstrongs Geschichte ist die von Krankheit und Wiederauferstehung, von Hodenkrebs mit Metastasen in Gehirn und Lunge und von sieben Siegen bei der Tour de France.

Im Sommer 2005 ist Armstrong zurückgetreten, seitdem haben die Dopingskandale den Radsport in dessen größte Krise gestürzt. Ausgerechnet jetzt will es der erfolgreichste Rennfahrer der jüngeren Zeit noch einmal wissen, ausgerechnet Armstrong. Denn seine Geschichte ist auch die des Verdachts. Spuren von Epo wurden in seinen Urinproben gefunden, er ließ sich von einem dubiosen Arzt betreuen, Weggefährten sagten gegen ihn aus, Leute wurden von ihm eingeschüchtert, nachdem sie das Doping angeprangert hatten. Greg LeMond, Amerikas anderer Tour-Sieger, sagte einmal: "Wenn seine Story wahr ist, dann ist sie das größte Comeback in der Geschichte des Radsports. Wenn nicht, dann haben wir hier den größten Betrug."

Die Skeptiker, die ihm nicht glauben, und der Krebs, von dem er sich immer noch bedroht fühlt, das sind die Feinde von Armstrong, dem Krieger.

Aber warum kehrt er in den Radsport zurück? Um ein achtes Mal die Tour de France zu gewinnen? Mit fast 38 Jahren, gegen all die Jüngeren? Um Nachfolger seiner Nachfolger zu werden? Um zu beweisen, was er längst bewiesen hat: dass er den verdammten Krebs fertiggemacht hat?

Lance Armstrong sitzt auf einem Podium, das unter dem Zeltdach eines Golf-Clubhauses auf Teneriffa steht. Etwa hundert Reporter haben sich für die Pressekonferenz des Astana-Teams akkreditiert. Als sich Astana vor einem Jahr im Trainingslager präsentierte, waren vier Journalisten da, und Armstrong lebte noch das Leben eines Prominenten. Er zeigte sich an der Seite von Stardesignerin Tory Burch auf Modegalas, vergnügte sich mit Freundin Kate Hudson auf Partys in Cannes und Monte Carlo oder joggte mit Kumpel Matthew McConaughey halbnackt in den Hollywood Hills.

Er sieht frisch aus, etwas Bräune im Gesicht, auf seinem T-Shirt und seiner Kappe steht der Schriftzug "Livestrong", der Schlachtruf seiner amerikanischen Krebsstiftung. Er sagt, er habe sich einzig aus zwei Gründen entschieden, wieder Rennen zu fahren. "Erstens habe ich meine Leidenschaft für Training und Wettkampf wiederentdeckt. Und zweitens: Meine Stiftung hat erkannt, dass international Platz für unsere Botschaft ist. Ich komme ehrenamtlich, ich trainiere und fahre umsonst. Wenn wir global erfolgreich sind und ich werde 18. bei der Tour, dann ist das prima für mich. Ich fühle mich verpflichtet, hier zu sein, für meine Gemeinschaft von Menschen, die den Krebs überlebt haben."

Irgendwann muss ihn das ziellose Dasein als Celebrity und Fitnessfreak angeödet haben. Also verknüpfte er wieder seine beiden Lebensstränge.

80 Minuten dauert Armstrongs Pressekonferenz. Er wird auf die Dopingvorwürfe angesprochen und antwortet, er habe niemals gedopt. Er spricht vom Kontrollverfahren eines amerikanischen Spezialisten, dem er sich freiwillig unterwerfe. Seine Rhetorik klingt sanft, aber dann fragt jemand, ob er nicht in einer No-win-Situation stecke: Gewinne er Rennen, werde sofort wieder ein Verdacht aufkommen - verliere er, könne man mutmaßen, er habe früher als Doper gesiegt. Armstrong überlegt. "Ja, mag sein, aber so betrachte ich die Sache nicht. Ich muss meinen eigenen Beweggründen gegenüber ehrlich sein."

Als er die letzte Antwort gegeben hat, springt er von seinem Stuhl auf, zieht die Kappe tiefer ins Gesicht und verlässt schnurstracks den Raum. Beim Abendessen sieht er müde aus, den Rotwein rührt er nicht an. Ein Teamkollege sagt später, die Pressekonferenz habe Lance so geschlaucht.

"Drei Regeln: Halte. Lance. Auf dem Laufenden"


Er mag Situationen nicht, über die er keine Kontrolle hat. Armstrong verabscheut Grauzonen, sie sind ihm zu kompliziert. Er teilt die Welt in feste Pole ein: Wer sich nicht ausdrücklich zu ihm bekennt, muss gegen ihn sein. "Ich glaube, jeder hat Angst vor ihm", sagt Floyd Landis, ein ehemaliger Teamkollege und überführter Doper. "Wenn du ihn nicht fürchtest, hast du nicht richtig aufgepasst."


Armstrongs Machtinstrument ist der Blackberry. Er nennt ihn "Crackberry", weil er abhängig von ihm ist. Sein Manager Bill Stapleton sagt: "Wir haben drei Regeln: Halte. Lance. Auf dem Laufenden. Nichts nervt ihn mehr, als irgendetwas nicht zu wissen." Er zieht seine Vertrauten eng an sich heran und hält sie trotzdem auf Distanz, um unabhängig zu bleiben. So funktioniert das System Lance Armstrong.

Doch jetzt kommt er nicht umhin, das System zu reformieren. Es muss weicher erscheinen. Früher war er die Hochleistungsmaschine, später, als Zweifel laut wurden an seiner Glaubwürdigkeit, reagierte er oft mit lautem Grollen. Seine Position hat sich verändert. Als Weltkrebsbekämpfer benötigt er diplomatisches Geschick. 300 Millionen Dollar Spenden sammelte die Lance Armstrong Foundation in den zwölf Jahren seit ihrer Gründung, es soll noch viel mehr Geld werden. Ihr Übervater ist in Amerika eine gesundheitspolitische Größe geworden. Armstrongs Ausrüster Nike unterstützt die Stiftung mit einer Anzeigenkampagne, in seinem Blackberry stehen die Nummern von Familie Bush, den Clintons, Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi.

Womöglich ist das der Plan hinter dem Comeback: Armstrong hat eine Zukunft für sich entdeckt. "Lance will sein schlechtes Image säubern", sagt David Walsh. "Die Leute sollen glauben: Er wird so oft auf Doping getestet, also wird er sauber sein. Das heißt dann: Früher war er es auch."

Walsh, 53, ist Sport-Chefreporter bei der Londoner "Sunday Times". Er hat mehrere Bücher über Armstrong verfasst. Dafür hatte er mit einstigen Weggefährten gesprochen, medizinische Werte analysiert, Ungereimtheiten entdeckt und einen Haufen Indizien zusammengetragen. Am Ende bleibt für ihn nur ein Schluss: Doping.

Er ist Armstrongs größter Feind.

"Walsh ist ein beschissener Drecksack, er ist ein Lügner. Die Sache ist ganz einfach die, dass er mich hasst und ich ihn hasse." So beschreibt es Armstrong.

"Das sagt er oft", antwortet Walsh, "aber es ist nicht wahr."

Walsh erzählt, er habe Armstrong anfangs sogar sehr gemocht, als der wilde, unerschrockene Jungprofi zu Beginn der Neunziger aus Austin, Texas, nach Europa gekommen war, "sein Enthusiasmus war wundervoll". 1993 sprachen sie bei einem Treffen stundenlang miteinander, und Walsh schrieb darüber in einem Buch über die Tour de France ein ganzes Kapitel, fast schwärmerisch im Ton.

Sie verloren einander aus den Augen, Armstrong erkrankte 1996 und kehrte zwei Jahre später zum Radsport zurück. 1999 fuhr er erstmals wieder die Tour, Walsh war dabei. Es war das Jahr nach dem Dopingskandal um das Festina-Team, die Rundfahrt wurde zur Tour der Erneuerung aufgeblasen. In einer Urinprobe von Armstrong wurde ein Kortikoid gefunden, ein rückdatiertes Rezept für eine Salbe führte dazu, dass der Test folgenlos blieb. Armstrong fuhr schneller als der Vorjahressieger nach Paris, aber das allein war es nicht, was Walshs Argwohn nährte. Christophe Bassons, ein französischer Fahrer, sagte öffentlich, es werde weiter im Feld gedopt. Darauf habe Armstrong ihm zu verstehen gegeben, er solle besser schweigen. "Statt Bassons zu ermutigen und sich mit ihm zu verbünden, weil er sich gegen Doping aussprach, wollte er ihn aus dem Rennen drängen", sagt Walsh, "das ist krank."

Von da an war die Frontlinie gezogen. In einem Punkt sind sich Armstrong und Walsh sogar ähnlich. Für Armstrong gibt es nur Pro oder Contra, Schwarz oder Weiß. Walsh teilt die Welt in Gut und Böse ein. Armstrong stand auf der anderen Seite.

Walsh arbeitete. Er deckte die Verbindung Armstrongs zu dem italienischen Mediziner Michele Ferrari auf, der vom Vorwurf des Sportbetrugs nur freigesprochen wurde, weil sein Vergehen verjährt war. Er traf sich mit Emma O'Reilly, einer ehemaligen Physiotherapeutin von Armstrong. Sie schilderte ihm, wie sie einen Beutel mit leeren Spritzen weggeschmissen, Tabletten weitergereicht und Schminke besorgt hatte, um Einstichstellen zu übertünchen. Walsh schickte O'Reilly die Abschrift des Gesprächs zum Gegenlesen, später auch das Buchkapitel vor dem Druck, um Einwände oder Missverständnisse auszuschließen.

Zeugen wie der einstige Teamkollege Frankie Andreu und dessen Frau Betsy tauchten auf und erzählten, sie seien dabei gewesen, als Armstrong im Oktober 1996 nach einer Krebsoperation an der Uni-Klinik von Indiana Doping gestanden habe. Ob er in der Vergangenheit leistungssteigernde Mittel genommen habe, soll er von Krankenhausärzten gefragt worden sein, und die Antwort habe gelautet: Epo, Steroide, Wachstumshormon, Kortison, Testosteron.

"L.A. Confidentiel, Les secrets de Lance Armstrong"


All das bestreitet Armstrong. Er widerspricht O'Reilly und sagt auch, das Gespräch, von dem die Andreus berichten, habe es nie gegeben.

Am dichtesten dran an einem Beweis war 2005 die französische Sporttageszeitung "L'Equipe". Ein französisches Anti-Doping-Labor hatte gut 150 ältere Urinproben von der Tour de France mit einer neuen Testmethode kontrolliert, ohne zu wissen, von wem sie stammten. In zwölf der codierten Proben von 1999 fanden sich Spuren von Epo. "L'Equipe" entschlüsselte die Codes und ordnete sechs Fälle Armstrong zu. Da es kein offizieller Dopingtest war, hatte er keine Beweiskraft.

Auf Anschuldigungen hat Armstrong meist lauthals mit Klagen gedroht, bis in den Gerichtssaal aber hat er eine Sache kaum einmal verfolgt. Lieber hat er Vorwürfe leise aus der Welt geschafft, seine Anwälte galten lange als gefürchtet.

Walsh glaubt, schon gespürt zu haben, wie weit Armstrongs Macht reicht. Als er und sein Mitautor Pierre Ballester 2004 für ihr Enthüllungsbuch "L.A. Confidentiel, Les secrets de Lance Armstrong" einen Verlag suchten, der es auf Englisch herausbringen sollte, fanden sie keinen. Belege, dass Armstrong dahintersteckte, gab es nie. Und Walshs neuestes Werk "From Lance To Landis" erscheint in New York, ohne dass Armstrong bislang dagegen vorgegangen wäre.

Eine Menge belastendes Material ist publik geworden in all der Zeit, und Walsh plant mit Ballester das nächste Buch. Dass Armstrong wieder fährt, hat Walshs Sinne geschärft. Er sagt: "Es eröffnet uns die Chance, mehr herauszufinden. Ich bin davon überzeugt, dass er unterschätzt, wie sehr die Vorfälle während seiner Abwesenheit die Sicht auf den Radsport verändert haben." Walsh will um ein Gespräch bitten, natürlich, obwohl er ahnt, dass er keinen Termin bekommen wird, natürlich nicht. Armstrong hat ihm vor fast acht Jahren das letzte Interview gegeben.

Lieber greift der zu seinem engsten Verbündeten, dem Blackberry. Armstrong ist dabei, eine Gegenöffentlichkeit zu kreieren, und das Internet ist das ideale Medium dafür. Seine Blutwerte will er offenlegen, vor allem aber legt er dort sein Leben offen. Alle paar Stunden sendet er von seinem Handy aus Kurzmeldungen in das Blogger-Forum twitter.com.

Es sind meist Banalitäten, die so im Netz landen, aber twittern ist ungemein populär. Mit ein paar Tastendrücken kann jeder Mensch zu jeder Zeit die Welt teilhaben lassen an seinem Dasein. Twittern ist der ganz persönliche Nachrichtenfluss.

Armstrong tippt in den Blackberry: "Frühstück gehabt und fertiggemacht für eine Fahrt. 6 Stunden heute." - "Gerade von einem Nickerchen aufgewacht. Nett." - "Ratet mal?!? Dopingkontrolle. Nummer 10. Irreal." - "Im Chuys gegessen. Eins von Austins Besten. Hatte einen 'Big as yo face'-Burrito."

Er zeichnet das Bild eines Menschen, der Grillrestaurants mag, hart trainiert, sich um seine drei Kinder kümmert, Freunden zum Geburtstag gratuliert, auch sonst viel Gutes tut, lustige YouTube-Videos anschaut, auf denen Leute ausrutschen, und der sich fortlaufend Dopingtests unterzieht. Ein Kumpel, der nicht schlecht sein kann und vor allem ehrlich ist. Der Anti-Walsh. Nachprüfen kann die Angaben keiner. Armstrong schreibt, was er will, und damit führt er seinen Gegenangriff.

Wohin ihn sein Kampf letztendlich führen soll, weiß er das? Armstrong plant, mehr Rennen denn je zu fahren, in Australien, Amerika, Europa, er will erstmals beim Giro d'Italia antreten und wieder bei der Tour de France, dem Schlüsselrennen seiner Karriere. Es könnte ein dreiwöchiger Reklamefeldzug für eine Veranstaltung werden, die an die Tour anschließt, wenn alles klappt. Armstrong will mit seiner Stiftung am 28. Juli in Paris den ersten globalen Krebs-Gipfel eröffnen, mit den Mächtigen der Weltpolitik als Teilnehmern, bestimmt Bill Clinton, wahrscheinlich Sarkozy, vielleicht sogar Barack Obama. Sie alle würden mit dem Flugzeug oder der Staatslimousine anreisen. Nur Armstrong käme auf dem Fahrrad. Als Weltkrebspräsident.

Er würde das größte Radrennen der Welt zu seiner Auffahrtrampe machen und somit kleiner als das Ereignis, das er selbst erschaffen hat. Auch so funktioniert das System Armstrong.

David Walsh glaubt, Armstrong habe einen Masterplan, der in die Politik führt. Armstrong sagt: "Es ist in meinem Kopf. Aber du musst den Moment erwischen, in dem du merkst, ich will das, es bringt mir was. Bei meiner Entscheidung für das Comeback war das so. Du kannst nicht für ein politisches Amt kandidieren, ohne solch einen Moment zu haben. Es ist dein Ego. Du musst dich hinsetzen und sagen: 'Ich kann das besser als dieser oder jener, diese Gruppe oder jene Seite.'"

Gouverneur von Texas zu werden, das gibt er zu, reize ihn. Amerika mag Seiteneinsteiger in die Politik, ein Schauspieler und ein Erdnussfarmer haben es sogar bis ins Weiße Haus geschafft. Und Arnold Schwarzenegger, der ehemalige Weltmeister im Bodybuilding, ist heute Gouverneur von Kalifornien, obwohl er vor ein paar Jahren zugab, Steroide genommen zu haben, um seinen Körper aufzupumpen.

Seine Karriere könnte ein Vorbild für Lance Armstrong sein.

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