Tiere Einwanderer auf der Abschussliste
Die Schwäne umkreisen einander, leise Lockrufe zischelnd, biegen die langen Hälse zurück und kommen sich mit gesenktem Schnabel näher, bis sie gemeinsam ein Herz bilden. Hinter ihnen, am anderen Ufer des Sees, ragen verschneite Berggipfel in tiefhängende Wolken. Ein paar Sonnenstrahlen dringen durch das Grau und bringen die Wasseroberfläche zum Funkeln.
"Wie wunderbar, dass sie sich nicht von uns stören lassen", wispert Markus Krebser, 72. Der Wasservogelzüchter steht in seinem herrschaftlichen Garten am Ufer des Thunersees im Kanton Bern und blickt andächtig auf die balzenden Vögel. Es sind australische Trauerschwäne, prächtige Tiere mit roten Augen, rotem Schnabel - und schwarzem Gefieder. Sie sind viel hübscher als die weißen Höckerschwäne.
Doch was aussieht wie ein postkartenkitschiges Bild voller Schönheit und Romantik, erscheint vielen Schweizern als handfeste Bedrohung: In der Schweiz haben Schwäne nun einmal weiß zu sein. Schwarze Schwäne sind keine eidgenössischen Schwäne. Sie sind illegale Einwanderer, Krebser hätte sie nie frei fliegen lassen dürfen. Denn Tiere, die nicht zur einheimischen Artenvielfalt gehören, dürfen nicht ausgesetzt werden.
Dass sich der Vogelliebhaber nicht daran gehalten hat, bringt Reinhard Schnidrig, 48, in Rage. Notfalls mit Waffengewalt will der eidgenössische Jagdinspektor jetzt "den illegalen Schwarzschwan" stoppen. Nach dem Gesetz müsse die Ausbreitung fremder Arten in der Schweiz unterbunden werden. Zwar lebten bislang nur etwa ein Dutzend Schwarzschwäne auf dem Thunersee - doch ein paar Vorwitzige seien bereits bis zum Genfer See vorgedrungen.
Leider begreift die Bevölkerung den Ernst der Lage nicht: Landesweit werden Schnidrig und seine Mitarbeiter in den Medien als fremdenfeindliche Paragrafenreiter angeprangert. "Gilt auch bei Tieren die Rassendiskriminierung?", fragt ein "entsetzter" Leser in der "Berner Zeitung". Ein anderer schreibt: "Wie lange geht es, bis wir auch die Schwarzen (Menschen) ausweisen?"
Der neugegründete Verein "Thunersee - Schwanensee" setzt sich dafür ein, dass der Schwan des Anstoßes dieselben Rechte erhält wie die einheimischen Höckerschwäne. Unterstützt werden die Vogelfreunde ausgerechnet von der rechtspopulistischen SVP, die unlängst mit Plakaten warb, auf denen drei weiße Schafe auf der Schweizer Flagge stehen und ein schwarzes Schaf wegkicken. Schwarze Schwäne hingegen sind offenbar unverdächtig - und so poltern SVP-Politiker nun gegen Schnidrig, den "unterbeschäftigten eidgenössischen Oberbürokraten".
Der bittet in sein Büro im Bundesamt für Umwelt in Bern, er will erklären, wie es zu diesem bedauerlichen Missverständnis kam. "Nach Bundesrecht ist der Fall klar: Der Schwarzschwan ist eine fremde Art und als solche nicht erwünscht", sagt Schnidrig. Er spricht im sanften Singsang der Bergbewohner aus dem Wallis, den andere Schweizer nur mit Mühe verstehen. "Deshalb haben die Kantone den Auftrag, ihn zu entfernen."
Leider hätten die Behörden des Kantons Bern dem Treiben des Vogelzüchters viel zu lange untätig zugesehen und sich dann auf einen Kompromiss eingelassen, der dem Gesetz widerspreche: Zehn fremde Schwäne sollten auf dem See geduldet werden. Damit sie sich nicht vermehrten, zerstörten Wildhüter ihre Eier. "In der Zwischenzeit haben die Menschen die Schwäne ins Herz geschlossen, und nun ist es schwer, ihnen die Problematik begreiflich zu machen", jammert Schnidrig.
Aber was ist denn eigentlich so schlimm an ein paar Schwänen mit exotischem Federkleid? Der Jagdinspektor schnaubt. "Ja, was soll ich denn einem anderen Züchter sagen, der das Gefühl hat, im Stadtpark würden sich Wellensittiche gut machen? Oder Kängurus?"
Es gehe aber nicht nur ums Prinzip, betont er: Fremde Arten seien oft frecher und dominanter und verdrängten die einheimischen. Zudem brächten sie häufig Krankheitserreger mit.
Schützenhilfe erhält Schnidrig von Naturschutzverbänden wie Pro Natura und dem Schweizer Vogelschutz. Der oberste Vogelschützer heißt Werner Müller und sitzt in Zürich. Er zeigt eine Grafik mit einer Kurve, die erst waagerecht verläuft und dann exponentiell ansteigt. "Hier sieht man, wie das mit der bei uns nicht einheimischen Rostgans gelaufen ist", erklärt Müller. Die Rostgans sei 1963 in der Schweiz ausgesetzt worden. Drei Jahrzehnte lang habe sie sich unauffällig verhalten, aber dann habe sie sich plötzlich unkontrollierbar vermehrt. "Jetzt schießen die Behörden sie ab", sagt Müller drohend. "Wir müssen verhindern, dass dasselbe mit dem Schwarzschwan passiert."
Vogelzüchter Krebser beteuert, dass er das Gesetz respektiere. Er habe anfangs auch ein schlechtes Gewissen gehabt, als er seine Schwäne fliegen ließ. "Aber die Begeisterung der Leute hat mich bestärkt." Und was Bund und Kanton jetzt von ihm verlangten, sei "schlicht unmöglich".
Die Behörden sind bereit, weiterhin maximal zehn schwarze Schwäne zu tolerieren - aber nur in einem exakt festgelegten Umkreis auf dem Thunersee. Übertritt einer der Vögel die imaginäre Linie, droht ihm der Abschuss. Zudem soll Krebser seinen Garten mit einem Netz abdecken, um die übrigen Schwäne sowie diverse exotische Gänse am Ausbüxen zu hindern.
Krebser hat Beschwerde gegen die Verfügung eingelegt. Sollte er Erfolg haben, drohen die Naturschutzverbände ihrerseits mit rechtlichen Schritten. Auch der Verein "Thunersee - Schwanensee" will den Streit bis zum Bundesgericht ausfechten.
Die beiden balzenden Schwäne haben ihren Besitzer bemerkt. Sie lassen voneinander ab und schwimmen erwartungsvoll ans Ufer. Leise ächzend geht Krebser in die Hocke und wirft ihnen eine Handvoll Futter hin. "Ich könnte es nicht übers Herz bringen, sie einzusperren", sagt er. "Lieber gebe ich sie fort."