Internet: Schwarzarbeit mit Siegel - DER SPIEGEL
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Internet Schwarzarbeit mit Siegel

Online-Portale, die günstige Handwerksbetriebe vermitteln, erfreuen sich größter Beliebtheit. Doch die Betreiber prüfen nur unzureichend, ob die Gebote auch legal sind.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Markus Berger-de León war ganz außer sich, als er erfuhr, dass sein Unternehmen beim "9. Deutschen Internetpreis" den dritten Platz belegte und dafür 15.000 Euro bekommen sollte. "Das ist toll", jubilierte der Manager bei der Preisverleihung in Stuttgart im vergangenen November, "ich freue mich insbesondere für die Kollegen, die sehr hart an der Verbesserung der Plattform gearbeitet haben."

Mit Plattform ist das Internet-Portal MyHammer gemeint, und den Preis bekam das Unternehmen, weil es nach Ansicht des Fachverbands Bitkom sowie des Bundeswirtschaftsministeriums eine besonders innovative und herausragende Internet-Anwendung kreiert hat. Auf MyHammer, einer Tochter des Holtzbrinck-Verlags, bieten Privatleute oder Firmen Handwerksaufträge an. Sie geben dabei eine Maximalsumme an, die sie für die Leistung bereit sind zu zahlen. Entsprechende Handwerker und Dienstleister können dann um den Auftrag buhlen - meist, indem sie einander bis Auktionsende im Preis unterbieten.

Das ist auch der Grund, warum sich nicht alle so über die ministerielle Ehre freuen können wie der Internet-Unternehmer Berger-de León. Aus dieser Entscheidung gehe hervor, "wie wirklichkeitsfremd die in der Politik tätigen Personen sind", es treibe einem "die Zornesröte ins Gesicht", man sei "mehr als verwundert über diese Entscheidung", empören sich Handwerksmeister quer durch die Republik in OnlineForen. Da könne man ja gleich offiziell "die Schwarzarbeit fördern".

Dass bei MyHammer, aber auch bei Wettbewerbern wie Jobdoo, Blauarbeit, Quotatis oder Undertool möglicherweise nicht alles mit rechten Dingen zugeht, behaupten Kritiker schon lange. Konventionelle und gesetzeskonforme Handwerksbetriebe, so der Vorwurf, könnten mit den Preisen, die in den Portalen von der Kundschaft gewünscht werden, kaum mithalten.

Deshalb, sagen die Kritiker, tummelten sich dort mitunter klassische Schwarzarbeiter oder aber Handwerksbetriebe, die ohne Rechnung arbeiten und damit ihre Steuerpflicht umgehen. Zwischen 15 und 30 Prozent jährlich wachsen die Handwerksportale nach eigenen Angaben, Quotatis wächst angeblich sogar um 100 Prozent. Seit dem Start des Marktführers MyHammer im Juni 2005 wurden dort Aufträge im Volumen von mehr als drei Milliarden Euro ausgeschrieben. Etwa 800.000 Nutzer seien registriert, davon angeblich etwa 180.000 Handwerker und Dienstleister.

Wenn das stimmt, müsste ein beachtlicher Teil aller deutschen Handwerksunternehmen bei MyHammer registriert sein - was von Experten stark bezweifelt wird. Zwar könnten gerade junge Betriebe ohne Stammkundschaft über solche Portale erste Aufträge gewinnen und ihre Existenz darauf aufbauen, sagen die Handwerkskammern. Aber: "Da geben sich Leute als Handwerker aus, die es gar nicht sind", sagt Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Stuttgart.

Sowohl MyHammer als auch Quotatis oder Jobdoo behaupten, sie könnten das ausschließen. Wer sich als Handwerker anmeldet, muss seine Qualifikation nachweisen und Dokumente wie Meisterbriefe, Einträge in der Handwerksrolle oder Gewerbescheine einreichen. "Eingesendete Kopien von Dokumenten werden von einem Service-Mitarbeiter geprüft", sagt Berger-de León.

Offenbar nicht allzu gründlich: So konnte sich ein Tischlermeister mit einem Kfz-Meisterbrief, den er bei Ebay für 1,50 Euro ersteigert hatte, . Ein angeblicher Versicherungsnachweis für Unternehmenshaftpflicht war tatsächlich eine Einbauanleitung für Rücksitzgurte eines Trabants 601. Auch ungültige Gewerbescheine werden anstandslos akzeptiert. Solche Einzelfälle gebe es, räumt Berger-de León ein. Man werde die Prüfung aber verbessern.

Bislang kommt es immer wieder zu Dumping-Angeboten, die viele reguläre Betriebe ausbooten. "Eine Gesellenstunde kostet im Schnitt rund 40 Euro", sagt Munkwitz von der Handwerkskammer Stuttgart. "Auf derartigen Portalen aber wird zum Teil mit Stundenlöhnen von 20 Euro und darunter kalkuliert." Unter diesen Bedingungen könnten unmöglich Kosten für Werkstatt, Sozialabgaben, Versicherung, Fahrzeuge oder auch unproduktive Stunden, die in einem normalen Handwerksbetrieb zwangsläufig anfallen, berücksichtigt sein.

So schreibt etwa ein Nutzer aus Dresden beim Portal Undertool allen Ernstes einen Auftrag aus, einen Carport mit begehbarer Terrasse zu errichten, für den er aber höchstens 1000 Euro bezahlen will. Und eine Hausverwaltung will für die Wartung von sechs Gasthermen allenfalls etwas mehr als 500 Euro ausgeben. Gebote gibt es für die Aufträge reichlich. Von seriösen Unternehmen können sie kaum stammen.

Tatsächlich finden sich in den Portalen immer wieder Gebote auf Aufträge, in denen angebliche Handwerksmeister anbieten, "über Otto Richter" abzurechnen - ein gängiger Code für "ohne Rechnung". Malermeister bieten als mögliche Farbauswahl für die zu streichenden Wände in vielen Fällen absurderweise "schwarz" an.

Interessenten verstehen diesen Unsinn aber wohl richtig. Deshalb, so Bergerde León, würden auch hier die Aufträge und Angebote in Zukunft besser auf derartige Codewörter gescannt. "Wir werden aber auch künftig keine Geheimdienstarbeit übernehmen können, um solche Straftaten zu verhindern."