Ski Alpin: In freiem Fall - DER SPIEGEL
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Ski Alpin In freiem Fall

Nach schweren Unfällen beklagen Abfahrtstars wie der Amerikaner Bode Miller immer riskantere Strecken: Sie gefährdeten das Leben der Läufer, weil den Veranstaltern das Spektakel wichtiger sei als die Sicherheit der Sportler.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Scott Macartney im Ziel abschwingt, ruft der Renn-Moderator im Skistadion von St. Christina im Grödnertal: "Schön, dass dieser Mann wieder unter uns ist." Die Zuschauer applaudieren. Macartney winkt ihnen zu. Er sieht aus wie ein Sieger.

Ein paar Stunden nach dem Rennen auf der Saslong-Abfahrt sitzt er im Mannschaftshotel in Wolkenstein. Er grinst. Er ist gut gelaunt. Er landete auf Rang 15, ein Ergebnis zum Vergessen. "Und doch irgendwie ein Wunder", sagt er.


Vor einem Jahr dachte man, die Karriere Macartneys sei vorbei. Beim Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel ging er mit 140 km/h über den letzten Sprung vor dem Ziel. Er flog zu weit, verlor in der Luft die Balance und schlug seitwärts auf die Piste. Durch die Wucht des Aufpralls riss ihm der Helm vom Kopf. Macartney rutschte bewusstlos in den Zielraum. Dort blieb er liegen. Sein Körper zuckte noch ein paar- mal. Dann war es still.

Es war einer der brutalsten Stürze des vorigen Winters. Er löste die übliche Betroffenheit unter den Kollegen aus, die in offene Wut umschlug, als sich der Rennleiter der Hahnenkamm-Abfahrt zu Wort meldete. Peter Obernauer, 64, erklärte: "Der Ami hat halt geglaubt, er muss in der Hocke über die Kante hupfen, da hat es ihn in der Luft verrissen." Er hätte auch sagen können: selbst schuld.

Der Unfall Macartneys hat das Vertrauen der Läufer in die Rennveranstalter erschüttert. Vielleicht auch wegen der Kommentare von Obernauer. Unter den Profis wird über die Sicherheit bei den Rennen debattiert. Der Gesamtweltcupsieger Bode Miller erklärte beim Saisonauftakt in Sölden, dass es Rennen gebe, bei denen "mit dem Leben der Läufer" gespielt werde. Hinter vorgehaltener Hand sagen Athleten, manche Veranstalter seien nur darauf aus, dem Publikum das heftigste Spektakel zu bieten. Und immer fällt ein Name: Kitzbühel.

Die Hahnenkamm-Abfahrt führt aus einer Höhe von 1665 Metern hinunter bis ins Tal, im Volksmund wird sie "Streif" genannt. Sobald ein Rennläufer das Starthaus verlässt, befindet er sich in einer Art freiem Fall. Innerhalb von sechs Sekunden beschleunigt er auf Tempo 100. Mit dieser Geschwindigkeit geht es auf die "Mausefalle" zu, einen monströsen Sprung, bei dem die Fahrer bis zu 80 Meter weit fliegen. Gleich nach der Landung kommt eine Kompression, die die Beinmuskulatur beben lässt, danach ein weiterer Steilhang mit 62 Prozent Gefälle, in dem man nicht die Linie verlieren darf, weil man sonst frontal in einem Fangzaun landet.

Das sind nur die ersten 30 Sekunden auf der Streif.

Peter Obernauer sitzt in der warmen Stube auf der hellen Holzbank. Er hat die Hände im Schoß gefaltet. Er sagt: "Wir zwingen niemanden, da runterzufahren."

Der Tiroler war auch mal Rennläufer. Mit 19 Jahren stürzte er in Kitzbühel. Es gab noch keine Fangnetze. Er flog in den Wald. Sehnen und Knie waren kaputt. Er fuhr danach nur noch Rennen auf dem Skibob. "Der Hahnenkamm hat mich gefressen", sagt er.

Aber die "Streif" ist auch sein Leben. Seit 30 Jahren präpariert Obernauer die Piste. Er erlebte, wie aus einem Skirennen ein Gesellschaftsereignis wurde, zu dem sich Prominente mit dem Hubschrauber einfliegen lassen. Er feierte die Siege von Franz Klammer. Er sah, wie sich der Deutsche Klaus Gattermann 1985 an der Hausbergkante neunmal überschlug.

Macartney? "Ja, grausig war des scho", brummt er. "Aber die Streif ist die Streif. Es ist das schwierigste Rennen der Welt", sagt Obernauer. Er spricht mit Stolz in der Stimme. Es ist auch sein Titel.

Die Abfahrt ist das Premium-Produkt des Skisports. Zu den traditionsreichen Rennen in Kitzbühel, Wengen oder Garmisch kommen bis zu 45.000 Zuschauer. Die VIP-Logen sind immer voll besetzt. Die Inszenierung der Show übernimmt die Rennleitung. Abfahrtsrennen müssen spektakulär sein, damit sich die Zuschauer unterhalten fühlen, damit die TV-Quoten stimmen. Aber sie dürfen nicht mörderisch werden, sonst wendet sich das Publikum angewidert ab. Es sei eine "Gratwanderung", sagt Obernauer.

Die Sicherheitsstandards im Weltcup sind hoch. Es starten keine Exoten und Bruchpiloten mehr. Die Pisten sind so präpariert, dass jeder Sportler ein Geläuf ohne Furchen und Löcher hinuntergleiten kann. Kritische Passagen sind mit Batterien aus Fangnetzen abgesichert, die selbst einen direkten Aufprall mit Höchstgeschwindigkeit stufenweise so abbremsen, dass der Havarist ohne innere Verletzungen davonkommen kann.

Dennoch kommt es zu schlimmen Unfällen. Silvano Beltrametti durchschlug 2001 bei einem Rennen in Val d'Isère einen Sicherheitszaun und prallte gegen einen Felsen. Der Schweizer ist querschnittsgelähmt. Vergangenen März musste dem Österreicher Matthias Lanzinger nach einem Unfall bei einem Weltcup in Norwegen der linke Unterschenkel amputiert werden. In dieser Saison gab es kaum ein Abfahrtsrennen, in dem nicht mehreren Läufern nach Stürzen oder wegen zu hoher Belastungen bei Kurvenfahrten oder Sprüngen Bänder oder Sehnen zerfetzten.

Es sind Kollateralschäden in einem Sport, der immer riskanter wird. Damit die Pisten ein Rennen durchhalten, werden sie komplett vereist. Gefahren wird auf Skiern, mit denen man in Kurven, die eigentlich das Tempo bremsen sollen, beschleunigen kann. Beim Wettkampf tragen die Läufer zwar einen Helm, ansonsten aber nichts weiter als den dünnen Rennanzug.

Abfahrtsprofis sind es gewohnt, im Grenzbereich zu fahren. Aber zu oft werden sie überfordert. Beim Weltcup in Bormio am zweiten Weihnachtsfeiertag stürzten bereits im Training Fahrer. Der Österreicher Christoph Gruber schimpfte, es sei "lebensgefährlich".

Günter Hujara, 56, ist bei jeder Weltcupabfahrt schon am Berg, wenn die Rennläufer noch schlafen. Der Schwarzwälder ist der Renndirektor des Weltverbands Fis. Seine Aufgabe ist es, Rennstrecken in Zusammenarbeit mit lokalen Chefs wie dem Kitzbüheler Peter Obernauer so zu gestalten, dass die Fahrer heil ins Ziel kommen. Es ist der wichtigste Job im Weltcup.

"Wir können den Berg nicht in Watte packen"

Hujara hat viele Möglichkeiten, eine Piste zu entschärfen. Wenn ein Sprung zu weit geht, kann er ihn zum Beispiel abtragen lassen. Hujara muss aber aufpassen, dass es nicht zu gemütlich wird, weil sich sonst die Fernsehregie beschwert.

Mit einer Rennjury entscheidet Hujara auch darüber, ob ein Wettkampf überhaupt gestartet werden kann oder nicht. Er steht unter enormem Druck. Er war selbst Rennläufer. Er weiß, was Profis riskieren. Aber er weiß auch, was ein Rennen kostet. 5,5 Millionen Euro beträgt der Etat in Kitzbühel. Hujara muss Sponsoren eine Menge erklären, wenn er so ein Event abbläst.


Ihn nervt die Sicherheitsdebatte. Er sagt: "Wir können den Berg nicht in Watte packen, wir tun alles für ein Maximum an Sicherheit - aber auch dem besten Arzt stirbt mal ein Patient." Hujara fordert mehr Eigenverantwortung der Läufer. Jeder Abfahrer besichtige schließlich vor dem Rennen die Strecke. Er unterschreibt eine Athletenerklärung, womit er bestätigt, dass er weiß, was er sich antut, wenn er bei einer Weltcupabfahrt startet. Trotzdem wird ständig gemeckert.

Für die Athleten sind die Rennchefs wichtige Partner. Sie müssen sich auf sie verlassen können. Sie müssen ihnen fast blind vertrauen können. Rennläufer funktionieren nach einer eigenen Psychologie. Sie haben ihr Leben lang gelernt, möglichst schnell zu fahren und im Zweifel immer das Risiko zu suchen. Wenn man sie loslässt, folgen sie "antrainierten Instinkten", sagt der Liechtensteiner Abfahrtsspezialist Marco Büchel: "Wir geben Vollgas."

Es darf dann keine bösen Überraschungen geben, sonst kommt es zu Unfällen. Ein Sprung darf im Wettkampf nicht plötzlich weiter gehen als noch im Training am Tag zuvor. Das ist die Verantwortung, die Männer wie Hujara oder Obernauer übernehmen.

Abfahrten liefern die spektakulärsten Bilder des Skiweltcups. Bilder von Männern, die in maximaler Schräglage Eishänge durchfahren oder bei einem Sprung durch die Luft fliegen. Je berüchtigter eine Strecke ist, desto größer das Zuschauerinteresse. Und wenn bereits im Training viele Athleten Probleme haben, heizt das die Stimmung für den Renntag nur an. Rennläufer Büchel, einer der dienstältesten Abfahrer im Weltcup, glaubt, dass es ein Wettrennen gibt um den Titel: "Wer hat die schwierigste Abfahrt der Welt?"

Im Dezember 2007 gab es in Bormio ein Rennen, von dem danach manche Athleten sagten, es sei das heftigste aller Zeiten gewesen.

Dann kam drei Wochen darauf die Abfahrt in Kitzbühel, und es war noch heftiger. Der "Hausberg", ein von Kameras und Zuschauern gut einsehbarer Hang nahe dem Ziel mit 69 Prozent Gefälle, der schräg durchfahren werden muss, war zerfurcht von Rippen und Löchern. Viele Läufer verloren fast die Kontrolle. Aber spektakulär sah es natürlich schon aus.

Obernauer sagt, wegen des vielen Schnees sei es unmöglich gewesen, den Hausberg ideal zu präparieren. Ein Läufer, der bei dem Höllenritt unter die besten 20 kam, glaubt: "Die haben die Schläge dringelassen. Sie wollten ihren Ruf als schwierigste Abfahrt der Welt wahren. Es ging ums Prestige."

Bode Miller beschimpfte damals die Veranstalter als gewissenlose Offizielle, während sein Teamkollege Macartney schon mit einem Schädel-Hirn-Trauma im künstlichen Koma im Krankenhaus lag.

Funktionär Hujara sagt heute, Miller habe nur überreagiert. "Bode macht viele dumme Äußerungen. Aber die haben immer einen Hintergrund. Wenn er sich beklagt, es ist zu heftig, dann ist das ein Hilferuf; er will sagen: Bremst mich. Ich werde zu schnell. Er will Zügel. Weil er es sonst übertreibt." Vielleicht ist Hujara ein guter Psychologe. "Vielleicht deutet sich da aber auch einer die Welt zurecht", meint Büchel.

Er gewann voriges Jahr in Kitzbühel den Super-G. Er liebt den Hahnenkamm, weil sich da "die Spreu vom Weizen trennt". Büchel vertraut den Rennchefs. Was ihm fehlt, ist eine bessere Form der Zusammenarbeit. "Wir wollen alle das Gleiche. Spannende Rennen, die maximale Sicherheit. Aber oft glaubt man, die wollen nur, dass wir die Klappe halten und fahren."

Im Dezember gab es erstmals ein Treffen der Topläufer mit Hujara. Man nannte es "Sicherheitsgipfel". Eine "flotte Geschichte", sagt der Schweizer Didier Cuche, Weltcupgewinner in der Abfahrt, der auch dabei war. Aber warum erst jetzt?

Cuche ist ein Spezialist für Sprünge. Voriges Jahr bei einem Trainingslauf in Kvitfjell in Norwegen riet er, einen Sprung abzutragen. Die Rennleitung funkte ins Starthaus, die Läufer sollten vorsichtiger über die Kante gehen. Der Deutsche Stephan Keppler war nicht vorsichtig genug, landete hart und erlitt eine Knieverletzung.

Hujara fragt: "Warum hat der nicht auf uns gehört?" Cuche meint: "Warum haben die nicht auf mich gehört? Dann hätte es gar nicht so weit kommen können."

Matthias Lanzinger, 28, sitzt etwas unbequem am Tisch. Sein linker Unterschenkel ist eine Prothese. Der Österreicher war ein talentierter Rennläufer. Er hat den Weltverband verklagt.

Sein Unfall im März war ein Drama. Vor dem Start sprach er noch mit Hujara. Sie machten Witze. Es ist das Letzte, an was Lanzinger sich erinnern kann.

Er behauptet nicht, die eisige Piste sei an dem Sturz schuld gewesen. Es war ein Fahrfehler. Er kollidierte mit einem Streckentor. Dabei brach wohl bereits der linke Unterschenkelknochen. Weil es keinen Widerstand mehr gab, ging die Bindung nicht auf. Lanzingers Bein wurde regelrecht abgedreht.

Es dauerte lange, bis er damals in der Klinik war. Er glaubt, es wurden Fehler beim Transport und der Versorgung gemacht. Lanzinger will Schadensersatz. Er sieht sich auch als Opfer einer Lücke im Notfallplan. Er will, dass sich der Weltverband damit befasst. Es soll nicht einfach so weitergehen. "Mir geht es darum, Fehler für die Zukunft abzustellen", sagt Lanzinger.

Er ist ein tapferer Mann. Er hegt keinen Groll. Am übernächsten Samstag wird er in Kitzbühel bei der nächsten Auflage des Hahnenkamm-Rennens zugucken.

Es wird wieder eine gute Show geben. Ein paar Rollen sind neu verteilt. Lanzinger, der einstige Rennfahrer, schreibt jetzt Kolumnen für eine Zeitung. Den Amerikaner Macartney wird man als das Streif-Opfer aus dem Vorjahr besonders warm empfangen. Ansonsten, so Rennchef Obernauer, bleibt alles gleich.

"Eine Challenge muss scho sein, sonst wär' die Streif ja tot", sagt er.

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