Ortstermin Die Helmperspektive
Manfred Krauter versucht sein Schutzhelmunternehmen ganzheitlich zu führen, sagt er, aber es gibt Zeiten, da stürzen so viele Dinge gleichzeitig auf ihn ein, dass er sie ganzheitlich kaum noch erfassen kann. Zeiten wie diese.
Gestern war das Abschlussspringen der Vierschanzentournee in Bischofshofen, und Andreas Küttel aus der Schweiz, der Krauters Casco-Helm trägt, sprang den anderen Athleten nur hinterher. Heute wird die Frau beerdigt, die beim Skiunfall mit Thüringens Ministerpräsident Althaus starb. Morgen fährt Krauter zu seinem Ausrüster im Vorarlberg, um die Strategie für den internationalen Skilehrerkongress abzusprechen. Und draußen schneit es ununterbrochen. Das alles hängt miteinander zusammen, wenn man die Welt aus der Perspektive von Manfred Krauter betrachtet, und das ist die Helmperspektive.
Krauter war in seiner Jugend Motocrossfahrer, er ist ein paarmal auf den Kopf gestürzt und beschäftigt sich seitdem mit Helmen. 1989 gründete er in der Doppelgarage seiner Eltern in Schorndorf bei Stuttgart ein Unternehmen und nannte es Casco, weil Casco auf Spanisch und Italienisch Helm heißt. 1995 zog Casco nach Bretnig-Hauswalde in Sachsen, vor drei Jahren bewegte Krauter die Produktion nach Rumänien, wo Arbeitskräfte und Bodenpreise noch billiger waren. In Sachsen sitzen nur noch die Geschäftsführung, die Entwicklung und der Vertrieb. Deutschland war nicht mehr machbar, sagt Krauter. Zu unflexibel, zu teuer.
"Als mittelständischer Unternehmer muss man in der globalen Welt vorausschauend handeln, um mithalten zu können", sagt er. Doch manche Dinge kann man nicht voraussehen.
Krauter war auf dem Weg von seinem rumänischen Werk nach Hause in die Oberlausitz, als er vom Skiunglück des Ministerpräsidenten hörte. In Rumänien lief bereits die Frühjahrsproduktion von Casco, Fahrrad- und Reithelme. Der Winter war für den Helmmann Krauter vorbei.
Manfred Krauter betrachtet die Leute, die sich im Fabrikverkauf seiner Firma drängeln. Dieter und Elke Schneider sind 80 Kilometer aus Riesa hergekommen, um sich den Casco Powder zu holen, den aktuellen Skihelmsieger der Stiftung Warentest, der in Riesa bereits ausverkauft ist. Herr Schneider sagt, "die Althaus-Sache war der i-Punkt", Frau Schneider schaut nervös zu den Schauvitrinen, die sich immer mehr leeren. Gestern standen die Menschen Schlange vor der Fabrik. Ein Händler aus Bautzen lud sich seinen Bus voll, hundert Helme zwischen 70 und 200 Euro, heute sind sie alle verkauft. Die Lager sind leer.
Krauter kann sich über den Andrang nicht vorbehaltlos freuen, weil der seinen ganzheitlichen Ansatz in Frage stellt. Er will Kunden durch modische Aspekte zum Helm bringen, sagt er. In der neuen Kollektion hat er den "SP-3 Swarovski", einen schwarzen Skihelm, der mit Swarovski-Kristallen besetzt ist. Der kostet 300 Euro. Er hat Helme aus Bambus und Helme aus amerikanischer Eiche, denn er setzt auf nachwachsende Rohstoffe.
Er rüstet Spitzenathleten aus wie Ole Einar Björndalen, den besten Biathleten der Welt. Er hatte auch schon den Springer Martin Schmitt und die Läuferin Hilde Gerg unter Vertrag, die populärsten deutschen Skisportler. Vor ein paar Tagen hat er 50 Berliner Bundestagsabgeordnete mit SP-Airwolfs ausgerüstet, auf der Stirn der Helme schwingt ein Abfahrtsläufer vor der Reichstagskuppel ab. Hansi Hinterseer fährt mit Krauters Produkten in Kitzbühel den Berg runter. Hansi Hinterseer - ein singender, ständig lachender Skifahrer mit blonder Schüttelfrisur. Das ist doch der ganzheitliche Ansatz in einer Person.
Was soll er denn noch machen? Es gibt so wenig Gewissheiten. Er hat gehört, dass der Herr Althaus bei seinem Unfall keinen Casco-Helm getragen habe. Aber wenn das stimmen sollte, wisse er nicht, ob es eine gute oder eine schlechte Nachricht für die Firma Casco wäre. Es liegt auch nicht nur am Althaus, sagt Krauter. Die Leute sind im Moment alle ein bisschen wackelig und schwer zu berechnen.
Das Ehepaar Ottike ist zum Beispiel 60 Kilometer aus Meißen herübergefahren, um sich Helme zu kaufen, die es eigentlich gar nicht will.
"Helme stehn mir nicht", sagt Frau Ottike.
"Ich fahr seit 50 Jahren Ski und hab mir sämtliche Bänder gerissen, die es im Knie gibt, hatte aber nie eine Kopfverletzung. Wahrscheinlich liegt's an meiner Falltechnik", sagt Herr Ottike. Dann tragen die beiden ihre neuen Helme zum Auto und fahren 60 Kilometer zurück nach Hause.
Manfred Krauter ahnt, dass Sicherheit eine weiche Größe ist. Er zum Beispiel raucht wieder, sagt er, weil man sowieso nicht alles im Griff hat. Als er mit der Produktion nach Rumänien zog, steckten ihm ein paar Wütende das Haus an. Hätten die Hunde nicht gebellt, wäre er mit Frau und Tochter erstickt, sagt er. Er schaut auf den Bundestagshelm, der auf einer Säule thront wie der Kopf eines griechischen Gottes.
"Wir leben in Krisenzeiten. Da werden die Leute dünnhäutig und vorsichtig", sagt Krauter. "Und wer vorsichtig ist, greift zum Helm." Es ist beruhigend, die auseinanderfallende Welt aus dieser Perspektive zu betrachten. Da sieht auch der Klimawandel nicht so schlimm aus. Er hat nachgedacht, und er denkt sich das so: Je weniger Schnee liegt, desto weniger Leute fahren Ski. Skifahren wird zum Luxus, und für Luxus geben die Leute viel Geld aus. Dafür hat er dann den Swarovski-Helm. Er sorgt vor für die Erderwärmung, aber draußen schneit es immer noch. Ganzheitlicher geht's im Moment nicht.
Am Sonntag stellen sie im Casco-Werk in Rumänien für eine Woche die Zeit wieder auf Winter um.