SPIEGEL-Gespräch mit Angelina Jolie: "Familie ist uns wichtiger als Film" - DER SPIEGEL
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SPIEGEL-Gespräch "Familie ist uns wichtiger als Film"

Oscar-Preisträgerin Angelina Jolie über ihre Rolle in "Der fremde Sohn", sechsfaches Mutterglück und ihren langsamen Abschied vom Showgeschäft
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Ms. Jolie, in Ihrem neuen Film "Der fremde Sohn" spielen Sie eine allein erziehende Mutter, deren Kind plötzlich verschwindet. Haben Sie diese Rolle bekommen, weil Sie die berühmteste Mutter der Welt sind?

Jolie: Das glaube ich nicht. Es war eher Glück. Aber meine Erfahrung als Mutter hat mir geholfen, die reale Christine Collins - die Figur, die ich spiele - besser zu verstehen.

SPIEGEL: Noch vor ein paar Jahren wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, Ihnen eine Mutterrolle anzubieten. Ihr damaliges Image als junge Wilde hätte schlecht dazu gepasst.

Jolie: Das mag sein.

SPIEGEL: Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit im Los Angeles der späten zwanziger Jahre. Weil die Polizei den verschwundenen Sohn nicht findet, versucht man, der Mutter ein fremdes Kind unterzuschieben. Und als die Frau sich dagegen wehrt, wird sie in die Psychiatrie gesperrt.

Jolie: Obwohl die Polizei sie massiv unter Druck setzte, den fremden Jungen endlich als ihr vermisstes Kind zu akzeptieren, hat Christine Collins der korrupten Polizei die Stirn geboten, und sie hat sich in ihrer dramatischen Situation auch noch für andere eingesetzt. Sie konnte über sich hinausblicken, und das ist etwas, das ich edel nenne. Die meisten Menschen wären einfach nur zusammengebrochen vor Angst und Schmerz.

SPIEGEL: Und Sie? Wären Sie zusammengebrochen?

Jolie: Ich glaube nicht.

SPIEGEL: Es heißt, Sie hätten in Christine Collins Eigenschaften Ihrer 2007 verstorbenen Mutter wiedererkannt?

Jolie: Sehr sogar! Meine Mutter war eine sehr, sehr sanfte Frau, sie wurde niemals laut. Und sie war so schüchtern, dass es ihr schwerfiel, im Flugzeug neben einem Fremden zu sitzen. Aber wenn sich irgendjemand unfair zu meinem Bruder oder mir verhielt, dann wuchs sie über sich selbst hinaus. Sie war von ganzem Herzen Mutter, und sie hat ihre Sache besser gemacht als jede andere Mutter, die ich kenne. Und genau so war Christine Collins.

SPIEGEL: Ihre Mutter hat für Sie und Ihren Bruder ihre Karriere als Schauspielerin aufgegeben.

Jolie: Ja, aber das hat sie uns nie vorgeworfen. Meine Mutter konnte sich, im Gegensatz zu Brad und mir, nie abends mal schick machen und ausgehen. Das Leben war für sie als Alleinerziehende viel eingeschränkter als für uns heute. Klar, sie war glücklich, in einem Künstlerhaushalt zu leben. Sie hat meinen Bruder und mich zu Künstlern erzogen, sie hat mit uns gespielt, meine Drehbücher gelesen, für mich darin Notizen gemacht, sie ist zum Drehort gekommen und wollte einfach dort sein, wo etwas Kreatives geschah. Dem echten Künstler geht es nicht um persönlichen Ruhm, er liebt die Kunst einfach, will sich am liebsten nur damit beschäftigen und ermutigt andere, Kunst zu schaffen. Genau so war meine Mutter.

SPIEGEL: Ihre Mutter ist Ihr großes Vorbild?

Jolie: Ja.

SPIEGEL: Das Bild der Mutter hat sich in unserer westlichen Gesellschaft stark verändert. Jetzt, wo es immer weniger Kinder gibt, wird die Leistung von Müttern eher anerkannt als früher.

Jolie: Ist das so? Das wäre ja großartig. Es hat sich tatsächlich viel geändert. Eine allein erziehende Mutter wie Christine Collins genoss vor 80 Jahren keinerlei Respekt. Ich habe aber den Eindruck, dass das Pendel weit in die andere Richtung ausgeschlagen ist. Es wird von Frauen erwartet, dass sie alles tun: arbeiten, Kinder gebären, Ehefrau sein. Meine Mutter hatte sich entschieden, nur für uns Kinder da zu sein. Ich finde, das war selbstlos von ihr. Mutter oder Vater zu sein ist der härteste Job, den es gibt.

SPIEGEL: Das sagt man so.

Jolie: Es ist einfach in jedem einzelnen Moment anstrengend. Es beginnt mit den vielen Fragen, die die Kinder beim Frühstück stellen, dann sind da die ewigen Streitereien zwischen den Geschwistern, die man auf eine Weise lösen will, dass die Kinder daraus etwas fürs Leben lernen. Man fragt sich, ob man jedem Kind ausreichend Zeit widmet. Das ist schwierig bei sechs Kindern. Es wird nicht leichter durch den Altersunterschied. Die, die schon laufen können, rennen auch gern mal weg - in verschiedene Richtungen! (lacht)

..."Ich versuche, mich sonst irgendwie nützlich zu machen."

SPIEGEL: Und wenn Ihnen das alles zu viel wird, verschwinden Sie zu Dreharbeiten?

Jolie: Ich bin in der glücklichen Lage, Beruf und Privatleben vereinbaren zu können. Wenn ich richtig kribbelig werde, kann ich etwas tun, kreativ sein, arbeiten, reisen oder versuchen, mich sonst irgendwie nützlich zu machen. Wir beide, Brad und ich, hatten schon Erfolg im Beruf. Wir können darauf bestehen, Dreharbeiten zu verschieben, wenn uns der Termin nicht passt. Wir können unsere Kinder zur Arbeit mitbringen. Das ist sicher eher ungewöhnlich.

SPIEGEL: Wenn Sie einen Film drehen - wie viele Menschen kommen dann mit Ihnen zum Set?

Jolie: Jedenfalls nicht alle Kinder auf einmal. Dann käme ich überhaupt nicht zum Arbeiten. Ich habe nicht mehr gedreht, seit im Juli Vivienne und Knox geboren wurden.

SPIEGEL: Ihr ältester Sohn, Maddox, ist jetzt sieben Jahre alt. Weiß er, dass seine Eltern berühmt sind?

Jolie: Er weiß, dass Mommy und Daddy Filme drehen. Jetzt gerade ist Maddox in einem Zimmer ein Stockwerk über uns und liest oder spielt ein Videospiel.

SPIEGEL: Hat er schon "Mr. & Mrs. Smith" gesehen, in dem Sie und Brad Pitt Auftragskiller spielen, die einander ermorden wollen?

Jolie: Nein, aber irgendwann wird er das. Und ich bin sicher, dass er es lustig finden wird. Bisher haben wir den Kindern nur die Animationsfilme gezeigt, die wir synchronisiert haben, "Sinbad" oder "Kung Fu Panda".

SPIEGEL: Wenn Sie arbeiten, bedeutet das dann automatisch, dass die ganze Familie unterwegs ist?

Jolie: Sicher, aber reisen heißt für uns auch, Zeit mit der Familie zu verbringen. Mal sind wir ein paar Monate in Frankreich, mal reisen wir nach Afrika. Und dann natürlich zu den Drehorten. Die älteren Kinder gehen zur Schule, wenn sich das einrichten lässt, ansonsten engagieren wir Privatlehrer. Außerdem drehen wir nie beide gleichzeitig. Familie ist uns wichtiger als Film.

SPIEGEL: Das klingt, als könnten Sie sich vorstellen, ganz mit der Schauspielerei Schluss zu machen.

Jolie: Na ja, das ist kein konkreter Plan. Ich werde hier jetzt nicht ankündigen, dass ich in Rente gehe. Aber ich merke, dass es immer schwieriger wird, wieder ein paar Monate weg zu sein und den Großteil des Tages am Set zu verbringen.

SPIEGEL: Denken Sie auch über den Rückzug aus dem Filmgeschäft nach, weil Sie inzwischen fast berühmter sind für Ihr Privatleben als für Ihre Filme?

Jolie: Das geht vielen Schauspielern so. Es wird so viel berichtet.

SPIEGEL: Sie und Brad Pitt sind schließlich das berühmteste Glamourpaar der Welt!

Jolie: Und das macht es noch schwerer, gemeinsam zu arbeiten. Wir würden das irgendwann wirklich gern wieder tun. Aber wir sind uns bewusst, dass es nicht funktionieren könnte, wenn wir jetzt ein Paar spielen würden. Wir würden immer nur als Angelina Jolie und Brad Pitt wahrgenommen werden. Außerdem muss ja auch jemand zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen.

SPIEGEL: Warum haben Sie im vergangenen Sommer die ersten Fotos Ihrer Zwillinge für 14 Millionen Dollar an ein Klatschmagazin verkauft?

Jolie: Die Summe haben Sie genannt.

SPIEGEL: Sie können uns gern verraten, wie viel es tatsächlich war.

Jolie: Nein, lassen wir es dabei.

SPIEGEL: Warum haben Sie die Bilder verkauft?

Jolie: Warum, glauben Sie, haben wir das getan?

SPIEGEL: Es heißt, Sie hätten das Fotohonorar gespendet. Stimmt das?

Jolie: Ja. Denn die Fotografen hätten sich in jedem Fall ihre Bilder verschafft. Es waren Fotografen in der Entbindungsklinik, es waren welche auf dem Dach der Klinik, und es gab welche, die Löcher in die Wände der Klinik gebohrt haben. Deshalb haben wir uns lieber für einen Weg entschieden, der sicher und bequem für uns war und bei dem das Geld gespendet wurde. Besser, als wenn die Bilder hinterrücks gestohlen werden und sich irgendjemand das Geld in die eigene Tasche steckt.

SPIEGEL: Kommt Ihnen dieser Rummel noch seltsam vor?

Jolie: Ja, ich finde ihn bizarr. Ich muss allerdings sagen, dass die Aufmerksamkeit in Wellen verläuft. Wenn wir zu einem Filmfestival gehen, wenn ich schwanger werde, dann richten sich die Augen auf uns. Ansonsten können wir gerade zu Hause in Frankreich relativ friedlich leben, zum Beispiel etwas mit den Kindern unternehmen.

SPIEGEL: Ohne dass Sie sich verkleiden müssen?

Jolie: Ich verkleide mich nie. Aber man muss natürlich ein bisschen vorsichtig sein.

SPIEGEL: Ms. Jolie, Sie sind eine der schönsten Frauen der Welt, Ihr Mann gilt als einer der begehrtesten Männer der Welt, Sie beide sind Superstars in Hollywood, Sie sind reich und haben ein halbes Dutzend Kinder ...

Jolie: ... ich bin eine sehr glückliche Frau.

SPIEGEL: Ist das nur Glück? Oder das Resultat von Willen, Ehrgeiz und Arbeit?

Jolie: Man sagt, Glück ist, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. Ich glaube, dass dieser Satz stimmt. Ich arbeite als Schauspielerin, seit ich 14 Jahre alt war. Ich hatte diverse Fehlschläge, ich bin zweimal geschieden. Aber ich bin mir immer selbst treu geblieben, und deshalb bin ich mit mir im Einklang. Man muss meiner Meinung nach nicht Erfolg im konventionellen Sinn haben, um glücklich zu sein, sondern man muss bei sich selbst bleiben.

SPIEGEL: Ist es nicht eine der schwierigsten Aufgaben herauszufinden, wer man wirklich ist?

Jolie: Vermutlich, aber ich glaube, mir ist das ganz gut gelungen. Trotz oder vielleicht auch wegen der Fehler, die ich gemacht habe.

SPIEGEL: George Clooney hat mal gesagt, er lebe immer mit dem Gedanken, beim nächsten Film sei es vorbei mit dem Ruhm. Geht es Ihnen ähnlich?

Jolie: Ich weiß zumindest, wie Karrieren verlaufen können. Mein Vater war ... ist auch Schauspieler. Als ich knapp drei Jahre alt war, bekam er einen Oscar und war dann ein vielbeschäftigter Mann. 10, 15 Jahre später war er einfach ein gealterter Schauspieler. Ich halte das für einen natürlichen Prozess, vor dem Brad und ich keine Angst haben, im Gegenteil. Wenn unsere Kinder Teenager sind, wollen wir nicht mehr so im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

SPIEGEL: Und wie soll das gehen? Indem Sie erfolglose Filme machen?

Jolie: Selbst das wäre, zugegeben, nicht planbar. Ich war überzeugt, "Wanted", den ich 2007 in Prag gedreht habe, sei nur ein kleiner, verrückter Film mit einem russischen Regisseur. Und dann wurde es ein Blockbuster.

SPIEGEL: Viele Stars bleiben ihr Leben lang berühmt, obwohl sie kaum noch Filme drehen.

Jolie: Ich würde nie behaupten, dass Ruhm mir nichts bedeutet. Aber es gibt einen Punkt, an dem man langsam merkt, dass es genug ist.

SPIEGEL: Ms. Jolie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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